Interne und externe Bedeutung von Ökonomen

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Bruno S. FreyJana GallusMarkus Schaffner und Benno Torgler, 9. Sept. 2013
Interne und externe Bedeutung von Ökonomen 4.02 5 48

Ranglisten für Ökonomen gibt es mittlerweile viele. Meistens handelt es sich dabei um interne Vergleiche, wer mehr publiziert hat oder häufiger zitiert wurde. Dieser Beitrag ergänzt die gängigen Ökonomen-Rankings mit einer Analyse des Einflusses von Volkswirten ausserhalb ihrer Disziplin.

Internes und externes Ranking

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen werden durch ihre Kollegen (ihre "Peers") beurteilt. Diese Vorstellung wird sowohl in der Wissenschaft als auch in der Öffentlichkeit als selbstverständlich angesehen. Die auf Publikationen und Zitierungen aufbauenden Ranglisten finden entsprechend grosse Beachtung. Wer in einem solchen Ranking gut abschneidet, gewinnt an Ansehen und wohl auch an Selbstbewusstsein. Ein guter Listenplatz ist auch für die akademische Karriere von entscheidender Bedeutung.

Während die Ranglisten grosse Beachtung auf sich gezogen haben (vgl. Cole and Cole 1971), wurde die Wirkung der Aktivität von Wissenschaftlern auf die Gesellschaft hingegen kaum systematisch untersucht. In der Literatur finden sich vor allem Behauptungen, wie wichtig oder unwichtig Wissenschaftler seien (viele Beispiele sind in Frey 2006 aufgeführt). Im Vergleich zu den umfangreichen empirischen Erfassungen der internen Bedeutung von Wissenschaftlern gibt es bisher nur wenige quantitative Untersuchungen über deren Einfluss auf die Gesellschaft.

In diesem Beitrag betrachten wir den Einfluss von Volkswirtschaftlern und Volkswirtschaftlerinnen ausserhalb ihrer Disziplin. Dazu lassen sich verschiedene Ansatzpunkte denken (vgl. Chan et al. 2013a):

  • Patente und Copyrights (z.B. Hall et al. 2001);
  • Vortragshonorare (für deutsche Ökonomen vgl. Hosp und Schweinsberg 2006);
  • Tätigkeit als Politiker, hohe Beamte oder Manager in wichtigen Beratungsgremien;
  • Umfragen in der Öffentlichkeit;
  • Auszeichnungen (vgl. Frey und Gallus 2012; Chan et al. 2013b);
  • Beiträge in Zeitungen und Auftritte in Radio und Fernsehen.

In diesem Aufsatz wird die Bedeutung von Ökonomen in der breiten Öffentlichkeit anhand ihrer Beachtung in den digitalen Medien zu erfassen versucht. Dazu wird die Zahl der Seiten in Google gezählt. Uns ist bewusst, dass dies eine spezielle Sicht der „Bedeutung in der Gesellschaft“ darstellt. Insbesondere bezieht sich eine Erwähnung bei Google nicht notwendigerweise auf einen wissenschaftlichen Beitrag, sondern kann auf andere Faktoren zurückgehen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können zum Beispiel durch eine kontroverse politische Aussage oder durch einen rein persönlichen Skandal bekannt werden.

Die in der Öffentlichkeit bekanntesten Ökonomen

Tabelle 1 führt diejenigen zehn Ökonomen auf, welche die meisten Seiten auf Google aufweisen. Den ersten Platz nimmt Milton Friedman mit beinahe einer Million Seiten ein (922'667 Seiten, erfasst zwischen 19. Oktober und 6. November 2012), der an zwanzigster Stelle stehende William Easterly findet auf 61'300 Seiten Erwähnung.

Tabelle 1: Externes Ranking gemäss Google und internes Ranking gemäss RePEc. Reihung gemäss Google Seiten

Quelle: Eigene Zusammenstellung aufgrund von Tabelle A1 in Chan et al. 2013a

Bei den in der Tabelle aufgeführten 20 Personen handelt es sich mit wenigen Ausnahmen um bekannte Wissenschaftler. Fünf von ihnen (Friedman, Sen, Kahneman, Stiglitz, Roth) wurden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Tabelle 1 führt auch das wissenschaftsinterne Ranking gemäss RePEc (basierend auf Publikationen) auf. Die Unterschiede in den beiden Rankings sind beträchtlich. Der im externen Ranking erstplatzierte Friedman ist im internen Ranking nur auf Rang 265. Dies könnte darauf zurückgeführt werden, dass Friedman 2006 verstorben ist. Die Erklärung greift jedoch nicht für den zweitplatzierten Nouriel Roubini, der bei RePEc sogar nur auf Rang 596 zu finden ist. Der gemäss Google drittplatzierte Amartya Sen nimmt bei RePEc Rang 231 ein. Bei anderen Wissenschaftlern ist eine solche Diskrepanz nicht festzustellen. Joseph Stiglitz ist in Bezug auf die Google Seiten auf Rang 7, bei RePEc sogar auf Rang 3; Andrei Shleifer auf 18 und 1. Um den Vergleich zu vereinfachen, führt Tabelle 1 auch die Summe der Ränge gemäss Google und RePEc auf.

Internes Ranking

Tabelle 2 zeigt die Rangliste entsprechend dem RePEc Ranking. Wissenschaftler, die nicht zu den Google Top-100 gehören, wurden ausgeschlossen. (Aus diesem Grund fehlen auf der Liste einige Ränge.) Anhand dieser Liste wird wieder deutlich, dass die anhand der Publikationen gemessene interne Bedeutung nicht notwendigerweise der anhand der Google Seiten gemessenen Bekanntheit in der Öffentlichkeit entspricht.

Tabelle 2: Externes Ranking gemäss Google und internes Ranking gemäss RePEc. Reihung gemäss RePEc

Quelle: eigene Zusammenstellung aufgrund von Tabelle A1 in Chan et al. 2013a

In beiden Bereichen erfolgreiche Wissenschaftler

Um den Zusammenhang zwischen externer und interner Bedeutung weiter zu illustrieren, zeigt Tabelle 3 die Rangsummen der besten Ökonomen. Je geringer diese Summe, desto besser schneiden die aufgeführten Wissenschaftler in den beiden Bereichen ab.

Tabelle 3: Reihung gemäss Rangsummen der externen und internen Bewertung

Quelle: Eigene Zusammenstellung aufgrund von Tabelle A1 in Chan et al. 2013a

Joseph Stiglitz ist gemäss diesem Kriterium allen anderen Ökonomen weit überlegen. Der auf Position 10 eingestufte Robert Barro weist eine fünfmal höhere Rangsumme auf als Stiglitz, der auf Rang 20 stehende Francesco Giavazzi eine mehr als 50 Mal höhere Rangsumme.

Sowohl Tabellen 1 und 2 als auch Tabelle 3 werden von in den USA tätigen Wissenschaftlern dominiert. Nur ein einziger Europäer, der Franzose Jean Tirole, ist mit Rang 6 gemäss der Rangsummen (RePEc Rang 8, Google Rang 28) unter den ersten 10 in der Aufzählung anzutreffen. Am Ende der Tabelle stehen umgekehrt ausschliesslich in Europa tätige Ökonomen. Unter den europäischen Ökonomen steht Jean Tirole mit weitem Abstand an der Spitze, gefolgt von Lars Svensson, Richard Blundell und Hans-Werner Sinn. Anschliessend folgen Fehr, Frey und Tabellini. Die europäischen Ökonomen weisen eine recht ungünstige Summe der externen und internen Ränge auf. Mit Ausnahme von Tirole und Svensson haben alle über 100 Rangpunkte.

Nur wenige Länder Europas sind in der Liste anzutreffen: Italien (Tabellini, Guiso, Giavazzi) ist mit drei Wissenschaftlern vertreten, das Vereinigte Königreich (Blundell, Reichlin) und Deutschland (Sinn, Frey) weisen jeweils zwei Vertreter auf; Frankreich (Tirole), Schweden (Svensson) und die Schweiz (Fehr) je einen.

Spezialisierte Wissenschaftler

Tabelle 4 erfasst die Unterschiede in den Rangpunkten. Als Grundlage dient weiterhin die Liste der Top 100 gemäss Google. Je höher diese Zahl, desto stärker weicht der externe Rang gemäss Google vom internen Rang gemäss RePEc ab.

Tabelle 4: Unterschiede im externen und internen Rang

Quelle: Eigene Zusammenstellung aufgrund von Tabelle A1 in Chan et al. 2013a

Von den zehn Personen aus unserem Datensatz von 100 Ökonomen weisen nicht weniger als sechs Europäer eine besonders hohe Diskrepanz zwischen externer und interner Beachtung auf. Daraus könnte geschlossen werden, dass es in Europa besonders schwierig ist, eine Karriere ausserhalb der Universität mit einer wissenschaftlichen Tätigkeit zu verbinden.

Wie die Untersuchung von Aguinis et al. (2012) gezeigt hat, weicht auch in der Betriebswirtschaft die externe (erfasst mit Google Seiten) wesentlich von der internen (gemäss Zitierungen) Rangfolge ab. Tabelle 5 zeigt – analog zu unserer Tabelle 2 –das interne und externe Ranking für die gemäss Zitierungen zehn führenden Betriebswirte, sowie deren Unterschied.

Tabelle 5: Rang von Betriebswirten gemäss Zitierungen und Seiten in Google

Quelle: Eigene Zusammenstellung aus Aguinis et al. 2012, Tabelle 4

Wie leicht ersichtlich ist, sind die Rangunterschiede beträchtlich. Es gilt somit teilweise auch bei den Betriebswirten, dass nicht unbedingt die intern am besten beurteilten Wissenschaftler auch in der Öffentlichkeit besonders viel Aufmerksamkeit erhalten.

Schlussbemerkungen

Gegenüber unserer Analyse ist sicherlich Skepsis geboten. Sowohl die interne als auch die externe Bedeutung von Wissenschaftlern lässt sich auf viele unterschiedliche Weisen erfassen. Die hier gezeigten Ergebnisse sollten mit anderen Massen überprüft werden. Bei der Interpretation der Resultate ist deshalb grosse Vorsicht geboten. Dennoch weist unsere Untersuchung auf einen erheblichen Unterschied zwischen der internen und externen Bedeutung von Ökonomen hin. Ein Ranking allein auf Grund von Publikationen und Zitierungen kann nur einen Teil der Tätigkeit von Wissenschaftlern erfassen. Vermehrt sollte auch die Bedeutung in der Öffentlichkeit berücksichtigt werden.

Literatur

Aguinis, H., Suarez-Gonzales, I., Lannelongue, G., Joo, H. (2012). Scholarly Impact Revisited. Academy of Management Perspectives 26(2): 105-132.

Chan, H. F., Frey, B. S., Gallus, J., Schaffner, M., Torgler, B., Whyte, S. (2013a). External Influence as an Indicator of Scholarly Importance. WP 2013-16, CREMA – Center for Research in Economics, Management and the Arts.

Chan, H. F., Frey, B. S., Gallus, J., Torgler, B. (2013b). Auszeichnungen steigern die wissenschaftliche Leistung. Ökonomenstimme, 6. März.

Cole, J., Cole, S. (1971). Measuring the Quality of Sociological Research: Problems in the Use of the Science Citation Index. American Sociologist 6(1): 23-29.

Frey, B. S. (2006). How influential is Economics? De Economist 154(2): 295-311.

Frey, B. S., Gallus, J. (2012). Auszeichnungen als Anreiz. Ökonomenstimme, 14. August.

Hall, B. H., Jaffe, A. B., Trajtenberg, M. (2001). The NBER Patent Citations Data File: Lessons, Insights and Methodological Tools. WP 8498, National Bureau of Economic Research.

Hosp, G., Schweinsberg, K. (2006). Für eine Handvoll Euros: Der Markt für Vorträge zur Bewertung des Einflusses der Volkswirtschaftslehre. Perspektiven der Wirtschaftspolitik 7(4): 459-469.

Johnston, D., W., Piatti, M., Torgler, B. (2013). Citation Success over Time: Theory or Empirics? Scientometrics 95(3): 1023-1029.

©KOF ETH Zürich, 9. Sep. 2013

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • fehlende Ökonomen in der Tabelle 3

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    Viele Ökonomen wie Heckman (Summe: 65), Rodrik (Summe: 63), Sargent (Summe: 65) und Krugman (Summe: 77) fehlen in der Tabelle 3. Ich glaube, Sie sollen die Richtigkeit/Vollständigkeit der Tabelle 3 noch einmal überprüfen.

  • Handelsblattranking

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    Das Handelsblattranking weist meiner Meinung nach 3 methodische Unsauberkeiten auf:
    1. Die unsaubere Trennung zwischen A- und A+-journals (es sollte nur 5 top journals geben; Nature, Sciene, JFE etc sollten als top field journal gezaehlt werden)
    2. Der unsaubere relative journal Punkteabstand (besonders zwischen top, top field and good field journal)
    3. Die faktische Bestrafung von Koautorenschaften durch Gewichtung mit 1/n.

    Punkte 1, 2 und 3 in Kombination führen dazu, dass ein Autor eher eine Einzelpublikation in PWP anstreben wird als ein Vielautorenpapier in AER.
    Punkt 1 führt zu einem relativen Vorteil der Finanzökonomen und Experimentalökonomen.

    Zum Vergleich würde ich gerne einmal ein ranking nach der Tinbergen-Liste sehen!

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Autoren

Bruno S. Frey

Bruno S. Frey

Jana Gallus

Jana Gallus

Markus Schaffner

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Benno Torgler

Benno Torgler

Schlagworte

Google, Rankings, RePEc, VWL

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