Vom inklusiven zum extraktiven Kapitalismus

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Georg Erber, 12. April 2013
Vom inklusiven zum extraktiven Kapitalismus 2.65 5 17

Durchlaufen wir derzeit – in der Terminologie von Daron Acemoglu – eine Transformation von einer Gesellschaft mit inklusiven Institutionen und entsprechend ausgerichteten Eliten hin zu einer von extraktiven Eliten getriebenen Gesellschaft mit extraktiven Institutionen?

Der derzeit vor sich hin schwelende globale Wirtschafts- und Finanzkrise fehlt ein umfassendes Deutungsmodell. Vielleicht haben es ja Daron Acemoglu[ a ] und James Robinson mit ihrem Buch Why Nations Fail – The Origins of Power, Prosperity and Poverty[ b ] geliefert. 

Ihre zentrale These lautet, dass das Kernproblem in der Herrschaft von Eliten und deren Institutionen liegt, die entweder extraktiv das Land und die Bevölkerung zu ihrem eigenen Vorteil ausbeuten oder inklusiv durch eine partizipatorische Beteiligung aller Bürger dem Gemeinwohl verpflichtet sind und damit letztendlich auch Wirtschaftswachstum und Wohlstandsmehrung ankurbeln. An zahlreichen historischen Fallbeispielen aus allen Teilen der Welt erläutert sie diese Grundthese.

Inklusive Eliten und Institutionen                 

Dabei gilt die Entwicklung in der westlichen Welt dafür, dass es dort aufgrund besonderer historischer Zufälle und daraus veränderter Machtverhältnisse dazu gekommen ist, dass sich eine demokratische und marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung herausbilden konnte. In anderen Teilen der Welt hat dieser Transformationsprozess nicht stattgefunden und damit die große Wohlstandslücke[ c ] entstehen lassen.

Neben der Einkommensungleichheit spielt die zunehmende Vermögenskonzentration eine zentrale Rolle. Bisher herrschte insbesondere in Westeuropa und Japan noch eine vergleichsweise geringe Einkommenskonzentration im Verhältnis zu anderen Teilen der Welt. Aber auch hier hat seit mindestens zwei Jahrzehnten eine schrittweise Zunahme der Einkommensungleichheit eingesetzt[ d ].

Die Hinwendung zu extraktiven Eliten und Institutionen auch in Westeuropa

Die heftigen Auseinandersetzungen um den aktuellen 4. Reichtums- und Armutsbericht [ e ]der Bundesregierung[ f ], der jetzt in „korrigierter“ Form endlich veröffentlicht wurde, macht dies deutlich. Hinzu kommt eine zunehmende Überschuldung von Millionen Bürgern auch in Deutschland[ g ]. In den Krisenländern Europas aber auch in den USA ist die Lage sogar noch deutlich dramatischer. Millionen Menschen haben dort ihre Beschäftigung[ h ] und ihre Häuser und Wohnungen verloren.

Trotz dieser sich dramatisch verschlechternden sozialen Verhältnisse gelingt es der Politik nicht, das zunehmend auf eigenen Einkommens- und Vermögensgewinn ausgerichtete Verhalten seiner Eliten unter Kontrolle zu bringen.

Steuerflucht ist zu einer endemischen Geisteshaltung, insbesondere großer internationaler Unternehmen und reicher Vermögens- und Einkommensbezieher, geworden. Bisherige Versuche dies nachhaltig einzudämmen, können auf wenig Erfolg zur Einsicht bei den Adressaten rechnen. Managergehälter und Boni von Investmentbankern in Europa und den USA sind weiterhin nicht unter Kontrolle. Die soziale Symmetrie gerät immer mehr aus dem Gleichgewicht. Die jüngsten Studien zur Vermögensverteilung[ i ] innerhalb Europas von der EZB[ j ] und der Deutschen Bundesbank[ k ] haben hier weiteres aktuelles Material[ l ] zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse lassen sich auch nicht mit dem allgemeinen Eindruck in Europa, dass Deutschland ein Land mit besonders hohem Privatvermögen beim Durchschnitt und erst recht nicht bei der unteren Hälfte der Bevölkerung darstellt. Scheinbar derzeit von der Krise  besonders hart getroffene Länder schneiden hier deutlich günstiger ab. Es gibt also durchaus Anlass viele liebgewonnene Vorurteile anhand der vorliegenden neuen empirischen Fakten zu revidieren. Verteilungspolitische Fragen gewinnen innerhalb der wirtschaftspolitischen Debatte daher auch an Gewicht. Nach Ansicht des Autors dieses Beitrags ist für eine nachhaltige wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität von Gesellschaften der Kontext zur sozialen Gerechtigkeit nicht mehr länger vernachlässigbar. Offenbar führen die derzeitigen institutionellen Rahmenbedingungen nicht mehr ausreichend zu einer Gesellschaft in der die Grundsätze einer Meritokratie[ 1 ] Gültigkeit beanspruchen können.

Institutionelle Reformen und Umdenken an den Leitbildern sind angesagt

Selbst einem der Herausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, ist die derzeitige Entwicklung unheimlich[ m ] geworden. Erleben wir derzeit, um in der Terminologie von Acemoglu zu bleiben, jetzt eine Transformation von einer Gesellschaft mit inklusiven Institutionen und entsprechend ausgerichteten Eliten hin zu einer von extraktiven Eliten getriebenen Gesellschaft mit extraktiven Institutionen? Sollte dem so sein, dann sieht unsere Zukunft düster aus, wenn es nicht gelingt hier eine Wende einzuleiten. Es könnte ansonsten eine Phase zunehmender sozialer Konflikte[ n ] vor uns liegen[ o ]. Die Überwindung der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise erfordert Lösungen, die die Lasten fair innerhalb der betroffenen Gesellschaften und darüberhinaus verteilt.


  • 1  Michael Young (1958), The Rise of Meritocary, repr. 2008, Transaction Publishers, New Brunswick, New Jersey.

©KOF ETH Zürich, 12. Apr. 2013

 
Vom inklusiven zum extraktiven Kapitalismus 2.65 5 17

Kommentare

Dieser Artikel hat 19 Kommentare.
  • Enttäuschend

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    Der Artikel beginnt vielversprechend mit Acemoglu/Robinson und versandet völlig unschlüssig bei bekannten Stereotypen wie Steuerflucht (seit langem rückläufig), Vermögensverteilung in Deutschland und Vermögensverteilung in Europa. Soziale Konflikte entstehen weniger aus den ökonomischen Tatsachen als aus der permanenten Hetze mit halbgaren Statistiken. und dann noch Schirrmacher (Bild mit Doktortitel) als Kronzeuge!

  • Extraktive Institutionen in Deutschland?

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    Lieber Herr Dr. Erber,
    das Kernphänomen der extraktiven Institutionen bei Acemoglu et al. scheint mir zu sein, dass Wettbewerb und damit kreative Zerstörung verhindert wird. Die Autoren verfolgen ja eine ganz ähnliche Argumentationslinie wie North, Wallis und Weingast sie seit einigen Jahren vertreten. Das Ende der kreativen Zerstörung kann ich im Moment nicht erkennen, insofern wäre meine Antwort auf Ihre einleitende Frage: Nein. Sorgen um die inklusiven Institutionen müssen wir uns dann machen, wenn politische und ökonomische Akteure sich zu einem einzigen Machtkomplex vereinen und beginnen, Ökonomie und Politik zu monopolisieren. Auch wenn derartige Sorgen hin und wieder geäußert werden, sehe ich in Deutschland noch einen gesunden Wettbewerb in beiden Bereichen.

  • Extraktive Institutionen in Deutschland?

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    Lieber Herr Anonymus,
    wie Sie sicher wissen, gibt es bei Schumpeter zwei Theorien der wirtschaftlichen Entwicklung. Die erste bezieht sich auf die kreativen Unternehmer, die in der Tat neue Produkte und Märkte schaffen. Die zweite, weniger allgemein bekannte, bezieht sich auf die Vermachtung der Märkte, die insbesondere durch steigende Skaleneträge zu einer immer stärkeren Konzentration von Marktmacht führt. Letztere Einschätzung hat Schumpeter am Ende seines Lebens in seinem Werk Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie dargelegt.
    Meiner Einchätzung nach sind beide Tendenzen parallel anzutreffen. Je etablierter eine Industrie ist, desto mehr erlahmt deren Innovationsanreiz. Man betreibt eher rent seeking und versucht durch massive Einflussnahme auf die Marktordnung sich permant sichere Renditen bei minimalen inkrementelellen Innovationen zu sichern. Genau ein solches Verhalten konstatiert ja auch Acemoglu, der damit in der Tradition von Schumpter II gesehen werden kann.
    Sicherlich gibt es auch die Schumpeter I Märkte und Unternehmer. Diese haben es jedoch erheblich schwerer sich am Markt durchzusetzen und müssen dabei meist hohe Risiken eingehen. Sie verfügen nicht über genügend Eigenkapital, müssen sich daher ihre Innovationen abkaufen lassen und müssen mit massivem Widerstand der etablierten Incumbents rechnen.
    Schumpeter I Unternehmer, die eher dem Bild eines inklusiven Kapitalismus entspechen, wären daher diejenigen Kräfte, die durch disruptive Innovationen der Vermachtung von Märkten und Industrien entgegen wirken könnten.
    Allerdings tut sich die Politik sehr schwer sich konsequent für deren Interessen und gegen die extraktiven Eliten einzusetzen. Letztere nehmen mit Hilfe ihrer finanzstarken Lobbys einen unverhältnismäßig größeren Einfluss auf die Gestaltung von Marktordnungen durch staatliche Regulierung.
    Nach meinem Verständnis ist es also kein ausschließliches entweder extrative Eliten oder inklusive Eliten, sondern ein sowohl als auch, wobei die Gewichtung zwischen beiden Gruppen für das Gesamtergebnis einer Wirtschaft ausschlagebend ist. Je mehr der extrative Teil das Wirtschaftsgeschehen dominiert, umso weniger Wirtschaftswachstum und Verteilungsgerechtigkeit kann sich in der Gesellschaft durchsetzen. Auch aus traditioneller Sicht von Marktordnungen ist es ja der intensive Wettbewerb vieler kleiner Anbieter, die es gegenüber monopolistischen oder oligopolistischen Märkten bzw. Marktordnungen erst ermöglicht Renten und Marktmacht abzubauen. Wird dieser Wettbewerb weitgehend unterbunden, geht dies letztendlich zu Lasten der Gesamtwirtschaft. Mithin wäre es Aufgabe einer Politik zur Förderung inklusiver Eliten, Marktabschottungen insbesondere aufgrund entsprechender staatlicher Regulierung oder unzureichender Wettbewerbspoltik zu beseitigen oder zumindest deutlich abzubauen. Die Regenerationsfähigkeit einer Wirtschaft und Gesellschaft erfordert es eben Sklerosen durch die Dominanz extraktiver Eliten strikt zu kontrollieren und systematisch zu beseitigen. Nur dann kann ein inklusiver Kapitalismus bewahrt oder weiter entwickelt werden.

  • zu Enttäuschend

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    Acemoglu führt seine Analyse vorwiegend anhand von historischen Beispielen vor. Mein Beitrag zur Debatte besteht darin, dass ich seine Hypothesen auch auf die Gegenwart anwenden möchte, denn die Gegenwart von heute ist die Vergangenheit von morgen. Zudem stimme ich mit Acemoglu in der Einschätzung überein, dass die Herausbildung von inklusiven Eliten das Ergebnis von mehr oder weniger zufälligen Umständen waren, wie sie die Pest darstellte. Acemoglu ist daher aus meiner Sicht nicht Anhänger eines Geschichtsdeterminismus. Geschichte ist letztendlich zum Zeitpunkt des Geschehens ergebnisoffen.
    Wenn das so ist, dann ist der historische Sonderfall einer Herausbildung von inklusiven Eliten in Europa auch nicht irreversibel. Es kann erneut historische Ereignisse geben, die diese Entwicklung wieder umkehren. Das wäre meine Hypothese. Die griechischen und römischen Republiken endeten beispielsweise ja auch in Diktaturen und Kaisertum.
    Soweit mein bescheidener Beitrag zur Debatte. Der Verweis auf die aktuelle Debatte über wachsende Einkommens- udn Vermögensungleichheit wird durch die breite empirische Analyse von zahlreichen Unabhängigen Studien gestützt. Es geht also meiner Ansicht nach nicht mehr vorrangig um die Klärung dieser Fakten, sondern um die Erklärung der Ursachen für diesen Prozess. Acemoglus Hypothese wäre hierbei ein wichtiger Ansatzpunkt.
    Zu einer Diskussion über diese Debatte über die Ursachen von Einkommensungleichheit findet sich ja auch einigein der obigen Replik zum Kommentar über extraktive Eliten in Deutschland.
    Weiere interesaante Beiträge finden sich auch beispielsweise bei Ricardo Hausmann
    http://ricardohausmann.com/
    oder Dani Rodrik
    http://www.hks.harvard.edu/fs/drodrik/
    Beide Professoren an der Harvard Universität.

  • Kooperationen

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    Die wirtschaftlichen und die politischen Machthaber - beide Gruppen zeichnen sich in hohem Umfang durch elitäres Verhalten ohne sachliche Rechtfertigung aus - haben sich selbst auf Gedeih und Verderb aneinander gekettet. Die Gründe liegen in ihrem eigenen mißlichen Verhalten.

    Ob nun Macht korrumpiert oder ob Korruption zur Macht führt, das sei dahingestellt. Das Ergebnis ist traurig genug; und es läßt kein gutes Ende erwarten.

  • Kausalität

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    Mir ist anhand Ihres Artikels leider nicht ganz klar geworden, wie Sie zu der Kausalität "Ungleiche Einkommens-/Vermögensverteilung = extraktive Ökonomie" kommen. Schließlich kann es auch im Zuge eines inklusiven Marktprozesses zu ungleichen Verteilungen kommen. Hier sollten Sie aus meiner Sicht nachjustieren.

  • zu Kausalität

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    Wirtschaftsentwicklung und Einkommensverteilung ist ein seit langem diskutierter Zusammenhang in den Wirtschaftswissenschaften. Sie geht mindestens zurück bis zur Kuznets-Kurve, die genau diesen Zusammenhang zwischen gesamtwirtschaftlicher Wachstumsrate und Einkommensverteilung postuliert hat. Simon Kuznets: Economic Growth and Income Inequality. In: The American Economic Review. 45, Nr. 1, März 1955. Sie besagt, dass zunächst eine sinkende Einkommensungleichheit ein höheres Wirtschaftswachstum indusziert und ab einem bestimmten Entwicklungstand sich dieser Zusammenhang umkehren würde. In der Debatte um eine angemessene Entwicklungspolitik spielte der linke Ast der Kurve zunächst die vorrangige Rolle. Das Thema gewann in den entwickelten Ländern wieder an Bedeutung als insbesondere im Verlauf der 1990er Jahre die Einkommensungleichheit wieder zunahm. Damit wurde die empirische Validität des rechten Astes kontrovers diskutiert. Insbesondere Robert Barro versuchte mit ökonometrischen Modellschätzungen den Nachweis zu erbringen, dass es diesen Zusammenhang zwischen einem Anstieg des Wirtschaftswachstums und wachsender Einkommensungleichheit gibt. Vgl. e.g. Robert J. Barro: Inequality and Growth in a Panel of Countries, in: Journal of Economic Growth, Vol. 5(2000), S. 5-22. Allerdings waren die Ergebnisse alles andere als hoch statistisch signifikant, sondern zeigten sich als sehr fragil. Statt eines Anstiegs des Wirtschaftswachstums zeigten die Studien eher einen flachen Verlauf, d.h. Einkommensungleichheit und Wirtschaftswachstum waren weitgehend unkorreliert. Vgl. e.g. Georg Erber, und Harald Hagemann: Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung, in: Neue Entwicklungen in den Wirtschaftswissenschaften, Ed. K. F. Zimmermann, Studies in Contemporary Economics, Physica-Verlag, 2002, S. 277-319. Daron Acemoglu und James A. Robinson haben auch den Kontext der sozialen Instabilität und hoher Einkommensungleichheit untersucht. Vgl. e.g. Daron Acemoglu und Robert A Robinson: The Political Economy of the Kuznets Curve, in: Review of Development Economics, Vol. 6, 2002, S.183-203. Seit Beginn des neuen Jahrtausends hat sich diese Entwicklung zur Einkommens- und Vermögensungleichheit jedoch in den entwickelten Ländern weiter fortgesetzt. Einen guten Überblick über die aktuelle Debatte liefert der Beitrag von Robert J. Gordon und Ian Dew-Becker: Controversies about the Rise of American Inequality: A Survey, NBER Working Paper No. 13982, 2008. Ein mehr an das breitere Publikum gerichteter Beitrag ist das Buch von Joseph Stieglitz: The Price of Inequality, Penguin Books, Juni 2012.
    Verständlicherweise kann ich an dieser Stelle nicht auf alle Aspekte eingehen. Ich denke jedoch, dass die in der genannten Literatur vorliegenden Ergebnisse zusammen mit den jüngsten Untersuchungen auch für die EU-Länder genügend Material geliefert haben, um eher einen Hinweis darauf zuliefern, dass auch in den entwickelten Ländern der linke Ast der Kuznets-Kurve relevant ist, d.h. durch zunehmende Einkommensungleichheit ist das Wirtschaftswachstum zunehmend dort gehemmt worden. Was in der bisherigen Debatte zu wenig Beachtung gefunden hat, ist die Frage der Verschuldung sowohl der privaten Haushalte. Es gibt einen signifikanten Anstieg sowohl der Privatverschuldung wie auch der Staatsverschuldung. Vgl. hierzu e.g. die EU-Commission: Macroeconomic Imbalance Procedure Scoreboard, Headline Indicators, 1. November 2012, Eurostat, Luxemburg. Letztere ist ja von Rogoff und Reinhardt sorgfältig untersucht worden. Vgl. e.g. Carmen M. Reinhart & Kenneth S. Rogoff: This Time Is Different: Eight Centuries of Financial Folly, Princeton University Press, 2009. Die Rolle, die die Privatverschuldung auch im Bezug auf die Verteilung der Schulden auf die unterschiedlichen sozialen Gruppen spielt, ist durchaus Forschungsbedarf zu konstatieren. Leben auf Pump kann ja - salopp gesprochen – vorübergehend den Verteilungskonflikt kaschieren. Auf Dauer kann das nicht funktionieren. Wachsende Privatverschuldung insbesondere der unteren und mittleren Einkommensgruppen führt letztendlich zu einer sozialen Krise, wenn diese Schulden auf Dauer nicht bedient werden können. Die Subprimekrise ist hierfür ein klares Warnsignal.
    Mehr dazu zu sagen sprengt jedoch hier den Rahmen eines kurzen Beitrags.

  • Bezug zu "Why Nations Fail"

    [ ]

    Vielen Dank für Ihre ausführliche Darstellung. Sie beziehen sich in Ihrem Artikel ausdrücklich auf "Why Nations Fail". Sie erwähnen zwar die beiden zentralen Begrifflichkeiten (inklusiv und extraktiv), aber Acemoglu und Robinson betonen die Rolle inklusiver und extraktiver Institutionen, die wesentlich für Unterschiede bei der Einkommensverteilung auf globaler Ebene sind. Wenn Sie also schreiben, dass die Gefahr besteht, dass sich die westlichen Staaten auf dem Weg zu einem extraktiven Kapitalismus befinden, sollten Sie auch erwähnen, welche extraktiven Institutionen Sie im Blick haben. Schließlich müssten die Besserverdienenden/Vermögenden ja irgendwie dafür sorgen, dass sich ihre Positionen weiter verbessert, während die Abgeschlagenen weiter verlieren. Wenn sich diese Situation aus (üblichen) Marktergebnissen ergibt, gibt es aus meiner Sicht keinen Bezug zu "Why Nations Fail", weil die Rolle der Institutionen dabei größtenteils außen vor bleibt.

  • zu "Why Nations Fail"

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    Inklusive versus extraktive Institutionen. Institutionen sollten dabei zwischen externen und internen Institutionen im Sinne von North unterschieden werden. Erstere besteht darin, dass explizit Organisationen mit einem Regelwerk insbesondere auch Gesetzen und Verordnungen etabliert werden. Letztere sind kulturelle Verhaltensweisen, die im Zuge der Sozialisation innerhalb bestimmter Gesellschaften erworben und als informelle Normen akzeptiert und tradiert werden. Erstere führen, wenn sie nicht endogen aus der eigenen sozio-kulturellen Entwicklung sich herausgebildet haben, zu einem Nominalismus, d.h. formal werden die Institutionen und Regeln zwar anerkannt, aber de facto werden sie aufgrund der internen Institutionen uminterpretiert und oftmals in ihre Gegenteil verkehrt. So wird in den meisten Verfassungen auch autokratischer Regime die Gewaltenteilung pro forma anerkannt. De facto wird sie jedoch ignoriert und in ihr Gegenteil verkehrt. So werden beispielsweise poltische Oppositionelle in Russland oder China einem politischen Gerichtsverfahren unterworfen. Verteidiger und Richter und Staatsanwälte gelten als unabhängig und sollen ihre Aufgaben entsprechend der Verfassung erfüllen. De facto werden jedoch Oppositionelle wie beispielsweise Nawalny oder Liu Xiaobo wegen angeblicher Wirtschaftskriminalität zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Zwischen den Gesetzen und der eigentlichen Rechtspraxis klafft eine gewaltige Lücke. Analog ist es mit der Behandlung von Korruption oder anderer Straftaten. Die chinesische Führung wird nicht müde in Kampagnen gegen die Korruption im Lande vorzugehen. Gleichzeitig werden immer mehr Tatsachen - beispielsweise Bo Xilai - bekannt, dass die politische Führung direkt selbst in Korruptionsaffären oder sogar Mordaffairen verwickelt ist.
    Die religiösen Organisationen erheben hohe moralische Ansprüche an sich und ihre Gesellschaft insbesondere Gemeindemitglieder. Trotzdem werden massive Verstöße gegen diesen Kodex offenbar nicht entsprechend sanktioniert, ob es nun Kindesmissbrauch oder Geldwäsche sowie Korruption führender Kirchenrepräsentanten geht. Es ist also das Versagen der internen Institutionen einer Gesellschaft die bei der Implementation von externen Institutionen wie Gesetzen und Normen versagen, die zu einem extraktiven Charakter auch der daran beteiligten Eliten führen. Acemoglu liefert dafür in seinem Buch zahlreiche Beispiele aus aller Welt. Er konzentriert sich jedoch dabei darauf dies nicht in den Ländern, denen er inklusiven Eliten und Institutionen unterstellt, ebenso zu tun. Gerade die Fülle von Skandalen, die durch investigative Journalisten von Folter in Guantanamo bis Steuerhinterziehung in großen Stil insbesondere aus dem Kreis der Wirtschaftseliten und Politik, die seit einiger Zeit aufgedeckt werden, zeigen jedoch auch hier, dass es zu einer wachsenden Erosion aufgrund eines Wandels der internen Institutionen auch hier gekommen ist. Die zahlreichen Bankenskandale wie insbesondere der Libor-Skandal oder illegale Geldwäsche über Jahre und Jahrzehnte von internationalen Großbanken zeigen nachdrücklich, dass sich in den zurückliegenden Jahrzehnten ein erheblicher kultureller Wandel in den inklusiven Gesellschaften vollzogen hat. Dies legt jedenfalls die Vermutung nahe, dass es keine Besitzstandswahrung für den Status inklusiver Gesellschaften, Eliten und Institutionen geben kann. Sie können bei mangelhafter Pflege erodieren und wieder in den Zustand extraktiver Institutionen und Eliten zurückfallen.

  • Rogoff und Reinhardt in der Kritik

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    Es ist offensichtlich eine fundierte Kritik an den Ergebnissen ihrer erste Studie veröffentlich worden

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/panne-mit-excel-tabelle-rogoff-und-reinhart-haben-sich-verrechnet-a-894893.html

  • Empirie?

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    Mir liegen zugegebenermaßen keine empirischen Informationen darüber vor, wie sich bspw. in Deutschland bestimmte interne Institutionen entwickelt haben. Mir scheint aber auch, Sie beziehen Ihre Feststellung des Übergangs zu extraktiven Institutionen mehr aus einer subjektiven Wahrnehmung als einer soliden Datenbasis. Skandale gab es früher auch, Bankenskandale, Steuerhinterziehung und Geldwäsche ebenso. Kennen Sie empirische Untersuchungen, die zweifelsfrei feststellen, dass eines dieser Phänomene zugenommen hat? Möglicherweise kommen all diese Skandale auch angesichts einer immer besser vernetzten Welt auch heutzutage leichter ans Licht, was wiederum bedeuten würde, dass Hoffnung besteht, dass genau diese Tendenz gestoppt werden könnte.

  • zu "Empirie?"

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    Soziale Mobilität insbesondere innerhalb von Generationen ist ein wichtiger Indikator zur inklusive oder exklusive Gesellschaften. Ein vergleichsweise aktueller Vergleich durch die OECD für die Mitgliedsländer liefert deutliche Unterschiede insbesondere ein Nord-Süd-Gefälle

    http://www.oecd.org/centrodemexico/medios/44582910.pdf

    Für Deutschland liegen auf Basis der SOEP-Daten zahlreiche Studien vor.

    http://www.diw.de/documents/publikationen/73/78661/diw_sp0080.pdf

    Internationale Vergleiche zum Thema Schattenökonomie

    http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2013/02/steuerhinterziehung-in-den-laendern-der-oecd-eine-annaeherung/

    Es ist ein informelles System der Steuervermeidung bzw. Steueroptimierung und Steuerhinterziehung entstanden, dass die externen Institutionen der einzelnen Staaten zur Steuererhebung systematisch über die letzten Jahrzehnte unterminiert hat.

    http://en.wikipedia.org/wiki/Tax_evasion

    Dies geschieht heutzutage immer mehr durch Software-Programme
    http://www.oecd.org/ctp/crime/ElectronicSalesSuppression.pdf

    Es erweist sich als außerordentlich schwierig durch externe Institutionen diese internen Institutionen zu neutralisieren.

    http://taxjustice.blogspot.de/2012/03/new-study-reveals-serious-flaws-in.html

    Nach Informationen zu Offshore-Leaks
    http://de.wikipedia.org/wiki/Offshore-Leaks
    Sollen mehr als 100.000 wohlhabende Bundesbürger sich bereits an Steuervermeidung und Steuerhinterziehung über Offshore-Finanzplätze beteiligen. Das ist jedoch nur ein unvollständiger Ausschnitt der Gesamtlage. Diese Entwicklung betrifft alle entwickelten Wirtschaften wie auch Entwicklungsländer einschließlich der BRICS-Staaten.
    Das kann selbstverständlich an dieser Stelle nur ein kleiner Ausschnitt der vorliegenden Empirie sein.
    Ihre Frage nach der zweifelfreiheit von Empirie halte ich für sinnlos. Es gibt keine Empiries, die letztendlich nich angezweifelt werden könnte. Es ist ja geradezu Teil der Debatte, dass jedes Ergebnis letztendlich angezweifelt werden kann und wird. Dabei spielen offenbar natürlich auch wirtschaftliche Interessen und politische Grundeinstelloungen eine wichtige Rolle. Mithin wird gerade hier, wo es um Verteilungsfragen geht, kaum ein allumfassender Konsens möglich sein.
    Derzeit scheint es jedoch aufgrund der prekären Finanzlage der Staatsfinanzen nicht zuletzt aufgrund der Finanzkrise eine deutlich größere Bereitschaft der Regierungen zu geben Koordiniert gegen die Erosion der Finanzbasis vorzugehen. Ein wichtiger Baustein hierzu ist das FACTA-Abkommen, d.h. der automatische Datenaustausch zwischen einzelnen Ländern, um illegalen Transaktionen zur Steuerhinterziehung besser als bisher auf die Schliche zu kommen. Aber das ist ein völlig neues Thema. Mithin werde ich mich hier darauf beschränken nur eine Hinweise an dieser Stelle zu geben.

  • extraktiver Kapitalismus à la Griechenland

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    Anekdotische Evidenz zum Thema extraktiver Kapitalismus

    http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article115417231/Boykott-gegen-Griechenlands-blutige-Erdbeeren.html

    http://www.heise.de/tp/artikel/38/38954/1.html

  • Menschenhandel in der EU

    [ ]

    Weitere empirische Evidenz zum Thema extraktiver Kapitalismus

    http://www.dw.de/der-menschenhandel-in-der-eu-nimmt-zu/a-16745852

  • extraktives Verhalten interner Institutionen

    [ ]

    http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/wie-die-ubs-reichen-franzosen-angeblich-beim-steuersparen-hilft-a-895271.html

  • Rogoff-Reinhart-Debatte

    [ ]

    Hier eine knappe Zusammenfassung der Debatte und ihrer Implikationen

    http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftswissen/die-ordnung-der-wirtschaft-gute-schulden-schlechte-schulden-12162091.html

  • Selbstbedienung Mentalität

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    In Bayern herrschen Vetternwirtschaft im Landtag

    http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/parteienforscher-amigo-affaere-schadet-csu-geradezu-irreparabel/8156742.html

    das ist kein Einzelfall wie der Spesenskandal in Großbritannien um dortige Parlamentsabgeordente gezeigt hat

    http://www.zeit.de/online/2009/26/grossbritannien-spesenskandal-parlamentspraesident

  • Eurostat Indikatoren für soziale Inklusion in EU-Mitgliedsländern

    [ ]

    http://epp.eurostat.ec.europa.eu/statistics_explained/index.php/Social_inclusion_statistics

  • Michael Spence on inequality

    [ ]

    http://www.project-syndicate.org/print/michael-spence-asks-whether-disparities-of-income-and-wealth-help-or-hurt-prospects-for-economic-growth#

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Autor

Georg Erber

Georg Erber

Schlagworte

Finanzkrise, Kapitalismus, Schuldenkrise

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