Der Kampf traditioneller Volkswirte gegen eine "Anstups-Politik" ist realitätsfern

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Britta Kuhn, 4. März 2013
Der Kampf traditioneller Volkswirte gegen eine "Anstups-Politik" ist realitätsfern 2.21 5 39

Seit "Nudge", dem Buch von Richard Thaler und Cass Sunstein (2008), gewinnt die "Anstups-Politik" ständig an Anhängern. Zwar wehren sich viele traditionelle Volkswirte gegen den hiermit verbundenen sanften Paternalismus, gemäss diesem Beitrag gehen ihnen langsam aber sicher die Argumente aus.

Weltweiter Siegeszug der „Nudge“-Politik

Ein „Nudge“ ist ein „Stupser“. Seit Erscheinen des gleichnamigen Buches von Richard Thaler und Cass Sunstein im Jahr 2008 nutzen immer mehr Länder dieses Konzept für praktische Wirtschaftspolitik. Die Grundidee der beiden US-Verhaltensökonomen: Echte Mensch lassen sich von außen beeinflussen, sind träge und verlieren schon Mal den Überblick. Zu ihrem eigenen und zum allgemeinen Wohl sollten daher Unternehmen und/oder der Staat auf Basis erfolgreicher Experimente die „Entscheidungsarchitektur“ verändern. Zwangsmaßnahmen sind nicht vorgesehen, daher die Bezeichnungen „sanfter“, „liberaler“ oder „libertärer Paternalismus“.

Neoklassische Volkswirte geißeln Nudge-Politik

Eigentlich ist der Gedanke trivial und uralt, siehe Marketing: Unser Zeitungsabonnement verlängert sich automatisch um ein Jahr, wenn wir es nicht rechtzeitig kündigen. Volkswirte alter Schule wehren sich aber vehement gegen diese „Bevormundung“. Verblüffenderweise sind diese Kritiker oft sogar noch ziemlich jung. So rechnet beispielsweise Jan Schnellenbach in volkswirtschaftlichen Fachzeitschriften umfassend mit dem liberalen Paternalismus ab.[ 1 ] Auch der Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sieht verhaltensökonomische Ansätze eher kritisch, mit Philip Plickert als Speerspitze.[ 2 ] Sie legen ein Menschenbild zugrunde, das in der freiheitlichen Philosophie der Aufklärung wurzelt und im VWL-Studium zumindest im ersten Semester für viel Heiterkeit sorgt: den „homo oeconomicus“. Er ist offenbar männlich, höchst gebildet und diszipliniert, kann komplexe Informationen sekundenschnell konsistent verarbeiten und hat seine irrationalen Triebe zu jedem Zeitpunkt im Griff. Leitfigur dieses Denkens ist Nobelpreisträger Gary Becker. Er erklärte zum Beispiel 1988, warum sich manche Menschen ganz rational für Drogen entscheiden. Ein bis heute einflussreicher Fachartikel.[ 3 ]

Unberechtigte Kritik

Die Argumente der Nudge-Gegner scheitern jedoch an der Wirklichkeit, wie der beispielhafte Blick in einen Schnellenbach-Fachaufsatz zeigt:[ 4 ]

1. Für Schnellenbach sind liberaler und harter Paternalismus, also Ge- und Verbote, grundsätzlich gleich, weil beide nur die Preisverhältnisse zwischen Gütern änderten. Dies zeige das Beispiel der US-Prohibition. „Wer sich auf der Suche nach ungesunden Lebensmitteln nunmehr in die hinterste Ecke des Supermarktes begeben muss, der erfährt ebenfalls nichts anderes als eine Erhöhung des relativen Preises der von ihm präferierten Güter, und zwar durch eine Manipulation der Transaktionskosten.“ (S. 449)

Tatsächlich verteuerte sich Alkohol während der US-Prohibition, weil das Verbot nicht umfassend durchgesetzt wurde. Dafür wäre ein teurer Überwachungsstaat nötig gewesen. Aus praktischer Sicht spricht aber genau diese Schwäche harter Ge- und Verbote für Nudge-Ansätze: Hier wird der Alkohol-Konsum schlicht dadurch reduziert, dass das hochprozentige Angebot in der hintersten Ladenecke steht. Der Staat nutzt also lediglich die Bequemlichkeit einiger Trinker, die nun völlig freiwillig darauf verzichten, den gesamten Supermarkt zu durchqueren. Weniger Alkohol-Konsum ist die Folge, ohne Zwang und ohne staatlichen Kontrollapparat.

2. Nach Schnellenbach überbetont der liberale Paternalismus langfristige Ziele und Vorlieben.

Stimmt. Denn die lange Frist kommt in Politik, Gesellschaft und Unternehmen zu kurz. Um beim Alkohol zu bleiben: Welches Interesse hat die Gesellschaft an „Koma-saufenden“ Jugendlichen? Letztlich trägt sie doch die Kosten! Und ist der Alkohol-Entzug nicht deshalb so schwierig, weil gerade die kurzfristig damit verbundenen Qualen viel Disziplin erfordern? Neoklassische Ökonomen müssten also jeden Ansatz des sanften Paternalismus begrüßen, der mehr kurzfristigen Verzicht zugunsten langfristigen Wohlstands fördert.

3. Schnellenbach findet, dass Nudge-Ansätze eindimensional den Zeitgeist begünstigen, etwa das Ziel körperlicher Fitness, was „keinem durchdachten, Opportunitätskosten in Rechnung stellenden, ökonomischen Wohlfahrtskalkül entspringt“ (S. 453).

Richtig. Welche Entscheidung tut das schon? Wenn zum Beispiel Eltern der Schönheits-Operation ihrer 14-jährigen Tochter zustimmen, weil diese „Germany’s Next Top-Model by Heidi Klum“ im Fernsehen verfolgt: Wessen ökonomische Wohlfahrt optimieren die Eltern dann genau? Die ihrer Tochter? Die der schönheitschirurgischen Industrie? Oder handelt es sich viel banaler um einen durch Medienkonsum transportierten Zeitgeist, den eine Informationskampagne in Schulen und auf Elternabenden verringern könnte?

4. Der liberale Paternalismus standardisiert nach Schnellenbach Entscheidungssituationen, so dass es unmöglich werde, zufällig Neues zu entdecken.

Das Gegenteil ist richtig. Zwar erschwert zum Beispiel ein Alkoholverbot für Jugendliche das individuelle Entdeckungsverfahren des „Koma-Saufens“. Der Nudge-Ansatz aber hält alles offen, denn der Alkohol steht ja nun, siehe oben, in der hintersten Ecke des Supermarktes. Auf dem Weg dorthin findet der Jugendliche vielleicht sogar noch besonders kalorienhaltige Süßigkeiten. Diese hätte er nie kennengelernt, wenn er die Getränke direkt an der Kasse erhalten hätte.

5. Selbstbindung, so Schnellenbach, sei „für rationale, sich ihrer Präferenzen bewusste Individuen“ problemlos freiwillig möglich, hierfür existiere ein Markt (S. 451). Außerdem: Es „besteht für Individuen, die sich ihrer Selbstkontrolldefizite, ihrer Entscheidungsschwächen und der Inkonsistenz ihrer Präferenzordnung bewusst sind, sehr häufig die Möglichkeit, selbst Mechanismen zur Lösung daraus entstehender Probleme zu finden.“ (S. 455)

Vermutlich trifft diese Aussage für die meisten Professoren der Volkswirtschaftslehre zu. Denn es handelt sich meist um intelligente und gesunde Männer aus intakten Elternhäusern, die eine gute Wertevermittlung und Ausbildung in materiellem Wohlstand genießen durften. Aber wie hoch ist der Anteil derart privilegierter und daher unabhängiger Menschen an der gesamten Weltbevölkerung? Und können selbst sie in einer globalisierten Wirtschaft mit weltweiten Problemen wie dem Klimawandel und bewaffneten Konflikten ihr Schicksal vollständig bestimmen?

6. Paternalistische Politik belastet laut Schnellenbach Minderheiten, weil sie externe Effekte verursache, d.h. unkompensierte Wirkungen auf Dritte, während „fehlerhafte Entscheidungen einzelner Individuen eine im Großen und Ganzen private Angelegenheit ohne nennenswerte externe Effekte sind“ (S. 456).

Falsch. Nudge-Ansätze richten sich in der Praxis an beobachteten negativen Auswirkungen auf die Gesamtbevölkerung aus. So sind beispielsweise staatliche Aufklärungskampagnen gegen übermäßigen Alkoholgenuss in Deutschlands Altenpflegeheimen nicht überliefert. Denn „Koma-Saufen“ ist aus gesellschaftlicher Sicht bei Hochbetagter weniger kostenintensiv als bei Jugendlichen.

7. Für Schnellenbach zeigt die psychologische Literatur, dass individuelle Entscheidungsfreiheit für die Lebenszufriedenheit sehr wichtig sei.

Ja, durch dauerhafte Bevormundung degenerieren Menschen. Nur: Der liberale Paternalismus schränkt die Entscheidungsfreiheit gar nicht ein. Er versucht lediglich, Entscheidungen in Richtung langfristiger, gesellschaftlich anerkannter Sinnhaftigkeit zu beeinflussen. Alkohol wird bei Jugendlichen so unpopulär wie das Rauchen (nach jahrelangen Aufklärungskampagnen vor allem in Schulen!), also leben diese Menschen länger, gesünder und mit weniger finanziellen und sozialen Problemen.

8. Die Aufgabenzuweisung des liberalen Paternalismus bleibt nach Schnellenbach vage, wenn es darum gehe, konkrete Politik umzusetzen.

Wieso vage? Verhaltensökonomen bieten ausschließlich konkrete Einzelfall-Lösungen. Weil sie empirisch vorgehen, also die Wirkung von Anstoß-Maßnahmen zunächst in Feldversuchen testen. Im Übrigen lehnen im wirklichen Leben nicht einmal Ultraliberale staatliche Freiheitsbeschränkungen ab, soweit diese die Lebensqualität einer Bevölkerungsmehrheit erhöhen. Eine ernsthafte Debatte zum Beispiel darüber, Ampeln aus dem deutschen Straßenverkehr zu verbannen, hat bisher nicht stattgefunden. Dabei ist die Entscheidung, eine vierspurige Straße ohne Ampel zu überqueren, wesentlich einfacher, als unter hunderten von Riester-Renten die individuell optimale herauszufiltern.

Lebensferne Gehirnakrobatik im Elfenbein schadet der VWL!

Volkwirte, die gegen verhaltensökonomische Ansätze mit methodischen Grundsatz-Debatten und unrealistischen Annahmen argumentieren, erweisen dem Fach einen Bärendienst: Immer mehr Studierwillige wenden sich anderen Fächern zu und die politische Beratungsrelevanz der Volkswirtschaftslehre verliert an Boden. Besser wäre eine breite Öffnung der Disziplin für die Lebenswelt einer großen Bevölkerungsmehrheit im Sinne des liberalen Paternalismus.


  • 1  Sehr ausführlich z.B. Schnellenbach, J., „Wohlwollendes Anschubsen: Was ist mit liberalem Paternalismus zu erreichen und was sind seine Nebenwirkungen?“, Perspektiven der Wirtschaftspolitik, Jg. 12, 2011, S. 445-459.
  • 2  Zum Beispiel Plickert, P., Die große Bevormundung durch die Verhaltensökonomen, Fazit, Das Wirtschaftsblog, 16.03.2012
  • 3  Becker, G. S. and K. M. Murphy, „A Theory of Rational Addiction“, Journal of Political Economics 96, 1988,675-700.
  • 4  Schnellenbach, J., a.a.o..

©KOF ETH Zürich, 4. Mär. 2013

 
Der Kampf traditioneller Volkswirte gegen eine "Anstups-Politik" ist realitätsfern 2.21 5 39

Kommentare

Dieser Artikel hat 5 Kommentare.
  • Ich will aber nicht genudged werden - auch nicht von Frau Kuhn!

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    Das eigentliche Problem, das auch Herr Schellenbach nicht richtig erkannt hat, ist: wer soll denn festlegen was und wer zu welchem Zweck genudged werden darf/muss? Hier geht es um subjektive Präferenzen; diese Frage kann nicht objektiv/wissenschaftlich beantwortet werden. Ich will nun mal meine Currywurst extra scharf mit Pommes und doppelter Portion Mayo und hinterher einen Doppelkorn und ein Bier oder mehr, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen und ohne mich schlecht zu fühlen. Wie alt ich werde und wie krank ist meine Privatsache. Das möchte ich nicht mit Frau Kuhn und ihrem sanften Übervater diskutieren müssen. Ich will Frau Kuhn oder die Nudging-Polizei auch nicht fragen müssen, ob mit meinem Paraglider über diese Absprungkante darf und ob dieser Tiefschneehang erlaubt ist. Wir brauchen keine Nudging-Polizei. Unsere Polzei hat auch so schon genug zu tun.

    Noch eine kleine Bemerkung zum Thema "Realitätsnähe": "Aus praktischer Sicht spricht aber genau diese Schwäche harter Ge- und Verbote für Nudge-Ansätze: Hier wird der Alkohol-Konsum schlicht dadurch reduziert, dass das hochprozentige Angebot in der hintersten Ladenecke steht. Der Staat nutzt also lediglich die Bequemlichkeit einiger Trinker, die nun völlig freiwillig darauf verzichten, den gesamten Supermarkt zu durchqueren." Wissen Sie wozu ein echter Trinker in der Lage ist, um an seinen Stoff zu kommen?

  • Nudging: Ein Lösung sucht ihr Problem...

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    Mal im Ernst: Da haben nun verhaltensökonomische Experimente also tatsächlich zu dem Ergebnis geführt, dass Menschen sich unter bestimmten Umständen leicht manipulieren lassen! Ein völlig überraschendes Ergebnis, das niemand so erwartet hätte und das ja auch schon sogleich eine neue und vollständige Verhaltenstheorie mitliefert!
    Keine Frage, dass diese wissenschaftliche Revolution nun sogleich in der Wirtschaftspolitik genutzt werden muss, um eines unserer drängendsten wirtschaftspolitischen Probleme – den Alkoholismus – zu bekämpfen. Und weitere Zwecke werden sich bestimmt finden, wenn wir erst einmal ein Expertengremium schaffen, das uns dann sagt, wo wir – nur zu unserem Besten selbstverständlich - geschupst werden dürfen…
    Ganz klar, das Konzept der Konsumentensouveränität hat versagt, bzw. es hätte ganz bestimmt versagt, wenn wir es denn mal wirklich implementiert hätten. Denn wohlmeinende Verbraucherminister verhindern ja schon heute zusammen mit ebenso wohlmeinenden Industrieverbänden, dass auf Lebensmitteln das Herkunftsland genannt werden darf (die dummen Konsumenten könnten ja sonst nur Lebensmitteln aus Ländern kaufen, deren Gesundheitskontrollen sie vertrauen) oder gar eine Ampelkennzeichnung, die den Konsumenten auf einfache Art über die Gesundheitsschädlichkeit von Lebensmitteln (dafür gibt es objektive Kriterien) hinweist. „Informieren statt manipulieren“ ist zweifelsohne ein Konzept aus der ideologischen Mottenkiste des Liberalismus. Und irgendwie ist das Konzept ja auch so langweilig, dass man es in keiner Fachzeitschrift diskutieren kann.

  • Zur Kritik der Kritik am Paternalismus

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    Sehr geehrte Frau Kuhn,

    einige Dinge in Ihrem Beitrag finde ich grundsätzlich zweifelhaft. Zunächst sehe ich keinen Grund, die Debatte um den neuen Paternalismus als einen Konflikt zwischen Neoklassik und Verhaltensökonomik zu verstehen. Weder ich noch die meisten anderen Kritiker des neuen Paternalismus haben ein Problem mit der Verhaltensökonomik. Ganz im Gegenteil halte ich sie für einen wichtigen Forschungszweig.

    Nur ist es so, daß aus den positiven Resultaten der Verhaltensökonomik der neue Paternalismus keineswegs als zwingende Politikempfehlung folgt. Wiederum ist das Gegenteil der Fall: Wenn es z.B. so ist, daß Menschen keine widerspruchsfreien und stabilen Präferenzen haben, dann kann man kaum überzeugend argumentieren, ein paternalistischer Eingriff sei "im Sinne des Betroffenen", da man einfach keinen guten Maßstab hat um zu beurteilen, was "im Sinne des Betroffenen" ist. Insofern kommt ein zentrales Argument gegen den neuen Paternalismus aus der Verhaltensökonomik selbst.

    Auch sonst ist die Kritik am neuen Paternalismus keineswegs notwendig neoklassisch geprägt, siehe etwa Robert Sugden in Constitutional Political Economy 2009, oder Grüne-Yanoff kürzlich in Social Choice and Welfare. Auf der anderen Seite gibt es Neoklassiker, die mit dem n.P. etwas anfangen können und viele Verhaltensökonomen, die ihn ablehnen. Ihr Versuch der Lagerbildung scheint mir daher nicht sehr überzeugend zu sein.

    Damit wären wir beim zweiten Punkt: Ihnen fehlt schlicht weiterhin das normative Kriterium, mit dem Sie legitimem von illegitimem Paternalismus unterscheiden könnten. Interessanterweise suchen Sie selbst den Ausweg in Präferenzen der "Gesamtbevölkerung" oder der Gesellschaft, wo Sunstein und Thaler noch meinen, das Anschubsen sei ganz im Interesse der Betroffenen. Das ist ja wahrscheinlich auch der einzige Ausweg, wenn man mangels kohärenter und stabiler individueller Präferenzen als Beobachter eigentlich gar nicht so genau sagen kann, was im Sinne des Individuums selbst ist, weil es eben um inner-individuelle Abwägungen geht.

    Mit Ihrem Rekurs auf die Gesellschaft und ihr übergeordnetes Interesse sind Sie aber letztendlich wieder bei der alten Diskussion um meritorische Güter, die sich als überhaupt nicht fruchtbar erwiesen hat. Da muß man auch nicht die Debatten der 1970er und 1980er Jahre nochmal führen, finde ich.

    Schließlich noch zu Ihrem Ampel-Beispiel: Meinen Sie nicht auch, daß inner-individuelle Abwägungen (Selbstkontrollprobleme usw.) und gesellschaftliche Koordinationsbedarfe im Straßenverkehr ganz unterschiedliche Dinge sind?

    Beste Grüße,
    Jan Schnellenbach

  • Manipulation bleibt Manipulation, auch wenn sie sanft ist

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    Ich habe einige Probleme mit Frau Kuhns Beitrag, die ich kurz erläutern möchte.
    1. Frau Kuhn zeigt eine erstaunliche Naivität, wie der bereits mehrfach angesprochene Alkoholabusus Jugendlicher zeigt. Glaubt sie wirklich, dass jugendliche Alkoholiker über "Regalspielchen" vom Alkohol abgehalten werden (Motto: "Jetzt hab ich keine Lust mehr zu saufen, wo die meinem Stoff hinten im Laden versteckt haben.")?
    2. Ich glaube nicht, dass den Nudge-Gegnern die Argumente ausgehen, vielleicht aber die Bereitschaft, konkrete Einzelfälle statt grundlegender Einwände zu erörtern. Nudge-Kritiker, hier ihre Kernargumente, haben etwas dagegen, dass die Menschen vom Staat, der Gesellschaft (was immer das ist und wie immer diese ihre Absichten zu artikulieren vermag) oder Unternehmen (so Kuhn) manipuliert werden, angeblich zu ihrem wohlverstandenen Besten und das auch noch mit Hilfe von Teilen der Wissenschaft.
    3. Ein besonders zweifelhaftes Beispiel möchte ich aber doch anführen: die "Erfindung" der Widerspruchslösung bei der Organspende. Hier zeigen sich alle Elemente, die für Kritiker das Schubsen so problematisch macht.
    - Eine überaus große Mehrheit der Bevölkerung erklärt sich in Befragungen zur Organspende bereit. Nur ein kleiner Bruchteil der Menschen hat aber einen Organspendeausweis. Dies bietet Anlass für Nudges.
    - Schluss I: Die Menschen sind zu faul, zu träge usw., ihren geäußerten Willen auch rechtsverbindlich zu dokumentieren.
    - Schluss II: Die Menschen müssen durch die Ausgestaltung der Zustimmung zur Transplantation so geschubst werden, dass sie ihren "eigentlichen" Willen gegebenenfalls auch in Taten umsetzen.
    - Schluss III: Die Nudge-Lösung. Die Zustimmung zu einer möglichen Transplantation erfolgt automatisch, es sei denn, man erklärt sich ausdrücklich durch schriftlichen Vermerk mit ihr nicht einverstanden.
    - Das Design der dargestellten Lösung heilt also Faulheit, Trägheit usw. und verhilft so dem "eigentlichen" Willen zu Geltung.
    - Die Freiheit der Menschen ist nicht beschädigt, schließlich hat er ja die Option zum Ausstieg - man ist ja liberal.
    4. Ein Beitrag zur Verhaltensökonomie kommt ohne einen Seitenhieb auf den homo oeconomicus nicht aus. Haben ihn Thaler/Sunstein schon als Witzfigur hingestellt, so hat Frau Kuhn ihn jetzt gender-korrekt ausgestaltet, der "econ" ist natürlich ein Mann. Was von solchen angeblichen "Menschenbildern" der Ökonomen zu halten ist, hat Fritz Machlup schon 1960 treffend gesagt. Da sein Urteil nicht besonders schmeichelhaft ist, möchte ich ihn hier nicht wörtlich zitieren, sondern verweise auf: Fritz Machlup, Der Wettstreit zwischen Mikro- und Makrotheorien in der Nationalökonomie. Tübingen 1960. S. 42.

  • Es gibt wohl Menschen, denen Manipulation anderer einen ganz besonderen Kick liefert...

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    Das Thema "Organspende", das HGReuter hier anführt ist in der Tat entlarvend: Warum ist es so toll, Menschen, wie von HGReuter beschrieben, zur Organspende zu manipulieren, während ein auf Gegenseitigkeit bezogener ökonomischer Anreiz, das ganze Problem auf sehr einfache Weise lösen würde: Wer sich selbst zur Organspende bereit erklärt, wird gegenüber Nichtspendern bevorzugt behandelt, wenn er einmal ein Organ brauchen sollte. Es wäre sehr verwunderlich, wenn bei einer solchen Regelung nicht jeder in kürzester Zeit sich zur Organspende bereit erklären würde. Unser Zeitgeist krankt daran, dass er solch eine Regelung für "unethisch" hält aber eine Regelung, die zu einem Mangel an Organspenden und damit zu vermeidbaren Todesfällen führt, für akzeptabel. Ähnlich anreizorientiert könnte man bei Alkohol- und Nikotinkonsum vorgehen. Wer sich einem höheren Risiko absichtlich aussetzt, muss einen entsprechend höhere Krankenkassenbeitrag zahlen. Eine solche Regelung wäre kompatibel mit dem Prinzip, dass individuell unvermeidbare Risikofaktoren, wie etwa genetische Veranlagungen oder körperliche Behinderungen nicht zu höhere Krankenkassenbeiträgen führen dürfen. Anreizkompatibilität statt Manipulation durch "sanfte" Nudgingüberväter /-mütter! Zielführend aber nicht zeitgeistkonform!

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Autor

Britta Kuhn

Britta Kuhn

Schlagworte

Anstups-Politik, harter-Paternalismus, liberaler-Paternalismus, Nudge

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