Droht ein Währungskrieg?

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Oliver Landmann, 19. Feb. 2013
Droht ein Währungskrieg? 3.17 5 12

Seit der starken Abwertung des japanischen Yen durch die Zentralbank Japans wird die Gefahr eines Währungskrieges an die Wand gemalt. Doch weder ist "Währungskrieg" ein Krieg noch führt er notwendigerweise zu bleibenden Wechselkursverzerrungen oder zu einem Wiederaufflammen der Inflation.

Nachdem es die internationale Finanzwelt schon geraume Zeit beschäftigt hatte, sorgte es auch im Vorfeld des G-20-Gipfels von Moskau wieder für Nervosität: Das Gespenst eines globalen Währungskrieges.[ 1 ] Was war geschehen? Unmittelbarer Anlass war zuletzt die kräftige Abwertung des japanischen Yen, nachdem die Zentralbank Japans unter dem Druck der neu gewählten Regierung Abe eine massive Ausdehnung ihrer Staatsanleihenkäufe beschlossen und ein Inflationsziel von 2% angekündigt hatte. Allein gegenüber dem Euro verlor die japanische Währung in den letzten drei Monaten 20% an Wert. Dies war zwar nicht der erklärte Zweck der Übung, bescherte aber der japanischen Exportwirtschaft eine höchst willkommene Frischluftzufuhr in Form verbesserter Wettbewerbsfähigkeit und stand damit im Einklang mit dem Ziel, das Land aus der seit Jahren anhaltenden Stagnation und Deflation herauszuführen. International hagelte es jedoch Kritik. Der Vorwurf: Ein solch aggressiver Einsatz der Wechselkurswaffe beschwört das Risiko eines Währungskriegs herauf.

Abbildung: Der Yen-Euro-Wechselkurs seit 2008

Die Weltwirtschaftskrise als abschreckendes Beispiel

Unter einem Währungskrieg verstehen die Kritiker einen Kampf um Marktanteile, in dem jedes Land versucht, durch Schwächung seiner Währung seine Wettbewerbsfähigkeit zu Lasten seiner Konkurrenten zu steigern. Als abschreckendes Beispiel wird die Weltwirtschaftskrise von 1930-1933 genannt. Damals mündete der Kampf der Nationen um schrumpfende Märkte nicht nur in eine Abwertungsspirale, sondern auch in einen protektionistischen Wettlauf der Zollerhöhungen, durch den sich die Länder ihre Exportmärkte gegenseitig kaputt machten. In jener Zeit entstand der Begriff „beggar thy neighbor“, um eine Politik zu brandmarken, die den eigenen Vorteil zu Lasten der Handelspartner sucht. Das Ergebnis war ein Zusammenbruch des Welthandels. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis die Scherben wieder gekittet waren.

Nun gilt es aber, die richtigen Schlüsse aus diesem historischen Lehrstück zu ziehen. Was die Weltwirtschaftskrise verschärfte, war nicht der Abwertungswettlauf, sondern der protektionistische Handelskrieg. Denn eine Abwertung lenkt Handelsströme nur um, während Zölle und Importbeschränkungen Handelsströme vernichten. Die Abwertungen kamen dadurch zustande, dass sich ein Land nach dem anderen vom Goldstandard abwandte, der sich nach dem ersten Weltkrieg mehr und mehr zu einer eigentlichen Deflationsmaschine entwickelt hatte. Je früher ein Land die Bindung ans Gold löste, desto schneller überwand es in der Folge die Krise. Und je mehr Länder den Goldstandard aufgegeben hatten – dafür sprechen theoretische wie empirische Befunde (Eichengreen 2013) – , desto mehr Auftrieb gab dies der Weltwirtschaft.

Wer heute mit Verweis auf diese historische Erfahrung vor einem Währungskrieg warnt, hat die Lektion der Geschichte nicht verstanden. Die aktuelle Kritik an Japan übersieht zudem gerne, dass der Yen, wie die Abbildung oben zeigt, seit der Finanzkrise von 2008 eine massive Aufwertung zu verkraften hatte, die durch die jüngste Abwertung nur zum kleineren Teil wieder wettgemacht wurde. Insofern korrigiert sich hier ein Höhenflug des Yen, der in den zurückliegenden Jahren nicht zuletzt auch durch die massive Ausweitung der Zentralbankliquidität in den USA und in Europa gestützt worden war.

Weltweit expansive Geldpolitik: kein Nullsummenspiel

Es liegt im Wesen der Geldpolitik, dass sie sehr schnell auf den Wechselkurs durchschlägt, und zwar auch dann, wenn sie nicht, wie derzeit in der Schweiz, eine explizite Wechselkursstrategie verfolgt. Die Wechselkursimpulse, die durch unilaterale expansive Aktionen einer Zentralbank ausgelöst werden, vergrößern den Handlungsdruck für andere Zentralbanken, deren Währungen im Gegenzug unter Aufwertungsdruck geraten. Eine Studie von Taylor (2013) zeigt, dass hierdurch eine positive Rückkoppelung zwischen den sukzessiven Lockerungsschritten der Zentralbanken entsteht, die den Expansionsgrad der Geldpolitik weltweit akzentuiert.

Wie dieser Befund zu bewerten ist, hängt von der globalen makroökonomischen Großwetterlage ab. Die Weltwirtschaft ist zu Beginn des Jahres 2013 insgesamt noch weit davon entfernt, die schwere Konjunkturkrise der letzten Jahre überwunden zu haben. So rechnet die OECD in ihrem jüngsten Wirtschaftsausblick vor, dass alle wichtigen Wirtschaftsräume der industrialisierten Welt noch bis mindestens Ende 2014 unterausgelastet bleiben werden. Gemessen an den Outputlücken, zeichnet sich keine oder bestenfalls eine schleppende Konjunkturerholung ab; für die Inflationsraten erwartet die OECD, dass sie durchwegs unterhalb der mittlerweile von allen Zentralbanken explizit gesetzten Zielmarken verharren werden. Die nachfolgende Tabelle fasst die wichtigsten Projektionen zusammen:

Tabelle: Der makroökonomische Ausblick der OECD, November 2012

Nicht von ungefähr ergreifen daher die Zentralbanken, die ihre Zinssenkungsspielräume in den meisten Fällen schon längst ausgeschöpft haben, zunehmend unkonventionelle Maßnahmen, um ihre Volkswirtschaften wieder auf Trab zu bringen – wie zuletzt eben Japan. Solange die Industrieländer in ihrer Gesamtheit unter einem Nachfragedefizit leiden, birgt jede Wechselkursänderung Konfliktstoff, weil sie die internationale Güternachfrage zugunsten des abwertenden Landes umverteilt. Kein Wunder, werden Politiker nervös und warnen vor Währungskrieg. In den Worten von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann (2013): „Versuchen mehr und mehr Länder, die eigene Währung zu drücken, kann dies am Ende in einen Abwertungswettlauf münden, der nur Verlierer kennen wird.“ Aber die von solchen Aussagen suggerierte Diagnose eines Nullsummen- oder gar Negativsummenspiels trifft nicht zu. Denn die durch die Wechselkurssignale angetriebene globale Lockerung der Geldpolitik wirkt ja nicht nur auf die Wechselkurse und damit auf die Verteilung der globalen Güternachfrage, sondern über die Marktpreise von Vermögenswerten auch auf das Gesamtvolumen der globalen Nachfrage.

Ein Problem kann hierin nur sehen, wer den Prozess am Ende des Tages in eine neue Inflation münden sieht – was denn auch genau das Szenario ist, vor dem Weidmann (2013) warnt. Nur: Die aktuellen Daten – wie offenkundig auch die Beurteilungen der nach wie vor expansiv eingestellten Zentralbanken selbst – stützen eine solche Diagnose für die vorhersehbare Zukunft nicht. Bei allen Prognoserisiken und Unschärfen, die den Diagnosekonzepten anhaften mögen: Das Bild einer von allgemeiner inflationärer Überhitzung bedrohten Weltwirtschaft sieht anders aus.

Fazit: Entwarnung

Unter dem Strich ist der „Währungskrieg“ somit weder ein Krieg noch führt er notwendigerweise zu bleibenden Wechselkursverzerrungen oder zu einem Wiederaufflammen der Inflation. Vielmehr senden die Devisenmärkte an die Zentralbanken das Signal aus, ihre kollektive Geldpolitik so zu lockern, wie es der nach wie vor labile Zustand der Weltwirtschaft verlangt. Eine explizite Koordination unter den Zentralbanken braucht es hierfür nicht; eine Initiative zur Bändigung des „Währungskriegs“ erst recht nicht. Ist das Missverständnis des währungspolitischen Nullsummenspiels erst einmal ausgeräumt, sinkt auch das Risiko, dass die Politik das eigentlich gefährliche Negativsummenspiel des Handelsprotektionismus zu spielen beginnt.

Literatur

Barry Eichengreen, Currency War or International Policy Coordination? University of California, Berkeley, Januar 2013.

John B. Taylor, International Monetary Coordination and the Great Deviation, Stanford University, Januar 2013.

Jens Weidmann, Krisenmanagement und Ordnungspolitik[ a ], Walter-Eucken-Vorlesung, Freiburg, 11. Januar 2013.


  • 1  Eine Kurzfassung dieses Beitrags ist in der Basler Zeitung vom 12. Februar 2013 erschienen.

©KOF ETH Zürich, 19. Feb. 2013

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • Uneingeschränkte Zustimmung

    [ ]

    Dem Beitrag kann ich uneingeschränkt zustimmen. Zusätzliche geldpolitische Impulse sind weltweit angesichts schwacher Nachfrage, hoher Arbeitslosigkeit und niedriger Inflation durchaus wünschenswert. Japan nun als Manipulator darzustellen ist ohnehin durchaus gewagt, denn die bisherige Geldpolitik war dort eher restriktiv, daher auch der starke Yen im Zuge der Krise. Die Japaner haben nämlich das Problem, dass sie bei einer niedrigen erwarteten Inflation und dementsprechend niedrigen Zinsen schneller an die 0-Zins Grenze gestoßen sind. Mit dem neuen Inflationsziel passen sie sich lediglich den USA und der Eurozone an: http://makrointelligenz.blogspot.de/2013/02/politikwechsel-in-japan-was-bedeutet.html

  • Weit, weit daneben...

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    Wie kann man bei diesem Thema China aussen vor lassen?

    China ist nicht nur längst die größte Industrienation der Welt, man hat diese Position auch noch durch das Wechselkursregime seit Anfang der 90er erreicht.

    Der Aufstieg Chinas ging zugleich, und nicht verwunderlich, einher mit einer weitgehenden Deindustrialisierung des Westens. Die währungsbedingten Dumpingpreise Chinas führten zu systematischen Wettbewerbsvorteilen, die andernfalls durch automatische Aufwertung niemals hätten bestehen können.

    Der Verlust an Industrie und Realwirtschaft hatte im Westen die bekannten Folgen. Da Arbeit und Kapital nicht mehr produktiv in der Sachgüterproduktion beschäftigt werden konnten, drängten beide Produktivfaktoren in Verlegenheitslösungen.
    Das Kapital wird in spekulative Anlagen gesteckt, die trotz des (oft ignorierten) Risikos noch die erhofften Renditen versprachen. Arbeitskräfte drängen dagegen stärker in Dienstleistungen, die am Markt immer weniger nachgefragt werden.

    Am Ende hat genau dieser Währungskrieg, wenn auch sehr einseitig geführt, die desolate Lage der westlichen Wirtschaften verursacht. Und eine Besserung ist nicht in Sicht, im Gegenteil.

    Während die Volkswirtschaften dahinschrumpfen und die Schuldenberge weiter steigen spitzt sich die Lage immer weiter zu. Wenn nun einzelne Staaten zaghaft versuchen durch Abwertung gegenzusteuern, dann ist das ein Akt der längst überfälligen Defensive gegenüber China, keine Kriegserklärung gegen andere westliche Volkswirtschaften.

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Autor

Oliver Landmann

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Schlagworte

Abwertung, Währungskrieg

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