Vergleich zwischen einnahmen- und ausgabenseitigen Multiplikatoren für Deutschland

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Mathias Klein und Georg Quaas, 18. Okt. 2012
Vergleich zwischen einnahmen- und ausgabenseitigen Multiplikatoren für Deutschland 4.04 5 23

Konjunkturpolitische Programme[ 1 ] , die aus pragmatischen Gründen unter Titeln wie „Schutzschirm für Arbeit“ oder „Konjunkturpaket“ firmieren, reflektieren vor allem parteipolitische Interessen und Kompromisse und stellen nur zum Teil volkswirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen dar – sofern solche Einschätzungen angesichts der wenigen empirischen Studien und ihrer umstrittenen Ergebnisse überhaupt getroffen werden können.[ 2 ] Um auf die makroökonomische Steuerung der Politik Einfluss zu nehmen, wäre es wichtig, die volkswirtschaftlichen Wirkungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen abschätzen und auf dieser Grundlage wissenschaftlich fundierte alternative Vorschläge machen zu können. Die Quantifizierung volkswirtschaftlicher Multiplikatoren ist insofern von aktueller Brisanz, als dass, ausgelöst durch die Wirtschafts- und Finanzkrise der Jahre 2007-2009 und der dadurch forcierten aktiven Stabilisierungspolitik, in der Wissenschaft und darüber hinaus eine kontroverse Diskussion über die realistischerweise zu erwartenden Wirkungen der staatlichen Einflussnahme auf den Konjunkturzyklus aufgekommen ist.[ 3 ]

Wir gehen davon aus, dass makroökonometrische Modelle mittlerer Größenordnung auf dem Gebiet der Konjunktur-, Wachstums- und Krisenforschung ein Instrumentarium darstellen, das durch die modernen Trends in der Ökonometrie nur bedingt ersetzt werden kann. Eine der wesentlichen Ursachen dafür besteht darin, dass nur mit Simulationen auf der Grundlage eines komplexen makroökonometrischen Modells die ceteris paribus-Bedingung sichergestellt werden kann,[ 4 ] während bei den sonst üblichen Analysen oft zu lesen ist: “[…] it has not been possible to control for all other policy variables that might have influenced the evolution of GDP."[ 5 ]

Zur Methode

Der folgende Kurzbericht beschränkt sich auf Impulse, die in Mehr- oder Minderausgaben bzw. entsprechenden Einnahmen des Staates bestehen. Für die Berechnung der Multiplikatoren spielt es praktisch keine Rolle, wie ein Impuls dimensioniert wird, vorausgesetzt, dass sich die Reaktionen des Modells im linearen Bereich bewegen. Als Kompromiss zwischen den verschiedenen Varianten, die man in der Literatur findet, haben wir uns dafür entschieden, Impulse von 10 Milliarden Euro zu verwenden. Das ist eine Summe von nicht ganz einem halben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (Stand 2012).

Um den Grad an Objektivität zu erhöhen, wurden zwei Modelle verwendet. Eines davon ist das Konjunkturmodell des RWI (KOMO). Es ist in der Literatur des Öfteren beschrieben worden, sowohl in Kurz- als auch in Langfassung,[ 6 ] so dass eine nochmalige Darstellung an dieser Stelle für entbehrlich erachtet wird. Verwendet wird die Version 61, die einen Stützbereich von 10 Jahren hat, der sich bis Ende 2004 erstreckt. Des Weiteren wurde eine bis zum aktuellen Rand reichende Version des Econometric Model of the German Economy (EMGE) in einer aktuelleren Version verwendet. Weitere Informationen findet man unter www.forschungsseminar.de[ a ].

Diskussion der Ergebnisse

Die auf das Haavelmo-Theorem aufbauende wirtschaftspolitisch relevante These, dass die „einnahmeseitigen Multiplikatoren […] fast durchweg geringer als die aus-gabenseitigen“[ 7 ] sind, konnte weitgehend bestätigt werden. Sie hat in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Konsequenzen. Kommt es darauf an, den Staatshaushalt zu konsolidieren, ergibt sich unter der Zielsetzung, der Wirtschaft möglichst wenig „Schaden“ zuzufügen, die Empfehlung einer vorrangigen Erhöhung der Staatseinnahmen beispielsweise durch Steuererhöhungen, weil die dabei zu erwartenden negativen Effekte auf die Volkswirtschaft geringer sind als bei Ausgabenkürzungen. Kommt es dagegen auf eine Belebung der Wirtschaft in einer konjunkturellen Abwärtsphase an, sollte eine stärkere Konzentration auf die Staatsausgaben erfolgen, da diese bei gleichem finanziellen Einsatz zu einer stärkeren Konjunkturbelebung führen als die Staatseinnahmen.

Eine differenzierte Betrachtung ergibt folgendes Bild:

Tabelle 1: BIP-Multiplikatoren ausgewählter Impulse

Im Fall einer Senkung der Arbeitnehmersteuern und der Arbeitnehmer-SV-Beiträge stimmen die Bruttoinlandsprodukt-Multiplikatoren beider Modelle nahezu perfekt überein. Damit sind diese einnahmeseitigen Multiplikatoren in etwa halb so groß wie die ausgabenseitigen Multiplikatoren des Staatskonsums und der Öffentlichen Bauinvestitionen, die nahe bei 1 (KOMO) oder sogar noch darüber liegen (EMGE). In diesem Sinne können 2 x 4 Bestätigungsfälle der o.g. These registriert werden. Niveau und Verlauf der Bruttoinlandsprodukt-Multiplikatoren bei einem Impuls auf den SV-Beiträgen der Arbeitgeber sind bei beiden Modellen nahezu identisch und deutlich unter 1. In beiden Modellen tritt eine Streckung des Effektes ein, der insgesamt der obigen These entspricht. Das ergibt zwei weitere Bestätigungsfälle. Aktuell reagiert die bundesrepublikanische Volkswirtschaft bei den zu zahlenden SV-Beiträgen im ersten Jahr deutlich schwächer auf Entlastungen der Arbeitgeber wie bei der Arbeitnehmerschaft.

Kommen wir nun zu den Staatsausgaben. Die ausgabenseitigen Multiplikatoren sind bei oberflächlicher Betrachtung in beiden Modellen mit einer Ausnahme sehr ähnlich. Bei genauerem Hinsehen ergeben sich allerdings Unterschiede. Bei den Transfers an die Privaten Haushalte fallen die Multiplikatoren des KOMO durchweg geringer aus als die des EMGE, und zwar so gering, dass sie die untersuchte These nicht stützen können. Dagegen liegen die Multiplikatoren des EMGE sowohl im ersten als auch im zweiten Jahr zwar nicht über, aber sehr nahe bei 1. Zusätzlich ist die Wirkung im Falle des KOMO wenig nachhaltig, sie ist bereits im zweiten Jahr effektiv gleich Null. Dagegen entfaltet der Impuls im EMGE – bedingt durch die Kreislaufeffekte – noch im zweiten Jahr fast die gleiche Wirkung wie im ersten.

Aus diesem Grund ist auch der aggregierte Multiplikator wesentlich größer und damit eher geeignet, die obige These zu stützen. Die Öffentlichen Bauinvestitionen sind bereits als Bestätigungsfall jener These identifiziert worden. Auch hier zeigt das KOMO eine schwächere Reaktion als das EMGE. Im Fall des Staatskonsums zeigen die Multiplikatoren beider Modelle einen  zeitlichen Verlauf wie bei den Transfers: Für das KOMO ist der Effekt im Wesentlichen auf das erste Jahr beschränkt, während er im Fall des EMGE über zwei Jahre gestreckt ist und im dritten Jahr ein negatives Echo erzeugt. Das Niveau der Multiplikatoren ist im EMGE jedoch in etwa doppelt so groß wie im KOMO. Die aggregierten Multiplikatoren liegen nahe an und deutlich über 1, so dass dieses Ergebnis mit der obigen These, dass ausgabenseitige Multiplikatoren größer sind als einnahmeseitige, sehr gut verträglich ist.

Tabelle 2: Bestätigungs- und Widerlegungsfälle

Insgesamt konnten in der zugrunde liegenden Studie[ 8 ] von 18 relevanten Fällen 13 als Bestätigung der These gewertet werden, wobei von den restlichen 5 Fällen wohl einer (Monetäre Transfers, KOMO) als Widerlegung gedeutet werden muss. 4 Ergebnisse beruhen entweder auf einer Fehlspezifikation des KOMO oder lassen keine eindeutige Bewertung zu. Berichtet wurden hier allerdings nur die vergleichsweise eindeutigen und wahrscheinlich unstrittigen Resultate. Darüber hinaus enthält die Studie eine detaillierte Beschreibung der mittel- und unmittelbaren Wirkungen von 14 typisierten wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf alle wesentlichen volkswirtschaftlichen Indikatoren im zeitlichen Verlauf von drei Jahren. Selbst wenn man einräumt, dass auch Multiplikatoren keine Konstanten sind, so dürfte ihre Kenntnis doch zumindest für die aktuelle Diskussion eine wesentlich verlässlichere Richtschnur sein als das oft anzutreffende Schema: Konjunkturstimuli – Wunderwaffe oder Strohfeuer?   


  • 1  Vgl. den ausführlichen Bericht bei M. Klein, G. Quaas: Einnahmen- und ausgabenseitige Multiplikatoren der deutschen Volkswirtschaft, in: Wirtschaftsdienst, 92. Jg. (2012), H. 10, S. 692-698.
  • 2  Vgl. A. Belke: Fiscal Stimulus Packages and Uncertainty in Times of Crisis: Economic Policy for Open Economies, in: Economic Analysis and Policy, 39. Jg. (2009), H. 1, S. 28 f.
  • 3  Vgl. E. Ilzetzki, E.G. Mendoza, C.A. Végh: How Big (Small?) are Fiscal Multipliers, IMF Working Paper, WP/11/52, 2011.
  • 4  Vgl. G. Quaas: Zur Rolle der Theorie in makroökonometrischen Prognosemodellen, in: WiSt – Wirt-schaftswissenschaftliches Studium, 35. Jg. (2006), H. 9, S. 515-518.
  • 5  Vgl. J.M. Arnold, B. Brys, C. Heady, A. Johansson, C. Schwellnus, L. Vartia: Tax Policy for Economic Recovery and Growth, in: The Economic Journal, 121. Jg. (2011), H. 1, S. F59-F80.
  • 6  Vgl. U. Heilemann: Das RWI-Konjunkturmodell – Ein Überblick, in: W. Gaab, U. Heilemann, J. Wolters (Hrsg.): Arbeiten mit ökonometrischen Modellen, Berlin 2004, S. 161-212; vgl. U. Heilemann, S. Wappler, G. Quaas, H. Findeis: Qual der Wahl? Finanzpolitik zwischen Konsolidierung und Konjunk-turstabilisierung, in: Wirtschaftsdienst, 88. Jg. (2008), H. 9, S. 586-593.
  • 7  A. Truger, K. Rietzler, H. Will, R. Zwiener: Alternative Strategien der Budgetkonsolidierung in Öster-reich nach der Rezession, Gutachten des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung im Auftag der Arbeiterkammer Wien, Düsseldorf 2010, S. 4, S. 18, S. 23.
  • 8  Vgl. G. Quaas, M. Klein: Simulation volkswirtschaftlicher Effekte standardisierter wirtschaftspolitischer Maßnahmen mit Hilfe der makro-ökonometrischen Modelle KOMO 61 (alte VGR) und EMGE (neue VGR). Die Studie wurde von der Hans Böckler-Stiftung gefördert und ist unter dem Titel „Multiplikatoren der deutschen Volkswirtschaft“ im logos-Verlag Berlin erschienen.

©KOF ETH Zürich, 18. Okt. 2012

 
Vergleich zwischen einnahmen- und ausgabenseitigen Multiplikatoren für Deutschland 4.04 5 23

Kommentare

Dieser Artikel hat 3 Kommentare.
  • Kein Titel

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    Die hier vorgelegten Ergebnisse bestätigen das, was man anhand der Ergebnisse von Sparpolitik in anderen Staaten erwarten konnte, die Multiplikatoren sind im allgemeinen sehr hoch (bei etwas 1.5). Durch eine Reduktion des Staatskonsums wird letztlich bei einem Multiplikator von 2.0 fast überhaupt keine Reduktion des staatlichen Defizits erreicht. Beachtet man außerdem noch, dass die dadurch ausgelöste Rezession in der Regel einen Anstieg der Risikoprämien und damit einen Anstieg der Zinslast zur Folge hat, so wird der Nutzen solcher Maßnahmen noch fragwürdiger. Ausführlicher wird dies hier analysiert: http://www.makrointelligenz.blogspot.de/2012/10/austeritatspolitik-bei-einem.html

  • Kein Titel

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    Ein wesentliches Problem bei der praktischen "Anwendung" dieser Faktoren sehe ich darin, daß insbesondere die Ausgaben nicht auf das jeweilige Land begrenzt sind.
    Banales Beispiel wäre die Abwrackprämie, aus deutschen Steuergeldern bezahlt, aber es wurden, gerade im Kleinwagensegment, viele ausländische Autos damit finanziert.

    Auch öffentliche Investitionen müssen ja, ab einer bestimmten Größenordnung, europaweit ausgeschrieben werden.
    Wenn so ein Auftrag z.B. an eine niederländische Firma geht, die polnischer Arbeitnehmer beschäftigt, dann fließen weder Steuern aus dem Unternehmen zurück in deutsche Steuerkassen, noch werden die inländischen Sozialkassen von Kosten der Arbeitslosigkeit entlastet.

    Hierin sehe ich einen wesentlichen Konstruktionsfehler der EU, daß zwar Aufträge EU-weit ausgeschrieben werden müssen, die Sozialkosten aber von den jeweiligen nationalen Systemen getragen werden müssen.

    Dabei gibt es natürlich diverse Verwässerungseffekte, z.B. durch EU-Zuschüsse zu Investitionen.

    Aber auch innerhalb einer Nation ist die "Anwendung" dieser Faktoren nicht unproblematisch, da es sich um eine volkswirtschaftliche Gesamtbetrachtung handelt.
    Der Haushalt einer Kommune, aus dem die dringend notwendige Sanierung einer Brücke finanziert werden muß, profitiert idR. nur in sehr geringem Maße von den volkswirtschaftlich erfaßbaren Rückflüssen.

    Hierin sehe ich das eigentliche Problem, ohne dessen Lösung die ermittelten volkswirtschaftlichen Faktoren ziemlich nutzlos sind.

  • Nutzlose Analyse? Gegenstandsloser Kommentar!

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    Die verwendeten ökonometrischen Modelle wurden auf der Grundlage empirischer Daten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen für die Bundesrepublik Deutschland in den angegebenen Perioden von 10 Jahren geschätzt und spiegeln deshalb die durchschnittlichen Reaktionen der Volkswirtschaft auf wirtschaftspolitische Maßnahmen in diesen Zeiträumen wider, zu denen auch die „Abwrackprämie“ gehört. „Verpuffungs-“ und andere dämpfende Effekte sind also berücksichtigt worden. Das erklärt die geringe Höhe der Multiplikatoren im Vergleich zu denen der Lehrbuchliteratur. Gegenüber dieser Quelle mag der erste Einwand berechtigt sein, nicht aber gegenüber empirisch bestimmten Multiplikatoren. Zum zweiten Einwand: Dass nicht jede Gemeinde sogleich einen steuermäßigen Rückfluss aus ihren konjunkturstützenden Ausgaben bekommt, mag so sein. Das ist aber auch nicht das Thema einer volkswirtschaftlichen Analyse.

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Schlagworte

Multiplikator, Staatsausgaben, Staatseinnahmen

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