Unterschiedliche Präferenzen für Status in Ost- und Westdeutschland

Zum Einfluss politischer Regime auf individuelle Präferenzen

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Tim Friehe und Mario Mechtel, 12. Okt. 2012
Unterschiedliche Präferenzen für Status in Ost- und Westdeutschland 3.89 5 18

Die deutsche Teilung nach dem zweiten Weltkrieg und die Wiedervereinigung im Jahr 1990 bieten eine seltene Möglichkeit zu überprüfen, ob die persönliche Erfahrung mit einem politischen Regime nachweisbar Spuren im Verhalten von Menschen hinterlässt. Beide Bevölkerungsteile waren vor der Trennung relativ homogen und sehen sich seit der Wiedervereinigung wieder vergleichbaren Bedingungen gegenüber. Liefert eine Analyse empirischer Daten Belege für einen signifikanten Unterschied im Verhalten ost- und westdeutscher Bürger, so scheint die Vermutung, dass dies auf die Erfahrung mit unterschiedlichen politischen Institutionen zurückzuführen sein könnte, begründet. Verschiedene Forscher haben dieses „natürliche Experiment“ ausgenutzt, um mögliche Unterschiede beispielsweise hinsichtlich Steuermoral, Umverteilungspräferenzen, Solidarität und Vertrauen in Institutionen zu untersuchen (Alesina und Fuchs-Schündeln 2007, Brosig et al. 2011, Corneo 2001, Corneo und Grüner 2002, Rainer und Siedler 2009, Torgler 2003). Diese Studien zeigen teils deutliche Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, von denen einige auch noch fast zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung fortbestehen.

Aktuelle Forschungsergebnisse (z.B. Alpizar et al. 2005, Carlsson et al. 2007, Clark et al. 2008, Clark and Senik 2010) belegen, dass Individuen im Allgemeinen sehr statusbedacht sind und dazu neigen, sich mit anderen in vielerlei Hinsicht zu vergleichen. Ein Maß für persönlichen Erfolg ist das erzielte Einkommen, das jedoch in der Regel für Außenstehende nicht einfach zu beobachten ist. Daher nutzen Individuen Möglichkeiten, um ihren Verdienst anderen gegenüber zu signalisieren. Eine derartige Signalmöglichkeit bietet der Erwerb von Konsumgütern, die tendenziell häufiger von wohlhabenden Personen erworben werden und gut beobachtbar sind. Luxusautos sind eine Kategorie von Gütern, die diese Eigenschaften sehr gut erfüllen (Winkelmann 2012, Kuhn et al. 2010). Die beschriebene Idee, dass bestimmter Konsum erfolgt, um anderen den eigenen relativen Status zu signalisieren, lässt sich unter dem Begriff „conspicuous consumption“ auf Veblen (1899) zurückführen. 

Vergleicht man die Regime der DDR und der BRD in der Zeit der deutschen Teilung, so ist die unterschiedliche Rolle der Gleichheit ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Gleichheit war in der DDR nicht nur ideologisch von großer Bedeutung, sondern wurde auch faktisch weitgehend Realität. Letzteres lässt sich beispielsweise mittels eines Vergleichs der Einkommensverteilungen von Universitätsabsolventen in der DDR und der BRD dokumentieren (Schäfgen 1998). Gleichheit wurde in der DDR weiterhin auch durch beschränkte Konsummöglichkeiten befördert. Gibt es nur eine oder wenige Varianten eines bestimmten Gutes, so ist damit die Möglichkeit versperrt, sich über den Konsum einer bestimmten Produktvariante nach außen hin von anderen abzuheben.

Vor diesem Hintergrund haben wir in einer aktuellen Studie (Friehe und Mechtel 2012) untersucht, ob sich nach der Wiedervereinigung die Ausgaben für Statusgüter zwischen Ost- und Westdeutschland unterscheiden. Leitidee war dabei, dass die Gegensätze der Regime erheblich waren und insofern einen Unterschied begründen könnten. Um zu überprüfen, inwieweit sich etwaige Unterschiede in den zwanzig Jahren nach der Wiedervereinigung abgeschwächt haben, haben wir zusätzlich aktuelle Daten in unsere Analyse einbezogen.

Die Daten

Die Untersuchung stützt sich auf die Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) des Statistischen Bundesamts. Dieser Datensatz wird alle fünf Jahre zusammengestellt und ist repräsentativ für Deutschland. Die teilnehmenden Haushalte bieten Informationen über soziodemografische Eigenschaften des Haushalts, ihre Einkunftssituation sowie eine detaillierte Aufgliederung der gesamten Ausgaben. Wir nutzen für die empirische Analyse die EVS 1993 und die EVS 2008. Die EVS 1993 mit Informationen von 40.230 Haushalten ist die der Wiedervereinigung zeitlich am nächsten gelegene Befragung und bietet daher am ehesten Potenzial, durch politische Institutionen getriebene Unterschiede in den Ausgaben für statusrelevante Güter zu identifizieren. Die EVS 2008 mit Informationen von 44.060 Haushalten erlaubt uns zu prüfen, ob etwaige identifizierte Unterschiede persistent sind.

Die Definition der Güter mit Statuswirkung ist ein bedeutender Schritt in unserer Analyse. Um in dieser Hinsicht transparent über Ergebnisse berichten zu können, verwenden wir drei verschiedene Definition von Statusgütern (siehe Tabelle 1), wobei einer der Güterkörbe bereits in einer früheren Studie zu Unterschieden im Statuskonsum zwischen verschiedenen Völkergruppen in den USA verwendet wurde (Charles et al. 2008). Da Studien gezeigt haben, dass Vergleiche insbesondere im direkten persönlichen Umfeld (Familie, Freunde, Arbeitskollegen) eine Rolle spielen (Anderson et al. im Erscheinen, Clark and Senik 2010, Senik 2009), bezieht der von uns präferierte Güterkorb eine Reihe von Gütern ein, die besonders in diesen Interaktionen eine Rolle spielen (beispielsweise Möbel und Unterhaltungselektronik im Haushalt).

Tabelle 1: Güterkörbe von statusrelevanten Konsumgütern

Die Ergebnisse

Die Ausgaben eines Haushalts für Statusgüter werden selbstverständlich durch eine Vielzahl von Einflussfaktoren bestimmt. Die Kontrollvariablen unserer ökonometrischen Modelle umfassen daher außer der für uns zentralen Ost-Variablen das Haushaltseinkommen, Charakteristika der Haushaltszusammensetzung (Anzahl der Erwachsenen und der Kinder), die Urbanität des Wohnortes, die Ersparnisse des Haushalts, Informationen zum Ausbildungsstand und Geschlecht des Haushaltsvorstandes sowie zur Einkommensverteilung in dem jeweiligen Bundesland.

Unsere Ergebnisse zeigen, dass Haushalte in Ostdeutschland deutlich höhere Ausgaben für statusrelevante Konsumgüter haben, obwohl das Niveau der Gesamtausgaben eines Haushalts in Ostdeutschland nicht höher ist als das in Westdeutschland. Obwohl der Unterschied im Jahr 1993 größer als im Jahr 2008 ausfällt (20% gegenüber 8%), bleibt er auch im Jahr 2008 statistisch signifikant und im Niveau beachtlich. Das Ergebnis ist robust bezüglich der Variation der verwendeten Definition von Statusgütern. Genauso bleibt das Ergebnis qualitativ unbeeinflusst, wenn die Arbeitslosenquoten der Bundesländer als weitere Kontrollvariable hinzugefügt werden.

Der signifikante Unterschied im Niveau der Ausgaben für statusrelevante Konsumgüter bleibt auch dann erhalten, wenn der Datensatz auf Haushalte eingeschränkt wird, deren Vorstände zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung erst 18 Jahre oder jünger waren. Dieser Befund deutet auf die Möglichkeit der intergenerationellen Weitergabe von Normen in Bezug auf Statusdenken hin.

Schlussfolgerung

Die Ausgaben für Statusgüter unterscheiden sich signifikant zwischen Haushalten in Ost- und Westdeutschland. Ostdeutsche Haushalte geben signifikant mehr für Statusgüter aus als westdeutsche. Zwar hat sich der Unterschied zwischen Ost und West in den ersten achtzehn Jahren nach der Wiedervereinigung verringert, geschlossen ist die Lücke allerdings noch nicht.  Es liegt nahe, die von uns gefundenen Ergebnisse auf die Erfahrungen mit stark unterschiedlichen politischen Regimen zurückzuführen.

Literatur

Alesina, A., und N. Fuchs-Schündeln, 2007. Good-bye Lenin (or not?): The effect of Communism on People's Preferences. American Economic Review 97, 1507-1528.

Alpizar, F., Carlsson, F., und O. Johansson-Stenman, 2005. How much do we care about absolute versus relative income and consumption? Journal of Economic Behavior and Organization 56, 405-421.

Anderson, C., Kraus, M.W., Galinsky, A.D., und D. Keltner, im Erscheinen. The local-ladder effect: Social status and subjective well-being. Psychological Science.

Brosig, J., Helbach, C., Ockenfels, A., und J. Weimann, 2011. Still different after all these years: Solidarity behavior in East and West Germany. Journal of Public Economics 95, 1373-1376.

Carlsson, F., Johansson-Stenman, O., und P. Martisson, 2007. Do you enjoy having more than others? Survey evidence of positional goods. Economica 74, 586-598.

Charles, K.K., Hurst, E., und N. Roussanov, 2009. Conspicuous Consumption and Race. Quarterly Journal of Economics 124, 425-467.

Clark, A.E., Frijters, P., und M.A. Shields, 2008. Relative income, happiness, and utility: An explanation for the Easterlin paradox and other puzzles. Journal of Economic Literature 46, 95-144.

Clark, A.E., und C. Senik, 2010. Who compares to whom? The anatomy of income comparisons in Europe. Economic Journal 120, 573-594.

Corneo, G., 2001. Inequality and the state: Comparing U.S. and German preferences. Annales d'Economie et de Statistique 63-64, 283-296.

Corneo, G., und H.P. Grüner, 2002. Individual preferences for political redistribution. Journal of Public Economics 83, 83-107.

Friehe, T. und M. Mechtel, 2012. Conspicuous Consumption and Communism: Evidence from East and West Germany. CESifo Working Paper No. 3922.

Kuhn, P., Kooreman, P., Soetevent, A. und A. Kapteyn, 2011. The effects of lottery prizes on winners and their neighbors: Evidence from the Dutch postcode lottery. American Economic Review 101, 2226-47.

Rainer, H., und T. Siedler, 2009. Does democracy foster trust? Evidence from the German reunification. Journal of Comparative Economics 37, 251-269.

Schäfgen, K., 1998. Die Verdoppelung der Ungleichheit. Sozialstruktur und Geschlechterverhältnisse in der Bundesrepublik und in der DDR. Humboldt-University Berlin, Germany.

Senik, C., 2009. Direct evidence on income comparisons and their welfare effects. Journal of Economic Behavior and Organization 72, 408-424.

Torgler, B., 2003. Does culture matter? Tax morale in an East-West-German comparison. FinanzArchiv 59, 504-528.

Veblen, T., 1899. The Theory of the Leisure Class: Economic Study of Institutions. New York: Random House.

Winkelmann, R., 2012. Conspicuous consumption and satisfaction. Journal of Economic Psychology 33, 183-191.

©KOF ETH Zürich, 12. Okt. 2012

 
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Schlagworte

conspicuous-consumption, politisches-Regime, relatives-Einkommen, Status, Verhaltensökonomie

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