Zerstört die Globalisierung die sozialen Bindungen des Menschen?

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Justina A. V. Fischer, 7. Sept. 2012
Zerstört die Globalisierung die sozialen Bindungen des Menschen? 2.58 5 33

Die wirtschaftswissenschaftliche Diskussion um die gesellschaftlichen Vor- und Nachteile der Globalisierung – im Sinne der Öffnung der heimischen Wirtschaft für ausländische Güterströme und Investitionsströme – ist stark auf die volkswirtschaftlichen Auswirkungen fokussiert; für die gesellschaftliche Diskussion und damit letztlich als Entscheidungshilfe für die Politik müssten und müssen jedoch auch die sozialen Folgen der Globalisierung berücksichtigt werden. Während sich die wissenschaftliche Diskussion meist um Fragen des Wirtschaftswachstums und um Beschäftigungseffekte dreht, sollten bei einer politischen Bewertung der Globalisierung auch Aspekte des Sozialgefüges und der Qualität des menschlichen Zusammenlebens berücksichtigt werden. Den Menschen als homo oeconomicus sehend, haben die Wirtschaftswissenschaften zumeist Erfreuliches über die Auswirkungen der Öffnung eines Landes für die Weltmärkte zu berichten: die Globalisierung stimuliere das Wachstum, lasse die Löhne im Exportsektor steigen (ebenso die Profite der Exporteure und Kapitaleigner), und führe schliesslich zu einem Rückgang der allgemeinen Arbeitslosigkeit – der Staat jedoch solle einer möglichen Zunahme der Einkommensungleichheit am besten mittels einer vernünftigen Umverteilungspolitik entgegenwirken (siehe Fischer, 2012a).

Homo oeconomicus und ζωον πολιτικον
Der Mensch in seiner Gesamtheit ist nicht nur definiert als ein homo oeconomicus, sondern auch als ein homo biologicus, ein homo faber, ein homo ludens, aber eben auch als ein ζωον πολιτικον (homo socialis) – ein Lebewesen, das in einer Gemeinschaft mit anderen Bürgern (πολις) lebt, und das für sein biologisches, soziales, politisches, aber auch ökonomisches Überleben mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft soziale Bindungen eingeht bzw. notwendigerweise eingehen muss. Der Experte spricht hier von social ties, oder auch von sozialer Vernetzung oder von sozialen Netzwerken; diese sind eine Form und Facette von Sozialkapital, auch bridging social capital genannt.

Zwischenzeitlich hat auch die Ökonomenzunft die Relevanz von brückenschlagenden Netzwerken für das Funktionieren der Wirtschaft erkannt: sie erleichtern den Zugang über Clan-Grenzen hinweg zu materiellen und nicht-materiellen Ressourcen, wie beispielsweise zu wichtigen Informationen, und stellen damit einen entscheidenden Faktor für das Wirtschaftswachstum dar.

Auch die Glücksforschung hat empirisch nachgewiesen, dass Freundschaften zu den wenigen Konsumgütern gehören, die, im Gegensatz zum Einkommen, einen langlebigen Nutzen stiften. Daher sollte die Frage nach der Höhe des Netzwerk-Sozialkapitals in der Gesellschaft auch für Ökonomen von großem Interesse sein.

Wir sollten uns also die Frage stellen, ob das Phänomen ‚Globalisierung‘ – verstanden in seiner wirtschaftlichen Dimension, also als Öffnung eines Landes zu den internationalen Güter- und Finanzmärkten – neben seinen durchaus positiven Effekten auf die Wirtschaft möglicherweise den Menschen in seiner Eigenschaft als ζωον πολιτικον (homo socialis) einschränkt und reduziert. Es wäre ja durchaus denkbar, dass beispielsweise die erhöhte geographische Mobilität, die zunehmende Einkommensunsicherheit durch kurzfristige Arbeitsverträge, die zunehmenden Überstunden, das sinkende Lohnniveau – allesamt Manifestationen eines deregulierten Arbeitsmarktes sowie des internationalen Wettbewerbsdrucks auf Firmen wie auf Arbeitnehmer – das Zeitbudget und die finanziellen Ressourcen für eine Pflege der sozialen Kontakte empfindlich reduziert.

Globalisierung und soziale Netzwerke
Unter Zuhilfenahme der World Values Surveys, das von 1981 bis 2008 etwa 360‘000 Personen befragt hat, und des KOF Index der Globalisierung in der wirtschaftlichen Sphäre, erhoben für über 80 Länder in diesem Zeitraum, habe ich den Einfluss der Globalisierung auf die Pflege der sozialen Netzwerke empirisch untersucht (Fischer, 2012b). Es stellte sich heraus, dass durch die wirtschaftliche Globalisierung die Freizeit, welche ein Individuum mit seinen Freunden verbringt, entscheidend verringert wird: die Globalisierung hat also tatsächlich zwischen den 80ern und den späten 90er Jahren Sozialkontakte ausserhalb der Familie ausgedünnt. Dabei wird dieser zerstörerische Einfluss der Globalisierung umso geringer, je offener das Land bereits zu Beginn dieser wirtschaftlichen Entwicklung gewesen war (‚abnehmende Grenzzerstörung‘).

Diese Zerstörungswucht der Globalisierung ist stärker in entwickelten Ländern als in Entwicklungsländern ausgeprägt. Meiner Meinung nach liegt der Grund hierfür in der unterschiedlichen Rolle der Arbeitsmarktinstitutionen: in Entwicklungsländern ist der Arbeitsmarkt stark informell, so dass dort eine Regulierung oder auch Deregulierung per Gesetz die ökonomische und soziale Realität eines Arbeitnehmers eher unverändert lässt. Ganz anders jedoch in den entwickelten Ländern: im regulären Arbeitsmarktsektor führt die Globalisierung zu einem Abbau des gesetzlichen Arbeitnehmerschutzes in Form eines zügig verlaufenden ‚race-to-the-bottom‘ (Fischer und Somogyi, 2012) – und setzt dadurch den Arbeitnehmer schutzlos aus den Verjüngungspolitiken und der Disziplinierung durch die Manager mittels Massenentlassungen und Befristung von Arbeitsverträgen.

Präferenzen versus Restriktionen
Die Höhe der Investitionen in soziale Netzwerke ist, wie jede andere ökonomische Entscheidung auch, das Ergebnis einer Nutzenmaximierung unter Restriktionen. Gemäß der mikroökonomischen Theorie stellt das zur Verfügung stehende Einkommen (und damit implizit auch das Zeitbudget) eine typische Restriktion für Konsum und Investitionen dar – letztlich müssen aber auch die institutionellen Rahmenbedingungen eines Landes (die bspw. das Arbeitsangebot mitbestimmen) dazugezählt werden. Nach der mikroökonomischen Theorie kann eine Änderung des menschlichen Verhaltens auf zweifache Art und Weise hervorgerufen werden: einerseits durch eine Änderung in der Präferenzstruktur, zum anderen durch eine Änderung in den exogenen Restriktionen.

Ist also die von mir beobachtete Schwächung der sozialen Netzwerke tatsächlich durch eine Änderung des Arbeitsumfeldes und der Arbeitsmarktstruktur hervorgerufen worden, oder aber ließ die Globalisierung die Menschen schlichtweg asozial werden in dem Sinne, dass die Globalisierung die sozialen Bindungen weniger wichtig erscheinen ließ?

Im World Values Survey wird auch nach der ‚Wichtigkeit von Freunden‘ im Leben des Interviewten gefragt – diese Frage schien mir geeignet, den Einfluss der Globalisierung auf die Präferenzstruktur hinsichtlich des Freizeitverhaltens zu untersuchen. Meine empirischen Ergebnisse zeigen, dass die wirtschaftliche Öffnung eines Landes nach aussen die subjektive Einschätzung der Wichtigkeit von Freundeskontakten nicht beeinflusst: Somit konnte ich ausschliessen, dass der durch die Globalisierung ausgelöste Wettbewerbsdruck die Präferenzstruktur der Menschen verändert. Das bedeutet: obwohl die Menschen wohl gerne genauso so viele und starke soziale Bindungen mit Freunden hätten wie vor dem Beginn des Globalisierungsprozesses, verhindert die Globalisierung die Realisierung dieses Wunsches, anscheinend durch ihren Einfluss auf die Struktur und Gangart des Arbeitsmarktes.

Aufgabe der Politik
Hier ist nun die Politik aufgerufen, einen sogenannten Markteingriff vorzunehmen: offensichtlich übt die wirtschaftliche Öffnung eines Landes eine negative Externalität aus auf die Investitionen in soziale Netzwerke – und damit wohl auch auf das Nutzenniveau der betroffenen Individuen, vielleicht sogar auf die Höhe des potenziell erreichbaren Wirtschaftswachstums. Die Entwicklung von Freundschaftsnetzwerken im Internet (Web 2.0) kann durchaus als Antwort einzelner Individuen auf das Abnehmen der persönlichen Kontakte mit Freunden in natura gesehen werden; das Web 2.0 stellt jedoch nur ein imperfektes Substitut dar. Eine Internalisierung dieser negativen Externalitäten der Globalisierung könnte nach klassischer mikroökonomischer Theorie mittels einer Besteuerung von Importen oder deren quantitativer Beschränkung erreicht werden – was politisch vor allem international kaum durchsetzbar wäre. Ein alternatives Instrument der Politik wäre, andere Kostenposten der Generierung von Freundschaftsnetzwerken zu senken, um die individuellen Investitionen in diese wieder zu erhöhen: zu denken wäre hier beispielsweise an einen kostenlosen Nahverkehr, an eine preisgünstige Telekommunikation, an eine Mehrwertsteuersenkung für bestimmte Freizeitangebote oder sogar an staatliche Freizeiteinrichtungen (bspw. Jugendclubs); diese könnten finanziert werden durch höhere Steuern auf Profit oder Kapital, den Globalisierungsgewinnern. Möglicherweise könnte auch eine Flexibilisierung von Arbeits- und Fortbildungszeiten oder die Einführung von Arbeitszeitkonten dazu dienen, dass das durch die Globalisierung verringerte Zeitbudget für Freizeit effektiver für die persönliche Freundschaftspflege genutzt werden kann, und somit die Investitionen der Individuen in dieses brückenschlagende Sozialkapital des jeweiligen Landes zumindest stabil bleiben.

Literatur

Fischer, Justina A.V., 2012a, The choice of domestic policies in a globalized economy: Extended Version, MPRA Paper 37816, University Library of Munich, Germany.

Fischer, Justina A.V., 2012b, Globalization and social networks, MPRA Paper 40404, University Library of Munich, Germany.

Fischer, Justina A.V. & Somogyi, Frank, 2012, Globalization and protection of employment, MPRA Paper 39426, University Library of Munich, Germany.

©KOF ETH Zürich, 7. Sep. 2012

 
Zerstört die Globalisierung die sozialen Bindungen des Menschen? 2.58 5 33

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Das deckt sich gut...

    [ ]

    ... mit meinen persönlichen Erfahrungen, vor allem, wenn es hierbei um den Umzug in eine andere Stadt oder sogar um eine längeren Aufenthalt im Ausland handelt. Es wird sehr zeitaufwendig und mitunter sogar teuer (man denke an lange Flüge oder Fahrten mit Bahn oder Auto), an wichtigen sozialen Veranstaltungen wie Hochzeiten, Geburtstagen, ... sowohl innerhalb der Familie als auch innerhalb des Freundeskreises teilzunehmen. Gerade für die weniger gut mit Geld ausgestatteten Menschen kann es also sehr schwer werden, langfristige soziale Kontakte zu pflegen.

    Im Gegenzug wächst natürlich die Bereitschaft, neue Menschen kennen zu lernen, und diese nach einiger Zeit vielleicht auch ins engere Vertrauen zu ziehen, was das soziale Netzwerk wieder stärkt. Gerade bei Studenten klappt das zum Glück ganz gut :). Lebenslange, tiefe Freundschaften zu entwickeln wird dadurch aber wohl nicht viel einfacher.

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Autor

Justina A. V. Fischer

Justina A. V.  Fischer

Schlagworte

Globalisierung, Internationaler-Handel, soziale-Netzwerke, Sozialkapital, World-Values-Survey

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