Rauchverbot und Umsätze in der Gastronomie

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Joachim Marti und Jörg Schläpfer, 11. Sept. 2012
Rauchverbot und Umsätze in der Gastronomie 4.40 5 5

Die Schweizer Stimmbevölkerung entscheidet am 23. September 2012 über die Volksinitiative “Schutz vor Passivrauch”.[ 1 ] Diese Initiative hat zum Ziel, die geltenden kantonalen Rauchverbote für öffentlich zugängliche Orte bundesweit zu harmonisieren. Danach dürften landesweit auch kleine Restaurants nicht mehr als Raucherbetrieb geführt werden, und speziell abgetrennte Raucherräume - die sogenannten Fumoirs - dürften nicht durch Mitarbeiter bedient werden.

Rauchverbote in öffentlich zugänglichen Orten gehören zu den effektivsten Methoden, um die gesundheitlichen Schäden des Rauchens zu reduzieren (Carpenter et al. 2011). Neben den gesundheitspolitischen Vorteilen ist auch die ökonomische Perspektive relevant. Es scheint plausibel, dass Raucher nach Rauchverboten weniger Zeit in Restaurants und Bars verbringen (Adda and Cornaglia, 2010). Hingegen konsumieren Nichtraucher tendenziell mehr in Restaurants und Bars, wenn sie nicht mehr durch Passivrauch beeinträchtigt werden (Corsun, 1996). Anzufügen bleibt, dass das höhere verfügbare Einkommen durch reduzierten Tabakkonsum bei einem fixen Budget zu höheren Ausgaben bei anderen Konsumgütern führt – und dazu zählt auch die Gastronomie.

Ob die Umsätze der Gastronomie unter einem Rauchverbot letztlich leiden oder nicht, wird vor der Volksabstimmung vom 23. September lebhaft diskutiert. In vielen Ländern wurden hierzu bereits Studien durchgeführt. Neben Pakko (2006) oder Tiezi (2009) offerieren vor allem Scollo et al. (2003) eine breite Übersicht mit über 97 enthaltenen Studien. Die Autoren verweisen auf die Finanzierungsquellen und die Güte der Studien, das heisst die Objektivität der Daten, die Anzahl Zeitpunkte, die statistischen Methoden und die Verwendung von Kontrollvariablen. Lediglich 3% der von einer unabhängigen Stelle finanzierten Studie finden einen negativen ökonomischen Einfluss des Rauchverbots.

Für die Schweiz haben bisher Schultz und Hartung (2010) eine Studie über den Einfluss des Rauchverbots auf die Gastronomie im Kanton Tessin publiziert. Die Autoren verwenden Umsatzdaten der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) und vergleichen die Umsätze im Tessin mit denjenigen der übrigen Schweiz. Sie finden keinen Beleg für einen negativen Einfluss des Verbots auf die Gesamtumsätze in der Gastronomie. In unserer Untersuchung bauen wir auf dieser Arbeit auf und verwenden Daten aller Kantone und über mehrere Zeitpunkte. Die Situation in der Schweiz ist besonders vielversprechend, um den Einfluss des Rauchverbots auf die Gastronomie zu testen. Schliesslich wurden bereits vor der nationalen Gesetzgebung ähnliche kantonale Gesetze zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingeführt.

Rauchverbot in der Schweiz

Seit dem 1. Mai 2010 müssen in der Schweiz alle öffentlich zugänglichen Orte, also auch jene der Gastronomie, rauchfrei sein. Jedoch können speziell abgetrennte Räume zum Rauchen - sogenannte Fumoirs – zugelassen werden, wenn sie gut belüftet sind. Zudem können Restaurants mit einer Fläche von unter 80 Quadratmetern weiterhin als Raucherbetrieb anerkannt werden. Die Kantone können eigene Rauchverbote erlassen, falls diese über die Bundeslösung hinausgehen. Eine Mehrheit der Kantone hat eigene Rauchverbote erlassen, zu verschiedenen Zeitpunkten und meistens vor dem Bundesgesetz. Das erste Rauchverbot in der Schweiz wurde am 12. April 2007 im Kanton Tessin eingeführt.

Die Schweizer Stimmbevölkerung entscheidet nun am 23. September 2012, ob ein Rauchverbot ähnlich den derzeit strengsten kantonalen Gesetzen eingeführt werden soll.  Dabei würde die Bedienung in Fumoirs sowie die Ausnahmen für kleine Restaurants, als Raucherbetriebe geführt zu werden, wegfallen. Die Volksinitiative „Schutz vor Passivrauch“ zur Harmonisierung des bisherigen föderalistischen Rauchergesetzes wurde von der Lungenliga initiiert, welche die Prävention und die Bekämpfung von Lungenkrankheiten anstrebt. Bundesrat und Parlament empfehlen den Stimmbürgern, die Volksinitiative abzulehnen. Die obersten politischen Behörden sehen es nicht als angebracht, das bestehende Bundesgesetz so früh nach Einführung bereits wieder anzupassen, zumal die bisherigen Erfahrungen damit grossmehrheitlich positiv sind.

Empirie: Was wir genau untersuchen

In unserer Untersuchung verwenden wir Umsatzdaten, welche anhand der Mehrwertsteuerabrechnung erhoben werden und die uns freundlicherweise von der Eidgenössischen Steuerverwaltung ESTV geliefert wurden. Verwendet werden auf Kantonsebene aggregierte Daten über den steuerbaren Umsatz, die halbjährlich für die Jahre 2005 bis 2010 ausgewiesen werden. Vorhanden sind separate Daten für die drei Branchen Restaurants[ 2 ] , Bars[ 3 ] sowie Diskotheken[ 4 ] .

Diese graduelle Implementierung der kantonalen Rauchverbote entspricht einem quasi-experimentalen Rahmen und ermöglicht es, die in der Ökonometrie verbreitete „Difference-in-Differences“-Methode (DID) anzuwenden. Dabei wird in unserem Fall die Entwicklung der Umsatzzahlen in der Gastronomie in denjenigen Kantonen, in denen ein Rauchverbot eingeführt wurde, verglichen mit der Entwicklung der Umsatzzahlen in den übrigen Kantonen. Gegenüber einfachen Vorher-Nachher-Vergleichen verstärkt dieser Ansatz die Glaubwürdigkeit einer kausalen Interpretation. Aber auch die Zuverlässigkeit dieser Methode unterliegt der Annahme, dass sich ohne Gesetzesänderung die Umsätze parallel entwickelt hätten (Abadie, 2005). Wenn, wie in unserem Fall, die Gesetzesänderungen an mehreren Zeitpunkten eingeführt wird, dann bietet sich ein DID-Schätzer mit einem sogenannten “Two-way fixed Effect” an. Dabei wird für zeitkonstante Unterschiede zwischen den Kantonen und für eine bestimmte Zeitperiode landesweite Effekte kontrolliert. Formell schätzen wir die folgende Gleichung für Kanton i und den halbjährlichen Zeitpunkt t:

Die Variable ban hat in Kanton i den Wert 1 ab dem Zeitpunkt t, ab welchem ein Rauchverbot eingeführt worden ist und vorher einen Wert von 0. Die abhängige Variable ist der natürliche Logarithmus des steuerbaren Umsatzes, separat für jede der drei Branchen und um den Landesindex der Konsumentenpreise deflationiert. Die Vektoren u und δ stehen für Effekte, die über den Kanton respektive den Zeitpunkt hinweg konstant sind, ε erfasst die idiosynkratischen Fehlerterme. Die Matrix x beschreibt sich verändernde kantonsspezifische Nachfrageindikatoren. Diese drei Kontrollvariablen sind die Einwohnerzahl, die Arbeitslosenquote und die Anzahl Hotelübernachtungen.

Zudem schätzen wir ähnliche Modelle mit einer nachgelagerten Variable zur Erkennung möglicher verzögerter Effekte. Zur Sensitivitätsprüfung der Resultate führen wir weitere Analysen mit Wachstumsraten als abhängige Variable durch und modifizieren die Variable für das Rauchverbot auf drei Arten: Eine kontinuierliche Variable für Rauchverbote, die innerhalb eines Halbjahres eingeführt worden sind. Wenn zum Beispiel ein Rauchverbot am 1. April eingeführt wurde, dann erhält die kontinuierliche Variable einen Wert von 0.5 im ersten Semester und einen Wert von 1 danach. Ausserdem zählen wir einmal nur das strikteste Rauchverbot in acht Kantonen als Rauchverbot im Hinblick auf die Forderung der Volksinitiative und implementieren eine sogenannte Placebo-Spezifikation, bei der wir ein „falsches Verbot“ zur Falsifikation generieren.

Resultate

Um einen ersten Einblick zu erhalten, stellen wir den Verlauf der durchschnittlichen Umsatzzahlen für jede der drei Branchen Restaurant, Bar und Diskothek dar, jeweils für Kantone, die an den beiden häufigsten Zeitpunkten ein Rauchverbot eingeführt hatten. Spezifisch wird in Abbildung 1 der durchschnittliche Umsatz der sechs Kantone gezeigt, welche im Verlaufe des Jahres 2009 ein Rauchverbot einführten (NE, VS, BE, UR, VD, GE) , sowie die Umsatzentwicklung derjenigen Kantone, welche im Verlaufe des Jahres 2010 ein effektives Rauchverbot implementierten (AG, AI, AR, BL, GL, JU, LU, NW, OW, SG, SH, SZ, TG, ZG, ZH) . Weil im zweiten Halbjahr die Umsatzzahlen systematisch grösser sind, wurden sie saisonal bereinigt. Zudem wurden die Umsatzzahlen zu Beginn des Betrachtungszeitraumes auf 100 indexiert, um den Grössenunterschied zwischen den Kantonen auszugleichen.

Abbildung 1: Entwicklung der durchschnittlichen Umsatzzahlen der Kantone, die im Verlaufe des Jahres 2009 (rot) respektive im Verlaufe des Jahres 2010 (blau) ein Rauchverbot erliessen.

Quelle: Eigene Darstellung nach Daten der ESTV

Die Umsätze der Restaurants sind zu beiden Einführungszeitpunkten von der Einführung des Rauchverbots nicht betroffen. Schliesslich verlaufen die Umsatzzahlen ab Mitte des Betrachtungszeitraumes parallel. Die Umsätze jener Bars, die im Verlaufe des Jahres 2009 mit einem Rauchverbot belegt worden sind, gingen in der zweiten Hälfte des Jahres 2009 zurück,allerdings erholten sich die Umsatzzahlen im darauffolgenden Halbjahr wieder. Zudem ist ein solcher Umsatzeinbruch bei der zweiten Gruppe bei ihrer Verbotseinführung im zweiten Halbjahr 2010 nicht zu beobachten. Abbildung 1 gibt Hinweise darauf, dass Diskotheken unter dem Rauchverbot leiden, weil im zweiten Halbjahr 2009 die durchschnittlichen Umsätze nur der Gruppe mit einem Rauchverbot im Verlaufe des Jahres 2009 gesunken sind. Eine mögliche Erklärung ist, dass insbesondere in Diskotheken die Besucher gerne rauchen würden.

Obige Abbildung muss mit Schätzmethoden ergänzt werden, um möglicherweise störende Faktoren auszugrenzen. Die Regression in Tabelle 1 untersucht den Einfluss des Rauchverbots auf die über die drei Branchen aggregierten Umsätze. Es ergeben sich keine statistisch signifikanten Effekte für das Rauchverbot. Aber die Koeffizienten sind alle negativ und zeigen eine Umsatzreduktion zwischen 2.5 und 4% an. Es könnte also ein negativer Effekt vorhanden sein, den unsere Daten aber nicht genau genug schätzen können. Die drei Kontrollvariablen besitzen die erwarteten Vorzeichen.

Tabelle 1: Einfluss des Rauchverbots auf Gesamtumsätze

Nachdem die Gesamtumsätze nicht statistisch signifikant vom Rauchverbot betroffen sind, lohnt sich eine Analyse der Umsätze in den einzelnen Branchen. Folglich werden in Tabelle 2 die gleichen drei Modelle jeweils einzeln für Restaurants, Bars und Diskotheken geschätzt. Es zeigt sich für Restaurants und Bars, dass der geschätzte Einfluss des Rauchverbots konsistent nahe bei Null liegt und nicht statistisch signifikant ist. In Panel C zeigt sich eine gewisse Evidenz für einen negativen Effekt auf Diskotheken. Die Reduktion ist statistisch signifikant und mit 15% auch betriebswirtschaftlich einschneidend, aber der Einbruch setzt sich in der nächsten Periode nicht weiter fort.

Tabelle 2: Einfluss des Rauchverbots auf Umsätze – nach Branche

Anmerkungen: Die robusten Standardfehler, gruppiert nach Kantonen, sind in Klammern angegeben. Jede Zahl zeigt eine Schätzung von einer separaten Regression. Die Kontrollvariablen (Arbeitslosigkeit, Bevölkerung, Hotelübernachtungen) werden nicht ausgewiesen (Model 2 und 3) sowie auch nicht die binären Variablen für alle Kantone und alle Zeitpunkte (in allen Modellen).  ***1%, **5%, *10%

Die Ergebnisse werden auch in einem Sensitivitätstest bestätigt. Es besteht demnach ein negativer, aber nicht statistisch signifikanter Einfluss auf Umsätze für Restaurant und Bars und eine gewisse Evidenz für einen beachtlichen negativen Einfluss auf Diskotheken.

Tabelle 3: Einfluss des Rauchverbots auf Umsätze – Sensitivitätsanalysen

Schlussfolgerung

Wir finden keine Evidenz, dass die Schweizer Rauchverbote der Jahre 2007 bis 2010 einen statistisch signifikanten Einfluss auf die aggregierten Umsätze der Schweizer Gastronomie hatten. Dieses Ergebnis bestätigt die Erkenntnisse aus früheren Studien, die in anderen Ländern durchgeführt wurden, sowie aus einer Untersuchung für den Kanton Tessin von Schulz und Hartung (2010). Diese Einschätzung bleibt auch bei einer Fokussierung auf Restaurants und Bars bestehen. Hingegen liefern die Resultate Hinweise, dass Diskotheken  unter dem Rauchverbot leiden könnten.

Zwar sind die Resultate für die wichtigsten Branchen der Gastronomie nicht signifikant. Aber es bleibt festzuhalten, dass die meisten geschätzten Koeffizienten für das Rauchverbot negativ sind. Zumindest zeigen die Ergebnisse klar auf, dass das Rauchverbot keinen positiven Einfluss auf die Umsätze der Restaurants bewirkte.

Die ökonomischen Auswirkungen der Rauchverbote sind relevant für die Volksabstimmung. Aber diese Studie ignoriert mehrere für die Stimmbevölkerung relevante Aspekte, namentlich:

  • Der positive Einfluss des Rauchverbots auf die Gesundheit der Gastronomiemitarbeiter und der Bevölkerung generell.
  • Die normative Diskussion über Eigenverantwortung, sowie die föderalistische und paternalistische Staatsausrichtung.
  • Gastronomiebetriebe können auch bei gleichbleibendem Umsatz negativ betroffen sein durch rasch ändernde Gesetze, beispielsweise wenn vergeblich in bediente Fumoirs investiert wurde.

Diese Studie basiert auf kantonal aggregierten Umsatzzahlen, was Aussagen über marktinterne Veränderungen ausschliesst. Dabei ist der Gedanke verbreitet, dass diejenigen Gastronomiebetriebe Marktanteile eingebüsst haben, die von kleinen Firmen umgeben sind, welche weiterhin als Raucherbetrieb geführt werden. Zur Beschreibung der Entwicklung innerhalb des Marktes sowie zur weiteren statistischen Präzisierung wäre weitergehende Forschung mit individuellen Firmendaten erstrebenswert.

Literatur

Abadie, Alberto. 2005. Semiparametric difference-in-differences estimators. Review of Economic Studies, 72: 1-19.

Adda, Jerome und Francesca Cornaglia. 2010. The Effect of Bans and Taxes on Passive Smoking. American Economic Journal: Applied Economics: American Economic Association, 2(1): 1-32.

Carpenter, Christopher, Sabina Postolek und Casey Warman. 2011. Public-place smoking laws and exposure to environmental tobacco smoke (ETS). American Economic Journal: Economic Policy, 3: 35-61.

Corsun David L., Cheri A. Young und Cathy A. Enz. 1996. Should NYC's restaurateurs lighten up? Effects of the city's Smoke-free Air Act, Cornell Hotel and Restaurant Administration Quarterly, 37: 25-33.

Pakko, Michael R. 2006. On the economic analysis of smoking bans, Federal Reserve Bank of St. Louis Regional Economic Development, 2(2): 115-130.

Schulz, Peter J. und Uwe Hartung. 2010. Einfluss des Rauchverbots auf die Gastronomieumsätze im Tessin: Evidenz aus der Umsatzsteuer-Statistik der Eidgenössischen Steuerverwaltung. Bericht für den Tabakpräventionsfonds.

Schweizerischer Bundesrat. 2011. Botschaft 11.025 zur Volksinitiative «Schutz vor Passivrauchen».

Scollo, Michelle, Anita Lal, A. Hyland und S. Glantz. 2003. Review of the quality of studies on the economic effects of smoke-free policies on the hospitality industry. Tobacco Control, 12: 13-20.

Tiezzi, Silvia. 2009. The Economic Impact of Clean Indoor Air Laws: A Review of Alternative Approaches and of Empirical findings, Department of Economics University of Siena, 570.


  • 1  Die Autoren danken der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) für die Umsatzdaten. Joachim Marti dankt dem Schweizerischen Nationalfonds für ein Stipendium für angehende Forscher.
  • 2  NOGA 561001, 561002, 561003 (5530A, 5530B): Restaurants, Restaurants mit Beherbergungsangebot, Snack Bars, Tea-Rooms und Gelaterias.
  • 3  NOGA 563001 (5540A): Bars
  • 4  NOGA 563002 (5540B): Diskotheken, Tanz- und Nachtclubs

©KOF ETH Zürich, 11. Sep. 2012

 
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Schlagworte

Gastronomie, Rauchverbot, Umsatz

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