Helfen deregulierte Arbeitsmärkte in den südlichen Eurostaaten bei der Bekämpfung der Eurokrise?

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Justina A. V. Fischer, 26. Sept. 2012
Helfen deregulierte Arbeitsmärkte in den südlichen Eurostaaten bei der Bekämpfung der Eurokrise? 2.50 5 34

Troika schlägt Deregulierung der Arbeitsmärkte vor

Die Troika hat zur Bekämpfung der Eurokrise in den Südstaaten Griechenland, Italien, Portugal, und Spanien neben einer rigorosen Sparpolitik auch eine Deregulierung der jeweiligen nationalen Arbeitsmärkte vorgeschlagen. Beispielsweise empfiehlt die Troika im Falle von Griechenland, dem prominentesten Sorgenkind unter den Euroländern, landesweit Kündigungsfristen zu halbieren, Abfindungen stark zu senken, die 6-Tages-Woche wieder einzuführen, und das Renteneintrittsalter von 65 Jahren auf 67 Jahre zu heben; zudem sollen auf betrieblicher Ebene Arbeitstage mit bis zu 13 Stunden möglich werden. Direkt und indirekt wirken diese Reformen wie eine Absenkung der Lohn(stück)kosten für den Unternehmer. Ist jedoch eine solche Arbeitsmarktderegulierung in den südlichen Eurostaaten geeignet, die Eurokrise erfolgreich zu bekämpfen? 

Die Eurokrise als Schuldenkrise 

Die von der EU, der EZB und dem IWF vor allem zu Beginn der Krise forcierte ‚Sparpolitik‘ zielte auf eine Kürzung der Staatsausgaben, so dass die Schulden schneller hätten abgebaut werden können, während die jetzt eher im Fokus stehenden Restrukturierungsprogramme auf ein höheres Wirtschaftswachstum abzielen, das erst langfristig wiederum die Staatsausgaben senken und die Staatseinnahmen erhöhen würde.

Da sich alle vier Südstaaten grundsätzlich in ihren Fundamentaldaten unterscheiden, muss eine Bewertung der vorgeschlagenen Arbeitsmarktreformen für jedes Land separat vorgenommen werden; ein gewisses Überspitzen der Darstellung soll der Anschaulichkeit dienen.

Griechenland

Die griechische Wirtschaft lebt heute vom Billigtourismus (‚Meer, Essen, und Sonne‘), Olivenöl, Schafskäse und den Werften. Die bis 2002 florierende Textilindustrie verlor nach dem Euroeintritt zusehends an Wettbewerbsfähigkeit und wanderte in andere Länder ab. Von 2011 bis 2012 leistete mit etwa 23% der Wirtschaftssektor ‚Gastgewerbe, Handel und Transport‘ den mit Abstand größten Beitrag zur Entstehung des griechischen BIP. In Griechenland sind die Wirtschaftssektoren ‚Landwirtschaft‘ und ‚Badetourismus‘ eher arbeitsintensiv und lassen wenig Spielraum für produktivitätssteigernde Rationalisierungen zu: der Tourist möchte von Menschen bedient und umsorgt werden, und sowohl der Olivenanbau wie auch das Halten von Schafen sind in der hügeligen und kargen Landschaft Griechenlands mit den heutigen technischen Möglichkeiten arbeitsintensiv. 

 Damit kommt der Lohnhöhe eine entscheidende Rolle bei der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands zu; die Nachbarländer Türkei und Bulgarien bieten nämlich die gleichen Produkte billiger an. Bedingt durch die jetzige Wirtschaftsstruktur, sind im Prinzip die vorgeschlagenen Arbeitsmarktreformen, welche die Lohnkosten senken – so schmerzhaft sie auch sein mögen – für Griechenland der richtige Weg, um wieder internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen; einen vergleichbaren wirtschaftlichen Effekt hätte der Austritt aus der Eurozone verbunden mit einer Währungsabwertung (siehe Xouridas, 2012, für eine Diskussion des Austrittsszenarios).

Italien

Wie auch Griechenland lebt Italien vom arbeitsintensiven Tourismus sowie vom Export von verarbeiteten Agrarprodukten wie Olivenöl, aber auch Wein und Pasta, etc. Italien hat sich jedoch vom Billigsegment erfolgreich verabschiedet und verkauft weltweit hochpreisige Qualitätslebensmittel und Designgüter, beziehungsweise zieht weltweit bildungsnahe und zahlungskräftige Ausländer zum Kultur- und Modekonsum ins Land: der Export trägt als wichtigster Wirtschaftszweig etwa 25% zum BIP bei, während die Tourismusindustrie mehr als 9% generiert. Neben der Lebensmittelindustrie und dem Tourismus sind auch die Textilindustrie und der Fahrzeug- und Maschinenbau relevante Wirtschaftssektoren. Die vorherrschende Familienbetriebsstruktur bedingt, dass für Rationalisierungen wenig Spielraum besteht.

Im Gegensatz zu Griechenland hat Italien im Export und Bildungstourismus keine oder wenige Mitwettbewerber, so dass der internationale Wettbewerb nur einen geringen Rationalisierungs- oder Lohndruck ausüben sollte. Für italienische Luxusprodukte wird international gerne ein höherer Preis gezahlt, auch wenn die chinesische Billigindustrie die italienische Exportindustrie in den letzten Jahren unter Druck gesetzt hat: Nicht ohne Grund gehen die italienischen Exporte vor allem in die EU, aber auch zunehmend in die wirtschaftlich aufstrebenden Staaten Russland, Türkei und die Mercosur Staaten.

Bei einer Diskussion über die Höhe der italienischen Lohnstückkosten sollten diese folglich ins Verhältnis gesetzt werden zur Zahlungsbereitschaft der Besserverdiener. Eine sinnvolle Wirtschaftspolitik sollte, zwecks Abgrenzung von billiger Massenproduktion, eher auf eine Qualitätssteigerung der italienischen Hochpreisgüter setzen als auf eine Lohnstückkostensenkung mittels Arbeitsmarktderegulierung. Zudem haben bereits jetzt 2,5 Millionen Arbeitnehmer nur befristete Verträge. Daher befürchten die italienischen Gewerkschaften nicht zu Unrecht, dass das Argument des internationalen Wettbewerbs dazu missbraucht würde, um per Absenkung des Lohnniveaus eine Umverteilung von ‚unten nach oben‘ herbeizuführen – und das in Wirtschaftsbereichen, die eigentlich jetzt schon international wettbewerbsfähig sind. Für die Belebung der italienischen Export- und Tourismusindustrie ist also vor allem eine Qualitätsoffensive zu empfehlen.

Spanien und Portugal

Wie auch in den anderen Südstaaten der Eurozone ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig Spaniens, aber ebenso das Bauwesen, die Kommunikations- und Informationstechnik, die metallverarbeitende Industrie, der Maschinenbau, die Petrochemie, und die Landwirtschaft. Etwa 50% der spanischen Ausfuhren umfassen sogenannte Halbfabrikate, die in anderen Ländern weiterverarbeitet werden (Zulieferindustrie), und etwa jeweils 10% sind Landwirtschaftsgüter respektive Kraftfahrzeuge. Über 50 Millionen Touristen besuchen jedes Jahr Spanien – etwa die eine Hälfte als Kulturtouristen das Inland, und die andere als Badetouristen Küsten und Inseln. Die spanische Landwirtschaft –  zumeist Anbau von Gemüse für den EU-Markt –  wird in touristisch unattraktiveren Regionen auf großen Anbauflächen kapitalintensiv betrieben (Stichwort: Hydrokultur); beispielsweise ist die Region Almeria die agrarintensivste Europas, mit bis zu 5 Ernten pro Jahr. Weite Teile des vergangenen Wirtschaftswachstums in Spanien wurden durch den spekulativen Bauboom getragen – eine Blase, die zwischenzeitlich geplatzt ist.

Portugals Wirtschaft ist ähnlich strukturiert wie die spanische, mit einer dominierenden Landwirtschaft (Fischerei, Wein- und Korkindustrie, Südfrüchte) und einer Zulieferindustrie (Chemie, Elektrotechnik, Auto). Portugals Exporte gehen zu 80% in die EU bzw. zu 40% nach Spanien.

Berücksichtigen wir die starke Rolle der kapitalintensiv produzierenden Zulieferbetriebe und der industriell betriebenen Landwirtschaft für die Wirtschaft beider Länder, so scheint mir eine Innovations- und Rationalisierungspolitik sowie eine Bildungspolitik zur Steigerung der Produktivität (oder Qualität) wichtiger als eine allgemeine Lohnsenkungspolitik per Arbeitsmarktderegulierung. Tatsächlich hatte Spanien bereits bis zur Finanzkrise 2007/08 erhebliche Produktivitätszuwächse mittels einer vernünftigen Bildungspolitik zum Aufbau des Humankapitals aufzuweisen. Es muss sogar der Vorwurf der bis zur Unwirtschaftlichkeit gestiegenen Arbeitskosten entschieden zurückgewiesen werden – vor allem der spanische Exportsektor wuchs in etwa mit derselben Geschwindigkeit wie der deutsche im vergleichbaren Zeitraum, während Portugal in 2012 wohl ein Handelsbilanzüberschuss erzielen wird.

Möglicherweise jedoch können für die ausschließlich vom arbeitsintensiven Badetourismus lebenden Inseln und Küstenstreifen regional (oder auch nur sektorspezifisch für den Dienstleistungsbereich) gültige niedrigere Lohnabschlüsse vereinbart werden. Die Exportindustrien beider Länder sollten zudem neue Märkte in nicht-EU Ländern erschließen, um die wirtschaftliche Abhängigkeit von der EU als de facto alleinigen Exportmarkt abzubauen. Insgesamt ist also für Spanien und Portugal eine allgemeine Arbeitsmarktderegulierung und Lohnsenkung als ökonomisch nicht notwendig zu einzuschätzen; eine produktivitätsfördernde und innovationsfreundliche Wirtschaftspolitik ist zu empfehlen.

Fazit

Gerade aufgrund der sehr unterschiedlichen Struktur und Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaften in den jeweiligen südlichen Staaten der Eurozone wird eine allgemeine Deregulierung des Arbeitsmarktes das Problem der Eurokrise nicht lösen können. In einigen Fällen kann der Verdacht nicht von der Hand gewiesen werden, dass es sich hierbei nur bedingt um eine wirtschaftliche Notwendigkeit handelt, sondern eher um eine große Umverteilungsmaßnahme von Arbeitnehmern hin zu Arbeitgebern, hin zu Eigentümern, hin zu spekulierenden Banken. Auch hätten eine allgemeine Lohnabsenkung sowie eine starke Lockerung des Kündigungsschutzes unter Umständen langfristig negative gesamtgesellschaftliche Auswirkungen, beispielsweise auf die Sozialsysteme, das Gesundheitssystem, die Fertilitätsrate, die privaten Bildungsinvestitionen, sowie das zukünftige Rentenniveau.

Zudem ist fraglich, ob eine Firma ihre Ansiedlungsentscheidung innerhalb der EU ausschließlich von der Existenz eines flexiblen Niedriglohnsektors abhängig machen würde. Für Europa als Standort sprechen andere Faktoren wie Bildungsniveau, Infrastruktur, politische und soziale Stabilität, die Nähe zu den Absatzmärkten, aber auch Lebensqualitätserhöhende lokale Kulturgüter und Bildungsangebote sowie Umweltqualität.

Niedrige Löhne für eine arbeitsintensive Industriemassenproduktion sind derzeit wesentlich billiger in China und Vietnam zu haben. Für die kapitalintensive exportorientierte Industrieproduktion ist also eher eine Rationalisierungs- und Innovationspolitik zu empfehlen, die eventuell in der Vergangenheit stattgefundene wirtschaftlich nicht gerechtfertigte Lohnsteigerungen mittels Produktivitätszuwächse wieder kompensiert. Jedoch für den Massenbilligtourismus, der in erster Linie über den Lohn im Dienstleistungssektor im internationalen Wettbewerb konkurriert, kann eine Lohnabsenkung sinnvoll sein, da hier die Rationalisierungsspielräume sehr beschränkt sind.

Literatur

Ausführliche Version und Belegstellen in:

Fischer, J. A.V., 2012, Ist eine Deregulierung der Arbeitsmärkte in den südlichen Staaten der Eurozone zur Bekämpfung der Eurokrise sinnvoll?, MPRA Paper 41543, University Library of Munich, Germany.

 

Dieser Beitrag basiert auf einem kürzeren Gastkommentar, der im International Trade News: Journal of Economics [ a ]erschienen ist (am 4. Oktober 2012 in der Printversion).

©KOF ETH Zürich, 26. Sep. 2012

 
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Justina A. V. Fischer

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Schlagworte

Arbeitsmarkt, Deregulierung, Eurokrise

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