Können Sie es nicht mehr hören? Die Warnungen vor dem bevorstehenden Untergang der Euro-Zone?[ 1 ] Sind Sie krisenmüde und überzeugt, Ökonomen (und Ökonominnen) müsse man nicht mehr zuhören? Schließlich ist es ja doch immer irgendwie wieder weitergegangen, und Europa ist eben doch nicht untergegangen. Die Ökonomen streiten ja nur.
Leider kann man leicht zu dieser Haltung gelangen. Aber leider ist auch leicht erkennbar, dass sich viele Warnungen erfüllt haben, dass sich die Krise kontinuierlich verschärft hat, obwohl immer größere "Waffen" aufgefahren und auch eingesetzt wurden. Schon zum zweiten Mal in den letzten Monaten sah sich die Europäische Zentralbank (EZB) gezwungen, massiv zu intervenieren. Zuerst, um die Liquidität des Bankensystems zu sichern, und zuletzt, um die Refinanzierungskosten von Staaten zu dämpfen. Nun herrscht wieder die Hoffnung, dass es reichen wird, dass die EZB den Zusammenhalt sichert und die Politik weitgehend aus dieser Verantwortung entlässt. Eine Lösung sieht anders aus.
Der vom Institute of New Economic Thinking einberufene europäische Krisenrat aus 17 Ökonomen/innen[ a ] stand vor der Aufgabe, eine tragfähige Lösung zu präsentieren. Er ließ sich dabei vom Prinzip leiten, nur die ökonomisch minimal erforderlichen Interventionen vorzunehmen und zwischen dem langfristigen Ziel und dem kurzfristig notwendigen Weg zu unterscheiden. Denn es gilt, zwei getrennte Aufgaben zu bewältigen: Erstens sind die Lasten, die aufgrund des verfehlten Regelwerks der Euro-Zone entstanden sind, abzutragen, und zweitens muss das Regelwerk verbessert werden.
Langfristig soll das Regelwerk der Euro-Zone keine Vergemeinschaftung vorsehen. Eurobonds sind nicht erforderlich, vielmehr sind allfällige Krisen sowohl von Staaten wie auch von Banken mit je einem Insolvenz- und Restrukturierungsregime zu bewältigen. Dies erfordert zwar in beiden Fällen eine zeitlich begrenzte und an Bedingungen geknüpfte Brückenfinanzierung. Für die Finanzinstitute sollte der Restrukturierungfonds als Teil einer Bankenunion langfristig allerdings über Beiträge der Institute finanziert werden. Vor allem aber sollten diese Insolvenz- und Restrukturierungsregime Krisen verhindern, indem sie Fehlanreize zur übermäßigen Verschuldung beseitigen. Offensichtlich hätten sie jedoch den gegenteiligen Effekt, wenn sie kurzfristig eingeführt würden: Um stabilisierend zu wirken, müssen erst die Lasten aus der Vergangenheit in den Bilanzen des Finanz- und des öffentlichen Sektors abgebaut werden.
Kurzfristig sind deshalb weitergehende Interventionen notwendig, die diesen Schuldenabbau sowohl ökonomisch wie auch politisch ermöglichen. Über die nächsten fünf Jahre müssen die Problemländer massive Konsolidierungen und Strukturreformen vorantreiben, und das bei lahmender Konjunktur und hoher Arbeitslosigkeit. Ein Großteil dieser Anpassungskosten ist unumgänglich und nicht auf die Mitgliedschaft in der Euro-Zone zurückzuführen.
Allerdings stimmt diese Aussage für die Zinsaufschläge nicht. In einem neuen Bericht zeigt der Internationale Währungsfonds (IWF), dass die Zinsaufschläge der allermeisten Problemländer nur zu zehn bis 20 Prozent hausgemacht sind. Zu 80 bis 90 Prozent werden etwa die spanischen und italienischen Zinsen durch die Euro-Zone bestimmt. Neben Verflechtungen über Finanz- und Handelsströme sind hier Ansteckungseffekte und Erwartungen der Märkte über den Zusammenhalt der Zone entscheidend. Plakativ gesagt, die spanischen und italienischen Zinsen sind zu einem Großteil "made in Greece und Germany" und können selbst bei Wohlverhalten der Länder nicht sicher gesenkt werden.
Da hohe Zinsaufschläge aber die Anpassungslast erhöhen, ist es folgerichtig, dass die Euro-Zone Instrumente schafft, um sie zu kontrollieren. Der Krisenrat hat sich primär für eine fiskalische Lösung, nämlich für den Schuldentilgungspakt des Sachverständigenrates ausgesprochen. Dieser hat gegenüber monetären Interventionen der EZB den Vorteil, dass er nicht nur kurzfristig die Zinsaufschläge reduziert, sondern auch den Schuldenabbau vorschreibt und damit eine Brücke in das langfristige Regime baut.
Es war keineswegs selbstverständlich, dass der europäische Krisenrat funktioniert. Wenn sich streitbare Ökonomen zum europäischen Wohl einigen können, dann sollte das ein Zeichen der Hoffnung für Europa sein. Und ein Grund, doch zuzuhören.
- 1 Dieser Beitrag ist erstmals als Gastkommentar am 15. August 2012 im Handelsblatt erschienen.
©KOF ETH Zürich, 19. Sep. 2012

-
-
-
Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.Vertrauen
geschrieben von AntonKeller am 19. Sep. 2012, 11:21Weshalb sollen Anleger in die italienischen oder spanischen Institutionen vertrauen? Bei Wohlverhalten der Länder kann der Zinsendienst sicherlich gesenkt werden.
Transparenz bei der Ökonomenstimme
geschrieben von tentman am 19. Sep. 2012, 12:33der vorliegende artikel bietet die möglichkeit das thema TRANSPARENZ bei der ÖKONOMENSTIMME anhand eines konkreten beispiels anzusprechen.
dazu folgender vorschlag. direkt unter dem artikel könnte man folgende informationen anführen:
(1) die tätigkeit der autorin für die UBS
(2) die mitgliedschaft der autorin im INET Council on the Euro Zone Crisis
(3) die tätigkeit ihres partners bei der ECB
damit wäre für jeden leser kurz und knapp direkt nach der lektüre des artikels sichtbar, welche verbindungen die autorin besitzt.
die bisherige darstellung auf der ökonomenstimme bietet nur einen zugang zur information (1). dies auch erst dann, wenn man auf das bild bzw den namen der autorin klickt. punkt (2) und punkt (3) bleiben hier bei der ÖKONOMENSTIMME völlig IM DUNKELN.
ich halte die bisherige darstellung für wenig transparent. sie ist nicht ausreichend, um das verloren gegangene vertrauen in die volkswirte zu verbessern.
es wäre deshalb wünschenswert und hätte eine signalwirkung, wenn eines der gründungsmitglieder der ökonomenstimme mit
gutem beispiel vorangeht und für mehr transparenz sorgt.
Quellen:
zu 2: http://ineteconomics.org/council-euro-zone-crisis/members
zu 3: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-37494678.html
zu 3: http://www.filippodimauro.com/My_personal_page_FdM/Curriculum_Vitae.html
AW:Transparenz bei der Ökonomenstimme
geschrieben von diselin am 19. Sep. 2012, 12:53Sehr geehrte/r Frau/Herr Tentman
Danke für Ihren Kommentar, auf den wir gerne Antwort geben:
1. Frau Weder di Mauro hat auf ihrer Profilseite ihre wichtigsten Stationen, darunter die UBS, transparent aufgeführt. Von daher sehen wir da keinen Handlungsbedarf.
2. Der INET Council on the Euro Zone Crisis ist ein in akademischen Kreisen breit abgestützter Rat. Gerne setzen wir hier einen Link im Text zu der Gruppe.
3. Solche Verbindungen sind Privatsache. Die werden von uns auf der Ökonomenstimme nicht kommentiert. Zudem sind alle Beteiligten genügend professionell, um Privates von Beruflichem zu trennen.
Freundliche Grüsse
Die Ökonomenstimme