Der deutsche Arbeitsmarkt: Sklerose und hohe Volatilität

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Hermann GartnerChristian Merkl und Thomas Rothe, 3. Sept. 2012
Der deutsche Arbeitsmarkt: Sklerose und hohe Volatilität 3.80 5 10

Konjunkturelle Schwankungen gehen mit großen Aufs und Abs auf dem Arbeitsmarkt einher (siehe Shimer 2005 für die USA). Das erhöhte Risiko des Jobverlustes in Rezessionen kann hohe ökonomische und soziale Kosten mit sich bringen. Dennoch gibt es bisher in der ökonomischen Literatur so gut wie keine Studien zu den länderspezifischen Unterschieden der zyklischen Arbeitsmarktdynamik.

Eine naheliegende Erwartung ist, dass – bedingt durch die geringere Flexibilität auf dem deutschen Arbeitsmarkt – die zyklischen Schwankungen (Volatilität) am Arbeitsmarkt in Deutschland geringer ausfällt als in den USA. Es ist jedoch genau das Gegenteil der Fall: Ein Vergleich des deutschen und des US-amerikanischen Arbeitsmarktes zwischen 1980 und 2004 zeigt (siehe Gartner et al., 2012), dass die Volatilität des Arbeitsmarktes in Deutschland etwa doppelt so hoch ist wie in den Vereinigten Staaten. Gleichzeitig sind die Arbeitsmarktflüsse in Deutschland deutlich geringer als in den USA. Das heißt der Anteil der Arbeitslosen, die in einem Quartal die Arbeitslosigkeit verlassen (Einstellungsrate), ist geringer. Ebenso ist die Zahl der Personen die bezogen auf die Beschäftigten in einem Quartal arbeitslos werden (Trennungsrate), geringer. So lag im Zeitraum von 1980 bis 2004 in Deutschland die Trennungsrate bei etwa 2 Prozent, in USA betrug sie etwa 10 Prozent. Das Phänomen geringerer Übergangsraten in den kontinentaleuropäischen Ländern wird auch als Sklerose bezeichnet. Wir zeigen, dass Sklerose und große konjunkturelle Schwankungen auf dem Arbeitsmarkt zwei Seiten derselben Medaille sind.

Abbildung 1 zeigt die konjunkturellen Komponenten der Einstellungs- und Trennungsraten (berechnet als logarithmierte Abweichungen vom Trend des Hodrick-Prescott-Filters) für Deutschland (konstruiert aus der IAB-Beschäftigtenstichprobe IABS) und die USA (aus Shimer 2005) von 1980 bis 2004. Bei beiden Größen lässt sich eine höhere Volatilität des deutschen Arbeitsmarktes erkennen.

Abbildung 1: Zyklische Einstellungs- und Trennungsraten in Westdeutschland und in den Vereinigten Staaten

Anmerkungen: Quartalsdaten, saisonal bereinigt mit censusX12, logarithmierte Abweichungen vom HP-Trend mit λ=105, log(X/Xhp). 1980 bis 2004; die Einstellungsrate wird berechnet als Anteil der Abgänge aus Arbeitslosigkeit an allen Arbeitslosen, die Trennungsrate als Zugänge in Arbeitslosigkeit bezogen auf die Zahl der Beschäftigten. Siehe Gartner et al. (2012). Für die US-Daten, siehe Shimer (2005) und http://sites.google.com/site/robertshimer/research/flows[ a ].


Tabelle 1 bestätigt das Bild: Sowohl die Standardabweichung der zyklischen Komponente der Einstellungs- als auch der Trennungsrate ist in Deutschland deutlich größer als in den USA. Das Gleiche gilt für die Arbeitslosigkeit und die Vakanzen. Interessanterweise ist die höhere Volatilität nicht auf größere Schwankungen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zurückzuführen. Die zweite Zeile in Tabelle 1 zeigt, dass sich der Unterschied sogar vergrößert, wenn man die Standardabweichungen der Arbeitsmarktvariablen relativ zur Standardabweichung des BIPs betrachtet. Das Ergebnis bleibt unberührt, wenn man die Produktivität anstelle des BIPs verwendet (siehe dritte Zeile von Tabelle 1) oder wenn anders definierte Daten genutzt werden (s. z.B. Gartner, Merkl und Rothe 2009, Nordmeier 2012 oder Jung und Kuhn 2010).

Tabelle 1: Volatilität von Arbeitsmarktvariablen in Deutschland und den USA

Anmerkungen: Quartalsdaten, saisonbereinigt mit censusX12, logarithmierte Abweichungen vom HP-Trend mit λ=105, log(X/Xhp). 1980 bis 2004;Daten für Westdeutschland: Arbeitslosigkeit nach Definition der ILO; Vakanzdaten von der Bundesagentur für Arbeit, Berechnung der Einstellungs- und Trennungsrate siehe Anmerkungen bei Abbildung 1, BIP und Arbeitsproduktivität ohne Landwirtschaft, öffentlichen und sozialen Dienst vom Statistischen Bundesamt. Daten für die USA: s. Shimer (2005) und http://sites.google.com/site/robertshimer/research/flows[ a ].


Wir zeigen in einem Modell, dass niedrige Arbeitsmarktflüsse und eine hohe konjunkturelle Volatilität auf dem Arbeitsmarkt zwei Seiten derselben Medaille sind (siehe Gartner, Merkl und Rothe, 2012). Der Grund dafür ist, dass niedrige Arbeitsmarktflüsse mit stabilen Beschäftigungsverhältnissen einhergehen. Entscheidend dafür, ob Firmen einstellen oder entlassen, ist der Barwert der erwarteten Gewinne aus einem Beschäftigungsverhältnis – oder kurz: der Wert eines Jobs.

Wird die Ökonomie z.B. von einem persistenten aggregierten Produktivitätsschock getroffen, ist der Effekt des Schocks auf den Wert eines Jobs umso größer, je höher die erwartete Beschäftigungsdauer ist. Warum ist dies der Fall? Man stelle sich eine Ökonomie mit einperiodigen Beschäftigungsverhältnissen vor (es lösen z.B. alle Beschäftigten ihr Arbeitsverhältnis nach einer Periode auf). In dieser Ökonomie sind nur kontemporäre Änderungen der aggregierten Produktivität für das Verhalten der Firma von Bedeutung. Beenden die Beschäftigten ihre Arbeitsverhältnisse dagegen nur selten (d.h. Arbeitskräfte bleiben für mehrere Perioden in derselben Firma), ist auch die erwartete Produktivität in späteren Perioden relevant, d.h. der Wert eines Jobs wird durch einen persistenten Schock stärker beeinflusst. Deshalb reagiert das Einstellungs- und Entlassungsverhalten von Firmen bei langandauernden Beschäftigungsverhältnissen stärker auf makroökonomische Schocks (für einen analytischen Beweis sei auf Gartner et al. 2012 verwiesen).

Es wäre interessant, diese Hypothese anhand von vergleichbaren Quartalsdaten aus mehreren Ländern zu testen. Da solche Quartalsdaten nicht vorliegen, werden im Folgenden Jahresdaten von Elsby et al. (2009) verwendet. Abbildung 2 zeigt, dass die konjunkturelle Volatilität der Trennungsrate umso höher ist, je länger die durchschnittliche Dauer eines Beschäftigungsverhältnisses (bzw. je geringer die Trennungsrate) in einem Land ist. Die Korrelation zwischen diesen beiden Variablen beträgt -0,48 (Signifikanzniveau: 6%). Wenn der Ausreißer Schweden aus dem Datensatz ausgeschlossen wird, erhöht sich die Korrelation sogar auf -0,82 (Signifikanzniveau: 1%).

Abbildung 2: Ländervergleich

Anmerkungen: Quelle Elsby et al. (2009), monatliche Durchschnitte, 1988-2007, jährlich berechnet, λ = 100 für den HP-Filter.


In diesem Beitrag wurde argumentiert, dass Sklerose und hohe konjunkturelle Volatilitäten am Arbeitsmarkt zwei Seiten derselben Medaille sind – ein Zusammenhang, den wir theoretisch zeigen können. Daten für Deutschland und für die Vereinigten Staaten von 1980 bis 2004 stützen dieses Ergebnis. Auch die erste Evidenz auf Basis von Jahresdaten eines Querschnitts von OECD-Ländern deutet in diese Richtung. Während der großen Krise (2008/2009) zeigte sich aber offensichtlich ein komplett anderes Bild: So war die Volatilität auf dem deutschen Arbeitsmarkt deutlich geringer als in den meisten anderen OECD-Ländern (d.h. Beschäftigung und Arbeitslosigkeit waren weitestgehend stabil). Gartner und Merkl (2011) argumentieren, dass dies eine Sondersituation war und auf die Arbeitsmarktreformen sowie auf die moderaten Lohnabschlüsse in Deutschland seit 2003 zurückzuführen ist. Der Abwärtstrend in der gleichgewichtigen Arbeitslosigkeit kompensierte den gegenläufigen Effekt des makroökonomischen Schocks. Es gibt Anzeichen, dass diese Übergangsphase am deutschen Arbeitsmarkt nun ausläuft. Die Verschiebung der Beveridgekurve nach innen ist zum Erliegen gekommen und die moderate Lohnpolitik wurde im vergangenen Jahr aufgegeben (siehe auch Fuchs et al., 2012). Daher kann damit gerechnet werden, dass künftige Rezessionen wieder dem gewöhnlichen Muster folgen und zu konjunkturell steigender Arbeitslosigkeit in Deutschland führen werden.

Literatur:

Elsby, M., Hobijn, B., Sahin, A., 2009. Unemployment dynamics in the OECD. Federal Reserve Bank of San Francisco, Working Paper No. 04/2009.

Fuchs, J.; Hummel, M.; Hutter, C.; Klinger, S.; Spitznagel, E.; Weber, E.; Zapf, I.; Zika, G., 2012. Arbeitsmarktprognose 2012: Der Aufwärtstrend flacht ab.[ b ] (IAB-Kurzbericht, 03/2012), Nürnberg.

Gartner, H.; Merkl, C., 2011. Die ökonomische Basis des Arbeitsmarktwunders oekonomenstimme.de, 21.03.2011.

Gartner, H., Merkl C., Rothe T., 2009. They are even larger! More (on) puzzling labor market volatilities.[ c ] Kiel Working Paper 1545.

Gartner, H.; Merkl, C.; Rothe, T., 2012. Sclerosis and large volatilities: two sides of the same coin[ d ]. Economics Letters, Vol. 117, No. 1, 106-109.

Jung, P., Kuhn, M., 2010. Explaining cross-country labor market cyclicality: U.S. vs. Germany. mimeo.

Nordmeier, D., 2012. Worker flows in Germany: inspecting the time aggregation bias.[ e ] IAB Discussion Paper 12/2012. Nuremberg.

Shimer, R., 2005. The cyclical behavior of equilibrium unemployment and vacancies. American Economic Review, Vol. 95, No. 1, 25-49.

©KOF ETH Zürich, 3. Sep. 2012

 
Der deutsche Arbeitsmarkt: Sklerose und hohe Volatilität 3.80 5 10

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Experience Rating in der US-Arbeitslosenversicherung

    [ ]

    Vielleicht hängt der beobachtete Effekt auch mit dem "Expierence Rating" in der US-Arbeitslosenversicherung zusammen, nachdem ein Unternehmen an den Kosten einer Entlassung (sprich an den Versicherungsansprüchen) maßgeblich beteiligt ist. Somit muss ein Unternehmen auch diese Kosten in die Entlassungsentscheidung mit einfließen lassen. Bei absehbar temporären Schocks bestehen somit durchaus gute Gründe, Fachkräfte zu halten.

    Und hinsichtlich der Beobachtung in Deutschland während der vergangenen Wirtschaftskrise müsste auch beachtet werden, dass es hier wohl weniger die Arbeitsmarktreformen waren, die eine geringere Anpassung begründen, sondern vielmehr die massive Ausweitung der Kurzarbeit durch deutlich verbesserte Kurzarbeiterregelungen.

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Schlagworte

Arbeitslosigkeit, Arbeitsmarkflüsse, Arbeitsmarktvolatilitäten, Deutschland, Sklerose, USA, Vakanzen, Worker-Flows

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