Geld macht doch glücklich

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Andreas KnabeRonnie Schöb und Joachim Weimann, 15. Aug. 2012
Geld macht doch glücklich 3.48 5 29

Stellen Sie sich vor: Ihr Chef ruft Sie zu sich und eröffnet Ihnen, dass Sie hervorragende Arbeit geleistet haben und er Ihnen deshalb eine außerordentliche Gehaltserhöhung von 10 Prozent gewährt. Glücklich? Sie werden aller Voraussicht nach bestens gelaunt aus dem Büro des Chefs kommen. Doch wie wird es Ihnen gehen, wenn Sie gleich darauf einen Kollegen treffen, der Sie strahlen sieht und ihnen freundlich auf die Schulter klopfend fragt: „Na, auch beim Chef gewesen? Hat er Dir auch 20 Prozent Gehaltserhöhung angeboten?“

Geld macht nur glücklich, wenn man mehr hat als die anderen. Das ist die Hauptbotschaft der Glücksforschung. Reicheren Menschen geht es zwar besser als den ärmeren, aber obwohl wir immer reicher werden, geht es uns über die Jahre hinweg nicht besser.

Entsprechend fordert die Glücksforschung die Wirtschaftspolitik auf umzudenken. Denn so wie es beim Hundertmeterlauf nicht möglich ist, dass sich jemand von Platz 3 auf 2 verbessert, ohne dass sich ein anderer von Platz 2 auf 3 verschlechtert, kann es auch in der Einkommenshierarchie nur Gewinner geben, wenn es auch Verlierer gibt – egal wie sehr wir uns auch anstrengen. Aus diesem Argument folgen weitreichende politische Konsequenzen. Wenn Wettbewerb und steigender Wohlstand nicht glücklicher machen, dann ist Wettbewerb schädlich, Wirtschaftswachstum sinnlos und staatliche Eingriffe in die private Lebensführung notwendig und gerechtfertigt, weil die Menschen allein nicht in der Lage sind, ein Leben zu führen, das sie glücklich macht.

In unserem Buch „Geld macht doch glücklich“ wenden wir uns entschieden gegen diese Sichtweise. Es sind drei fundamentale Einwände, die wir gegen die Ergebnisse der Glücksforschung und insbesondere gegen die aus ihren Ergebnissen abgeleiteten wirtschaftspolitischen Empfehlungen erheben.

  1. Die Glücksmessung ist fehleranfällig und die Interpretation der Ergebnisse irreführend. Die ursprünglich verwendeten Daten sind sehr fehlerbehaftet. Neuere Datenerhebungen und Auswertungen zeigen einen deutlich positiven Zusammenhang zwischen Lebenszufriedenheit und Einkommen. Reichere Gesellschaften sind tatsächlich zufriedener als ärmere Gesellschaften, wenngleich der Zuwachs an Lebenszufriedenheit abflacht, je höher das Einkommen bereits ist. Vorsichtig müssen wir auch sein, wenn wir die Antworten auf die Lebenszufriedenheitsfrage in unterschiedlichen Jahren miteinander vergleichen. Angenommen, man fragt Sie als jungen Menschen nach Ihrer Lebenszufriedenheit. Um die Frage sinnvoll beantworten zu können, mussten Sie eine Vorstellung davon entwickeln, wie Ihr Leben aussehen müsste, damit sie vollkommen zufrieden wären, um die Höchstpunktzahl anzukreuzen. Wird Ihr Vergleichsmaßstab der Gleiche sein, wenn man Sie 20 Jahre später wieder fragt? Vermutlich hat sich Ihr Referenzrahmen längst verschoben. Wenn das so ist, dann können wir aber nicht viel darüber sagen, was es bedeutet, wenn sie zweimal das Gleiche angekreuzt haben. Entsprechend können wir auch nicht behaupten, dass wir trotz steigenden Wohlstands nicht glücklicher geworden sind.
  2. Das Glück gibt es nicht! Das subjektive Wohlbefinden ist mehrdimensional und damit stellt sich die Frage, was wir eigentlich messen, wenn wir die Menschen nach ihrem Glück fragen. Fragt man die Menschen danach, wie sie ihr Leben bewerten, also nach der kognitiven Zufriedenheit, so zeigt sich ein relativ starker Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit. Fragt man hingegen nach dem Wohlbefinden der letzten Tage oder Wochen, dann zeigt sich, dass das im Alltag empfundene, emotionale Wohlbefinden kaum vom Einkommen abhängt. Sollen wir nun die Bewertung unseres Lebens zur Richtschnur machen oder doch lieber das empfundene Lebensglück? Der entscheidende Punkt ist, dass Menschen auch unter sehr schlechten Bedingungen positive Gefühle haben können – das aber spricht nicht für die schlechten Bedingungen.
  3. Die Glücksforschung eignet sich nicht zur Messung des gesellschaftlichen Fortschritts. Fragt man nach der Lebenszufriedenheit, so erhält man Aussagen über die momentane Lebenszufriedenheit und ignoriert dabei, wie lange wir mit unserem Leben zufrieden sind. Unser wachsender Wohlstand lässt uns immer älter werden und die durch unseren Reichtum finanzierte bessere Gesundheitsversorgung hat es möglich gemacht, dass wir diese zusätzliche Zeit auch zu genießen wissen. Wenn die Menschen länger leben, genießen sie ihr Glück länger. Allein daraus ergibt sich, dass mehr Wohlstand zu einer steigenden, weil längeren Zufriedenheit führt.

Die Ergebnisse der Glücksforschung liefern wichtige Erkenntnisse, die unser Bild von der Lebenszufriedenheit und dem Glück der Menschen bereichern. Sie widerlegen aber nicht all das, was man bisher über die Wirkung von Wohlstand und Einkommen zu wissen glaubte. Und sie vermag es auch nicht, uns zu sagen, was unser Glück ausmacht. Letztendlich scheitert die Glücksforschung an der Unvergleichbarkeit von Glück, wie es Menschen empfinden. Diese Unvergleichbarkeit mag man als Problem empfinden – oder als Ausdruck der Einmaligkeit jedes Einzelnen von uns. Wir möchten uns der letzteren Sicht anschließen.

Literatur

Weimann, Joachim, Andreas Knabe und Ronnie Schöb (2012): Geld macht doch glücklich. Wo die ökonomische Glücksforschung irrt, Schäffer-Poeschel: Stuttgart

©KOF ETH Zürich, 15. Aug. 2012

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 6 Kommentare.
  • Kein Titel

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    1. wenn das einkommensverhältnis aussschlaggebend ist: ist der wettlauf nach mehr einkommen dann nicht verrückt?
    2. die ökologische effizienz des zuwachses an lebenszufriedenheit nimmt ab: der wettlauf um mehr einkommen untergräbt damit unsere grundlagen für ein gutes leben womit wir letztendlich alle schlechter dastehen
    3. dass man anscheinend glücklicher ist mit mehr einkommen als die bekanntschaft liegt nicht zuletzt an der ökonomisierung und fehlorientierung der gesellschaft: mir ist kaum ein intellektueller in der ganzen geschichte bekannt, dem das relative einkommen wichtig gewesen wäre - im grunde ging es immer nur um die befriedigung der grundlegendsten bedürfnisse. darf man in der glücksforschung den befragten glauben schenken, wenn ihre interpretation vom glücklichen leben mehr von der werbung abhängt als von ihrem intellekt?
    4. es ist doch ein bekanntes merkmal von den deutschen, dass sie in ihrem rationalismus und perfektionismus arbeiten gehen, um sich ein teures auto zu kaufen und ab und zu ins restaurant zu gehen. in der selben zeit wird in griechenland mit der ganzen familie gekocht, bestens gegessen und gefeiert. insofern sich die griechen zumindest die zutaten und die freizeit leisten können (wozu sie kein hohes einkommen benötigen), leben sie besser als es die deutschen je könnten. letztendlich geht es den griechen nur deshalb schlechter, weil die deutschen in ihrem wettbewerbs- und exportwahn den griechen einen genügenden einkommenserwerb unmöglich machen. ja sie müssen das einkommen sogar erhöhen, unter der drohung, dass es ansonsten aufgrund des wettbewerbes sinkt.
    ihre analyse mag deshalb zwar nicht ganz unwahr sein, aber die einkommenserhöhung wäre nicht nötig, wenn es keinen so starken wettbewerb gäbe (an dem die griechen nicht interessiert sind als (ehemalige) einfache olivenanbauer oder fischer). und der wettbewerb ist das mittel zur einkommenserhöhung...

  • Kein Titel

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    Ihr Artikel ist leider sehr oberflächlich. Die Autoren hätten sich die Mühe machen sollen, Daniel Kahneman, Agnus Deaton oder Hadley Cantril zu lesen. Stattdessen werden hier die life-evaluation, subjective well-being und affektive Konzepte vermischt.
    "Letztendlich scheitert die Glücksforschung an der Unvergleichbarkeit von Glück, wie es Menschen empfinden" ist so ein Beispiel.
    Vgl. "High income improves evaluation of life but not emotional well-being" Kahneman, Deaton.
    Auch sollte man sich bei einem so plakativen Titel "Geld macht doch glücklich" nicht nur versuchen Glück sondern auch Geld zu definieren. Die Autoren sprechen von Gehaltserhöhung, steigendem volkswirtschaftlichen Wohlstand aber was genau gemeint ist wird nicht deutlich.

    • Antwort an jsklement

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      Lieber Kommentator
      selbstverständlich haben wir die von Ihnen genannte Literatur beachtet. In einem kurzen Beitrag, wie dem in der Ökonomenstimme, ist es leider nicht möglich, differenzierte Argumentationsketten und Begründungen zu liefern. Diese finden Sie aber in unserem Buch, das ich Ihnen deshalb gern ans Herz legen möchte.
      Herzlichen Gruß
      Joachim Weimann

  • Geld macht glücklich

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    Geld macht glücklich: Kostet Ihr 212 Seiten "dickes" Buch deshalb 29,95 Euro?

    Leider finde ich Ihren Beitrag auch etwas kurz geraten und so gerät zumindest für den Leser m.E. einiges durcheinander.

  • @haraldwieser

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    Reihen Sie da nicht einfach Klischees aneinander etwa vom perfektionistischen deutschen und dem feierlustigen Griechen?

    Selbstverständlich können auch ärmere Menschen sehr glücklich sein - andernfalls wären die Menschen wohl noch vor 100 Jahren fast alle sehr unglücklich gewesen - aber unter sonst gleichen Umständen sidn die meisten Menschen wohl glücklicher mit mehr materiellen Gütern und Dienstleistungen. Ob Intelektuellen in der Vergangenheit das Materielle wichtig war oder nicht, darüber kann man diskutieren, ebenso wie über die Frage, ob Intelektuelle glücklicher sind. An welche Personen hatten Sie denn dabei gedacht?

  • @thomas

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    Nun gut, ich habe mich zwar eines Klischees bedient, doch Sie werden wahrscheinlich nicht leugnen, dass es im allgemeinen Menschen gibt, die aus Ehrgeiz sehr viel arbeiten und solche, die ihr Glück mehr abseits der Arbeit und des Güterreichtums suchen. (Ich denke, dass diese und andere Eigenschaften durchaus auch auf ganze Gesellschaften bzw. Nationen zutreffen können - bsw. die protestantische Ethik)
    Jene Menschen, die das Argument dieses Artikels teilen und deshalb reich werden wollen um glücklich zu werden, bedrängen durch ihren Ehrgeiz jene Menschen, die das Gegenargument vertreten und ab einem bestimmten Einkommensniveau nicht mehr um ein höheres Einkommen wetteifern wollen. Insofern wir in einem kapitalistischen System leben, gerät die letztere Gruppe unter die Räder und ist unglücklicher, da sie relativ zu den anderen schlechter dasteht (ist doch das relative Einkommen ausschlaggebend). Dieses Argument mit dem Klischee bezieht sich somit auf die vorangegangenen Punkte.
    Wenn Sie dem entgegnen, dass letztendlich alle besser dastehen, wenn es insgesamt mehr materielle Güter gibt, dann stimme ich dem nur bis zu einem bestimmten Niveau an Gütern zu. Denn sobald die menschlichen Grundbedürfnisse befriedigt sind, macht ein zusätzliches Wachstum an Gütern keinen Sinn mehr. Dazu der zweite Punkt aus meinen vorigen Kommentar: das Wachstum an Gütern zerstört unsere Natur, dessen Zustand meines Erachtens äußerst wichtig für ein glückliches Leben ist. Es ist auch die Konkurrenz, die unsere sozialen Beziehungen stört, da diese erstens auf Kooperation beruhen und zweitens dazu keine Zeit mehr bleibt. Um mehr Güter zu erlangen (im Glauben glücklicher zu werden) wird auch die Familie vernachlässigt und aufgrund der Begrenztheit der natürlichen Ressourcen damit immer auch andere beraubt (dem Utilitaristen wird das recht sein - doch ob das moralisch vertretbar ist, wenn das Gegenüber am Konkurrenzkampf nicht teilhaben will?). Damit verlieren wir auch die Freiheit unser Leben nach eigenen Gutdünken zu gestalten, denn wer nicht am Kampf um die Güter mitmacht, gerät unter die Räder. Und ein bestimmter Grad an Freiheit ist sicherlich auch unerlässlich für ein glückliches Leben.

    Sicher kann man über diese Fragen zu den Intellektuellen lange diskutieren - doch das war nicht der Punkt. Insofern die Befragten bei solchen Glücksstudien unter Glück etwas verstehen, wie es von der Werbung, vom kapitalistischen System und von der Politik vermittelt wird, kann wohl davon ausgegangen werden, dass sie denken sie seien glücklicher, wenn sie reich sind. Ich habe auf die "Intellektuellen" verwiesen, weil diese Sicht des Glücks abseits des kapitalistischen Systems eher wenig Anklang findet. Denn entspräche das Glücksverständnis der Menschen bsw. jenem des Christentums oder von H.D. Thoreau, so würde mehr Güterreichtum ab einem bestimmten Einkommen wahrscheinlich nicht als glücksbringend eingeschätzt.

    Zusammengefasst zu einer Frage: Werden in Summe alle glücklicher, wenn jeder Einzelne für sich reicher an Güter werden will in einer Welt mit begrenzten Ressourcen und wenn durch dieses Ziel die Grundlagen für ein glückliches Leben (Natur, Familie, soziale Beziehungen,...) untergraben werden?

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Schlagworte

emotionales-Glück, Glücksforschung, Wohlstand

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