Sparen oder wachsen

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Niklas Potrafke und Hans-Werner Sinn, 5. Juli 2012
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In der öffentlichen Debatte wird davon ausgegangen, dass Regierungen im Handumdrehen "Wachstum" durch zusätzliche (schuldenfinanzierte) Staatsausgaben erzeugen könnten.[ 1 ] Ökonomen beschäftigen sich seit Langem mit der Frage, inwieweit Regierungen durch zusätzliche Staatsausgaben kurzfristig die Konjunktur anheizen können. Anhänger der Keynesianischen Denkschule hoffen, dass durch zusätzliche Staatsausgaben auch die Haushalte mehr Geld ausgeben und somit ein BIP-Wachstum einsetzt, das das Wachstum der Staatsausgaben übertrifft. Ökonomen berechnen deshalb Multiplikator- Effekte, um zu untersuchen, ob Konjunkturprogramme in der Tat zu einem überproportionalen BIP-Wachstum führen (der Ausgabenmultiplikator wäre dann größer als eins).

Mit Hilfe struktureller Makromodelle zeigen beispielsweise Cwik und Wieland (2011), dass die von den europäischen Regierungen im Zuge der Finanzkrise geschnürten Konjunkturpakete in den Jahren 2008 und 2009 nicht zu einem überproportionalen BIP-Wachstum geführt haben. Auch in früheren Finanzkrisen haben Konjunkturprogramme keinen Multiplikator-Effekt größer eins bewirkt, und das BIP hat in Krisenjahren kaum anders als in Nicht-Krisenjahren auf die fiskalischen Stimuli reagiert: Afonso et al. (2010) finden Multiplikator-Effekte zwischen 0.6 und 0.8 für eine Stichprobe von 127 Ländern im Zeitraum 1981–2007. Philip Plickert (FAZ vom 21. Mai 2012: "Viel Einsatz, wenig Effekt") diskutiert weitere Studien zur Wirkung von Konjunkturprogrammen.

Wenn diese zusätzlichen Staatsausgaben aber nicht zu einem überproportionalen BIP-Wachstum führen, dann erhöhen sie zwangsweise den Anteil der Staatsausgaben am BIP (Staatsquote). Empirische Studien zeigen wiederum, dass die jährliche BIP-Wachstumsrate in OECD-Ländern um 0,5 bis 1 Prozentpunkt sinkt, wenn die Staatsquote um 10 Prozentpunkte steigt (vgl. Bergh und Henrekson 2011). Zusätzliche Staatsausgaben zur Konjunkturförderung erhöhen vielmehr direkt die Staatsschulden (vgl. Corsetti et al. 2012) und haben – wie wir unten noch ausführen – in der langen Frist gerade keinen positiven, sondern vielmehr einen negativen Effekt auf das Wirtschaftswachstum.

Zum Wachstumsbegriff

Unabhängig davon, in welchem Maße Konjunkturprogramme in der kurzen Frist das Bruttoinlandsprodukt steigern, ist dies kein im ökonomischen Sinne zu verstehendes "Wachstum ". Der Begriff "Wachstum" bezieht sich auf die Veränderung des Bruttoinlandprodukts in der langen Frist, nicht auf ein oder zwei Jahre.

Zum Einfluss von Staatsverschuldung auf Wirtschaftswachstum

Empirische Studien zeigen, dass sich hohe Staatsschulden negativ auf das Wirtschaftswachstum auswirken: In Perioden, in denen die Staatsverschuldungsquote 90% des BIP überstieg, war die durchschnittliche BIP-Wachstumsrate ungefähr einen Prozentpunkt geringer als in Perioden mit niedrigerer Verschuldungsquote. Diese 90%-Schwelle gilt sowohl für Industrienationen als auch für Entwicklungsländer (vgl. Reinhart und Rogoff 2009; 2010; Reinhart et al. 2012). "Zu viele Schulden machen arm" hat Patrick Bernau am 13. Mai 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung treffend aufgezeigt.

Ersparnis und Wirtschaftswachstum

Wachsen kann eine Volkswirtschaft nur, indem sie spart. Sparen ist das Gegenteil von Konsumieren und stellt die Finanzmittel für Investitionen bereit, aus denen Wachstum entsteht. Investitionen vergrößern den Kapitalstock einer Volkswirtschaft und insofern deren Produktionskapazität. Das, und nicht der kurzfristige Aufputscheffekt, der aus einer schuldenfinanzierten Konsumerhöhung resultiert, ist die wirkliche Quelle des Wachstums. Das gilt im Prinzip genauso für die staatliche wie für die private Ersparnis.

Ausländische und inländische Ersparnis: Kapitalflüsse in Europa

Was man mit dem Slogan "Sparen oder Wachstum" in Wahrheit meinen könnte, ist ein Wachstum mit fremder Ersparnis, so wie es in den Jahren vor der Finanzkrise in Südeuropa stattfand. Aber die Verwendung fremder Ersparnis verlagert die Wachstumskräfte nur. So hat Deutschland in der Zeit seit der Ankündigung des Euro auf dem Gipfel in Madrid 1995 den Löwenanteil seiner Ersparnis über sein Banken- und Versicherungssystem exportiert und zu Hause nur noch ganz wenig investiert. Das führte zu seiner eigenen Eurokrise. Deutschland hatte extrem niedrige Investitionen, trug die rote Laterne beim europäischen Wachstum und durchlitt eine Massenarbeitslosigkeit, die die Regierung Schröder zu schmerzlichen Sozialreformen zwang.

Nach der Finanzkrise hat sich die Situation insofern für Deutschland verbessert, als dass Sparkapital sich nun nicht mehr aus dem Land heraustraut. So kam es in den Jahren seit 2010 zu einem Investitionsboom, der das deutsche Wachstum noch immer antreibt. Wenn manche EU-Länder die deutsche Ersparnis mit dem Slogan "Sparen oder Wachstum" nun wieder über öffentlich besicherte Kreditkanäle ins Ausland leiten wollen, ist das zwar verständlich. Doch sollte die deutsche Politik wissen, dass sie damit das deutsche Wachstum schwächt und das deutsche Importdefizit aufrechterhält, über das sich die anderen EU-Länder beklagen. Es ist an der Zeit, dass die peripheren Euroländer beginnen, aus ihrer eigenen Ersparnis zu wachsen.

Literatur

Afonso, A., H.P. Grüner und C. Kolerus (2010), "Fiscal policy and growth: Do financial crises make a difference?", ECB Working Paper no 1217, Frankfurt am Main.

Bergh, A. und M. Henrekson (2011), "Government size and growth: A survery and interpretation of the evidence", Journal of Economic Surveys 25(5), 872–897.

Bernau, P. (2012), "Zu viele Schulden machen arm", Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13. Mai, 34. Corsetti, G., A. Meier und G.J. Müller (2012), "Fiscal stimulus with spending reversals", Review of Economics and Statistics, im Erscheinen.

Cwik, T. und V. Wieland (2011), "Keynesian government spending multipliers and spillovers in the euro area". Economic Policy 26(7), 493–549.

Plickert, P. (2012), „Viel Einsatz, wenig Effekt“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Mai, 10.

Reinhart, C.M, V.R. Reinhart und K.S. Rogoff (2012), "Debt overhangs: Past and present", NBER Working Papers no. 18015, Cambridge.

Reinhart, C.M und K.S. Rogoff (2009), This time is different. Princeton University Press, Princeton.

Reinhart, C.M und K.S. Rogoff (2010), "Growth in a time of debt", American Economic Review 100(2), 573–578. ifo Schnelldienst 10/2012 – 65. Jahrgang 8.


  • 1  Dieser Beitrag ist erstmals im ifo Schnelldienst 10/2012 unter dem Titel "Zur Debatte Sparen oder Wachstum" erschienen.

©KOF ETH Zürich, 5. Jul. 2012

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 4 Kommentare.
  • Oh boy.

    [ ]

    Bei solch einem Artikel kann man nur noch den Kopf schütteln und versteht in Gänze, warum die deutschen Ökonomen mittlerweile ihr Ansehen verlieren.
    Schon der Eingangssatz entlarvt die Agenda der Autoren:"In der öffentlichen Debatte wird davon ausgegangen, dass Regierungen im Handumdrehen "Wachstum" durch zusätzliche (schuldenfinanzierte) Staatsausgaben erzeugen könnten." - Eher umgekehrt wird ein Schuh draus. Wie selbstverständlich wird von den Austeritätsbefürwortern davon ausgegangen, dass Staaten nur Sparen müssen und schon könnten sie ganz leicht und in kürzester Zeit Budgetüberschüsse erzielen, ihr Schuldenlevel auf ein sinnvolles Maß reduzieren und die Finanmärkte beruhigen - wenn Sie es denn nur wirklich wollten. Dass das gegen die einfachsten Lektionen von Macro101 verstößt wird geflissentlich übersehen (siehe z.B. http://streetlightblog.blogspot.de/2011/05/some-simple-deficit-reduction.html), so z.B. dass das Debt-to-GDP-level auch bei gleichbleibendem Debt-level ansteigt, weil sinkende Staatsausgaben (nicht nur) in Zeiten der Krise zu einem sinkenden GDP führt (an Expansionary Austerity sollte mittlerweile nicht mal mehr der Weihnachtsmann glauben).
    Im Folgenden kommen die Autoren dann auf den Staatsausgabenmultiplikator zu sprechen und liefern einige Studien dazu, warum er in Finanzkrisen nicht wesentlich größer als 1 ist. Abgesehen davon, dass auch gegenteilige Studien existieren (z.B. von Christiano, Eichenbaum und Evans (2010), die im Übrigen eher RBC-Theoretiker sind) verfehlt das ziemlich deutlich den Punkt. Es ist nämlich nicht der Knackpunkt, dass wir in einer Finanzkrise sind, sondern dass wir in einer Liquiditätsfalle stecken mit den Zinssätzen nahe null und einer stark reduzierten aggregierten Nachfrage (so etwas kommt im Wortschatz von Fiwis wohl nicht vor). Selbst wenn der Staatsausgabenmultiplikator nahe 1 sein sollte, kann der Staat die aggregierte Nachfrage quasi für lau erhöhen, weil er auf die aufgenommenen Schulden so gut wie keine Zinsen zahlt (was insbesondere für Deutschland gilt). Es ist doch gerade zu absurd Schuldenabbau genau dann zu fordern, wo man auf selbige gar keine Zinsen zahlt - aber das ist eben die Logik deutscher Ökonomen.
    Im vorletzten Absatz kommen die beiden Autoren dann aufs Sparen als Quelle des Wachstums und offenbaren erneut, dass es Ihnen eher um ihre Agenda, denn um die konkreten Umstände geht. Die Autoren bleiben in ihrer Erklärung schuldig, wer denn Investitionen tätigen sollte, wenn die Aussicht auf das Absetzen eigener Produkte (heute und in der Zukunft) alles andere als rosig ist, weil eben die aggregierte Nachfrage gesunken ist. Woher soll die Zuversicht einer höheren Nachfrage in der nahen Zukunft kommen, wenn ganz Europa im Austeritätswahn ist? Leider verschweigt Herr Sinn im letzten Absatz auch das, was er früher in einem seiner Bücher bereit war zu sagen, nämlich dass der Export deutscher Ersparnisse eben auf die Schwäche der Binnennachfrage in Deutschland zurückzuführen war - keine Nachfrage, kein verwenden der Ersparnisse zur Investition.
    Und in dieser Situation, die wir jetzt auch europaweit erleben - mit wenig Aussicht auf Besserung oder Umschwenken der Erwartungen sodass wieder mehr investiert wird - , argumentieren die Autoren dafür, dass der Staat selbst diese Aufgabe nicht einmal vorrübergehend und einnehmen darf. Dass Schulden per se nicht schlecht sind und nicht jeder Sparakt gleich ein Sparerfolg (bzgl des Staates) oder ein Investitionsakt (bzgl. der Privaten) ist - wen störts. Hut ab, wer sich da noch Ökonom nennt.

    • AW:Oh boy. - Kurzfristig Gedacht (wieso viele, die sich in der Vergangenheit überverschuldeten...)

      [ ]

      @Zhiguli: Ein Hauptteil ihrer Argumentation ist gerade in der heutigen Zeit kurios. Sie argumentieren, dass der Staat heute die Nachfrage quasi gratis erhöhen könne, da heute "auf die aufgenommenen Schulden so gut wie keine Zinsen" bezahlt werden müssten, um später noch anzufügen, dass „Schulden per se nicht schlecht sind“ (und sie ziehen die „deutsche[n] Ökonomen“ ins lächerliche, da diese dies nicht einsehen würden). Ist Ihnen entgangen, dass wir inmitten der grössten europäischen Schuldenkrise seit langem stecken? Wer nicht mal zu diesem Zeitpunkt einsehen will, dass Schluden oft eben doch dazu tendieren, längerfristig enorme Kosten zu verursachen, wird es wohl schwierig zu diskutieren. Denken Sie wirklich, Deuschland würde für die nächsten vielen Jahrzehnte, während denen zusätzliche heutige Defizite/Kredite den Schuldenberg vergrössern, nie Zinsen zahlen? Denken Sie nicht, dass wir spätestens in der heutigen Schuldenkrise einsehen müssen, dass (insbesondere die heutigen, eh schon hohen) Schulden eben oft doch schlechter sind, als viele, die in der Vergangenheit an (fast) gratis-Geld glaubten, dachten?

      • Antwort

        [ ]

        @ fhabermacher:
        "Ist Ihnen entgangen, dass wir inmitten der größten europäischen Schuldenkrise seit langem stecken?"
        Nein, mir ist durchaus nicht entgangen, dass die derzeitige Krise auch(!) mit Staatsschulden zu tun hat. Ich hoffe aber, Ihnen ist auch nicht entgangen, dass die Staatsschulden nicht die Ursache für die Krise waren, sondern größtenteils ein Ausdruck derselbigen.
        Umgekehrt waren es die Schulden der Privaten und die Garantien für die Banken, die die Schuldenquote in den Ländern (wenn man Griechenland mal beiseite lässt) hat hochschnellen lassen. Es ist eben nicht so, wie Sie suggerieren, dass die Staaten die ganze Zeit nur Schulden aufgetürmt hätten und dafür jetzt ihre Quittung erhalten. Blicke auf Spanien und Irland (vor der Krise Musterschüler bzgl der Maastricht-Kriterien) sollten als Beispiele genügen.
        Ob ich glaube, dass Deutschland nie Zinsen zahlen wir für seine Schulden? Natürlich hoffe ich, dass dem bald wieder der Fall ist. Genau darum geht es ja. Solange Staaten keine Zinsen auf ihre Schulden zahlen heißt das, dass die Leute zuviel Geld haben (sparen oder zurückhalten), dass sie nicht gewinnbringend anlegen/investieren können oder aufgrund von unsicheren Erwartungen nicht anlegen wollen und es deshalb dem Staat für lau geben. Erst wenn die investitionstätigkeit wieder anzieht und der Staat droht, private Investitionen zu verdrängen werden Zinsen steigen. Aber genau das ist ja das Ziel - raus aus der Liquiditätsfalle und die Wirtschaft wieder zum Laufen bringen, damit die Privaten wieder selbstständig investieren und nicht den Staat als Anlagemöglichkeit nachfragen. Dann sollten wir uns auch Gedanken über Schuldenreduktion machen (die im Übrigens stets einfacher bei guter Konjunktur ist).
        Was Sie aber implizit behaupten ist, dass wir schon irgendwann wieder aus der Liquiditätsfalle herauskommen werden und am besten den Fokus auf diese Zeit legen. Da halte ich es aber lieber mit Keynes: Es nützt wenig zu sagen, dass man irgendwann schon wieder aus dem Sturm heraus ist, solange man mitten drin steckt.

        @ ErnstLudwig:
        Der Bauboom in Spanien war in der Tat schon lange vorhersehbar. Interessanterweise haben aber auch deutsche Banken nicht davor gewarnt und munter weiter Kredite dafür gewährt und auf Gewinne gehofft. Jetzt wo die Blase geplatzt ist und Kredite notleidend werden, wird nach dem Staat gerufen.
        Den Immobilienboom Mr. Clinton anzudichten ist ein lang gehegter Mythos. Geboomt haben Immobilien erst, als die Kreditverbriefung losging (ab 2003/2004) - das hat schwerlich was mit Clinton zu tun.

  • Scheinblüten

    [ ]

    Der Immobilienboom in den USA - durch Clinton und Grünspan erst so richtig angeheizt - und auch der Bauboom in Spanien - durch den Euro und dessen Geldwirtschaft befördert - haben sich nicht als nachhaltige Wachstumsfaktoren mit stabil vergrößerten Kapitalstöcken erwiesen, sondern als Ballons. Ihr Platzen hat erheblichen Schaden angerichtet.

    Im Kern hat die Poltik diese Katastrophen zu verantworten (wobei die Finanzintermediäre allerdings ebenfalls ein gerütteltes Maß an Schuld tragen).

    Manche Investitionen sind eben nur schuldenfinanzierter Konsum und some happy hour turns into a bad day.

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Schlagworte

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