Sparen oder wachsen? So einfach ist es nicht!

Eine Meta-Regressions-Analyse zu Fiskalmultiplikatoren

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Sebastian Gechert, 12. Juli 2012
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Niklas Potrafke und Hans-Werner Sinn haben kürzlich bei Ökonomenstimme einen Beitrag zu den Wirkungen von Staatsausgaben verfasst. Ich will an dieser Stelle nicht auf die durchaus umstrittenen theoretischen Aussagen der Autoren eingehen ("Wachsen kann eine Volkswirtschaft nur, indem sie spart"), sondern vor allem deren empirische Belege zum Multiplikator-Effekt in ein größeres Bild einordnen.

Wider den selektiven Empirismus

Es ist aus meiner Sicht fragwürdig, aus der großen Anzahl empirischer und semi-empirischer Studien gerade einmal zwei (Afonso et al. 2010, Cwik und Wieland 2011) auszuwählen und diese als Referenz für die Höhe des Multiplikator-Effekts anzugeben (ganz abgesehen davon, dass Afonso et al. von Multiplikator-Werten zwischen 0.6 und 1.1 schreiben (Afonso et. Al 2010, S. 23)).

Um dem selektiven Empirismus entgegenzutreten, haben Henner Will und ich eine Meta-Regressions-Analyse auf 89 Studien zu Fiskalmultiplikatoren angewandt (Gechert und Will 2012), die uns insgesamt 743 Multiplikator-Werte liefern. Die beiden oben erwähnten Studien sind genauso Teil unseres Datensatzes, wie jene, die sogar expansive Effekte staatlicher Austeritätspolitik, also negative Multiplikatoren finden (z.B. Alesina und Ardagna 2010, Ardagna 2001, Fatas und Mihov 2001). Unser Ziel war es, eine Systematik der Effekte zu gewinnen, stilisierte Fakten abzuleiten und strukturelle Effekte von methoden-spezifischen Effekten zu trennen. Dazu haben wir die einbezogenen Studien nach der Art des untersuchten fiskalischen Impulses, dem Modelltyp und weiteren Kontrollvariablen klassifiziert.

Deskriptive Statistik

Tabelle 1 liefert einen ersten Überblick. Die Tabelle zeigt die Durchschnittswerte für Multiplikatoren aus unserem Sample getrennt nach Modellklassen (DSGE-NK = New Keynesian DSGE models, RBC = New Classical Real Business Cycle or DSGE models, MACRO = structural macroeconometric models, VAR = VAR models, SEE = Single Equation Estimations) und nach der Art des fiskalischen Impulses (GSPEND = Public Spending in General (including SPEND = Unspecified Public Spending, CONS = Public Consumption, INVEST = Public Investment, MILIT = Military Spending), TRANS = Public Transfers, TAX = Tax Cuts, EMPLOY = Direct Public Employment).

Tabelle 1

Der Durchschnitt über alle Ergebnisse liegt zwar bei 0.8, dieser beinhaltet aber sowohl die Effekte von direkten Staatsausgaben als auch von Steuersenkungen und Transfers. Wenn wir die durchschnittlichen Werte für direkte staatliche Ausgaben im Allgemeinen (GSPEND) heranziehen, dann ergibt sich ein Multiplikator-Wertvon 1. Im Falle staatlicher Investitionen (INVEST) liegt der Wert noch darüber.

Wir wollen jedoch aus dieser Übersicht keine absoluten Aussagen zum Multiplikator-Wertableiten. Die Ergebnisse streuen stark und deuten auf eine Vielzahl sich überlagernder Einflussgrößen hin, von denen die wechselseitige Interferenz zwischen Modellklassen und fiskalischen Impulsen nur die Offensichtlichste ist.

Ergebnisse der Regressionsanalyse

Daher haben wir uns auf die relativen Unterschiede konzentriert und diverse Regressionstests durchgeführt. Als zentrales Ergebnis lässt sich festhalten, dass der berichtete Multiplikator-Wertstark von den strukturellen Bedingungen und der gewählten Methodik beeinflusst wird, so dass man nicht einfach von dem Multiplikator sprechen kann. Mittels RBC-Modellen gelangt man beispielsweise zu signifikant tieferen Multiplikator-Werten gegenüber VAR-Modellen. In unserem Sample weisen außerdem öffentliche Investitionen in beinahe allen Robustheitstests signifikant höhere Multiplikatoren aus als Steuersenkungen. Weiterhin hängt der berichtete Multiplikator-Wertsignifikant davon ab, über welchen Zeithorizont nach der fiskalischen Maßnahme und mit welcher Methode der Multiplikator erfasst wird. Für unser Sample gilt: Peak-Multiplikatoren (bei denen der höchste Response des GDP auf den anfänglichen Impuls bezogen wird) sind größer als kumulative/integrale Multiplikatoren (bei denen der kumulierte Response auf den kumulierten Impuls bezogen wird). Des Weiteren gilt: Je länger der einbezogene Zeithorizont nach dem Stimulus, desto höher ist der geschätzte Multiplikator-Effekt.

Rein empirische Studien, die auf vergangenen Werten beruhen, konnten aufgrund der mangelnden Datenlage bisher kaum die Effekte der Konjunkturprogramme nach der großen Rezession von 2008 und 2009 untersuchen. Verlässt man sich deshalb auf die Ergebnisse von Simulationen mittels DSGE-, RBC- und strukturellen Makromodellen, zeigt sich in unserem Sample, dass insbesondere eine akkommodierende Zentralbank oder eine, die an der Zero Lower Bound operiert, die Effekte expansiver Fiskalpolitik deutlich verstärkt. Genauso verhält es sich in den Modellen mit Agenten, die keinen Zugang zu einem vollständigen Finanzmarkt haben oder für die auf andere Art und Weise die Annahme Ricardianischer Äquivalenz gebrochen ist. Dass diese beiden Rahmenbedingungen zur Zeit des großen Konjunktureinbruchs passen, darüber herrscht in der Wissenschaft ein breiter Konsens.

Mit offenen Karten spielen

Insgesamt sieht man, dass die Literatur zum Multiplikator-Effekt wesentlich widersprüchlicher ist, als Niklas Potrafke und Hans Werner Sinn suggerieren. In der Politikberatung sollte demnach offen gelegt werden, inwiefern das Studiendesign die Ergebnisse beeinflusst. Unsere Meta-Studie kann dafür einen Leitfaden liefern.

Literatur

Afonso, António; Grüner, Hans Peter; Kolerus, Christina (2010) “Fiscal policy and growth: do financial crises make a difference?”, European Central Bank working paper series No. 1217.

Alesina, Alberto; Ardagna, Silvia (2010) “Large changes in fiscal policy: taxes versus spending”, NBER/Tax Policy & the Economy 24(1), 35–68.

Ardagna, Silvia (2001) “Fiscal policy composition, public debt, and economic activity”, Public Choice 109, 301–325.

Cwik, Tobias; Wieland, Volker (2011) “Keynesian government spending multipliers and spillovers in the euro area”, Economic Policy 26(67), 493–549.

Fatás, Antonio; Mihov, Ilian (2001) “The Effects of Fiscal Policy on Consumption and Employment: Theory and Evidence”, CEPR Discussion Papers No. 2760.

Gechert, Sebastian; Will, Henner (2012) “Fiscal Multipliers: A Meta-Regression Analysis”, IMK working paper No. 97.

©KOF ETH Zürich, 12. Jul. 2012

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • Dumme Fragen

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    "Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde": von der Zeit an sitzt der Reiche im Himmel und der Arme liegt auf der Erde.

    (Alte jüdische Weisheit)

    "Es gibt keine dummen Fragen, sondern nur dumme Antworten", glaubt das Volk, und fragt immer wieder die hohe Politik, mit welcher Finanz- oder Wirtschaftspolitik die "Finanzkrise" zu beenden sei. Die dummen Antworten der Politiker werden immer erst im Nachhinein als solche erkannt – was das Volk nicht davon abhält, weiterhin dumme Fragen zu stellen. So fragen jene, die sich haben einreden lassen, die "Finanzkrise" sei (fast) schon beendet, mit welcher Finanz- oder Wirtschaftspolitik die "Staatsschuldenkrise" zu beenden sei.

    Das erkenntnistheoretische Problem besteht darin, dass eine intelligente Frage nur stellen kann, wer den Großteil der Antwort schon kennt. Die erste intelligente Frage lautet: Warum glauben die Politiker, es könnte in "dieser Welt" (zivilisatorisches Mittelalter) eine wie auch immer geartete Finanz- oder Wirtschaftspolitik geben, mit der sich die "Finanzkrise" (globale Liquiditätsfalle) überwinden ließe? Antwort: Wenn nicht einmal die "Experten" der Zentralbanken wissen, was Geld eigentlich ist,…

    http://www.swupload.com/data/Geld-Geldmengen-Geldillusionen.pdf

    …verstehen es die "Spitzenpolitiker" noch viel weniger:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/02/schuldenbremse-und-wachstum.html

    Zweite intelligente Frage: (Abgesehen davon, dass sie sich von den Dümmsten regieren lässt) – wie kann eine Menschheit, die bereits Raumfahrt betreibt (und in "God´s own country" schon wieder einstellen musste), so dumm sein, Massenarmut, Umweltzerstörung, Terrorismus und Krieg in Kauf zu nehmen und heute vor der größten anzunehmenden Katastrophe der Weltkulturgeschichte stehen, obwohl schon seit über einem Jahrhundert das Wissen zur Verfügung steht, um in allgemeinem Wohlstand auf höchstem technologischem Niveau in einer sauberen Umwelt und selbstverständlichem Weltfrieden zu leben?

    Antwort: Eine Menschheit, die sich einreden lässt, die Marktwirtschaft sei ein "Obstgarten" und der Urzins müsste wohl auf "Apfelbäumchen" wachsen, muss leider bis zum Jüngsten Tag warten, um aus dem "Programm Genesis" in die Realität entlassen zu werden:

    http://www.deweles.de/intro.html

  • Überflüssige Kommentare

    [ ]

    Lieber Freiwirtschaftler,

    geht es Ihnen eigentlich darum, hier ökonomische Fragestellungen zu diskutieren oder suchen Sie lediglich ein Forum, in dem Sie Ihre kruden Ansichten äußern und auf Ihre Webseite verweisen können? Ich kann zwar nur für mich sprechen, aber aus meiner Sicht sind Ihre Einträge überflüssig und tragen nichts bei!

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Autor

Sebastian Gechert

Sebastian Gechert

Schlagworte

Fiskalpolitik, Meta-Analyse, Multiplikator-Effekte

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