Kommentar zum Aufruf der Ökonomen: Alles oder Nichts

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Ulrich van Suntum, 10. Juli 2012
Kommentar zum Aufruf der Ökonomen: Alles oder Nichts 4.12 5 24

Ich habe den Aufruf von F. Heinemann unterschrieben und nicht den der Kollegen Krämer und Sinn.

Trotzdem muss ich letztere in Schutz nehmen gegen die Kritik – beispielsweise von Karl-Heinz Paqué[ a ] –, sie hätten zu oberflächlich und ohne Abwägung der politischen Kosten und Risiken argumentiert. Denn was wir als Unterzeichner des alternativen Aufrufs  - ähnlich wie der Sachverständigenrat in seinem jüngsten Sondergutachten - fordern, ist zwar gut und richtig. Es wird aber so niemals von der Politik beschlossen, geschweige denn umgesetzt werden. Das Schicksal des Maastrichter Vertrages und die bisherige Rettungschronik zeigen das sehr deutlich. Insofern sind wir die Blauäugigen und nicht die Kollegen Krämer und Sinn.

Herrn Sinn vorzuwerfen, er habe keine Alternativen aufgezeigt, ist zudem wirklich nicht fair. Auch andere Unterzeichner seines Aufrufes haben früh und deutlich auf die Probleme und Lösungsmöglichkeiten hingewiesen. Das kann man natürlich nicht alles in einem politischen Aufruf wiederholen, aber jeder kann es nachlesen.

In einem Punkt hat Karl-Heinz Paqué allerdings recht: Wenn man die bisherigen Vertragsbrüche der Politik auch in die Zukunft erwartet, muss man konsequenterweise eigentlich das Ende der Währungsunion fordern, zumindest in ihrer bisherigen Zusammensetzung. Oder zumindest den obligatorischen Ausschluss jedes Landes, das sich nicht an die Spielregeln hält. Das mag zwar teuer werden, wie man im SVR-Sondergutachten nachlesen kann. Wenn wir dies aber kategorisch ausschließen, berauben wir uns - spieltheoretisch gesehen - unseres einzig wirksamen Drohpunktes. Das wird dann wahrscheinlich noch viel teurer, weil wir immer erpressbarer werden.

Daraus folgt für mich: Wer die Währungsunion retten will, muss jetzt politisch alles oder nichts spielen.  Und dazu gehört auch die Mobilisierung der Öffentlichkeit, um Kanzlerin Merkel den Rücken in Brüssel zu stärken. Vielleicht kommt dann ja doch noch etwas in dem Sinne heraus, was die meisten von uns – Sinn und Krämer eingeschlossen - in der Sache für richtig halten. Dazu haben dann aber die inzwischen 200 Unterzeichner des Sinn/Krämer Aufrufs einen politisch eminent wichtigen Beitrag geliefert. Es muss auch erlaubt sein, sich als Ökonom in politischen Medien – dann notwendigerweise stark verkürzt – zu äußern. Papers zur Finanzmarktstabilität in A- und B-Journals liest ja kaum jemand, außerdem erscheinen sie bei aktuellen Problemen Jahre zu spät. Sich als Ökonom allein darauf zu beschränken, wäre deshalb in meinen Augen wirkliches Elfenbeinturmdenken.

Nebenbei bemerkt: Wo sind eigentlich die Stellungnahmen der jungen Top-Ökonomen aus dem Handelsblatt-Ranking zu den brennenden Problemen?

©KOF ETH Zürich, 10. Jul. 2012

 
Kommentar zum Aufruf der Ökonomen: Alles oder Nichts 4.12 5 24

Kommentare

Dieser Artikel hat 5 Kommentare.
  • Wutökonomen oder Wutjournalisten?

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    In einigen Medien werden die Verfasser und Unterzeichner des Aufrufs als "Wutökonomen" tituliert (Handelsblatt: <http://goo.gl/eb4Vm>, ZEIT <http://wp.me/pCZzO-1j7>). Der Aufruf ist vielleicht ökonomisch zu kurz gegriffen, hat aber eine wichtige Debatte angestoßen. Politisch liegt er eher richtig in der Erwartung, dass am Ende eine Haftungs-, Transfer- und Fiskalunion stehen könnte, die in einer demokratischen Abstimmung nicht nur von deutschen Wählern klar abgelehnt würde. Woher nehmen die empörten Kritiker eigentlich das Vertrauen, dass die EU-Politiker, die seit Beginn der Finanzkrise nichts unternommen haben, um die Regulierung der Banken voranzubringen, nun das richtige tun? Gegenüber diesen Blinden sind mir die einäugigen "Wutökonomen" allemal lieber.

  • Stellungnahme junger Top-Ökonomen

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    1.) Viele "junge Topökonomen" sehen sich ja gerade nicht als allwissende Politikberater, die zu jedem Thema eine gut begründete Meinung haben, sondern eher als spezialisierte Fachleute, die sich am liebsten zu Themen äußern von denen sie auch wirklich Ahnung haben. Das unterscheidet sie auf sehr angenehme Weise von vielen deutschen Old-School-Ökonomen, die viel Halbwissen haben und meinen sie wären kraft ihres Titels Universalgenies.

    2.) Viele junge, wissenschaftlich exzellente Ökonomen haben einen der Aufrufe unterschrieben. Frank Heinemann natürlich, Klaus Adam, Harald Uhlig, Karl Schmedders, Dirk Krueger ....

  • Kein Titel

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    inhaltlich stimme ich den meisten ihrer Aussagen übrigens zu, nur, dass ich nur noch wenig Vertrauen in die Durchsetzung von Verträgen und Regeln in der EWU habe. Selbst die milden Maastricht-Regeln wurden ohne Not permanent gebrochen, die No-Bail-Out-Klausel wurde bei allererster Gelegenheit gebrochen,
    ...
    Die interessant Frage ist: was ist das Erpressungsszenario ? Wird die EZB großzügig monetär tätig werden, wenn Deutschland sich weigert weitere Rettungsmaßnahmen zu finanzieren ? Es ist höchste Zeit, diese Alternativszenarien zu evaluieren.

  • Bemerkenswerte Unterscheidung zwischen ökonomisch richtig und politisch wahrscheinlich!

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    Ein nobler Artikel für jemanden, der einen (mehr oder weniger) Gegen-Aufruf unterschrieben hat!

    Was allerdings den Aufruf von Krahnen/Hellwig angeht, habe ich ein wenig Probleme mit der Logik (entsprechend auch mit dem heutigen Handelsblatt-Artikel "Buhmann Bankenunion" von Prof. Bert Rürup):

    "Es darf dabei keinesfalls um eine Vergemeinschaftung der Haftung für Bankschulden gehen. ..... Um die Stabilität einer Bankenunion finanziell abzusichern bedarf es eines gemeinsamen Restrukturierungsfonds, der mit verbindlichen Auflagen eingreifen kann. Der ESM kann diese Rolle übernehmen. Auch eine verstärkte
    europäische Einlagensicherung kann auf Dauer zur Stabilität des Systems beitragen."

    Das ist ja wohl kontradiktorisch: Eine Vergemeinschaftung der Haftung für Bankenschulden abzulehnen, aber über ESM (Rekapitalisierung von systemrelevanten Instituten) und Einlagensicherung (bei kleineren Banken, die man ggf. pleite gehen lässt) genau diese Vergemeinschaftung der Haftung für (zumindest Teile der) Bankschulden zu fordern!

    Da ist mir der Text von Sinn und Krämer (trotz aller Mängel) allemal lieber!

  • In der Tat,...

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    es ist ein Ende der Währungsunion zu beschließen, umgehend, ein back-to-the-roots mit dem Wissen, wie man es nicht macht; das muß geschehen, bevor die letzten Reste der peripheren Eurowirtschaftsräume den Bach runter gehen und bevor sich bei in Teilen mehr als 50%iger Jugendarbeitslosigkeit ein Ausbildungs- und Wissensniveau einnistet, das eine Erholung bzw. ein Aufholen im Rennen um globale Ressourcen unmöglich machen wird.

    Alternativ kann man über eine Austritt Deutschlands nachdenken und dem Rest die Einheitswährung vorläufig, kontrolliert und geregelt überlassen. Nachdenken… aber dann handeln! Alles andere ist der berühmte Schrecken ohne Ende.

    caw

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Autor

Ulrich van Suntum

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Schlagworte

Aufruf-der-Ökonomen, Eurokrise

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