Es braucht mehr Streit in der VWL

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Georg Quaas, 10. Juli 2012
Es braucht mehr Streit in der VWL 3.24 5 25

Die internen Berichte über den Platz der Volkswirte in der bundesdeutschen und internationalen Wissenschaftlergemeinschaft klingen vermutlich überall fantastisch. Entsprechende Studiengänge haben mehr und mehr Zulauf. (Ob sich das angesichts des skandalösen Streits um die Euro-Politik ändert, bleibt abzuwarten.) Für einen Moment versetze man sich in die Situation eines der amtierenden Volkswirtesprecher; dann stellt sich die Frage: Was wollen die Kritiker bloß?[ 1 ] Wer hindert sie daran, ein interessantes Papier zu schreiben und in einer von den hunderten ökonomischen Zeitschriften, die es weltweit gibt, zu veröffentlichen?

Kritische Fragen werden meistens von Außenstehenden gestellt und weniger von den Vertretern des Mainstreams. Das Vertrauen in die herrschenden Paradigmen und die Zuversicht, damit die anstehenden Probleme zu lösen, ist hoch (Stermann, Wittenberg 1999, S.325 ff.). Kritiker werden einfach als fachfremd qualifiziert (Dobusch, Kapeller 2009, S.21 ff.). Als Wissenschaftstheoretiker und Methodologe, der seit Jahren in der Ökonomik arbeitet, besteht für mich die Gefahr, ebenso betrachtet zu werden. Nur hat die oft zu hörende Aufforderung, „get on with your job“, hier einen anderen Sinn, nämlich den, die gegenwärtige Krise der Ökonomik auf den Begriff zu bringen. Und sei es auch nur hypothetisch.

  1. Die Volkswirtschaftslehre leidet momentan ein wenig unter der sicherlich notwendigen Arbeitsteilung innerhalb dieser Disziplin. Oberflächlich gesehen könnte man meinen, dass das Zusammenspiel zwischen Theorie und Empirie lange nicht so gut wie beispielsweise in der Physik funktioniert. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass man eher eine weitgehende Abkopplung der empirischen und der theoretischen Forschung von den volkswirtschaftlich und wirtschaftspolitisch relevanten Problemen zu beklagen hätte. Der ganzheitliche, komplexe Gegenstand der Volkswirtschaftslehre ist unter dem Deckmantel der Spezialisierung durch andere, entweder konkretere oder abstraktere Forschungsfelder ersetzt worden. Wohlgemerkt bezieht sich diese Anmerkung nicht auf die vielen Kommentare und gut gemeinten Ratschläge, die sowohl von berufenen als auch nicht-berufenen Ökonomen in den Medien verbreitet werden, ohne unbedingt fachlich fundiert zu sein.
  2. Die oft zu hörende Kritik an der Mathematisierung der Ökonomik halte ich für wissenschaftsfeindlich. Bedauerlicherweise gibt es aber nicht nur gutes und schlechtes Englisch, sondern auch gute und schlechte Modellierungen quantitativer Zusammenhänge. Mathematiker, die wissen, wie man’s richtig macht, und die einen Blick in die Theorienkiste der Ökonomen wagen, bezeichnen das, was sie da sehen, schlichtweg als „Scharlatanerie[ a ]“. Angesichts einer Menge durchaus gelungener und sehr nützlicher Modelle kann man dem nicht vorbehaltlos zustimmen. Zutreffend ist jene Kritik an der Mathematisierung, wenn Modelle konstruiert werden, die sich jeder empirischen Überprüfung entziehen, die nur zufälligerweise zu den Daten passen oder aber so flexibel sind, dass sie immer zu den Daten passen. Darüber hinaus gibt es auch Modelle, die bekanntlich einen logischen Fehler in sich haben (z.B. Hayeks Dreieck). Aber auch da können sich Einschätzungen ändern. Viele Jahrzehnte hat man geglaubt, einen logischen Widerspruch im Transformationsmodell von Werten in Preisen unterstellen zu dürfen – seit 1956 ist klar, dass dies ein Irrtum war (Seton 1956; Quaas, F. 1992). - Diese kleine Aufzählung umstrittener mathematischer Ansätze könnte sicherlich auf jedem Spezialgebiet fortgesetzt werden. Sie macht deutlich, dass wir keine generelle Kritik an der Mathematisierung brauchen, sondern eine je konkrete Kritik an der Art und Weise ihrer Realisierung.
  3. Bedingt durch ideologische, institutionelle und soziologische Entwicklungen (Dobusch / Kapeller 2009) ist Kritik – eine wesentliche Treibkraft der Erkenntnis – kaum noch gefragt und wird von Teilen der Wissenschaftlergemeinschaft als anrüchig empfunden. Und das ausgerechnet in einer Disziplin, die den Kritischen Rationalismus auf ihre Fahne geschrieben hat! Möglicherweise liegt das daran, dass von dieser Wissenschaftstheorie vor allem die Version ins öffentliche Bewußtsein gelangt ist, die der junge Popper vertreten hat. Die Theorie als Ganzes wird als ein Reservoir, man könnte auch sagen: als ein Sammelsurium von Werkzeugen aufgefasst, aus dem man sich nach Belieben bedienen kann. In der Fachsprache bezeichnet man eine solche Auffassung als „Instrumentalismus“. Die Konsequenz dieser postmodernen Beliebigkeit ist, dass kaum noch professionelle Selektionen in Form von Theorientests, Replikationen und entsprechende kritische und polemische Darstellungen in der Fachliteratur zu finden sind.
  4. Doch das Problem des Fehlens von Kritik und einer Streitkultur wird nicht nur, ja nicht einmal in erster Linie durch die Wissenschaftler verursacht, sondern auch durch deren unmittelbares institutionelles Umfeld, also durch die Universitäten, Akademien, Fachhochschulen und sonstigen Forschungseinrichtungen befördert, die zunehmend an einem stromlinienförmigen Erscheinungsbild interessiert sind, um nach außen hin „exzellent“ zu erscheinen. Klarerweise möchte die Politik eine effiziente Wissenschaft, die ihr, wenn schon keine wirkliche Hilfe, so doch wenigstens legitimierende Analysen liefern kann. In einem wohltuend sein wollenden Aktionismus schüttet sie das Füllhorn über diejenigen aus, die bislang sowieso schon die Besseren waren oder denen es erfolgreich gelungen ist, ihr Image aufzupolieren. Dass Exzellenz nicht aus dem Boden gestampft werden kann, sondern wachsen muss, und vor allem dann entsteht, wenn man alle Blumen blühen lässt, scheint sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben.
  5. Weitere, möglicherweise viel wichtigere Punkte müssten genannt werden, um die Kritik am gegenwärtigen Zustand der VWL verständlich zu machen, wie das „intentional path creating“ (Dobusch und Kapeller 2009, S.10 ff.), die damit verbundenen „increasing returns of scale“ der ökonomisch-publizistischen und lehrmäßigen Produktion, aber auch „lock-ins“ (Sydow, Schreyögg und Koch 2005, S.6 ff), die die Normalwissenschaft in einen „self-reinforcing feedback process“ verwandeln. Von den wissenschaftstheoretisch bereits bekannten Eigenheiten der neoklassischen Synthese sei hier nur noch eine hervorgehoben, nämlich die „axiomatic variation“ (Dobusch und Kapeller 2009, S.16). Dabei handelt es sich um eine Immunisierungsstrategie, gegen die der von Popper kritisierte Konventionalismus geradezu primitiv erscheint. Sie macht es den „defenders“ möglich, mit den Kritikern Hase und Igel zu spielen. Ein aktuelles Beispiel liefert Schnellenbach (2012a) mit seiner Kritik an dem o.g. Memorandum. Zu allem Überfluss macht der Autor (Schnellenbach 2012b) in seiner Antwort auf Thielemann auch noch klar, dass er selbst in einem Widerlegungsfall an seiner Theorie  festhalten würde! Eben das zeichnet ihn als hartgesottenen Anhänger einer Tradition aus, den Popper bereits in seiner „Logik der Forschung“ charakterisiert hat: „Jedesmal, wenn ein gerade ‚klassisches’ System durch Experimente bedroht ist, die wir als Falsifikation deuten werden, wird der Konventionalist sagen, das System stehe unerschüttert da...“ (Popper 1934, S.41.)

Die Bereitschaft, eigene Thesen zur Kritik zu stellen sowie auf Kritiken sachlich zu reagieren, Theorien auf dem Hintergrund praktischer und empirischer Fragestellungen zu entwickeln und zu testen, die Volkswirtschaft als Ganzes in den Blick zu nehmen, den Studierenden nicht nur schlüssige Problemlösungen, sondern auch offene Probleme zu vermitteln, die Wissenschaft nicht als Ruhekissen oder Sprungbrett zur nächsten Karrierestufe, sondern als die schwierige, oftmals frustrierende, manchmal aber auch beglückende Suche nach der Wahrheit, die letztlich die menschliche Existenz erleichtern soll, zu betrachten – all’ diese Dinge sind, falls sie jemals ein hervorstechendes Merkmal der Wissenschaftspraxis waren, nur noch selten anzutreffen und, was noch schlimmer ist, sie sind als erstrebenswerte Ideale kaum noch präsent.

Literatur

Dobusch, L. und J. Kapeller (2009): “Why is Economics not an Evolutionary Science?” New Answers to Veblen’s Old Question[ b ]. Abgerufen am 21.06.2012.

Popper, K. R. (1934): Logik der Forschung. S.41.

Quaas, F. (1992): Das Transformationsproblem. Marburg.

Quaas, G. (2011): Ein kritisches Resümee des Target2-Problems. In: Wirtschaftsdienst, 91. Jg., Heft 12, S.834-842.

Schnellenbach, J. (2012a): Noch ein Memorandum. Noch ein Methodenstreit?[ c ] 12. Mai 2012. Abgerufen am 22.06.2012.

Schnellenbach, J. (2012b): Wie „ökonomistisch“ ist die Mainstream-Ökonomik wirklich? Eine Antwort auf Ulrich Thielemann[ d ], vom 14. Juni 2012. Abgerufen am 22.06.2012.

Seton, F. (1956): The “Transformation Problem”. In: Review of Economic Studies, Vol. 24, S.149 ff.

Sterman, J. D. und J. Wittenberg (1999): Path Dependency, Competition and Succession in the Dynamics of Scientific Revolution. Organization Science, Vol. 10, No. 3, S.322-341.

Sydow, J., G. Schreyögg und J. Koch (2005): Path Dependency and Beyond[ e ]. Quelle abgerufen am 21.06.2012.

Thielemann, U., T. Egan-Krieger und S. Thieme (2012): Für eine Erneuerung der Ökonomie. Memorandum besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler[ f ]. Berlin, 13. März 2012. Abgerufen am 22.06.2012.


  • 1  Aktuell sind u.a. das „Memorandum besorgter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler“ von U. Thielemann, T. v. Egan-Krieger und S. Thieme; der Appell “Wirtschaftsverfassung und Wirtschaftsregierung. Frankfurter Aufruf für eine ordnungspolitische Weichenstellung in Europa“ von der „Jenaer Allianz“ sowie „A Manifesto of Economic Sense“ von P. Krugman und R. Layard, der „Offene Brief an die Mitbürger“ von H.-W. Sinn – um nur einige zu nennen. – Kontroverse wirtschaftspolitische Empfehlungen basieren letztlich auch auf einem unterschiedlichen theoretischen Verständnis der Ökonomie (in doppelter Bedeutung dieses Wortes).

©KOF ETH Zürich, 10. Jul. 2012

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 6 Kommentare.
  • Einstieg missglückt

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    Bei allem Respekt für die nachfolgenden Überlegungen – der Einstieg ist nicht gelungen:

    a) Der Streit um die Euro-Politik ist nicht skandalös, sondern wird skandalisiert.

    b) Was die Kritiker wollen, ist sonnenklar: kein von niemand gelesenes Papier schreiben, sondern die Politik wachrütteln. Das ist im Prinzip sogar gelungen.

    • AW:Einstieg missglückt

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      Wegen mir mögen Sie Recht haben. Nur bezweifle ich, dass die frisch gebackenen Abiturient/inn/en den Unterschied zwischen „skandalös“ und „skandalisiert“ ebenfalls machen werden.

  • ?

    [ ]

    Lieber Herr Quaas,

    können Sie mir sagen, wo ich in dem von Ihnen zitierten Beitrag

    http://wirtschaftlichefreiheit.de/wordpress/?p=9405

    schreibe, daß ich, wie Sie schreiben, "selbst in einem Widerlegungsfall an einer Theorie festhalten würde!"? Ich denke nämlich, daß ich dort lediglich schreibe, daß mir die Rationalitätsannahme im Widerlegungsfall die Richtung vorgibt, in die ich bei einer Revision der Theorie gehen sollte. Vom Festhalten ist hingegen keine Rede.

    Schöne Grüße,
    Jan Schnellenbach

    • AW:?

      [ ]

      Sie bestätigen schon mit Ihrer Frage, dass Sie selbst im Widerlegungsfall an der Rationalitätsannahme festhalten wollen. Denn wie kann Ihnen diese Annahme die Richtung vorgeben, wenn sie „gestorben“ ist? (Im Sinne von Popper: wir lassen Theorien an unserer Stelle sterben.)

      Im Übrigen lenken Sie gekonnt von den anderen Kritikpunkten ab, die Sie durchaus auch auf sich beziehen können: Haben Sie nicht die Unterzeichner des bezeichneten Memorandums als überwiegend „Geisteswissenschaftler“ und „Vertreter benachbarter Gesellschaftswissenschaften“ charakterisiert? Werden durch die dann folgenden Hinweise auf die Errungenschaften des Mainstreams die unterzeichnenden Volkswirte etwa nicht als nicht zum Fach gehörig diffamiert? Folgen Sie damit etwa nicht der Logik: Wer der Kritik an der VWL applaudiert, kann nicht zum Fach gehören, denn „bei der Lektüre volkswirtschaftlicher Fachzeitschriften stößt man heutzutage auf ein Spektrum von Methoden und Forschungsansätzen, das so breit ist wie vermutlich nie zuvor in der Geschichte dieser Disziplin. Man muß nur einmal einen Schritt zurück treten, die Augen aufmachen und die Vielfalt heute publizierter ökonomischer Forschung mit der von 1980 oder auch noch 1990 vergleichen.“ Ihre Antwort auf die Kritiker lautet also: Wir (die Vertreter des Mainstreams) sind schon längst da, wo ihr uns hinhaben wollt.

      Zum Kern der Verhaltensökonomik, dem homo oeconomicus, erfährt man: „Was über diesen Kern hinausgeht, ist variierbar. Modelle mit unvollständiger Information, kognitiven Kosten der Entscheidungsfindung oder auch mit Berücksichtigung von verzerrten Wahrnehmungen von Parametern sind längst mitten im Mainstream angekommen.“ – Die von Ihnen gefeierte Variation der axiomatischen Grundlagen hat klarerweise die Funktion, neue, lösbare „puzzles“ zu erzeugen, die Reichweite des Paradigmas zu erhöhen und dieses damit noch attraktiver zu machen und – wie man sieht – ist es dann auch leichter zu verteidigen (Dobusch und Kapeller 2009, S.16). Eben das ist die Reaktion eines Vertreters eines Paradigmas, das nicht nur in die Jahre, sondern in die Krise gekommen ist. Aber keine Angst! Das kann noch 100 Jahre und mehr so weitergehen, so lange nämlich, wie keine Alternative in Sicht ist.

      Ich gebe aber zu, dass zum Verständnis Ihres Textes die Wissenschaftsauffassung Thomas S. Kuhns besser als die Poppers geeignet ist, allerdings mit den Ergänzungen, die Dobusch und Kapeller gemacht haben („paradigmatische Variation“).

  • Wissenschaft?

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    Lieber Herr Quaas, ich finde die wissenschaftstheoretische Diskussion sehr interessant. Wenn ich Sie richtig verstehe, definieren Sie "wissenschaftlich" im Sinne Popers (prinzipielle Falsifizierbarkeit). Jetzt meine Frage: Sind die Unterzeichner des Memorandums den "Wissenschaftler"? Schaut man sich die Publikationen an, sieht man keine empirischen Modelle, die ja zum falsifizieren notwendig sind. Artikel im sogenannten "Mainstream" sind überwiegend empirisch.

  • Mit offenem Visier

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    Sie kennen wohl nur den jungen Popper (bzw. sein frühes Abgrenzungskriterium)? Später hat er die Falsifizierbarkeit durch die Kritisierbarkeit ergänzt. Insofern dürfte Ihre Frage wohl ins Leere laufen. Ich finde die darin enthaltene Unterstellung übrigens ziemlich problematisch. Aber damit müssen sich die angesprochenen Kollegen auseinandersetzen. Warum haben Sie nicht den Mut, Ihren vollen Namen zu nennen?

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Autor

Georg Quaas

Georg Quaas

Schlagworte

Aufruf-der-Ökonomen, Krise-der-Ökonomie, VWL

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