Einhändige Ökonomen wieder gefragt?

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Heinz Handler, 13. Juli 2012
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Krisen führen gemeinhin zu Spannungen zwischen unterschiedlich Betroffenen. So baut auch die Eurokrise Spannungen auf – unter Staaten, Politikern, Bürgern und Ökonomen – und zuletzt nun auch zwischen den Kasten der Politiker und Ökonomen.[ 1 ] Eine Gruppe von „172 Ökonomen“ aus dem deutschsprachigen Raum (mit Hans-Werner Sinn als einem prominenten Unterzeichner) hat davor gewarnt[ a ], dass die jüngsten Maßnahmen zur Krisenbewältigung (insbesondere die geplante Bankenunion) die Krise nur verschärfen würden. Dies hat zunächst Empörung unter jenen Politikern ausgelöst, die sich zwar nicht uneigennützig, aber redlich um eine Lösung bemühen. Ihnen zu Hilfe geeilt ist eine andere (kleinere) Gruppe von Ökonomen (alphabetisch geführt von Peter Bofinger), die in der bisherigen Krisenpolitik eine notwendige Voraussetzung für weitere erfolgreiche Lösungsschritte sehen. Diese Gruppe gesteht auch zu, dass die gegenwärtige Krisenpolitik „notgedrungen im Streit unterschiedlicher Einschätzungen und Sichtweisen“ steht. Andererseits ist selbst für Bundesbankpräsident Jens Weidmann eine Bankenunion nicht gänzlich abstrus, es komme auf die „konkrete Ausgestaltung und richtige Schrittfolge[ b ]“ an.

Auffassungsunterschiede unter Experten sind nicht ungewöhnlich. Auch in der Vergangenheit hat es immer wieder öffentlich ausgetragene Konflikte zwischen Ökonomen gegeben, die von der Politik mit Unverständnis oder Entrüstung quittiert wurden. Abweichende Positionen lassen sich nicht nur auf unterschiedliche Qualitäten zurückführen – auch unter Nobelpreisträgern sind die inhaltlichen Differenzen nicht weniger ausgeprägt als im „Gemeinen Volk“ der Ökonomen. Hauptursachen sind vielmehr (i) die allgemeine Komplexität der Materie, (ii) der Wandel in den Rahmenbedingungen (iii) unterschiedliche Vorurteile, (iv) unterschiedliche Interessen, (v) unterschiedliche Partialmodelle – wobei diese Faktoren nicht unbedingt voneinander unabhängig sind.

Keynes vs. Hayek

Gutes Anschauungsmaterial für die gegenwärtige Kontroverse liefert die Debatte zwischen Keynes und Hayek in den frühen 1930er Jahren über die Aufgaben des Staates in einer Wirtschaftskrise. Sie war inhaltlich von der beginnenden Großen Depression bestimmt und wurde durch die Konkurrenz zwischen Cambridge (Keynes) und der neugegründeten London School of Economics (Hayek) angefeuert.[ 2 ] In einer Besprechung der „Treatise on Money“ bemängelte Hayek, dass Keynes seinem Gleichgewichtszinssatz keine ausformulierte Kapital- und Zinstheorie zugrunde lege. Darüber hinaus warf er Keynes vor, schlampige Definitionen und eine obskure Sprache zu verwenden und sich zu wenig mit der kontinentaleuropäischen Literatur zu beschäftigen. Aber auch Keynes ging wenig zimperlich mit Hayek um, als er sich über dessen Buch „Prices and Production“ wie folgt ausließ: „The book as it stands, seems to me to be one of the most frightful muddles I have ever read, with scarcely a sound proposition in it“.[ 3 ]

Parallel dazu und wenig beeinflusst von der akademischen Debatte versuchte die Politik – lange Zeit erfolglos – der Krise Herr zu werden. Gegen Ende des 2. Weltkriegs kam es erneut zu einer kurzen Kontroverse, in der Keynes bei Hayek das Fehlen einer kurzfristigen Theorie bemängelte und Hayek bei Keynes keine Überlegungen über die langfristigen Konsequenzen seiner Politikempfehlungen ausmachen konnte. Nach dem Krieg oszillierte das Pendel zwischen den beiden Positionen, um nun angesichts der gegenwärtigen Krise in einer Dominanz keynesianischer Konzepte zu münden.[ 4 ]

Historische vs. Österreichische Schule

Einige Jahrzehnte vor der Keynes-Hayek-Kontroverse wurde der Streit zwischen der Historischen Schule der Ökonomie mit ihrem Konzept der induktiven Modellbildung (Gustav Schmoller u.a.) und der Österreichischen Schule mit dem deduktiven Ansatz (Carl Menger u.a.) ausgetragen. Die zum Teil sehr persönliche Auseinandersetzung zwischen Schmoller und Menger schlief erst ein, als Schmoller nicht mehr auf die Anwürfe Mengers reagierte.

Im Anschluss an diesen Methodenstreit entwickelte sich in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg der Werturteilsstreit, der noch in die heutigen Missverständnisse zwischen Politikern und Ökonomen hineinwirkt: Einige Mitglieder des Vereins für Socialpolitik stritten sich über die Frage, ob Ökonomen normative Aussagen zur Wirtschaftspolitik treffen sollen bzw. ob wirtschaftspolitische Maßnahmen wissenschaftlich abgeleitet werden können. Max Weber und Werner Sombart verteidigten die Freiheit der Wissenschaft von jeglicher Wertung, wogegen Schmoller und die Kathedersozialisten Wertungen geradezu forderten und damit zur Schaffung der modernen Sozialpolitik beitrugen.

Auch in den Naturwissenschaften besteht durchaus nicht immer Einigkeit – nur sind die Streitfragen dort für kurzfristige Politikentscheidungen meist wenig relevant. Ob die jüngsten Entdeckungen mit dem Teilchenbeschleuniger des CERN nun tatsächlich zum langgesuchten Higgs-Boson führen oder nicht, ist zwar intellektuell elektrisierend, kratzt aber die Tagespolitik nicht. „Politirelevante“ Bereiche gibt es natürlich auch hier, so etwa in der Umweltpolitik, die nicht immer auf einhellige Expertenmeinungen zurückgreifen kann.

Anerkannte Prinzipien

Heute sind in der Wirtschaftspolitik wohl die folgenden zwei Prinzipien anerkannt: (i) Werturteilsfreiheit ist ein esotherischer Begriff, der wenig praktische Relevanz besitzt: Jede ökonomische Aussage ist (bewusst oder unbewusst) schon durch die Wahl der Themen und Methoden wertgeladen, doch ist eine Versachlichung durch Offenlegung des Wertebündels möglich. Nach Karl Popper hängt die Objektivität einer Wissenschaft ohnehin nicht an der Objektivität ihrer Vertreter, sondern nur daran, dass wissenschaftlicher Diskurs möglich ist und gewünscht wird.[ 5 ] (ii) Wirtschaftspolitische Entscheidungen sollen von den demokratisch gewählten politischen Organen (Parlament, Regierung) getroffen und verantwortet werden, nicht aber von abgehobenen Wissenschaftern ohne Rechtfertigungszwang. Mit diesen Eckpfeilern der Wirtschaftspolitik vor Augen sollte sich auch die Gesprächsbasis zwischen Politikern und Ökonomen wieder entspannen.

In der Eurokrise hantelt sich die Politik auf der Suche nach einem eindeutigen ökonomischen Lösungsrezept von Rettungsschirm zu Rettungsschirm. Unabhängig davon, ob man als Ökonom die Errichtung einer europäischen Bankenunion befürwortet oder nicht, könnte der gegenwärtige Ökonomendisput einen verstärkten Austausch von wissenschaftlichen Argumenten bewirken und wäre aus diesem Grund uneingeschränkt zu begrüßen. Nichts Besseres kann der Politik und ihren Beratungserfordernissen zustoßen, als von verschiedenen Standpunkten aus in die Komplexität ökonomischer Zusammenhänge eingeführt zu werden.

Ton verfehlt

Bedauerlich ist hingegen der Ton der Auseinandersetzung in Verbindung mit persönlichen Untergriffen, die die Sicht auf das eigentliche Problem vernebeln und nichts zur Lösung der Eurokrise beitragen. Auch das erinnert an die akademische Kontroverse zwischen Keynes und Hayek, die zunächst ohne Einfluss auf die Wirtschaftspolitik blieb. Wenn nun die Bofinger-Gruppe schreibt, dass es nicht Aufgabe der Ökonomen sein könne, „mit Behauptungen, fragwürdigen Argumenten und einer von nationalen Klischees geprägten Sprache[ b ]“ die Öffentlichkeit zu verunsichern, dann begibt sich die Debatte auf ein Niveau, wie es allenfalls in der Politik üblich ist.

Laut Financial Times Deutschland qualifiziert Bofinger den Aufruf als „schlimmste Stammtisch-Ökonomie[ c ]“, aber auch Paul De Grauwe („Ich bin entsetzt. Dieser Aufruf ist eine Schande.“), Daniel Gros („Der Ton erscheint mir vollkommen unangebracht“) oder Dennis Snower („Der Aufruf schürt lediglich Ängste und zeigt keinen einzigen Weg zur Lösung der Probleme auf“) verurteilen den Aufruf. Finanzminister Schäuble findet den Aufruf der Sinn-Gruppe „empörend“ und „der Verantwortung eines Wissenschaftlers nicht entsprechend[ d ]“.[ 6 ]

Sachdiskussion gefragt

Die Polarisierung sollte sich auf die Sache beschränken, und die Bewertung für Politikentscheidungen sollte an der Problemanalyse ansetzen: Worin besteht das Problem? Welche Lösungswege bieten sich an? Mit welchen Kosten sind die einzelnen Lösungswege verbunden? Wie können künftige Krisen verhindert werden? Jede dieser Fragen bietet ein ganzes Spektrum von sachlichen Möglichkeiten der Expertenverwirklichung.

Dieser Ansatz hilft natürlich jenen Politikern wenig, die sich bei „zwei Ökonomen“ über deren „drei Meinungen“ beklagen[ 7 ] und sich daher wie US-Präsident Harry S. Truman am liebsten mit „einhändigen Ökonomen“ (die nur die „eine Wahrheit“ vertreten) umgeben, um nicht zwischen mehreren Positionen entscheiden zu müssen. Aber welche Aufgabenverteilung steht hinter einer solchen Haltung? Faktum ist, dass Politiker, die zur Entscheidung berufen sind, diese mit Vorliebe an Experten delegieren. In einem derartigen „technokratischen“ Modell werden die Ökonomen in die Rolle des Politikers gedrängt und die Politiker werden zu Erfüllungsgehilfen der Ökonomen. Es kann aber nicht Aufgabe der Ökonomen sein, der Politik die Entscheidungsverantwortung abzunehmen, ja nicht einmal, ihr eindeutige Entscheidungsvorlagen in die Hand zu geben. Ihre Hauptaufgabe ist es – ob wertend oder nicht -, auf Probleme hinzuweisen, Fakten auf den Tisch zu legen, Lösungsoptionen zu entwerfen und deren Konsequenzen aufzuzeigen. Zu hoffen ist aber jedenfalls, dass die Ökonomen die Problemlage nicht noch durch persönliche Ressentiments vernebeln.


  • 1  Im gesamten Beitrag gelten geschlechterbezogene Bezeichnungen jeweils für beide Geschlechter.
  • 2  Nicholas Wapshott (2011), “Keynes Hayek: The clash that defined modern economics”, W.W. Norton and Company.
  • 3  Friedrich A. Hayek (1931/32), “Reflections on the Pure Theory of Money of Mr. J.M. Keynes”, Economica 11, August 1931: 270-95 (Part I) und 12, February 1932: 22-44 (Part II). John Maynard Keynes (1931), “The Pure Theory of Money. A reply to Dr. Hayek”, Economica 11: November 1931: 387ff.
  • 4  Robert Skidelsky (2011), „The Keynes – Hayek rematch“, Project Syndicate, 19 August. Siehe auch Robert Skidelsky (2006), „Hayek vs. Keynes: The road to reconciliation”, in: Edward Feser (ed.), The Cambridge Companion to Hayek, Cambridge University Press: 82-110.
  • 5  Karl Popper (1962), „Die Logik der Sozialwissenschaften“, Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 14: 233-248.
  • 6  Auszug aus einem Radiointerview, rbb-Inforadio, vom 6.7.2012.
  • 7  Winston Churchill wird folgender Spruch nachgesagt: "If you put two economists in a room, you get two opinions, unless one of them is Lord Keynes, in which case you get three opinions”. Vgl. Jeff Thredgold, “On the one hand… The economist’s joke book”, Thredgold Economic Associates 2001 (auch bei Amazon.co.uk, Kindle edition).

©KOF ETH Zürich, 13. Jul. 2012

 
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Aufruf-der-Ökonomen, Hayek, Keynes, Ökonomenstreit

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