Wer verliert bei einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone?

4802 mal gelesen

Daniel Gros, 12. Juni 2012
Wer verliert bei einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone? 3.00 5 6

Wie kostspielig würde ein griechischer Ausstieg für Deutschland und die anderen Euroländer wirklich werden? Als Folge des Austritts würde Griechenland aller Voraussicht nach seine Schulden nicht mehr in Euro begleichen können, da die neue Währung massiv gegenüber dem Euro abwerten würde – so wird es zumindest in der öffentliche Debatte mehrheitlich dargestellt. Diese Folgerung ist jedoch nicht zwangsläufig richtig. Letztlich muss Griechenland seine Auslandsschulden durch Handelsüberschüsse bedienen; und hier kommt die Abwertung der neuen Währung ins Spiel. Eine schwache neue Drachme würde die Exporte des Landes fördern und den Import drücken, wodurch sich die Zahlungsfähigkeit des Landes signifikant verbessern würde.[ 1 ]

Die Logik der Pessimisten ist klar: Man muss wohl eine Abwertung der neuen Drachme von 50% zu Grunde legen. Dann würde das griechische BIP von etwa 200 Mrd. auf 100 Mrd. Euro sinken. Die gleiche Rechnung lässt sich auf die Staatseinnahmen übertragen, welche sich von 80 Mrd. auf etwa 40 Mrd. Euro halbieren würden. Die Auslandsschulden wären weiterhin in Euro bemessen und folglich nach wie vor in einer Größenordnung von 330 Mrd. Euro.

Man muss aber auch bedenken, dass der Großteil der griechischen Staatsanleihen mittlerweile in öffentlicher Hand (bei der EZB und dem EFSF) liegt. Ein Zahlungsausfall würde somit besonders die Eurostaaten treffen (ohne weitere Berücksichtigung des IWF-Darlehens, welches als Senior-Schulden angesehen werde kann). Doch würde es dazu wirklich kommen?

Die Erfahrung lehrt uns, dass der neue Wechselkurs über das Gleichgewicht hinausschießen wird; es aber anschließend zu einer Rückkehr zum langfristigen Gleichgewicht kommen wird. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass Griechenland auf einen normalen Wachstumspfad zurückfinden wird und die Produktionslücke sich langsam wieder schließt. Schwellenländer in ähnlichen Umständen haben erfahrungsgemäß weniger als 10 Jahre gebraucht, um ihr vor-Krisen Level des BIP wieder zu erreichen (gemessen an einer stabilen Referenzwährung). Ein Teil der Erholung wird durch gestärktes Exportwachstum erfolgen.  Die Exporte könnten sich gut innerhalb eines Jahrzehntes verdoppeln, von den heutigen 42 Mrd. auf 85 Mrd. Euro (dazu müssten sie nur um 7 % jährlich ansteigen, weniger als im Durchschnitt der  letzten zehn Jahre). Unter diesen Umständen wäre Griechenland wieder in der Lage, die Schulden zu bedienen, solange die Zinsen niedrig genug sind.

Die Rückkehr zur Drachme könnte somit folgende Ereignisse nach sich ziehen: Nach der Abwertung der Drachme würde Griechenland seine Auslandsschulden (sowohl jene des staatlichen wie des privaten Sektors) bei privaten Gläubigern nicht länger bedienen. Diese, vor allem die Banken, müssten die griechischen Staatsanleihen und andere griechische Werte (von etwa 70 Mrd. Euro) abschreiben – dies würde in einigen Staaten Bankenrettungen zurück auf die Agenda bringen.

Eurostaaten, welche den Großteil der noch verbleibenden Forderungen gegen den griechischen Staat halten, müssten, abgesehen von Stabilisierungsmaßnahmen des Bankensektors, unter Umständen keine oder nur geringe Verluste verbuchen. Dies könnte erreicht werden, wenn die Euroländer Griechenland einen Zahlungsaufschub gewähren. Angenommen, Griechenland hätte 10 Jahre Zeit, die Wirtschaft wieder auf Kurs zu bringen und würde über die darauf folgenden 20 Jahre die Schulden vollständig zurückzahlen, plus Zinsen in Höhe von 1,5% (die Zinsrate deutscher Staatsanleihen zur Zeit). Der jährliche Schuldendienst würde sich dann auf lediglich 6 Mrd. Euro belaufen, etwa 3% des BIP. Diese Summe könnte durch gesteigerte Exporte bedient werden, da sich die Zahlungen auf 6% der Exporterlöse beschränken würden. Darüber hinaus würden wohl das BIP sowie die Exporte mit mehr als 1.5 % nominal wachsen und so die Zahlungsfähigkeit mit der Zeit weiter verbessern. Unter diesem Ansatz könnten die Kreditgeberländer ihr Kapital (plus 1,5% Zinsen) zurückerhalten.  

Die Krux bei diesem Verfahren ist die Zinslast. Am Markt erhalten Investoren zurzeit einen Zinssatz von über 25% auf griechische Staatsanleihen, folglich kommt die Bereitstellung von frischem Geld für nur 1,5% einem Schuldenschnitt (im Gegenwartswert) von über 80% gleich. Die hohe Zinslast von 25% ist jedoch teilweise dem PSI (Private Sector Involvment) und der damit einhergehenden Seniorität der staatlichen Gläubiger geschuldet.

Für die Gläubigerländer sind aber die wirklichen Verluste und nicht die relativen Verluste verglichen mit Marktwerten entscheidend – und erstere können je nach nationalen Finanzierungskosten sehr unterschiedlich ausfallen. Unter der Voraussetzung, dass Griechenland die Gesamtschulden über die erwähnten 30 Jahre begleichen wird, würde Deutschland dank der eigenen, zurzeit noch niedrigeren, Refinanzierungskosten effektiv keinen Verlust aus diesem Aufschub verbuchen.

Die in Tabelle 1 aufgezeigten Verluste für Deutschland beruhen ausschließlich auf verbliebenen Risiken deutscher Banken in griechischen Werten.

Tabelle 1: Totale Verluste (in Mrd. Euro und als % des BIP)

Die meisten anderen Eurostaaten, deren eigene Finanzierungskosten deutlich über den 1,5% liegen, müssten aber eine ganz andere Rechnung machen. Staaten wie Italien und Spanien sind zwar in ähnlichem Ausmaß griechischem Risiko ausgesetzt, gemessen am BIP (etwa 4%), allerdings würden sie auf Grund der hohen Zinssätze auf eigene Staatsanleihen (über 6%) auf einen Verlust von etwa 60% des Gegenwartswerts kommen (siehe Tabelle 2). Für Portugal wäre es noch prekärer: Dieses Land würde einen Verlust von etwa 5% des BIP zu verkraften haben.

Ironischerweise ist das Land, welches die meisten griechischen Risiken hält und den politischen Kurs der Eurozone vorgibt, auch das Land, welches von einem griechischem Austritt, gemessen am BIP, am wenigsten zu befürchten hat (Verlust von nur 0,3% des BIP). Ein griechischer Austritt würde jedoch zu einer starken Belastung der schon gebeutelten Peripherieländer führen. Sie wären nicht nur Ansteckungseffekten, sondern auch erheblichen Verlusten auf ihre Forderungen gegenüber Griechenland (zwischen 2% und 3% des BIP) ausgesetzt – Portugal als Sonderfall würde noch tiefer in den Abgrund stürzen.


  • 1  Dieser Beitrag basiert auf einer englischen Version, die am 29. Mai 2012 bei unserer Partnerplattform Vox erschienen ist. Bei der Übersetzung hat Matthias Busse einen massgeblichen Beitrag geleistet.

©KOF ETH Zürich, 12. Jun. 2012

 
Wer verliert bei einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone? 3.00 5 6

Kommentare

Dieser Artikel hat noch keine Kommentare.
Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.

Autor

Daniel Gros

Daniel Gros

Schlagworte

Eurokrise, Euroraum, Exit, Grexit, Griechenland

Weitersagen

Ähnliche Artikel