Eine Frage der Formulierung

Zahlungsbereitschaftsbefragungen in einer empirisch fundierten Wirtschaftswissenschaft

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Christian Fichter und Felix Schläpfer, 20. Juni 2012
Eine Frage der Formulierung 3.54 5 13

Volkswirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analysen stützen sich immer häufiger auf Befragungen zur Zahlungsbereitschaft. Verhaltensökonomische Studien zeigen jedoch, dass die erfassten Bewertungen in vielen Fällen massgeblich durch die Formulierung der Fragen beeinflusst werden. Erst im Rahmen experimenteller Versuchsdesigns lässt sich klären, ob konsistente, ökonomisch interpretierbare Bewertungen vorliegen oder nicht. Die angewandte Forschung liess sich bisher wenig davon beeindrucken und produziert weiterhin Befragungen, deren Verlässlichkeit schlicht nicht beurteilt werden kann.

Metallische Metalle

Teilnehmende von Umfragen äussern sich bekanntlich zu fast allem. Ein legendäres Beispiel aus der Psychologie ist eine Umfrage, in der 70 Prozent der Befragten eine Meinung zu einem frei erfundenen „Metallic Metals Act“ (Gesetz über die metallischen Metalle) äusserten, obwohl nie ein solches Gesetz existierte und die Befragten kein tatsächliches Wissen darüber haben konnten.[ 1 ] Auch können bekanntlich schon geringfügige Veränderungen in der Präsentation von Antwortoptionen einen starken Einfluss auf die Antworten haben. Ein Beispiel: Je nachdem ob inhaltlich gleichwertige Konsequenzen positiv oder negativ formuliert werden – z. B. als „Anteil der Leute, die sterben“ oder als „Anteil der Leute, die gerettet werden“ – können sich dramatische Unterschiede in der Bewertung von Risiken ergeben.[ 2 ] Es erstaunt daher nicht, dass die meisten Leute auch Fragen zu ihrer Zahlungsbereitschaft für beinahe beliebige öffentliche Güter bereitwillig beantworten und dass die Antworten stark von der Präsentation der Fragen abhängen. Traditionelle Zahlungsbereitschaftsbefragungen, wie sie in Lehrbüchern nach wie vor propagiert werden, machen sich diese Antwortbereitschaft zunutze – allzu unbekümmert, wie sich zeigt.

Problematische Antwortheuristiken

Wie Urteile über Zahlungsbereitschaften in Befragungen zustande kommen, zeigt die psychologische und verhaltensökonomische Entscheidungsforschung. Die Befunde sind ernüchternd. Viele Befragte verwenden Antwortheuristiken, die mit den üblichen Annahmen der ökonomischen Analyse von Zahlungsbereitschaften in keiner Weise verträglich sind. Zum Beispiel werden in vielen Fällen einfach Beträge in der Höhe einer „typischen Spende“ genannt.[ 3 ] Studien haben ergeben, dass die genannten Zahlungsbereitschaften für Massnahmen zum Schutz von 2000, 20‘000 oder 200‘000 Zugvögeln statistisch nicht unterscheidbar sind[ 4 ] – und dass die genannte Zahlungsbereitschaft für die Erhaltung von 57 Wildnisgebieten in den USA nur 50 Prozent höher war als für ein einziges Gebiet.[ 5 ] Dieses Phänomen wird als Scope insensitivity beschrieben.

Genauso irrational, aber in umgekehrter Richtung, führen bei Framing-Effekten inhaltlich äquivalente Fragen je nach Formulierung zu sehr unterschiedlichen Antworten. Befragte orientieren sich zum Beispiel unbewusst an Zahlen, auf die ihre Aufmerksamkeit vorher gelenkt wurde, auch wenn es sich dabei um so zufällige Zahlen wie etwa „die letzten zwei Ziffern Ihrer Sozialversicherungsnummer“ handelt.[ 6 ] Dass die resultierenden Zahlen als Grundlage für Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft nicht ausreichend verlässlich sind, liegt auf der Hand.

Paradoxe Praxis

Die angewandte ökonomische Befragungsforschung hat sich noch kaum mit den Abweichungen des menschlichen Verhaltens vom Homo oeconomicus befasst. Die Situation ist paradox: Einerseits werden bestimmte Arten von Verzerrungen der Resultate, etwa durch ungenügend grosse oder nicht repräsentative Stichproben, sehr ernst genommen. Eine Studie, die solchen Verzerrungen nicht durch aufwändige, kostspielige Stichproben und durch die Schätzung von Vertrauensintervallen Rechnung trägt, würde heute kaum noch finanziert. Ganz anders sieht der Umgang mit problematischen Antwortheuristiken aus. Diese mindestens so wichtige Quelle von Verzerrungen, die in der traditionellen Ökonomie aber nicht existiert, wird kaum je beachtet, selbst in angesehensten Studien.[ 7 ] Der in der Praxis immer noch übliche Standard orientiert sich am orthodoxen Paradigma der fixen Präferenzen und rationalen Akteure. Und laufend werden neue Studien durchgeführt, deren Verlässlichkeit schlicht nicht einschätzbar ist, weil diese weiteren Verzerrungen nicht berücksichtigt, nicht analysiert und nicht dokumentiert werden.

Eine Durchsicht von Studien, die in den letzten paar Jahren in der Schweiz erstellt wurden (Contingent Valuation- und Choice Experiment-Methode) ergab, dass keine einzige davon das Ausmass dieser Verzerrungen untersuchte. Wenn sich Interessengruppen für die Verlässlichkeit ihrer Auftragsstudien nicht so sehr interessieren, ist dies verständlich – Hauptsache, die Resultate stützen die eigenen Forderungen. Die besagten Studien aber wurden alle von öffentlichen Auftraggebern finanziert, von Bundesämtern, Forschungsinstituten und Institutionen der Forschungsförderung.

Experimentelle Befragungsdesigns als Nagelprobe

Befragungssituationen, bei denen die verwendeten Antwortheuristiken zu Zahlen führen, die nicht als Zahlungsbereitschaften interpretierbar sind, lassen sich an einer ganzen Reihe von Antwortphänomenen durchaus erkennen – allerdings nur im Rahmen von Befragungen, die ein geeignetes experimentelles Design verwenden. Als besonders geeignet haben sich experimentelle Tests auf Framing-Effekte herausgestellt, in denen inhaltlich äquivalente Fragen gestellt werden, die gemäss der Standardtheorie zu denselben Antworten führen müssten. Diese Tests sind daher als Nagelprobe geeignet, um die Konsistenz oder Inkonsistenz von Bewertungen zu prüfen. Sie können im Rahmen der Qualitätskontrolle bei Befragungen als nützliches Werkzeug eingesetzt werden.

Die zwei zentralen Fragen, die sich in der Praxis stellen, lauten: (a) wie können Framing-Effekte gemessen werden und (b) mit welchen Befragungsansätzen können stabile Zahlungsbereitschaften gewonnen werden, die nicht vom Framing abhängig sind?

Framing-Effekte messen

Der favorisierte Ansatz sind sogenannte Anker-Experimente:[ 8 ] In einer dichotomen (Ja/Nein-) Frage zur Zahlungsbereitschaft für eine bestimmtes Gut oder Projekt werden unterschiedliche Beträge (hypothetische Kosten) einsetzt. Zum Beispiel wird nach der Zustimmung zu einem Projekt bei Kosten von 5, 50 oder 500 Euro pro Haushalt und Jahr gefragt. Die drei Versionen der Frage werden jeweils unterschiedlichen Befragten vorgelegt. Anschliessend werden alle Teilnehmenden auch gefragt, bei welchen maximalen Kosten sie das Projekt gerade noch befürworten würden. Es zeigt sich, dass die genannten Zahlungsbereitschaften bei unvertrauten Gütern – anders als bei Gütern des täglichen Bedarfs – sehr stark vom „Anker“ (5, 50 oder 500 Euro) abhängt, der in der ersten (Ja/Nein-) Frage eingesetzt wurde. Der marginale Effekt des Ankers auf die geäusserten Zahlungsbereitschaften kann dann als einfacher, aussagekräftiger Index für die Stärke des Framing-Effekts berechnet und ausgewiesen werden.[ 9 ] Oft beträgt der Effekt etwa 0,2 bis 0,5: Wird der Betrag in der dichotomen Frage um 100 Euro erhöht, so erhöht sich die durchschnittliche genannte Zahlungsbereitschaft um 20 bis 50 Euro. In solchen Fällen steht fest, dass die erfassten Zahlungsbereitschaften stark vom Framing der Befragung abhängen und nicht Ausdruck stabiler, ökonomisch interpretierbarer Präferenzen sind.[ 10 ]

Framing-Effekte eliminieren

Grundsätzlich kommen dazu zwei Strategien in Betracht. Beide beruhen darauf, zusätzliche Kontextinformation bereitzustellen, die in traditionellen Zahlungsbereitschaftsbefragungen nicht verfügbar ist. Die erste Strategie zielt darauf ab, Befragte durch verschiedene Hilfestellungen bei der systematischen Informationsverarbeitung zu unterstützen.[ 11 ] Zum Beispiel werden die Kosten des betrachteten Projekts nicht nur isoliert, sondern auch im Rahmen von Budgets für umfassendere öffentliche Leistungsbereiche (etwa: „Ausgaben für Umweltschutz insgesamt“ oder „Ausgaben für Umwelt, Bildung und Gesundheit insgesamt“) dargestellt.

Bei der zweiten Strategie wird versucht, eine mit individuellen Interessen und Wertvorstellungen übereinstimmende heuristische Entscheidungsfindung zu unterstützen, indem die Befragten auch über die Entscheidungen von besser informierten Individuen oder Organisationen mit bekannten Interessen informiert werden.[ 12 ] Die zweite Strategie kann als „libertär paternalistisch“ bezeichnet werden.[ 13 ] Sie weist mit der Information über Entscheide besser informierter Individuen eine paternalistische Komponente auf, nimmt den Befragten aber nicht die Freiheit, für sich selbst zu entscheiden, ob und wie sie diese zusätzliche Information verwenden, beziehungsweise wessen Entscheidungen sie gegebenenfalls folgen wollen.

Handlungsbedarf in Forschung und Praxis

Die Praxis der Kosten-Nutzen-Analyse hat sich bisher noch kaum mit den Implikationen der Verhaltensökonomie befasst. Die Existenz und Relevanz von Framing-Effekten in Befragungen zur Zahlungsbereitschaft ist in der Grundlagenforschung jedoch bestens belegt. Wesentliche Implikationen – auch für die angewandte Forschung – liegen auf der Hand. Leider ist den Auftraggebern dieser Forschung der Handlungsbedarf jedoch noch kaum bekannt. Framing-Effekte können und sollten heute mit geeigneten Verfahren wie Anker-Experimenten analysiert und dokumentiert werden, genauso wie es zum Standard gehört, die Stichprobe einer Befragung zu charakterisieren und statistische Kennzahlen wie Standardfehler oder Vertrauensintervalle auszuweisen.

Es ist die Aufgabe der akademischen Forschung, entsprechende Testverfahren zu entwickeln und als Standard zu etablieren. Aussagekräftige Testverfahren wie der erwähnte Anker-Test würden in der angewandten Forschung wiederum einen starken Anreiz schaffen, bessere Befragungsansätze zu verwenden, welche dank realistischer ökonomischer Verhaltensmodelle die Ursachen der Framing-Effekte beheben. Vor einem verhaltensökonomisch aufgeklärten Hintergrund sollten Befragungen je nach Gegenstand der Befragung und Kenntnissen der Befragten auch geeignete Kontextinformationen bereitstellen. Diese ermöglichen es den Befragten, trotz unvollständiger Präferenzen und begrenzter kognitiver Ressourcen stabile Entscheidungen zu treffen, die mit ihren grundlegenden Interessen und Werthaltungen im Einklang sind.[ 14 ]


  • 1  Studie von S. Gill, zitiert in Plous, S., 1993. The Psychology of Judgment and Decision Making. McGraw-Hill, New York, S. 55.
  • 2  Tversky, A., Kahneman, D., 1981. The framing of decisions and the psychology of choice. Science 211, 453-458.
  • 3  Schkade, D.A., Payne, J.W., 1994. How People Respond to Contingent Valuation Questions: A Verbal Protocol Analysis of Willingness to Pay for an Environmental Regulation”. Journal of Environmental Economics and Management, 26, 88-109.
  • 4  Z. B. Boyle, K. J., Desvousges, W. H., Johnson, F. R., Dunford, R. W. and Hudson, S. P., 1994. An investigation of part - whole biases in contingent-valuation studies. Journal of Environmental Economics and Management, 27(1), 64-83.
  • 5  McFadden, D., 1994. Contingent valuation and social choice. American Journal of Agricultural Economics 76, 689-708.
  • 6  Z. B. Ariely, D., Loewenstein, G. and Prelec, D., 2003. "Coherent arbitraryness": stable demand curves without stable preferences. Quarterly Journal of Economics, 118(1), 73-105.
  • 7  Carson, R. T., Mitchell, R. C., Hanemann, M., Kopp, R. J., Presser, S. et al., 2003. Contingent valuation and lost passive use: Damages from the Exxon Valdez oil spill. Environmental & Resource Economics 25, 257-286.
  • 8  Green, D., Jacowitz, K. E., Kahneman, D. and McFadden, D., 1998. Referendum contingent valuation, anchoring, and willingness to pay for public goods. Resource and Energy Economics, 20, 85-116.
  • 9  Jacowitz, K.E., Kahneman, D., 1995. Measures of anchoring in estimation tasks. Personality and Social Psychology Bulletin 21, 1161-1166. McFadden, D., 2001. Economic choices. American Economic Review 91, 351-378.
  • 10  Entscheidend ist hier, dass die Fragen in der ökonomischen Analyse und Interpretation als gleichwertig behandelt werden.Von den Befragten werden die Fragen möglicherweise nicht als gleichwertig verstanden (s. Bruine, de Bruin, W., Framing effects in surveys: How respondents make sense oft he questions we ask. Chapter prepared for Keren, G. (Ed.) Perspectives on framing. Taylor & Francis, London, UK.)
  • 11  Z.B. Fischhoff, B., 1991. Value elicitation - Is there anything in there? American Psychologist, 46, 835-847.
  • 12  Z.B. Schläpfer, F., Schmitt, M., Roschewitz, A., 2008. Competitive politics, simplified heuristics and preferences for public goods. Ecological Economics 65 (3), 574–589. Schläpfer, F., 2011. Access to party positions and preference formation: a field experiment. Swiss Political Science Review 17, 75-91.
  • 13  Sunstein, C.R. and Thaler, R. 2003. Libertarian Paternalism is not an oxymoron. The University of Chicago Law Review 70, 1159-1202.
  • 14  Thaler, R. H., Sunstein, C. R., 2008. Nudge: Improving decisions about health, wealth, and happiness. Yale University Press, New Haven, CT. Sunstein, C.R. 2011. Empirically informed regulation. The University of Chicago Law Review 78, 1349-1429. Schläpfer, F., Fischhoff, B., 2012. Task familiarity and contextual cues predict hypothetical bias in a meta-analysis of stated preference studies. Ecological Economics, in press.

©KOF ETH Zürich, 20. Jun. 2012

 
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Schlagworte

Befragung, Choice-Experiment, Contingent-Valuation, Framing-Effekte, Kosten-Nutzen-Analyse, Verhaltensökonomie, Zahlungsbereitschaft

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