Demographie, Vermögen und Sparquote

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Ansgar BelkeChristian Dreger und Richard Ochmann, 4. Juni 2012
Demographie, Vermögen und Sparquote 4.23 5 35

Seit vielen Jahren ist die Wirtschaftsleistung in Deutschland durch ein hohes Exportwachstum gekennzeichnet, das von einer eher unterdurchschnittlichen Steigerung der inländischen Nachfrage begleitet wird. Dies dämpft die wirtschaftliche Entwicklung nicht nur hierzulande, sondern auch in den übrigen Mitgliedsländern der Währungsunion. Insbesondere könnte eine stärkere Expansion der Konsumausgaben dazu beitragen, einen dringend erforderlichen Wachstumsimpuls im Euroraum auszulösen. Daher ist eine Analyse der Bestimmungsfaktoren der Konsumausgaben von hoher wirtschaftspolitischer Bedeutung.

Hinter der schwachen Expansion der Konsumnachfrage steht vor allem die nur moderate Steigerung der verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte. Während die Masseneinkommen (Nettolöhne und Transfers) in den letzten Jahren nur schwach zugelegt haben und in realer Rechnung oft rückläufig waren, konnten die Gewinneinkommen deutlich stärker expandieren. Dadurch haben Bezieher hoher Einkommen, die eine überdurchschnittliche Sparquote aufweisen, ihren Anteil am verfügbaren Einkommen erhöht. Umgekehrt haben Haushalte mit niedrigen Einkommen und geringer Sparquote relativ verloren. Dies ist ein wesentlicher Grund für die tendenzielle Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Sparquote in den letzten Jahren.

Darüber hinaus ist die Entwicklung an den Vermögensmärkten zu berücksichtigen. Bei einem Vermögenszuwachs wird tendenziell mehr konsumiert, weil Sparziele mit einer geringeren Sparquote erreicht werden können. Dagegen wird der Konsum bei sinkenden Vermögenspreisen reduziert. Dieser Zusammenhang, der vor allem in den angelsächsischen Ländern zu beobachten ist, ist in Deutschland weniger stark ausgeprägt, mag aber auch hier relevant sein. Bisherige Studien haben jedoch keine überzeugende Evidenz in Bezug auf eine Vermögensabhängigkeit von Konsum oder Ersparnis geliefert. Dies kann zum einen auf ökonomische Faktoren zurückzuführen sein, etwa auf den im internationalen Vergleich geringeren Anteil von Aktien an den Vermögensanlagen. Zum anderen sind jedoch auch ökonometrische Probleme zu beachten, die sich bei einer Schätzung auf der Mikroebene umgehen lassen. Beispielsweise lässt sich hier eine Untersuchung für individuelle Vermögenskomponenten vornehmen.

Daher wird untersucht, inwieweit die Sparquote der privaten Haushalte von den Vermögensbeständen bestimmt wird.[ 1 ] Es werden drei Vermögensarten (Aktien und festverzinsliche Wertpapiere, Immobilienbesitz, sonstige Anlagen wie Bausparverträge oder Lebensversicherungen) betrachtet. Zudem wird ein demographischer Faktor berücksichtigt, weil die zunehmende Alterung der Bevölkerung zu einem abweichenden Konsum- und Sparmuster führen dürfte. Die Untersuchung basiert auf der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe, die vom Statistischen Bundesamt berichtet wird. Es werden verschiedene Wellen herangezogen.

Abbildung 1: Demographie und Sparquote

Bereits die deskriptive Analyse dokumentiert einen deutlichen Einfluß des Alters des Haushaltsvorstands auf die Sparquote (Abbildung 1). So steigt die Sparquote in jungen Jahren an und bleibt bis zu einem Alter von 40 Jahren auf einem vergleichsweise hohen Niveau.[ 2 ] Danach stellt sich ein Rückgang der Sparquote ein, der ungefähr bis zum Renteneintrittsalter anhält. Anschließend wird die Spartätigkeit wieder intensiver, was mit Blick auf die permanente Einkommenshypothese nicht ohne weiteres zu erwarten ist. Dahinter könnten mehrere Ursachen stehen, etwa das Vererbungsmotiv, die zunehmende Immobilität im Alter, die zu eingeschränktem Konsum führt und ein allmählich erstarkendes Bewusstsein, dass ein längerer Lebensabschnitt teilweise mit Rücklagen zu finanzieren ist, die nun wieder aufgestockt werden.

Tabelle 1: Ökonometrische Erklärung der Sparneigung von Haushalten

In der ökonometrischen Analyse zeigt sich, dass das verfügbare Einkommen einen recht hohen Einfluß auf die Sparquote ausübt (Tabelle 1). Das ist ein gängiges Resultat empirischer Studien. Daneben zeigen sich im Gesamtmodell (Spalte 1) die erwarteten negativen Vermögenseffekte vor allem beim Immobilienbesitz, aber auch bei Aktien. Ein Anstieg des Vermögens in diesen beiden Komponenten ist im Durchschnitt mit einer rückläufigen Sparquote verbunden, weil sich gegebene Sparziele leichter erreichen lassen. Dieser Zusammenhang bleibt beim Immobilienbesitz erhalten, wenn nach Altersklassen (Spalten 2 bis 5) differenziert wird, beim Aktienbesitz fällt er weniger eindeutig aus. Dagegen steigt die Sparquote bei einer Ausweitung der sonstigen Vermögensanlagen. Dies mag darauf zurückzuführen sein, dass wichtige Bestandteile der sonstigen Anlagen feste Ansparpläne vorsehen. Daneben ist das Alter bei der Erklärung der Sparquote relevant. Die potenzierten Terme sind aufgenommen worden, um etwaige Nichtlinearitäten zu berücksichtigen.

Entsprechend der Regressionsergebnisse lassen sich die marginalen Effekte des Alters auf die Sparquote bestimmen. Diese sind in Abbildung 2 dargestellt und lassen sich mit der Bevölkerungsprognose des Statistischen Bundesamtes kombinieren, um die Auswirkungen der Alterung der Bevölkerung auf die Sparquote abzuschätzen. Danach ist in den nächsten zwei Dekaden ein Anstieg der Sparquote um 1.4 Prozentpunkte zu erwarten. Dieses Ergebnis bedeutet, dass die demographische Entwicklung das Wachstum der Konsumausgaben bremsen wird, wenngleich die Effekte nicht übermäßig stark ausfallen sollten. Gleichwohl wird sich die Schere zwischen Export- und Konsumentwicklung eher weiter öffnen, so dass Deutschland in der Währungsunion zunehmend unter Druck geraten dürfte.

Abbildung 2: Marginale Alterseffekte auf die Sparquote


  • 1  Siehe auch Belke A, Dreger C, Ochmann R (2012): Do wealthier households save more? The impact of the demographic factor. DIW Diskussionspapier 1211.
  • 2  Dabei wird das Konzept einer Nettosparquote verwendet. Daher unterscheidet sich die hier ausgewiesene Quote von ihrem gesamtwirtschaftlichen Pendant.

©KOF ETH Zürich, 4. Jun. 2012

 
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    Als Vermögensverwalter beschäftige ich mich schon seit einigen Jahren mit dem zusammenhang zwischen Demographie und Wirtschaft/Finanzmärkten. Ihr Beitrag untermauert grundsätzlich meine Erkenntnisse.

    Einige weitere Ideen zu diesem Thema:

    1. Es wird immer wieder die Sparquote/Nettosparquote als Ausgangspunkt für die Bestimmung der gesamtgesellschaftlichen Nachfrage genutzt. Die Sparquote enthält aber einen hohen Anteil an nachfragewirksamen Komponenten (Sachanlagen). Der Finanzierungssaldo kann meiner Erfahrung nach bessere Ergebnisse liefern.
    2. Die negative Nettosparquote zwischen Renteneintritt und 70. Lebensjahr kommt auch dadurch zustande, dass das Mehr an Freizeit konsumfördernd ist. Eine ausbezahlte Lebensversicherung wird ebenfalls teilweise für mehr Konsum verwendet.
    3. Die Auswirkungen von Vermögenspreis- und Zinsänderungen haben zusätzlich einen sich selbst verstärkenden Effekt.
    Durch die vom Sparen/Konsumverzicht verursachte Nachfragelücke bekommen die Aktiengesellschaften Probleme. Sie kämpfen mit Überkapazitäten und mit Preisdruck. Daher wachsen sie weniger stark und die Gewinne sind permanent unter Druck. Das wirkt sich nachteilig auf die Entwicklung an den Aktienmärkten aus.
    Rückläufige Immobilienpreise führen zu einem Rückgang der Immobiliennachfrage und umgekehrt. Auch dieser Effekt verstärkt sich selbst. Die Altersvorsorge durch Immobilieninvestitionen abzusichern wird zunehmend unattraktiv.
    Somit konzentriert sich die Bildung von Altersvorsorge-Guthaben zunehmend auf Zinsanlagen. Zinsanlagen sind aber nichts Anderes als Kredite. Ist die Kreditnachfrage gering, weil Unternehmen weniger investieren und auch weniger Immobilien finanziert werden müssen, sinkt der Preis für Kredite, also der Zins. Banken, Lebensversicherungen und Pensionsfonds wollen das stark steigende Guthaben am Kapitalmarkt in Anleihen investieren. Das Angebot an sicheren Anleihen steigt jedoch nicht in gleichem Maße wie die Nachfrage oder geht sogar zurück. Das führt im Extremfall sogar zu negativen Zinsen.
    Demographie: Derzeit sind besonders viele Menschen in den USA, in Japan, in China und den meisten europäischen Staaten in einem Alter, in dem besonders viel gespart wird. Diese geburtenstarken Jahrgänge (Babyboomer) werden zuerst in Japan und dann in den USA, in Europa und China in den Ruhestand gehen. Bis dahin werden sie unter den oben beschrieben Bedingungen versuchen, ihre Vorstellungen von Rentenbeginn und Rentenhöhe durch Sparen und Konsumverzicht zu erreichen. In Japan geht der geburtenstärkste Jahrgang voraussichtlich im Jahr 2014 in Rente, in den USA im Jahr 2024, in Deutschland im Jahr 2031 und in China ab 2032.
    Nachhaltige Nachfrageschwäche.
    Wenn sehr viele Menschen für längere Zeit sehr viel sparen, kommt es zu einer permanenten Nachfrageschwäche und damit zu immer wiederkehrenden Rezessionen. Das hat zur Folge, dass die Staatseinnahmen zurückgehen und die Sozialkosten steigen. Dadurch wiederum steigt die Staatsverschuldung. Reagiert der Staat darauf mit Sparmaßnahmen, verstärkt er die allgemeine Nachfrageschwäche. Ein Teufelskreislauf.
    Eine Lösung des Problems könnte darin bestehen, dass die Nachfrageschwäche durch einen Anstieg der Exporte aufgehoben wird. So haben sich Anfang der 1990er Jahre Finnland und Schweden aus ihrer demographisch bedingten Nachfragekrise befreit. Doch heute befinden sich die vier größten Wirtschaftsräume (USA, Westeuropa, China und Japan) in dieser demographischen Phase. Somit ist es nicht einmal theoretisch möglich, dass sich die weltweit vorhandenen Nachfrageprobleme durch Exportüberschüsse lösen lassen.
    Mehr dazu in meinem Blog: http://demografie-und-finanzmaerkte.blogspot.de/2012/06/dgb-rentenkonzept-und-demografie.html

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