Sanfter Paternalismus und qualitatives Wachstum

4304 mal gelesen | 5 Kommentare

Britta Kuhn, 2. April 2012
Sanfter Paternalismus und qualitatives Wachstum 1.58 5 48

„Qualitatives Wachstum für die Mehrheit“ am Beispiel Flugverkehr

„Qualitatives Wachstum für die Mehrheit“ bedeutet, dass es wichtiger ist, die Lebensgrundlage aller Menschen und künftiger Generationen zu sichern, als Arbeitsplätze, Gewinne oder die reine Selbstverwirklichung einer kleinen Minderheit zu erhalten.[ 1 ] Dieses Mehrheitsprinzip sei beispielhaft am Flugverkehr erläutert: Kein anderes Verkehrsmittel wächst so stark, die CO2-Emissionen des Luftverkehrs tragen aber schon heute rund acht Prozent zur globalen Erwärmung bei.[ 2 ] Es ist gleichzeitig in unser aller Interesse, die vom Menschen verursachten CO2-Emissionen so gering wie möglich zu halten. Wie also kann es gelingen, den Flugverkehr als einen der Hauptverursacher von CO2-Emissionen zu reduzieren?

Mit „Nudging“ gegen Marktversagen vorgehen

Der freie Markt misst der Externalität „Umweltverschmutzung“ keinen Preis zu. Flugpassagiere und -gesellschaften zerstören ungehindert die gesellschaftliche Ressourcen „Klima“ und „saubere Atemluft“. Eine sanfte Lösungsmöglichkeit für dieses Problem bietet der libertäre Paternalismus[ 3 ] , der hier zu praktisch identischen Ergebnissen wie die Externalitätentheorie kommt, da nach beiden Ansätzen die Nachfrage nach Flugreisen sinken müsste, damit der gesamte Flugverkehr abnähme. Tatsächlich beschloss die Bundesregierung im Jahr 2010 eine ökologische Luftverkehrsabgabe. Bisher erzielte diese aber nicht den gewünschten Effekt und wurde zum Januar 2012 sogar gesenkt.[ 4 ] Die Flugpreise wären stärker gestiegen, wenn außerdem die Subventionen für Fluggesellschaften gestrichen worden wären. Sie erhalten in Deutschland jährlich 11,5 Milliarden Euro Zuschüsse, überwiegend durch die Befreiung von der Kerosinsteuer.[ 5 ]

Aus der Spieltheorie wissen wir, dass Kooperation der individuellen Entscheidungsfreiheit überlegen sein kann, in anonymen Kollektiven aber ohne institutionelle Regeln kaum realisiert wird. Angewandt auf das Beispiel Flugverkehr bedeutet dies: Der Staat bewegt die Bevölkerung durch die Kombination aus Steuern und veränderter Subventionspolitik dazu, auf ihr individuelles (Flug-) Optimum zu verzichten und stattdessen das gesamtgesellschaftliche (Flug-) Optimum zu erreichen. Die Mehrheit der Menschen kann somit immer noch fliegen, dies aber in Maßen.

Eine echte „Anstups-Politik“ läge darin, die Konsumenten für andere Verkehrsmittel und nähere Urlaubsziele zu motivieren. Dafür müssten das Bahn-Netz ausgebaut und die Bahnpreise subventioniert werden. Der Staat könnte ein Familienticket für den Sommerurlaub finanzieren, das die Bahnreise im Vergleich zum Flugzeug oder PKW deutlich günstiger gestalten würde.

Freiheit und Gerechtigkeit sind in der Demokratie komplementär

Globalisierungsgegner kritisieren, dass angesichts sehr teurer Flugpreise nur noch die Reichen fliegen könnten. Dadurch würden Flüge dauerhaft sogar zu einem Statussymbol aufgewertet.[ 6 ] Tatsächlich kann der Nudge-Ansatz dieses Gerechtigkeitsproblem nicht aus sich heraus lösen. Um mehr Verteilungsgerechtigkeit zu erzielen, müssten weitere Instrumente greifen, z.B. individuelle, aber handelbare CO2-Kontingente.[ 7 ] Diese Maßnahme würde reiche Konsumenten wesentlich stärker zur Kasse bitten als heute, weil ihr CO2-Verbrauch vergleichsweise hoch ausfällt.

Liberale Ökonomen, Journalisten und Politiker argumentieren dagegen, dass individuelle Freiheit das oberste Gut einer Volkswirtschaft darstelle. Dieser Freiheitsgedanke beruht auf der realitätsfernen Annahme, dass jeder erwachsene Mensch ein vollkommen selbstbestimmtes Leben führt. In Wirklichkeit aber spielen Elternhaus und Erziehung, das Herkunftsland, der individuelle Charakter, Glück und Pech sowie viele weitere, kaum beeinflussbare Umweltfaktoren eine große Rolle. Selbstverständlich gibt es hier große individuelle Unterschiede, doch selbst extrem rationale Menschen können in einer globalisierten Wirtschaft ihr Schicksal kaum vollständig selbst bestimmen. Bundespräsident Gauck brachte es in seiner Antrittsrede auf den Punkt:

„Freiheit ist eine notwendige Bedingung von Gerechtigkeit. (…) Umgekehrt ist das Bemühen um Gerechtigkeit unerlässlich für die Bewahrung der Freiheit. (…) Unser Land muss also ein Land sein, das beides verbindet. Freiheit als Bedingung von Gerechtigkeit und Gerechtigkeit als Bedingung dafür, Freiheit und Selbstverwirklichung erlebbar zu machen.“[ 8 ]

Tatsächlich kritisieren nicht einmal Ultraliberale staatliche Freiheitsbeschränkungen, soweit diese die Lebensqualität einer Bevölkerungsmehrheit erhöhen. Beispielsweise gilt im Straßenverkehr ein Fahrverbot an roten Ampeln auch für die Minderheit erfahrener Fernfahrer, um die Mehrheit der weniger befähigten Verkehrsteilnehmer vor Unfällen zu schützen. Diese „Gleichmacherei“ und Freiheitsbegrenzung regt niemanden ernsthaft auf, da sie dem kollektiven Interesse an weniger Unfällen dient.

„Qualitatives Wachstum“ muss einfach messbar werden

Der Mensch strebt vor allem nach einem glücklichen Leben. Dies sollte eine Volkswirtschaft möglichst vielen Individuen ermöglichen. Es ist daher ein praktikabler Indikator nötig, der die Schwächen des Bruttoinlandprodukts (BIP) ausgleicht und das allgemeine Wohlbefinden der gesellschaftlichen Mehrheit widerspiegelt.

An Indikatoren, die das BIP ergänzen oder ersetzen sollen, herrscht kein Mangel. Eine praktische Alternative zum Bruttoinlandsprodukt ist der Human-Development-Index (HDI) der Vereinten Nationen. Er lässt sich einfach ermitteln und wird bereits seit 1990 regelmäßig für alle Länder erhoben. Neben dem Pro-Kopf-Einkommen, der Lebenserwartung, der Brutto-Schuleinschreibungsquote und der Alphabetenquote fließen auch die Faktoren Kaufkraft, Gesundheit und Bildung in die Berechnung ein.[ 9 ] Der HDI müsste allerdings noch um eine ökologische Komponente ergänzt werden.

Konkrete Initiativen zu „qualitativem Wachstum für die Mehrheit“

Im Blog www.besser-wachsen.com[ a ] der Wiesbaden Business School finden sich erste Ideen für eine nachhaltigere und gerechtere Gesellschaft. So zielt der Vorschlag einkaufsfreier Sonntage[ b ] auf höhere Lebensqualität und Produktivität für eine Mehrheit der Menschen. Die zweite Initiative zeigt, wie Unternehmen ihre Beschäftigten durch bessere Arbeitsplatzbedingungen[ c ] zu einem bewussteren Lebensstil ermutigen und so die Unternehmensproduktivität steigern könnten. Große gesamtwirtschaftliche Wachstumsreserven würde drittens der Gedanke heben, flexiblere Arbeitszeitmodelle[ d ] insbesondere für Männer und Führungskräfte umzusetzen. Viertens könnte die Subventionspolitik [ e ]zugunsten einer Bevölkerungsmehrheit neu ausgerichtet werden. Schließlich kämen weitgehend autofreie Innenstädte[ f ] der Umwelt sowie der körperlichen und seelischen Gesundheit vieler Menschen zugute. Weitere Beispiele für besseres Wachstum werden folgen.


  • 1  Dieser Text fasst den Leitartikel von Britta Kuhn, Hannes Hoberg und Marc Fensterseifer, „Besser wachsen“, auf www.besser-wachsen.com zusammen.
  • 2  Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Flugverkehr, abgerufen am 02.03.2012.
  • 3  Richard H. Thaler / Cass R. Sunstein, „Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt“, Berlin, 2011.
  • 4  airliners.de, 2.1.2012, Luftverkehrssteuer sinkt leicht, abgerufen am 29.03.2012.
  • 5  Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND), Subventionen für Luftverkehr endlich abbauen!, abgerufen 02.03.2012.
  • 6  Werner Rätz/Doris Meisterernst/Dagmar Paternoga, (Attac AG Genug für Alle), „Statt Verdammung »falscher« Bedürfnisse: Demokratische Debatte über Inhalt und Gestalt der Produktion“, Seite 102.
  • 7  Siehe Vorschlag von Niko Paech, „Vom vermeintlich nachhaltigen Wachstum zur Postwachstumsökonomie“, in: Werner Rätz, Tanja von Egan-Krieger u.a.(Hrsg.), „Ausgewachsen!“, Hamburg, 2011, S. 40.
  • 8  Süddeutsche.de, Gauck-Grundsatzrede im Wortlaut, Ängste vermindern unseren Mut, 23.03.2012, abgerufen am 25.03.2012.
  • 9  UNDP, Human Development Report 2011, abgerufen am 2.3.2012.

©KOF ETH Zürich, 2. Apr. 2012

 
Sanfter Paternalismus und qualitatives Wachstum 1.58 5 48

Kommentare

Dieser Artikel hat 5 Kommentare.
  • Peace out folks - aber waren wir nicht schon einmal weiter?

    [ ]

    Vielleicht sollte Frau Kuhn einmal zu einem wissenschaftstheoretischen Werk greifen und sich nochmals den Unterschied zwischen deskriptiven und präskriptiven Sätzen klar machen – und die Konsequenzen für eine empirische Wissenschaft bedenken. Hilfreich wäre für sie sicherlich auch eine Rekapitulation der umfangreichen Literatur zum Thema soziale Wohlfahrtfunktion. Warum fällt die wirtschaftswissenschaftliche Debatte derzeit auf ein Niveau zurück, dass wir in den 60iger Jahre des vergangenen Jahrhunderts schon einmal hinter uns gelassen hatten?
    Ps: Warum die gute alte Pigou-Steuer das Gleiche sein soll wie „Nudging“ dürfte sich sich auch einem Kenner der Nudging-Literatur nicht ohne weiteres erschließen. Aber gut - „Nudging“ ist hip und Pigou ist gähn. Peace out folks!

  • Was mich mal noch interessiere dät…

    [ ]

    …warum wird durch CO2-Steuer, Familienticket für den Sommerurlaub und Bruttonationalglück die nächste Finanzmarktkrise verhindert? Könnten Sie mir da vielleicht einmal auf die Sprünge helfen Frau Professor Kuhn?

  • Klimaschutz koste es was es wolle?

    [ ]

    Einen Satz wie „Es ist gleichzeitig in unser aller Interesse, die vom Menschen verursachten CO2-Emissionen so gering wie möglich zu halten.“ habe ich noch bei keinem – auch noch so engagierten – Klimaökonomen gefunden. Bisher gelten auch in der Umweltökonomik noch immer die Grundprinzipien einer rationalen Kosten-Nutzen Analyse. Wie hoch Kosten und Nutzen anzusetzen sind, ist freilich eine wissenschaftliche Streitfrage. Aber das ist ein rationaler Diskurs, wie er in der Wissenschaft notwendig ist. Die Kosten des Klimaschutzes außer Acht zu lassen, halte ich für nicht verantwortlich.

  • Popanz BIP-Maximierung

    [ ]

    Ich habe den Eindruck, dass man einen Popanz aufbaut, wenn man so tut als ob die reale Wirtschaftspolitik tatsächlich das Ziel verfolgt, das BIP-Wachstum zu maximieren. In der Realität haben wir in Deutschland doch aus politischen Gründen immer wieder auf BIP-Wachstum verzichtet. Man denke an die deutsche Wiedervereinigung oder an den Beitritt zur Europäischen Währungsunion. Beides hatte langwierige Rezessionen zur Folge, während derer Deutschland zunächst einmal das europäische Schlusslicht in Sachen Wirtschaftswachstum war. Man denke auch an die Umverteilungslohnpolitik der 70er und 80er Jahre. Kaum zu bestreiten, dass dies zur Abwanderung ganzer Industriezweige mit entsprechenden Folgen für das Wirtschaftswachstum hatte. Oder man denke an die Umwidmung von Ressourcen aus der Produktion in den Umweltschutz seit den 70er Jahren. In meiner Jugend waren Rhein und Bodensee Kloaken. Heute kann man Bodenseewasser fast trinken und die Bodenseefischer beklagen schrumpfende Fischbestände aufgrund zu geringer Eutrophierung! Ich kann wirklich nicht erkennen, dass die reale Wirtschaftspolitik tatsächlich auf Maximierung des BIP-Wachstums abzielt.

  • Wohlstand mit Nachhaltigkeitsindikatoren messen!

    [ ]

    Wohlstand setzt sich aus immateriellem und materiellem Wohlstand zusammen. Im Rahmen politischer Entscheidungen und Wirkungsweisen wird meist nur der materielle Wohlstand bzw. das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (BIP/Kopf) als Indikator für materiellen Wohlstand berücksichtigt. Dabei wird übersehen, dass mit dem BIP nur monetär bewertete Transaktionen, also der Austausch von Waren und Dienstleistungen gegen Geld, erfasst werden können. Gefängnisse, Unfallbeseitigung oder Umweltschäden. Im Gegenzug werden aber manche Aktivitäten, für die kein Markt besteht, werden in dieser Masszahl per Definition nicht erfasst. Dazu gehören etwa unbezahlte Haus- und Familienarbeit, Schwarzarbeit, ehrenamtliche Tätigkeiten und externe Effekte.

    Im BIP werden aber auch Leistungen erfasst, welche nicht unbedingt den Wohlstand steigern. Zu nennen sind hier Faktoren nicht erfasst, welche den Wohlstand steigern
    (z. B. Freizeit oder unentgeltliche Leistungen). Die Aussagekraft des BIP bezüglich Wohlstand und Lebensqualität der Menschen in einer Volkswirtschaft ist daher ungenau. (Aus Axel Reichlmeier: Was ist eigentlich das Bruttoinlandsprodukt? made im aargau, 10. Mai 2008, Seite 22).

    Um der Vielschichtigkeit von Wohlstand Rechnung zu tragen, wird daher zu dessen Messung eine Ergänzung des BIP durch ökologische (z. B. Umweltqualität) und gesellschaftliche (z. B. Freizeit, Verteilungsgerechtigkeit) Wohlstandsindikatoren gefordert. Am einfachsten wäre es, wenn in der Schweiz das bereits gut eingeführte Messsystem der Nachhaltigkeit mit seinen ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Indikatoren standardisiert würde. Die Entwicklung der Nachhaltigkeitsindikatoren sollte dann wie das BIP für die Schweiz und die Kantone regelmässig publiziert werden. Letztlich interessiert die Bevölkerung mehr, wie sich ihr Lebensstandard in den verschiedenen Messkategorien entwickelt als eine BIP-Zahl, die kaum Bezug hat zu ihrer Lebenswirklichkeit.

Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.

Autor

Britta Kuhn

Britta Kuhn

Schlagworte

Externalitäten, Nudge, sanfter-Paternalismus

Weitersagen

Ähnliche Artikel