Exportweltmeister Deutschland mit Rückenwind

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Boris Zürcher, 27. März 2012
Exportweltmeister Deutschland mit Rückenwind 2.71 5 7

Deutschland blieb auch 2011 seinem Ruf als Exportlokomotive im Euroraum gerecht. Wie das Statistische Bundesamt meldete, wurde mit Warenausfuhren im Wert von über einer Billion Euro ein Rekord erzielt. Gleichzeitig erreichten die Importe mit über 900 Mrd. € ebenfalls einen Höchstwert. Insgesamt resultierte ein Handelsbilanzüberschuss von 158,1 Mrd. €. Rund einen Drittel davon erzielte Deutschland mit den EU-Mitgliedstaaten und den Ländern der Eurozone (auf die allein 12,3% entfielen), die restlichen knapp zwei Drittel mit Ländern ausserhalb der EU.[ 1 ]

Letzteres wurde in der Berichterstattung der deutschen Medien auffallend stark hervorgehoben, weil seit 2002 die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands, zu denen die Handelsbilanzüberschüsse einen wesentlichen Beitrag leisten, beinahe spiegelbildlich zu den Defiziten der sogenannten GIPSI-Staaten (Griechenland, Irland, Portugal, Spanien, Italien) wachsen. Daraus wird geschlossen, dass die erzielten Leistungsbilanzüberschüsse entsprechende Defizite in den wettbewerbsschwächeren Ländern der Eurozone verursachen bzw. Deutschland die GIPSI-Staaten aus dem Markt drängt. Demnach trage Deutschland zur Schaffung wirtschaftlicher Ungleichgewichte im Euroraum bei.

Abbildung 1: Leistungsbilanzen Deutschland und GIPSI-Länder

Quelle: IMF

Während Deutschland nach der Wiedervereinigung zwischen 1991 und 2000 ein Leistungsbilanzdefizit von durchschnittlich 1% des BIP auswies, wandelte sich dieses bis 2007 in einen Überschuss von knapp 7,5%. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf den realen effektiven (handelsgewichteten) Wechselkurs. Jener Deutschlands fiel zwischen 1995 und 2000 um 25%  und schwächte sich seither nochmals um 5% ab. Demgegenüber stiegen die realen, effektiven Wechselkurse der übrigen GIPSI-Staaten ab etwa 2000 um 10%, teilweise sogar um mehr als 20%.

Abbildung 2: Reale effektive Wechselkurse Deutschland und andere EU-Länder

Quelle: Eurostat

Der reale, effektive Wechselkurs gibt Aufschluss über die preisliche Wettbewerbsfähigkeit, also die Entwicklung der Preise und Kosten eines Landes gegenüber den wichtigsten Konkurrenten auf den internationalen Märkten. Ein Anstieg des Indexes bedeutet eine Verringerung der Wettbewerbsfähigkeit, was in der Regel mit der Einbusse von Marktanteilen einhergeht.

Was sind die Ursachen für die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands?

Ein Grund für die gestiegene preisliche Wettbewerbsfähigkeit dürfte darin liegen, dass der Euro-Wechselkurs aus deutscher Sicht gegenwärtig sehr günstig ist. Anders ausgedrückt: der Euro ist für Deutschland eher unterbewertet. Zur aussenwirtschaftlichen Dimension kommt hinzu, dass die Kaufkraft der Löhne (Arbeitnehmerentgelt pro Erwerbstätigem bzw. reale Kaufkraft) seit 2000 mit der Produktivitätsentwicklung nicht Schritt gehalten hat. Die realen Lohnstückkosten weisen seit der Jahrtausendwende eine Seitwärtsbewegung auf, und der Anteil der Lohnsumme an der Bruttowertschöpfung ist von über 54% im Jahr 2000 auf unter 49% im Jahr 2007 gefallen. Man kann also sagen, dass Deutschland die Exportleistung durch eine entsprechende Lohnzurückhaltung fördert. Eigentlich wäre zu erwarten, dass sich die hohe Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands in steigenden Löhnen bzw. einer steigenden Lohnsumme pro Erwerbstätigem niederschlägt. Wie Abbildung 3 zeigt, hat sich jedoch ab 2000 die Entwicklung der realen Kaufkraft von der Produktivität abgekoppelt. Den deutschen Unternehmen entstehen dadurch erhebliche Kostenvorteile. Zwischen 1991 und 2000, also in der Zeit, in der Deutschland die Folgen der Wiedervereinigung zu verdauen hatte, verlief die Entwicklung der Kaufkraft dagegen noch ungefähr im Gleichschritt mit der Produktivität.

Die erstaunlich robuste Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft ist also im wesentlichen auf zwei Faktoren zurückzuführen:

  1. Die Kostenvorteile deutscher Unternehmen infolge einer hohen Lohnzurückhaltung der Erwerbstätigen.
  2. Die für die deutsche Wirtschaft äusserst günstige Wechselkurssituation mit einem tendenziell unterbewerteten Euro.

Hätte Deutschland eine eigene Währung, würden Lohnsteigerungen oder eine Aufwertung der Landeswährung -wie sie die Schweiz erfährt-, als Reaktion auf die Produktivitätsgewinne einsetzen. Im Eurosystem bleiben diese Anpassungen jedoch aus.

Abbildung 3: Reale Arbeitsproduktivität und Kaufkraftentwicklung 1991–2011

Quelle: Statistisches Bundesamt Deutschland, eigene Berechnungen


  • 1  Dieser Beitrag ist erstmals am 23. März 2012 bei Avenir Suisse erschienen.

©KOF ETH Zürich, 27. Mär. 2012

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 12 Kommentare.
  • Leistungsbilanzsalden

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    Die obige Grafik 1 ist falsch und stellt die jeweiligen gesamten Leistungsbilanzüberschüsse der einzelnen Länder einander gegenüber. Deutschland leistet nur einen Bruchteil davon.
    Mehr dazu
    http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2029026

  • @PhraAthit

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    Deutschland wies tatsächlich ein Defizit gegenüber Irland aus, gegenüber Spanien, Italien, Portugal und Griechenland lag der Handelsbilanzüberschuß 2010 bei 34 Mrd. Euro und damitr bei immerhin 22% des gesamten Überschusses. Vom gesamten deutschen HB-Überschuß wurden wiederum 56% alleine gegenüber anderen Ländern der Eurozone erwirtschaftet und sogar 80% gegenüber der ganz Europa, also gegenüber Ländern, die ihre Währung teilweise an den Euro gekoppelt haben. Umgekehrt stellt das Defizit gegenüber Deutschland etwa für Spanien und Griechenland immerhin ein Viertel des Gesamtdefizits dar.

  • @Thomas

    [ ]

    Aber oben wird in der Abbildung 1 suggeriert, dass der gesamte Leistungsbilanzüberschuss Deutschlandsgleich dem der GIPSI-Staaten von fast 200 Mrd. Euro ist.
    Zwar erzielt Deutschland seinen überwiegenden Teil seines Leistungsbilanzüberschusses in Europa. aber was ist das Problem? Deutschland exportiert in gleichem Umfang Kapital. Die Frage wäre ja, was mit diesem Kapitalexport geschieht. Dient er zur Finanzierung von Konsum oder Investitionen? Leistungsbilanzüberschüsse sind ja per se nicht schlecht oder gut. Es kommt eben darauf an, ob die importierten Leistungen produktiv oder konsumtiv verwendet werden. Darüber entscheiden aber in der Regel die Länder selber.

  • @Thomas

    [ ]

    Hier noch mal die Zahlen für die Leistungsbilanzsalden 2010 mit Deutschland im Detail Defizite
    Griechenland 3,879 Mrd. EUro
    Portugal 5,676 Mrd. Euro
    Italien 19,984 Mrd. Euro
    Spanien 13,598 Mrd. Euro
    Irland hat einen Überschuss von 9,617 Mrd. Euro
    Bezogen auf das BIP der Länder ergeben sich
    Griechenland 10,5 % insgesamt Anteil Deutschlands 1,4 Prozent
    Spanien 4,5 Prozent insgesamt Deutschland 0,96 Prozent
    Portugal 9,9 Prozent insgesamt Deutschland 2,45 Prozent
    Italien 3,3 Prozent insgesamt Deutschland 0,7 Prozent
    Für irland liefert Deutschland einen 4,71 Prozent Überchuss bei einem Defizit von 0,7 Prozent.
    Much ado about nothing

  • @PhraAthit

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    "Aber oben wird in der Abbildung 1 suggeriert..."

    Ist das so? Ich finde nicht, dass das suggeriert wird.

    "Deutschland exportiert in gleichem Umfang Kapital."

    :-) Logisch, das ist schließlich die andere Seite der Gleichung. Und genau dieses Kapital, diese Forderungen entspren ja nun den Verbindlichkeiten der Spanier und Griechen, die diese nun nicht mehr bedienen können. Es macht eben keinen Sinn, dauerhaft LB-Überschüsse zu erzielen: Entweder wertet die Währung auf oder das Defizitland kann nicht mehr bezahlen.

    "Darüber entscheiden aber in der Regel die Länder selber."

    Nein, Länder entscheiden gar nichts. Die einzelnen Wirtschaftssubjekte entscheiden im vorgegeben Rahmen so wie es für sie vorteilhaft erscheint. Und wenn deutsche Produkte stetig relativ billiger werden, werden natürlich tenenziell immer mehr deutsche Produkte und weniger heimische gekauft. Normalerweise würde das über den Wechselkurs ausgeglichen oder innerhalb der Nationalstaaten über Transferzahlungen und Arbeitskräftewanderungen. Beides ist nicht erwünscht und/oder nicht ausreichend möglich innerhalb der Eurozone.

  • @Thomas

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    Nun Abbildung 1 und dem Kommentar dazu im Text "Während Deutschland nach der Wiedervereinigung zwischen 1991 und 2000 ein Leistungsbilanzdefizit von durchschnittlich 1% des BIP auswies, wandelte sich dieses bis 2007 in einen Überschuss von knapp 7,5%." wird ja konstatiert, dass ein langjähriges Defizit danach wieder durch Überschüsse abgebaut wurde. Was ist das Problem?
    Die 7,5% sind ein einmaliger Wert. Setidem sinkt er bereits wieder deutlich. Die Ursache ist - so meine Interpreation das es einen deutlich sinkenden Kapitalexport gegeben hat und damit ex definitione der Leistungsbilanzüberschuss sinkt. Der reale effektive Wechselkurs Deutschlands ist duetlich in den 1990er Jahren gefallen. Danach ist er weitgehend stabil geblieben. Er liegt 2011 in etwa wieder dort wo er zu Beginn der Währungsunion im Jahr 1999 oder 2000 war. Abgewertet hat Deutschland davor und nicht danach. Trotz dieser Anwertung in den 1990er Jahren war die Leistungsbilanz negativ. Hat hier slo eine preislicher Verdärängungswettebwerb stattgefunden? Offensichtlich nicht. Wenn dann fand diese Entwicklung erst danach statt.
    Dabei hat der vorübergehende Absturz des Euro-Wechselkurses bis auf 0,82 Euro Cent zum US-Dollar beigertagen. Danach ist er dann bis auf fast 1,80 zum US-Dollar gestiegen und steht derzeit bei rund 1,33 US-Dollar. Laut OECD liegt die Kaufkraftparität Deutschlands bei 1,13 zum US-Dollar. Mithin wäre Deutschland gemessen an den PPPs um 20 US-Cents überbewertet.
    Die PPPs für Griechenland liegen bei 0,74, für Portugal bei 0,70, für Italien bei 0,89, Spanien 0,89, für Irland bei 1,19.
    http://stats.oecd.org/Index.aspx?DataSetCode=PPPGDP
    Nur Irland hätte gemessen an PPPs einen geringfügigen Nachteil. Das führt jedoch nicht dazu, das Irland ein Leistungsbilanzdefizit gegenüber Deutschland aufweist. Es gehört eben zum neoklassischen Denkmuster, dass alles nur über Preis und preisliche Wettbewerbsfähigkeit erklärt werden kann. Stattdessen spielen eben andere Faktoren wie Produktqualität und Innovationsfähigkeit eine weitaus wichtigere Rolle. Detuschland Exporterfolge z.B. im Automobilbau und im Maschinenbau sind nicht durch Niedrigpreise erzielt worden. Entweder man produziert etwas was die anderen nicht produzieren, d.h. man hat eine hohe Komplementarität im Handel wie bei Ricardos portugiesischer Wein gegen englische Eichentruhe. Dann konkurriert man aber garnicht in den gleichen Produktmärkten. Sofern diese Länder Kapitalimport in der Form von Finanzkrediten aus Deutschland betrieben haben - und diese waren ja garnicht so hoch wie gezeigt wurde - dann bestimmen die Kreditnehmer im Ausland über deren Verwendung. Man konnte in SPanien dafür Maschinen aus Deutschland kaufen oder ein Luxusauto. Letzteres hätte die Wirtschaft mittels Konsumkredit geschwächt, ersteres durch Investion am Ende gestärkt.
    Unsere Leistungsbilanzüberschüsse erzielt Deutschland zu rund der Hälfte außerhalb der Eurozone. Mithin spielen die fehlende Wechselkuranpassungsmöglichgkeit innerhalbd es Währungsraums auch keine Rolle. Außerhalb der Eurozone ist der Euro gemessen durch die PPPs eher überbewertet. Innerhalb der Eurozone liegt Deutschlands PPP über der der Krisenländer. Es kann also nicht die preisliche Wettbewerbsfähigkeit sein, die die Problem verursachen.

  • @PhraAthit

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    "Es gehört eben zum neoklassischen Denkmuster, dass alles nur über Preis und preisliche Wettbewerbsfähigkeit erklärt werden kann. Stattdessen spielen eben andere Faktoren wie Produktqualität und Innovationsfähigkeit eine weitaus wichtigere Rolle."

    Mit der Qualität kann ich das Niveau erklären, aber doch keine Veränderung. Oder ist die Qualität deutscher Güter seit 2001 soviel besser geworden im Vergleich zu denen Spaniens? Mit der Qualität kann ich erklären, wieso deutsche Autos durchschnittlich teurer sein können als französische Autos. Den Anstieg der Handelsbilanzüberschüsse kann man hingegen m.E. prima mit dem Auseinanderlaufen der Lohnstückkosten erklären. Auch da spielen natürlich nicht die Niveaus eine Rolle, sondern die Entwicklung. Noch 1999/2000 wies Deutschlad ein leichtes LB-Defizit auf, Spanien ein kleineres Defizit und Italien einen Überschuss. Seitdem hat Deutschland seine Kosten relativ gesenkt und so an Wettbewerbsfähigkeit gewonnen. Ob die Niveaus der PPPs nun sagen, dass Deutschland absolut teurer ist, ist doch irrelevant. Genau da kommt die Qualität doch ins Spiel. Deutschland kann teurer sein, daraus folgt aber noch lange nicht, dass Preis-/kostenänderungen keine Rolle spielen.

    "dann bestimmen die Kreditnehmer im Ausland über deren Verwendung. Man konnte in SPanien dafür Maschinen aus Deutschland kaufen oder ein Luxusauto."

    Und gekauft wurden Häuser: Ist das nun eine Investition oder ein Konsum? Aber auch wenn deutsche Autos gekauft wurden, kann man doch den Konsumenten keinen Vorwurf daraus konstruieren. genau das ist doch der Punkt, die Käufer haben sich mehr und mehr für deutsche Güter entschieden, weil diese relativ billiger wurden.

    "Unsere Leistungsbilanzüberschüsse erzielt Deutschland zu rund der Hälfte außerhalb der Eurozone."

    Ich habe hier nur die Zahlen der HB und da waren es 56%der Überschüsse bei einem Exportanteil von 41%. Da jedoch auch andere europäische Staaten ihre Währung de facto an den Euro gekoppelt haben/hatten, müssen diese auch berücksichtigt werden und dann kommt man auf 80& der Überschüsse bei 60% Exportanteil.

  • @Thomas

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    Na mit dem gekoppelt kann es nicht soweit her sein. Hier das Beispiel des Polnischen Zloty zum Euro.
    http://www.ecb.int/stats/exchange/eurofxref/html/eurofxref-graph-pln.en.html

    dito der ungarische Florint

    http://www.ecb.int/stats/exchange/eurofxref/html/eurofxref-graph-huf.en.html

    Die Lohnstückkosten-Diskussion ignoriert, dass heute wegen internationaler Wertschöpfungsketten, die jeweiligen Produktkosten immer eine Mischkalkulation der verschiedenen Lohnkosten in den verschiedenen Standorten der jeweligen Länder der jeweiligen Wertschöpfungsstufe sind. Die deutschen Lohnkosten sind nur ein Bruchteil des Gesamtkosten eines Endprodukts. Die preisliche Wettbewerbsfähigkeit von Endprodukten aus Deutschland ist damit aber auch nicht durch die deutschen Lohnkosten überwiegend bestimmt.
    Beispiel Autos. Motoren können aus Tschechien kommen, Zulieferungen weitere aus Spanien und ein Teil eben auch aus Deutschland. Jedenfalls die deutschen Lohnstückkosten als Wettbewerbsindikator zu wählen verdrängt die Effekte der globalen Wertschöpfungsketten. Deutschland mag ja preislich sehr wettbewerbsfähig sein, weiles diese Möglichkeiten des gloobal sourcing besser als andere nutzt, aber nicht wegen seiner niedrigen Lohnkosten in Deutschland.
    Aktuell bestätigt das auch eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft.
    http://www.iwkoeln.de/de/infodienste/iwd/archiv/beitrag/28058

  • @PhraAthit

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    "a mit dem gekoppelt kann es nicht soweit her sein. Hier das Beispiel des Polnischen Zloty zum Euro."

    Wie bitte? Die Schwankungen waren doch bis 2008 außerordentlich gering. Dies gilt nicht nur für den Forint, sondern etwa auch für Dänische und Schwedische Krone, die baltischen Währungen sind explizit an den Euro gekoppelt.

    "Die Lohnstückkosten-Diskussion ignoriert.."

    Also wir haben um das Jahr 2000 herum innerhalb der Eurozone halbwegs ausgeglichene Leistungsbilanzen. Nun gibt es keine Wechselkursschwankungen mehr, die Lohnstückkosten steigen in manchen Ländern kräftig, in mindestens einem anderen kaum noch. Die Länder mit starker Steigerung der Lohnstückkosten bauen massive LB-Defizite auf, das Land mit stagnierenden LSK baut massive Überschüsse auf. Und Sie behaupten nun allen Ernstes, das habe beides nichts miteinander zu tun, ja die Preise seien egal?

    "Deutschland mag ja preislich sehr wettbewerbsfähig sein, weiles diese Möglichkeiten des gloobal sourcing besser als andere nutzt,"

    Und diese Möglichkeiten nutzt Deutschland seit 2001 Jahr für Jahre so viel besser als es andere tun?

    Nun gut, unterstellen wir dies einmal und die unterschiedlichen LB-Salden resultieren daraus. Normalerweise müsste dann die deutsche Währung aufwerten und die der Südeuropäer abwerten. Dies geht nun aber nicht mehr. Also muss ein anderer Anpassungsmechanismus gefunden werden.

    Und noch ein Wort zu Irland. Auch Irland hat seinen LB-Salso bis 2008 immer weiter verschlechtert. Erst in der Krise gab es dann eine plötzliche Verbesserung. Eine Ursache sind sicherlich die deutlich gesunkenen Importe. Ein anderer Grund liegt aber möglicherweise im Wirtschaftsmodell begründet. Viele internationale Unternehmen versuchen, Gewinne dorthin zu verlagern, um von den niedrigen Steuer zu profitieren. Diese Gewinne werden anschließend jedoch ins Ausland überwiesen. In der Krise gingen die Gewinne aber zurück, es konnten und/oder mussten keine Gewinne verschoben werden.

    Wenn Sie nun übrigens argumentieren, die Kosten seien irrelvant, befürworten Sie dann hohe Lohnabschlüsse?

    Die Studie ds Arbeitgeberinstituts IW wird ja schon lustig angekündigt: "Anders als oft behauptet, ist Deutschland in den vergangenen Jahren keineswegs übermäßig auf die Lohnbremse getreten. Vielmehr sind die Lohnstückkosten seit 1999 unterm Strich konstant geblieben." Eben. Die LSK sind konstant geblieben und nicht um 2% p.a. gestiegen, wie es angemessen wäre. Zudem macht der Vergleich der LSK-Entwicklung in nationaler Währung wenig Sinn.

  • @Thomas

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    Ein Kartenhaus ist auch solange stabil bis ein Windstoss es einstürzen läßt. Als die Finanzkrise ausbrach, brach die stabile Beziehung zwischen dem Euro und den anderen osteuropäischen Währunge zusammen. SO ist das immer. AUch das Currency Board auf Basis des US-Dollar in Argentinien funktierte eine Weilse bis es dann kollabierte. Es war eben kein optimaler Währungsraum zwei so unterschiedliche Länder wie die USA und Argentien aneinander zu binden. Dito mit so unterschiedlichen Ländern mit ganz unterschiedlicher Inflationsperformance wie die südeuropäischen und die nordeuropäischen Länder.
    Warum kam es nun zur Divergenz der verschiedenen Länder der Eurozone? Nun die nominalen Zinsen der Länder mit hoher Inflationshistorie wurden einfach auf das niedrigere Zinsniveau Deutschlands gesenkt.
    siehe Abbildung 1 Seite 26
    http://www.cesifo-group.de/portal/pls/portal/docs/1/1211445.PDF
    Diese Zinskonvergenz löte in diesen Ländern einen kreditfinanzierten Nachfrageboom aus. Insbesondere Immobilien warne plötzlich zu historisch einmalig niedrigen Zinsen finanzierbar. Ein plötzlicher Nachfrageschub löste in diesen Ländern eine Inflationsbeschleunigung aus, die über der niedrigen in Deutschland lag. Dies gilt auch für die öffentliche Haushalte, die plötzlich aufgrund niedriger Finanzierungskosten ihre Defizite ausweiten konnten ohne mehr an laufenden Fianzierungskosten dafür aufbringen zu können. Eine Überschussnachfrage, die nicht unmittelbar durch die heimische Produktion gedeckt werden kann, löst einen Importschub aus. Die LB gerät aus dem Gleichgewicht. Höheres Wirtschaftswachstum in diesem Ländern machte einen Kapitalimport auch für die Kapitalgeber des ASuslands attraktiv. Die Realzinsen in den südeuropäischen Ländern wurden wegen der höheren Inflationsraten negativ. Es bildeten sich Wachstumsblasen, die jedoch nicht nachhaltig sein konnten, da diese nicht mit einem entsprechenden Produktivitätsanstieg einher ging.
    Selbst wenn eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik in diesen Ländern betriben wurde, kam zu dem Produktivitätsfortschritt eine höhere Inflationsrate hinzu.
    Das führte zwangsläufig auch zu höheren Lohsntückkosten (nominal) im Sinn der OECD-Definition
    http://stats.oecd.org/glossary/detail.asp?ID=2809
    Ein Blick auf die realen lohnstückkosten im Sinne der Eurostat-Definiton
    http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=en&pcode=tsieb070
    zeigt dagegen keinen Anstieg der realen Lohnstückkosten, d.h. der Anstieg der nominalen Lohnstückkosten ist Ausdruck eines höheren Inflationstrends in diesen Ländern.
    Es war eben eher eine Preis.Lohn-Spirale als eine Lohn-Preis-Spirale, die durch den Nominalzinsanpassungschock ausgelöst wurde.
    Im gegenzug wurde in Deutschland wegen der vergleichweise hohen Realzinsen die Konjunktur und damit das Wachstum ausgebremst. Während die einen einen nicht-nachhaltigen Wachstumboom erlebten verzeichnete Deutschland eine Phase der Wachstumsschwäche. Mit der Finanzkrise wurde die Fragilität des kreditfinanzierten Wachstumsboom offensicht und der ganze Prozess kehrte sich um. Deutschland erlebte eine Wachstumschub und die anderen Länder erleben eine Phase der Wachstumschwäche, der durch die Restitution der Nominalzinsdivergenz sich verfestigte. Daran droht nun die Währungsunion zu zerbrechen. Mit einer Transferunion via Eurobonds ist der Prozess jedoch nicht umkehrbar zu machen. Die Eurozone kann nicht einfach intern ihren Leistungsbilanz ausgleich regulieren ohne gleichzeitig die Wettbewerbsverältnisse zur übrigen Welt zu verändern.

  • @Thomas

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    Fortsetzung
    Deutschland kann seine produktivitäsorientierte Lohnpolitik ( stabile reale Lohnstückkosten) nicht einfach mittels einer höheren Inflationsrate in Deutschland bezüglich der nominalen Lohnstückkosten der Südländer angleichen ohen zugleich seine Position gegenüber der übrigen Welt zu versschlechtern. Konvergenz ind er Eurozone bei den nominalen Lohnstückkosten führt gleichzetig zur Divergenz zu denen der übrigen Welt.
    Mithin ist Vorsicht geboten, das dabei nicht übersteuert wird. Derzeit sinken ja bereits die LB-Salden gegenüber den Südländern, d.h. der Korrekturprozess ist eingeleitet. In begrenztem Umfang werden ja derzeit auch etwas höhere Lohn- und Gehaltsteigerungen in Deutschland durchaus in diesem Jahr realisiert werden können. Damit unterstützt man die Anpassung von dieser Seite, aber eben in Maßen. Will man im Prinzip kein hohes Leistungsbilanzdefizit der Eurozone insgesamt aufbauen, dann muss der Abbau Deutschlands durch den Aufbau der anderen länder ausgeglichen werden. Allerdings tragen die Länder mit der höchste Divergenz vom nachhaltigen Gleichgewicht die größeren Anpassungslasten. Sie müssen nicht nur gegenüber Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, sondern auch gegenüber der übrigen Welt. Ein großer Teil von deren Leistungsbilanzdefiziten resultiert vermutlich aus höheren Kosten für Energieimporte aus der übrigen Welr und Importen von Elektronik und Textilien aus Ländern wie China. Deutschland diese Importe durch Exporte von Maschinen und Autos derzeit kompensieren. Die anderen Länder nicht. Sie weisen ein strukturelles Leistungsbilanzdefizit nicht nur gegenüber Deutshcland, sondern gegenüber der übrigen Welt auf. Das Problem ist nur, wie macht man das? Im Prinzip stecken sie in einer low-growth trap. EIne elegante Lösung wie man da raus kommt suchen auch Japan und die USA oder Großbritannien bereits. Wer darauf eine schlüssige Antwort geben kann, ist reif für den Wirtschaftsnobelpreis

  • @PhraAthit

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    Zitat: "Ein großer Teil von deren Leistungsbilanzdefiziten resultiert vermutlich aus höheren Kosten für Energieimporte aus der übrigen Welr und Importen von Elektronik und Textilien aus Ländern wie China." Soweit gebe ich ihnen zu ihrem Ansatz hinsichtlich der wahren Ursachen des LBD der südeuropäischen Länder recht!

    Genau hier sehe ich einen Ansatz, die Ursachen zwar nicht grundsätzlich und in ihrer Ganzheit zu lösen, allerdings einen wesentlichen Teil zur Verbesserung der Lage nachhaltig beizutragen!

    Griechland hat ansich eine sehr dünn gesäte Industrie. Wettbewerbsfähige und hochwerte Industrieprodukte tragen nur einen außerordentlich geringen Teil zur Problemlösung bei.

    Dieses Land hat allerding zwei sehr große, bisland völlig ungenutze Ressoursen:

    1. Energie!
    Griechland hat sehr reiche und ungenutzte Öl-und Gasvorkommen. D.h. Griechenland kann, wie Russland, Energie exportieren, ohne dabei eine ausgeprägte wettbewerbsfähige Industrie im Rücken zu haben und dabei den Fiskus sanieren. Darüber hinaus liegt Griechenland geographisch im sehr günstigen und sonnenreichen Süden. In wenigen Gebieten Europas lässt sich derat günstig Sonnenstrom produzieren wie in diesem Land. Im übrigen auch im kriesengeschüttelten Spanien. Giechenland muss billigen Strom, Öl und Gas exportieren!

    2. Billige Arbeitskräfte!
    Griechenland hat durch die reichen eigenen Energievorkommen die Möglichkeit in der Währung stark abzuwerten ohne dabei im Rohstoffimport, vor allem im Energieimport fatale Nachteile erwarten zu müssen! Unter dieser Betrachtung kann Griechenland in die Drachme flüchten, abwerten, und durchaus mit günstiger Arbeitskraft, z.B. im Bereich Textilindustie, Produktion von Billigartikeln aber vor allem im Tourismus absolut wettbewerbsfähig produzieren!

    Neben der Ausnutzung der erwähnten Potenziale muss allerdings der griechische Staat von Grund auf in seiner Verwaltung dem nordwesteuropäischen Standard angeglichen werden.

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Autor

Boris Zürcher

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Schlagworte

Deutschland, Exportweltmeister

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