Die Auswirkungen von Zuwanderung auf den Arbeitsmarkterfolg einheimischer Arbeitnehmer sind regelmäßig Gegenstand hitziger öffentlicher Debatten. Im Mittelpunkt steht dabei die Befürchtung, dass Zuwanderung das Lohnniveau senkt und zu höherer Arbeitslosigkeit unter den Einheimischen führt. In der Tat scheint das einfache Modell eines kompetitiven Arbeitsmarktes diese Befürchtungen zu bestätigen: Ein Mehr an Zuwanderung erhöht demnach das Arbeitsangebot und senkt daher bei gleichbleibender Arbeitsnachfrage das Lohnniveau. Können sich die Löhne nicht oder nur unzureichend an das gestiegene Arbeitsangebot anpassen, etwa aufgrund von Tarifverträgen oder Mindestlöhnen, so steigt stattdessen die Arbeitslosigkeit. Unzählige empirische Untersuchungen haben jedoch kaum Belege für diese theoretische Vorhersage finden können. Stattdessen kommen sie meist zu dem Ergebnis, dass Zuwanderung keinen signifikanten Einfluss auf das Lohnniveau oder die Arbeitslosigkeit einheimischer Arbeitnehmer hat.
Allerdings ist es nicht einfach, den Effekt von Zuwanderung auf den Arbeitsmarkt empirisch nachzuweisen. Der am häufigsten verwendete Forschungsansatz unterteilt ein Land in eine Vielzahl von regionalen Arbeitsmärkten und untersucht dann, ob in regionalen Arbeitsmärkten mit überdurchschnittlich vielen Zuwanderern auch überdurchschnittlich viele Einheimische arbeitslos werden oder niedrigere Löhne beziehen. Trotz seiner Verbreitung hat dieser Ansatz zwei Probleme.
Keine Zufälligkeit beim Zielort
Erstens ist die Richtung der Kausalität unklar, denn Zuwanderer suchen sich ihren Zielort nicht zufällig aus. Stattdessen siedeln sie sich insbesondere in den Regionen ihres Gastlandes an, in denen ihre Aussichten, einen Arbeitsplatz zu finden, überdurchschnittlich hoch sind. Die regionale Arbeitslosigkeit entscheidet also mit darüber, wie hoch der Anteil der Zuwanderer in einer Region ist. Eine positive Korrelation zwischen Einwanderung und regionaler Arbeitslosigkeit sagt daher nicht unbedingt etwas über den Einfluss von Zuwanderung auf Arbeitslosigkeit aus, sondern kann ganz im Gegenteil auch Ausdruck des Einflusses von Arbeitslosigkeit auf die Höhe der Zuwanderung sein. Zweitens sind Zuwanderer und Einheimische, die innerhalb einer Region arbeiten, selten direkte Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Der Wettbewerbsdruck wird durch unterschiedliche Qualifikationen und Sprachkenntnisse vermutlich deutlich gemindert. Implizit treffen aber die meisten empirischen Studien wie auch das einfache Arbeitsmarktmodell die Annahme, dass Zuwanderer und Einheimische perfekte Substitute sind, auf dem Arbeitsmarkt also uneingeschränkt miteinander in Wettbewerb stehen.
Um diese zwei Probleme zu umgehen, untersuchten wir in einer eine kürzlich erschienenen Studie (Braun und Mahmoud, 2011) ein historisches Szenario, bei der die Zuwanderer ihren ersten Aufenthaltsort kaum oder gar nicht nach Arbeitsmarktperspektiven wählen konnten und darüber hinaus Einheimischen in puncto Qualifikation und Sprachkenntnissen in nichts nachstanden. Konkret wird analysiert, welche Konsequenzen der Zustrom von Millionen deutscher Heimatvertriebener aus Mittel- und Osteuropa nach Westdeutschland für die Arbeitslosigkeit der ortsansässigen westdeutschen Bevölkerung unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg hatte. Es handelt sich also um eine erzwungene Wanderungsbewegung innerhalb ehemaliger Landesgrenzen, bei der die deutschen Heimatvertriebenen abstrakt betrachtet die „Zuwanderer“ und die bereits vor dem Krieg in Westdeutschland lebende Bevölkerung die „Einheimischen“ repräsentieren.
Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg als Beispiel
Die Heimatvertriebenen, die zumeist aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches stammten, waren gezwungen ihre Heimatregionen zu verlassen. Sie taten dies also nicht aufgrund ökonomischer Interessen. Ihre regionale Verteilung in Westdeutschland war darüber hinaus primär von den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Verfügbarkeit von Wohnraum, nicht Arbeitsplätzen, bestimmt. In den letzten Kriegswochen flüchteten viele Deutsche auf eigene Faust nach Westen, insbesondere in die Regionen, die ihren Heimatregionen besonders nahe lagen. Später erfolgte die Umsiedlung in organisierten Transporten, wobei Frankreich jedoch die Aufnahme von Heimatvertriebenen in die französische Besatzungszone verweigerte. Dies hatte zur Folge, dass der Anteil der Heimatvertriebenen an der Gesamtbevölkerung von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich war. So war im September 1950 knapp jeder dritte Bewohner Schleswig-Holsteins, das über den Seeweg Ziel vieler Flüchtlinge aus Ostpreußen war, ein Heimatvertriebener. Dagegen belief sich der Vertriebenenanteil in Rheinland-Pfalz, das in der ehemaligen französischen Besatzungszone lag, auf lediglich fünf Prozent. Insgesamt war das Ausmaß des Zustroms von Heimatvertriebenen riesig. Trotz der zahlreichen Kriegsopfer stieg die westdeutsche Bevölkerung zwischen 1939 und 1950 von 39 auf 48 Millionen.
Neben des schieren Ausmaßes und der starken Unterschiede in der regionalen Verteilung unterscheidet sich der Zustrom der Heimatvertriebenen noch in einem weiteren für die empirische Analyse zentralen Punkt von anderen Zuwanderungswellen. Die Heimatvertriebenen waren Deutsche und damit der einheimischen westdeutschen Bevölkerung zumindest innerhalb von Berufsgruppen hinsichtlich Ausbildung und Fähigkeiten sehr ähnlich und hatten außerdem keine Sprachbarriere zu überwinden. Außerdem repräsentierten die Heimatvertriebenen einen kompletten Querschnitt ihrer Herkunftsregionen. Nicht nur die Hoch- oder Niedrigqualifizierten, Alten oder Jungen, sondern Menschen jeden Alters und aller gesellschaftlichen Schichten mussten ihre Heimat verlassen. Somit waren Heimatvertriebene und Einheimische vielfach direkte Konkurrenten auf dem westdeutschen Arbeitsmarkt.
Vor diesem historischen Hintergrund wird für das Jahr 1950 untersucht, ob der Zustrom von Heimatvertriebenen nach Westdeutschland zu einem Anstieg der Arbeitslosenquote der ortsansässigen westdeutschen Bevölkerung geführt hat. Dafür wird der westdeutsche Arbeitsmarkt zunächst in einzelne Arbeitsmarktzellen unterteilt. Diese Zellen sind nicht nur geographisch, sondern auch nach Berufen definiert. Anschließend wird analysiert, inwiefern der Anteil der Heimatvertriebenen an der Erwerbsbevölkerung in einer Zelle die Arbeitslosigkeit der Einheimischen in der gleichen Zelle beeinflusst hat. Es wird also beispielsweise die Arbeitslosenquote einheimischer Handwerker in Schleswig-Holstein, wo der Anteil der Vertriebenen sehr hoch war, mit der Arbeitslosenquote einheimischer Handwerker in Rheinland-Pfalz verglichen, wo aufgrund der französischen Besatzungspolitik kaum Vertriebene beheimatet waren.
Die Hauptergebnisse der Studie sind in der Grafik dargestellt. Auf der horizontalen Achse ist der Anteil der Heimatvertriebenen an der Erwerbsbevölkerung und auf der vertikalen Achse die Arbeitslosenquote der einheimischen Erwerbsbevölkerung abgetragen. Jeder Punkt in der Grafik stellt eine Arbeitsmarktzelle dar. Die Größe der Punkte spiegelt die Größe der Zelle, also die Anzahl der Erwerbspersonen in der jeweiligen Zelle wider.
Grafik: Zusammenhang zwischen Vertriebenenanteil und Arbeitslosenquote der einheimischen Erwerbsbevölkerung
Die Grafik zeigt, dass ein höherer Anteil von Heimatvertriebenen mit einer höheren Arbeitslosigkeit der einheimischen Bevölkerung einhergeht. Ökonometrische Schätzungen kommen zu dem Ergebnis, dass eine Erhöhung des Vertriebenenanteils um einen Prozentpunkt die Arbeitslosenquote der einheimischen Erwerbspersonen um durchschnittlich 0,3 bis 0,4 Prozentpunkte erhöht hat. Allerdings zeigt ein zweiter Blick auf die Grafik auch, dass dieser positive und signifikante Zusammenhang nur für Arbeitsmarktzellen mit einem sehr hohen Vertriebenenanteil von mehr als 15 Prozent beobachtbar ist. Tatsächlich scheint der Zustrom der Heimatvertriebenen bis zu einem gewissen Schwellenwert keinen Effekt auf die einheimische Arbeitslosigkeit gehabt zu haben. Erst nach Überschreiten dieses Schwellenwertes scheint eine Erhöhung des Vertriebenenanteils die Arbeitslosigkeit der einheimischen Erwerbsbevölkerung deutlich zu erhöhen.[ 1 ]
Die einheimische Erwerbsbevölkerung muss nicht unter der Zuwanderung leiden
Welche Lehren lassen sich aus diesen Ergebnissen für die heutige Debatte um die Beschäftigungseffekte von Zuwanderung ziehen? Natürlich ist die betrachtete Zuwanderungswelle nicht direkt mit der heutigen internationalen Zuwanderung nach Deutschland oder Europa vergleichbar. Das Ausmaß des Zustroms von Heimatvertriebenen war riesig, sie waren gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, Westdeutschland war vom Krieg zerstört und Heimatvertriebene und Einheimische waren oft direkte Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt. Umso bemerkenswerter ist jedoch, dass selbst unter diesen widrigsten Umständen die Auswirkung der Zuwanderung auf die Arbeitslosigkeit der einheimischen Bevölkerung begrenzt war, zumindest solange der Zustrom der Heimatvertriebenen einen gewissen Schwellenwert nicht überschritten hatte. Dieses Ergebnis lässt vermuten, dass eine moderate Zuwanderung unter den heutigen, wesentlich günstigeren Umständen, keine nennenswerte negative Beschäftigungseffekte für die einheimische Erwerbsbevölkerung hat.
Literatur
Braun, Sebastian und Toman Omar Mahmoud (2011). The Employment Effects of Immigration: Evidence from the Mass Arrival of German Expellees in Post-war Germany. Kieler Arbeitspapier Nr. 1725.
- 1 Es muss betont werden, dass hier lediglich die Arbeitslosigkeit der ortsansässigen westdeutschen Bevölkerung betrachtet wird. Unter den Heimatvertriebenen war die Arbeitslosigkeit überproportional hoch.
©KOF ETH Zürich, 9. Jan. 2012
