Planet Happy

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Arno Tausch, 25. Jan. 2012
Planet Happy 2.50 5 14

Seit einigen Jahren präsentiert die Happy Planet Organisation in London den so genannten "Happy Planet Index" (HPI), der einen Index zur Messung des Trade-Offs zwischen ökologischen Daten und Lebensqualität (Happy Life Years, HLY) bildet. Wenn am Ende des Tages enorme Ressourcenmengen unseres Planeten verbraucht werden, um relativ wenig an Lebenserwartung und Lebensglück herauszubekommen, ist etwas mit unserem Gesellschaftsmodell faul. Costa Rica schneidet bei diesen Vergleichen jeweils als weltweite "Best-Practice-Nation" ab, mit einem Minimum an natürlichem Ressourcenverbrauch, kombiniert mit einem Höchstbetrag an menschlichem Glück. Costa Rica als Modellfall?

Das Glück dieser Erde

Auf internationaler Ebene gewinnen die Happy Planet Organisation Indikatoren zunehmend an Beachtung. Einerseits der Ökologische Fußabdruck  (Ecological Footprint) andereseits dieHappy Life Years‘, und das aus ihnen abgeleitete Maß, der Happy Planet Index (HPI), der die ökologische Effizienz messen sollte, mit denen das menschliche Wohlbefinden auf der ganzen Welt erzielt wird. Unter dem Ökologischen Fußabdruck wird gemeinhin die Fläche auf der Erde verstanden, die notwendig ist, um den Lebensstil und Lebensstandard eines Menschen (unter Fortführung heutiger Produktionsbedingungen) dauerhaft zu ermöglichen. Eine zweite Variable wird dann von der Happy Planet Index Organisation verwendet, um die globale Zufriedenheit mit dem Leben zu messen: die Happy Life Years. ’Dieser Indikator kombiniert Gallup und World Values Survey-Daten über das Glück auf einer Skala von 0-10 mit der durchschnittlichen Lebenserwartung (siehe auch Ng, 2008a und 2008b; Veenhoven, 1996).

Es ist dann natürlich sehr verlockend, mit diesen Daten quasi den ‚ökologischen Preis‘ des gelebten menschlichen Glücks zu berechnen. Genau dies wurde von der Happy Planet Organisation getan. Im Idealfall würde eine Gesellschaft ein Höchstmaß an Leben und Freude mit einem Mindestbetrag von ökologischem Fußabdruck erreichen. Die Happy Planet Organisation behauptet, damit den weltweit ersten Index entwickelt zu haben, um die Umweltbelastung mit dem Wohlbefinden zu kombinieren und damit die ökologische Effizienz zu messen, mit der von Land zu Land verschieden Staaten ein langes und glückliches oder kurzes und unglückliches Leben ihrer Bürgerinnen und Bürger kombinieren. Die Happy Planet Organisation berechnet den HPI in folgender Weise:

(1) Happy Planet Index (HPI) = ((Happy Life Years) / (Ecological Footprint pro Kopf + Alpha)) * (Beta).

Die Konstanten haben folgende Zahlenwerte: alpha = 3,35; beta = 6,42

Das Eldorado Costa Rica

Die höchste Punktezahl des globalen HPI wird von Costa Rica (76,1 von 100) erreicht. Von den 10 führenden Ländern der Welt sind neun in Lateinamerika. Doch leider übergeht diese einfache Methode gewisse Fortschritte in den Sozialwissenschaften, die vor langer Zeit bereits geeignete Methoden entwickelten, um die Lebensqualität mit Variablen zu vergleichen wie zum Beispiel das BIP pro Kopf oder den Energieverbrauch, wobei nicht-lineare mathematische Formulierungen verwendet wurden, die viel besser als die oben genannte einfache Gleichung die zugrunde liegenden nichtlinearen Beziehungen zwischen Entwicklungsstand oder Energieverbrauch und die Lebensqualität abbilden (Goldstein, 1985; Tausch und Prager, 1993). Die globale Public Health-Forschungstradition produzierte ebenso massive Evidenz zu diesem Thema (Wilkinson, 1992; Wilkinson und Picket, 2006).

Das erste, sehr provokante Bild der sozialen Wirklichkeit, das sich bei der ersten Inspektion der HPI Werte rund um den Globus mit 9 der besten 10 Staaten der Welt in Lateinamerika mit seiner hohen gesellschaftlichen Ungleichheit aufdrängt, wäre Friedrich August Hayeks anti-egalitäre Vision (Hayek, 1945) der Märkte, die Ungleichheit und eine freien Gesellschaft miteinander kombinieren, und nicht "soziale Gerechtigkeit", sondern ihre Abwesenheit erkläre dann den phänomenalen Erfolg der ungleichen lateinamerikanischen Gesellschaften auf den Parametern unseres Indexes. Die High-Performer in Sachen Gleichheit in der globalen Gesellschaft (Quintil-Anteil von weniger als 5,0) mit einem relativ hohen Pro-Kopf-Einkommen sind – weiteres Wasser auf die Mühlen Hayeks - gleichzeitig meist sehr schlechte Performer auf der neuen "Happy Planet Index"-Skala (Leistung unter 50).

Bemerkenswert genug sind mehrere dieser Länder Mitglieder der Europäischen Union und traditionell entwickelte westliche Wohlfahrtsstaaten, bisherige Superstars in der gescheiterten EU-Lissabon-Strategie von 2000 bis 2010. Dieser erste Blick auf die Daten würde nahelegen, eine kompletten turn-around des "europäischen Sozialmodells" zugunsten einer hohen Ungleichheit, zu riskieren, das offen auch für die enorme Globalisierung ist, wie sie im "lateinamerikanischen Modell" (Tausch und Ghymers, 2006) zu beobachten ist – das wäre also der beste Weg zur Erreichung einer guten "Happy Planet Index" Leistung. Ist es also wirklich so?

Je ungleicher, desto glücklicher?

Die erste Empirie also – aber auch wirklich nur die erste - scheint eine solche Sicht über den Haufen zu werfen und darauf – mit Hayek, 1945 hinzudeuten, dass es eine – für viele in Europa - alarmierende Tendenz der wachsenden Ungleichheit zu geben scheint, die Hand in Hand mit einem steigenden Happy Planet Index geht. Nur wenige sehr inegalitäre Staaten, zumeist in Afrika, stören die schöne Idylle der Hayek’schen Welt effizienter Ungleichheit:

Grafik 1: die Beziehung zwischen Ungleichheit und dem Happy Planet Index (ursprüngliche Formulierung) – world sample

Eine Alternative zum Happy Planet Index

Wir schlagen statt der HPI-Methode eine Residual-Methode vor, die unter anderem von dem großen Schweizer Soziologen Peter Heintz bereits 1972 vorgestellt wurde, und berechnen den Happy Planet Index als die standardisierten Residuen aus der folgenden Regression:[ 1 ]

1. Happy Life Years = a1 + - b1 * Ökologische Fußabdruck pro Kopf + - b2 * Ökologische Fußabdruck pro Kopf ^ 2 

Grafik 2 zeigt den realen Trade-off zwischen Ecological Footprint und Happy Life Years in Form einer Plateau Kurve.

Graphik 2: Ecological Footprint und Happy Life Years: Die Plateau-Kurve

Unsere Berechnungen über die Treiber von und die Engpässe des umformulierten HPI, der auf den Analysen der standardisierten Residuen aus 103 Ländern mit kompletten Daten beruht, ergibt ein R ^ 2 von 29,0%, der F-Wert ist 9,339, und die Irrtumswahrscheinlichkeit der gesamten Gleichung ist .000. Alle Prädiktoren, einschließlich der Konstanten, sind mindestens auf dem 10%-Niveau signifikant. Es gibt eine sehr klare inverse ökologische ‚Kuznets-Kurve‘ (Kuznets, 1955). Darüber hinaus stellen wir folgende robusten Erklärungsgründe fest:

  • Überweisungen der GastarbeiterInnen haben einen signifikant positiven Effekt auf den umformulierten HPI. So ergibt sich, dass ArbeitnehmerInnen-Überweisungen die ökologische Effizienz der Staaten erheblich in den Süden unserer Welt verteilen.
  • Militärausgaben pro BIP vermindern den HPI, was auf einen ceteris paribus negativen Trade-off des Militarismus mit der Lebensqualität als solche hinweist.
  • Große Staaten tun sich nicht nur beim Wachstum, sondern auch beim HPI heute leichter als kleine Staaten

Im Vergleich zu den erheblichen Auswirkungen unserer Variablen ergab die erzwungene Eingliederung der Ungleichheits-Variable in die Gleichung keinen signifikanten Ergebnisse. Für die 95 Länder in der Weltgesellschaft mit vollständigen Daten behalten alle ausgewählten Prädiktoren ihre Bedeutung, während die Ungleichheit leicht negativ auf die Happy Planet Leistung wirkt – nota bene also ceteris paribus aller anderen Einflussgrößen, aber der Effekt hat eine hohe Fehlerwahrscheinlichkeit von 22,6%.[ 2 ]

Der Süden, die Migrations-Entsender-Staaten sind die Nutznießer dieses Systems, spiegelbildlich und negativ gilt auch beim HPI dieser Effekt für die Migrations-Empfängerstaaten. Vielleicht deshalb tut sich auch die globalisierungskritische Linke mit diesem Thema bislang so schwer.

Da alle bestehenden großen vergleichenden empirischen Studien über das Weltsystem und die Treiber und Engpässe der Umweltqualität nur auf anderen abhängige Variablen beruhen, und nicht den Happy Planet Index, scheint diese unsere erste internationale Vergleichsstudie anzudeuten, dass zukünftige Forschung in der vergleichenden Umweltwissenschaft und politischen Ökologie, sowie auch die Debatte um Europa 2020 gut beraten wären, die wichtigsten Prädiktoren der vorliegenden Studie sowie die hier nachgewiesene Umwelt-Plateau Kurve zu berücksichtigen. Solche Studien wären auch gut beraten, die Ungleichheits-Dimension als eine weitere wichtige Variable weiter zu berücksichtigen. Unter Kontrolle für die wesentlichen Effekte des Militarismus, der Bevölkerungsgröße, der GastarbeitnehmerInnen-Überweisungen und der ökologischen Plateaukurve gibt es sicherlich keinen Platz für die post-Hayek’sche Annahme, wonach die Ungleichheit die Performanz beim Happy Planet Index fördert.

Literatur

Tausch, Arno , Costa Rica, Superstar? Some Reflections on the Global Drivers and Bottlenecks of the Happy Planet Index (September 8, 2011). Available at SSRN: http://ssrn.com/abstract=1924130


  • 1  Die Berechnungen lassen sich hier nachvollziehen (dort Tabelle 1, Seite 7 ff; download-Möglichkeit auch über Tausch, Arno, Costa Rica, Superstar? Some Reflections on the Global Drivers and Bottlenecks of the Happy Planet Index (September 8, 2011). Nun können wir einen realistischen Blick auf die grenzüberschreitenden Determinanten der Happy Planet Index Performance richten. Wir haben unsere grundlegenden Daten vollständig und frei im Internet verfügbar gemacht, so dass die europäische Forschungs-Community die Ergebnisse hier überprüfen kann. Diese Internetseite bietet Microsoft Excel-Daten und eine Liste der Quellen. Die unabhängigen Variablen sind die Variablen 42 bis 67. Die Aufnahme eines Landes in die endgültige Analyse (175 Länder) wurde durch die Verfügbarkeit von guten Datenreihen für diese unabhängigen Variablen (falls nicht anders erwähnt, UNDP-Daten für die Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends) bestimmt. Das statistische Design unserer Studie beruht somit auf üblichen, SPSS-XVIII kleinsten Quadrat-Standard Regressionen (Durlauf et al., 2008), so wie sie heute für die Determinanten des Wirtschaftswachstums und wirtschaftliche, soziale und politische Leistungen von Staaten in der Tradition Barro (2003) berechnet werden.
  • 2  Tabelle 3 zum Herunterladen in Tausch (2011), Seite 15/16

©KOF ETH Zürich, 25. Jan. 2012

 
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Arno Tausch

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