Offshoring und Löhne: Die Bildung macht den Unterschied

Offshoring von Dienstleistungen begünstigt Lohnungleichheit

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Ingo GeisheckerHolger Görg und Christiane Krieger-Boden, 17. Jan. 2012
Offshoring und Löhne: Die Bildung macht den Unterschied 3.38 5 8

Offshoring von Aktivitäten aus der Produktionskette bleibt ein heiß umstrittenes Thema – inzwischen werden sogar Dienstleistungen zunehmend ins Ausland verlagert. Mit britischen Daten über den Zeitraum 1992-2004 kann gezeigt werden, dass Offshoring dazu beiträgt, die Einkommensschere zwischen hochqualifizierten einerseits und mittel- und geringqualifizierten Beschäftigten andererseits weiter zu öffnen – und zwar über den Untersuchungszeitraum um einige tausend Pfund.

Offshoring ruft in den Industrieländern immer wieder heftige Debatten in der Öffentlichkeit und sogar in akademischen Zirkeln hervor. Befürchtet wird insbesondere, dass Arbeitsplätze verloren gehen könnten – mal für Geringqualifizierte, mal für Hochqualifizierte. Befürchtet wird auch, dass gering qualifizierte Arbeit insgesamt abgewertet werden könnte.

Offshoring ist bislang vor allem im Bereich des Produzierenden Gewerbes sehr ausgiebig untersucht worden. Die Ergebnisse dieser Forschung zeigen, dass die Nachfrage nach qualifizierter Arbeit dadurch sogar steigen kann(z.B. Feenstra und Hanson 1999,Hijzen et al. 2005), es jedoch auch negative Auswirkungen auf die Löhne für geringqualifizierte Arbeitgeben kann(Geishecker und Görg 2008, Munch und Skaksen 2009, Ebenstein et al. 2009, Baumgarten, Geishecker, Görg 2010).

Dienstleistungsoffshoring: Keine Auswirkung auf Beschäftigung, aber auf Löhne

Offshoring von Dienstleistungen ist bislang weit weniger untersucht worden; erst seit Dienstleistungen zunehmend handelbar geworden sind, hat sich die Aufmerksamkeit ihnen zugewandt. Insgesamt nimmt sich Dienstleistungsoffshoring immer noch gering aus (Amiti und Wei 2005), aber die Wachstumsraten sind beträchtlich. Wieder findet die Forschung keine starken negativen Auswirkungen auf die Beschäftigung(Amiti und Wei 2005, Hijzen et al. 2011).

Im Gegenteil, einige Untersuchungen ermitteln sogar, dass das Offshoring von Dienstleistungen zu einem besonderen Beschäftigungsanstieg in betroffenen Firmen führt. Was die Lohneffekte angeht, so zeigen die bislang existierenden Untersuchungen uneinheitliche Ergebnisse: Während eine Untersuchung zu dem Schluss kommt, dass die Lohnungleichheit zunimmt(Liu, Trefler 2011), findet eine andere, dass die Produktivität und damit auch die Löhne von sowohl gering- wie hochqualifizierten Arbeitskräften steigen würden, weil durch die verbesserte Arbeitsteilung Spezialisierungsgewinne erzielt werden können (Munch und Skaksen 2009).In einer jetzt vorliegenden neuen Untersuchung bestätigen Geishecker und Görg (2011) eher den Befund einer zunehmenden Lohnungleichheit als Ergebnis von Dienstleistungsoffshoring.

Die Uneinheitlichkeit der empirischen Ergebnisse könnte gut in der Natur der Sache liegen (Baldwin 2010).Ein theoretischer Ansatz von Grossman und Rossi-Hansberg (2008), der zwischen dem Offshoring von Aktivitäten mit geringem und mit hohem Qualifikationsniveau unterscheidet und die jeweiligen Auswirkungen auf die Löhne sowohl der gering qualifizierten wie der hoch qualifizierten Arbeitskräfte untersucht, entwickelt daraus drei teils gegenläufige Lohnwirkungen.

Erstens werden vor allem die weniger produktiven Teile einer jeweiligen Aktivität ausgelagert, sodass die Produktivität der verbleibenden Arbeitskräfte in der jeweiligen Qualifikationsstufe steigt, und damit tendenziell auch ihre Löhne.

Zweitens werden durch das Offshoring Arbeitskräfte der jeweiligen Qualifikationsstufe freigesetzt, wodurch ein Arbeitsüberangebot die Löhne in diesem Bereich drückt.

Drittens wird das Endprodukt wegen des Offshorings relativ billiger werden, was einen negativen Effekt auf die Löhne der hauptsächlich dafür benötigten Qualifikationsstufe auslösen kann (Stolper-Samuelson-Effekt).

Kombiniert man diese drei Arten von Effekten und die beiden verschiedenen Arten von Offshoring, dann erhält man für die Löhne der gering- und hochqualifizierten Arbeitskräfte die in der Tabelle 1 aufgelisteten Trends. Danach erhöht das Offshoring von Aktivitäten mit geringem Qualifikationsbedarf die Löhne von hochqualifizierten Arbeitskräften, während die Wirkung auf die Löhne von geringqualifizierten Arbeitskräften ungewiss ist. Umgedreht erhöht das Offshoring von Aktivitäten mit hohem Qualifikationsbedarf die Löhne von geringqualifizierten Arbeitskräften, während die Wirkung auf die Hochqualifizierten ungewiss ist. Im Ganzen hängt die Wirkung des Offshorings auf die inländischen Löhne von der relativen Stärke der divergierenden Effekte ab, und davon, ob Aktivitäten mit geringem oder mit hohem Qualifikationsbedarf ausgelagert werden.

 

Das Mass ist entscheidend

Aufbauend auf diesem theoretischen Ansatz untersuchen wir die Größenordnung der verschiedenen Effekte (Geishecker und Görg 2011). Zunächst einmal ist dazu erforderlich, ein Maß für Offshoring zu bestimmen, was durchaus nicht trivial ist. Da es keine direkten kohärenten Daten zum Offshoring gibt, greifen Ökonomen üblicherweise auf geeignete Stellvertreter-Variable zurück. So könnte der Außenhandel mit Vorprodukten ein guter Indikator für das Ausmaß von Offshoring in einem Wirtschaftszweig sein. Um die unbekannte echte Variable einzukreisen, werden eine enge und eine weite Definition des Indikators herangezogen.

Abbildung 1. Offshoringund Stundenlöhne, UK 1992-2004a


 

Im Falle des Offshorings von Dienstleistungen bezieht sich der gewählte Indikator einerseits auf die generelle Außenhandelsintensität im Bereich von Dienstleistungen (weite Definition) und andererseits auf die Außenhandelsintensität für Telekommunikations-, Computer- und sonstige Unternehmensdienstleistungen (enge Definition; zuerst so definiert von Amiti und Wei 2005, vgl. den oberen Teil von Abbildung 1). Im Falle des Offshorings der Produktion bezieht sich der gewählte Indikator zum einen auf die Intensität des gesamten intermediären Außenhandels (weite Definition) und zum anderen auf die Intensität des intraindustriellen Außenhandels (enge Definition; zuerst so definiert von Feenstra und Hanson 1999, vgl. den oberen Teil von Abbildung 1).

Angaben zu Qualifikationen und Löhnen auf personenbezogener Ebene gewinnt man aus der Britischen Haushalts-Panelerhebung. Schon auf den ersten Blick legen diese Daten nahe, dass sich die Löhne von gering- und hochqualifizierten Arbeitskräften auseinander entwickelt haben während der Umfang des Offshorings anstieg (Abbildung 1).

Um diese Beziehung genauer zu untersuchen, werden die Lohneffekte der Auslagerung mithilfe einer Mincerschen Lohngleichung geschätzt. Dabei werden als Erklärungsvariable auch die Produkte aus den Offshoring-Indikatoren, multipliziert mit den verschiedenen Qualifikationsstufen von gering-, mittel- und hochqualifizierten Arbeitskräften, herangezogen, um den verschiedenartigen Wirkungen von Offshoring auf die drei Gruppen von Arbeitskräften Rechnung zu tragen. Die personenbezogenen Daten erlauben sogar, den Effekt verstärkten Offshorings auf individuelle Löhne in einem Wirtschaftszweig zu schätzen.

Zwei Schätzstrategien werden genutzt, um die Verbindung zwischen Offshoring und Löhnen zu bestimmen. Die erste ist die in der Literatur übliche Strategie, bei der die Wirkung einer veränderten Offshoringsintensität innerhalb eines Wirtschaftszweigs auf die Löhne desselben Wirtschaftszweigs analysiert wird. Die zweite Strategie beruht auf der Überlegung, dass Offshoring nicht nur die Löhne in demselben Wirtschaftszweig beeinflussen dürfte, sondern auch die Löhne in anderen Wirtschaftszweigen, soweit dort Beschäftigte der gleichen Qualifikationsstufe beschäftigt werden. Dieser Ansatz berücksichtigt also implizit Arbeitskräftewanderungen zwischen verschiedenen Wirtschaftszweigen innerhalb der gleichen Qualifikationsstufe. Alle Schätzungen enthalten außerdem Kontrollvariablen, um alle Lohnwirkungen auszuschließen, die beispielsweise von der Firmengröße, dem Standort, dem Konjunkturzyklus oder dem branchenspezifischen technischen Fortschritt herrühren könnten.

Die Schätzergebnisse zeigen, dass Offshoring von Dienstleistungen die realen Löhne von gering- und mittelqualifizierten Arbeitskräften im selben Wirtschaftszweig beeinträchtigt. Dagegen profitieren die hochqualifizierten Arbeitskräfte von diesem Offshoring aus demselben Wirtschaftszweig. Berücksichtigt man die intersektorale Mobilität von Arbeitskräften der gleichen Qualifikationsstufe, dann findet man sogar statistische Signifikanz für den negativen Lohneffekt des Offshorings auf gering- und mittelqualifizierte Arbeitskräfte. Für die hochqualifizierten Arbeitskräfte lässt sich in diesem Fall dagegen kein eindeutiger Lohneffekt ermitteln. Um einen Eindruck von der Größenordnung dieser Effekte zu geben, haben wir die Lohnänderungen für jeweils die Median-Arbeitskraft auf jeder Qualifikationsstufe über die Jahre 1992-2004 kumuliert (Tabelle 2).

Tabelle 2. Kumulierte Lohneffekte eines zunehmenden Offshorings 1992-2004 (£)a

 

Nach diesen Berechnungen könnten hochqualifizierte britische Arbeitskräfte dem Offshoring von Dienstleistungen einen Lohnzuwachs von etwa £1300-£2000 über die gesamte Zeitspanne zu verdanken haben; sogar bis zu £5300, wenn man die Wechselwirkungen mit anderen Wirtschaftszweigen mitberücksichtigt. Mittelqualifizierte britische Arbeitskräfte könnten dagegen möglicherweise Einkommen verloren haben, bis zu £4900 über die gesamte Zeitspanne. Die geringqualifizierten britischen Arbeitskräfte dürften allerdings am eindeutigsten verloren haben, je nach Berechnung etwa £190-£310 durch Dienstleistungsoffshoring und etwa £310-£390 durch Offshoring der Produktion (innerhalb desselben Wirtschaftszweigs) oder sogar etwa £1900-£4300 bei Berücksichtigung der intersektoralen Wechselwirkungen. Zwar beziehen sich diese kumulativen Lohnveränderungen auf eine Spanne von zwölf Jahren und können von daher noch als gering angesehen werden, aber doch nicht als vernachlässigbar klein, zumal die Variation um den Median beträchtlich sein könnte.

Der Befund eines negativen Lohneffektes von Dienstleistungsoffshoring auf Mittel- und Geringqualifizierte und eines positiven Lohneffektes auf Hochqualifizierte steht im Einklang mit dem Modell von Grossman und Rossi-Hansberg (2008), wenn man annimmt, dass vor allem Dienstleistungen mit geringem Qualifikationsbedarf ausgelagert werden. Berücksichtigt man (über das Grossman-Rossi-Hansberg-Modell hinausgehend) die Wechselwirkungen zu  anderen Wirtschaftszweigen, dann lassen sich die Einzelwirkungen von Dienstleistungs- und Produktionsoffshoring nicht mehr aufspalten, aber beide zusammen scheinen gleichwohl die Löhne Hochqualifizierter positiv und die Löhne Mittel- und Geringqualifizierter negativ zu beeinflussen und so zu steigender Lohnungleichheit beizutragen.

Hochqualifizierte Arbeitskräfte sind offenbar die Gewinner, mittel- und geringqualifizierte Arbeitskräfte die Verlierer der Offshoring-Prozesse. Die politikrelevante Frage ist dann, ob die Verlierer kompensiert werden sollten und, wenn ja, welche Form die Kompensation annehmen sollte. Eine andere politische Schlussfolgerung ist, dass die Verbesserung des Bildungsniveaus eine fortwährende und wichtige Aufgabe ist, um wenig qualifizierte Arbeitskräfte auf die Qualifikationsebene der Gewinner zu heben.

Literatur:

Amiti, M. and Wei, S.J. (2005) "Fear of service outsourcing: Is it justified?", Economic Policy, 20, 308-347.

Baldwin, Richard (2010), “Thinking about offshoring and trade: An integrating framework[ a ]” VoxEU.org, 23 April.

Baumgarten D., Geishecker, I., and Görg, H. (2010) "Offshoring, tasks, and the skill-wage pattern", CEPR Discussion Paper 7756

Ebenstein, A., Harrison, A., McMillan, S., and Phillips, S. (2009) "Estimating the Impact of Trade and Offshoring on American Workers Using the Current Population surveys", NBER Working Paper 15107.

Feenstra, R.C. and Hanson, G.H. (1999) "The impact of outsourcing and high-technology capital on wages: Estimates for the US, 1979-1990", Quarterly Journal of Economics, 114, 907-941.

Geishecker, I. and Görg, H. (2011) "Services offshoring and wages: Evidence from micro data[ b ]", Oxford Economic Papers, forthcoming.

Geishecker, I. and Görg, H. (2008)" Winners and losers: A micro-level analysis of international outsourcing and wages", Canadian Journal of Economics, 41, 243-270.

Grossman, G.M. and Rossi-Hansberg, E. (2008) "Trading Tasks: A Simple Theory of Offshoring", American Economic Review, 98, 1978-1997.

Hijzen, A., Görg, H., and Hine, R.C. (2005) "International outsourcing and the skill structure of labour demand in the United Kingdom", Economic Journal, 115, 860-878.

Hijzen, A., Pisu, M., Upward, R., and Wright, P. (2011) "Employment, job turnover, and the trade in producer services: firm-level evidence", Canadian Journal of Economics, 44 (3), 1020–1043.

Liu, R. and Trefler, D. (2011) "A Sorted Tale of Globalisation: White Collar Jobs and the Rise of Service Offshoring", Working Paper 17559, NBER, Boston M.A.

Munch, J.R. and Skaksen, J.R. (2009) "Specialization, Outsourcing and Wages", Review of World Economics, 145, 57-73.

©KOF ETH Zürich, 17. Jan. 2012

 
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