Haben die Uni-Ökonomen versagt?

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Rüdiger Bachmann, 10. Jan. 2012
Haben die Uni-Ökonomen versagt? 2.49 5 67

Keine Frage, die PR Situation der VWL ist mies. Jetzt also auch der Spiegel: die Uni-Ökonomen hätten versagt, in den VWL-Vorlesungen würden nur Effizienzdenken, Marktgläubigkeit und Staatsferne gepredigt; der Homo Oeconomics angebetet und in Mathematik gepresst, was angeblich nicht zu formalisieren sei. Gefühlte hundertmal habe ich das in der deutschen Presse so oder so ähnlich gelesen, oft garniert mit ein paar sound bites sogenannter Postautisten, die so an ihrem VWL-Studium leiden, dass sie sich ihre eigenen Ringvorlesungen mit Praktikern, Ethikern und unterdrückten Privatdozenten, die außerhalb des bösen Mainstream forschen und publizieren und deshalb ob des neoklassischen Kartells an den Unis niemals einen Lehrstuhl erhalten würden, basteln.[ 1 ]

Meine Wahrnehmung der modernen VWL ist ganz anders: ein dynamisches, offenes und flexibles Wissenssystem. Also muss es da Kommunikationsprobleme geben zwischen uns Lehrenden und den Studierenden. Ich will nicht ausschließen, dass es an einigen deutschen Unis noch marktgläubige Ordoliberale der alten Schule gibt, die es als ihre Aufgabe und als Wissenschaftlichkeit ansehen, das FDP Grundsatzprogramm herunterzubeten, aber die Demographie sollte dieses Problem eigentlich weitestgehend erledigt haben. Ich kann auch nicht ganz ausschließen, dass diese Zeitungsartikel von Journalisten geschrieben wurden, die nie ein VWL-Vollstudium durchlaufen und nur die typische VWL-Übersichtsvorlesung für Nichtökonomen gehört haben, die alte Privatdozenten für einen Hungerlohn am Dienstagabend um 18.00 Uhr halten müssen.

Dennoch: zwei Klarstellungen. Ich fürchte erstens, dass viele Anfänger eines VWL-Studiums einfach eine falsche Vorstellung davon haben, was sie erwartet – womöglich durch die Krise verstärkt. Wer VWL studiert, so wie manche Philosophie studieren, um nämlich  die Welt irgendwie allgemein besser verstehen zu können, wer VWL studiert, um den intellektuellen Überbau für seine persönliche Occupy-Bewegung zu bekommen, wer VWL studiert, weil der Abischnitt nicht für den numerus clausus der BWL gereicht hat, der wird enttäuscht werden.

Die Krise verstehen heisst erst mal die Zusammenhänge der VWL zu verstehen

Die VWL ist eine Sozialwissenschaft der besonderen Art. In ihr gibt es weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr, ihr Curriculum baut sukzessive aufeinander auf. Ein Anfänger in einem Physikstudium erwartet wohl nicht, dass er im ersten Studienjahr versteht, wie das Universum entstanden ist, ein Medizinstudent im ersten Semester operiert nicht und ein beginnender Bauingenieur baut keine Brücken. Genau deshalb ist es schwierig, den VWL-Anfängern Krise beizubringen. Wir Lehrende wollen das und verstehen die Frustration der Anfänger.

Es ist schwierig, weil man nun einmal ein gewisses Rüstzeug braucht, um die Krisenphänomene exakt beschreiben zu können. Ökonomische Interaktionen sind komplex – wie kann man eigentlich erwarten, das gleich zu Beginn des Studiums verstehen zu können? George Akerlof, einer der Darlings der Kritiker der modernen VWL, hat einmal völlig zu Recht gesagt: Die VWL der Zukunft wird mehr und komplexere Mathematik brauchen, nicht weniger. Insofern ist das VWL Studium ein Unternehmen mit aufeinanderaufbauenden Elementen. Von daher bitte ich einfach um etwas Geduld. Zum anderen ist Krise schwierig, weil sie schwierig, komplex und selten ist und sich moderne Ökonomen nicht mit einfachen monokausalen Erklärungen – „Die Zentralbank hat die Zinsen zu niedrig gesetzt“ (die österreichische Heterodoxie); „Der Staat hat nicht genug reguliert“ (die ordoliberale Heterodoxie); „Die Finanzkapitalisten sind böse“ (die postautistische Heterodoxie); „Die Menschen sind alle dumm und irrational“ (die psychologische Kritik an der Ökonomik); oder „Der Staat ist an allem Schuld und hat sich zuviel eingemischt“ (die marktradikale Ideologie) – zufrieden geben, wiewohl sicherlich alle diese Ideen eine Rolle für das Verständnis der Krise spielen dürften.

Mit anderen Worten: nostra culpa – ja, wir, die „Uni-Ökonomen“, wissen vieles auch noch nicht über die Krise und wie ihr am besten zu begegnen ist. Wir arbeiten dran! Die angebliche Unterdrückung von fruchtbaren Heterodoxien, die es intellektuell mit der modernen VWL aufnehmen könnten, durch einen monolithischen Mainstream ist ein Mythos: Es gibt diese blühenden Heterodoxien nicht und der sogenannte Mainstream ist alles andere als monolithisch.

Zum Zweiten kann ich von meiner eigenen Erfahrung als Student und als Lehrender nicht nachvollziehen, wo diese verengte Sicht, was man im VWL-Studium so macht, herkommt. Natürlich betrachtet die VWL die Funktionsweise von Märkten, aber eine gute Einführung in die Mikroökonomik startet vom Begriff der Allokation, vom Begriff gesellschaftlich erwünschter Güterverteilungen und stellt dann Wettbewerbsmärkte als ein mögliches Mittel zur Herstellung dieser erwünschten Güterverteilungen dar. Sie benennt dabei auch die zum Teil heroischen Bedingungen, die gegeben sein müssen, damit Wettbewerbsmärkte gesellschaftlich erwünschte Güterverteilungen herstellen können.

Eine gute Einführung in die Mikroökonomik behandelt die Auswirkungen von allen möglichen Formen von Marktmacht und Marktversagen, von Informationsunvollständigkeit und Informationsasymmetrien. Wenn der Kollege Straubhaar baff erklärt, dass „mikroökonomisches Gewinnstreben zum makroökonomischen Untergang führen könne“, dann fragt man sich, wo der Herr Professor sein VWL Studium abgelegt hat: Schon mal etwas vom Nashgleichgewicht und dem Gefangenendilemma gehört, schon mal etwas von multiplen Gleichgewichten und bank runs? Hallo?

Wenn die VWL tatsächlich eine marktradikale, hyperrationalistische Religion wäre, die nur dazu da ist, Ausbeutung durch Finanzkapitalisten zu legitimieren, dann gehörten mindestens 95 Prozent der aktuellen Forschung in der VWL nicht zur VWL. Aber Geduld, diese Forschung ist spannend und komplex, und man muss erst einmal die Vokabeln lernen, um diese Sprache zu verstehen. So wie man auch erst Mal Griechisch lernen muss, wenn man den Homer im Original lesen will.

Nachtrag: über den Spiegel Online Titel, der dem Artikel ohne mein Wissen hinzugefügt wurde, habe ich mich geärgert. Es geht nicht ums Abkanzeln, Kritik- oder gar Denkverbote. Es geht auch nicht darum, gute Studenteninitiativen zu kritisieren. Es geht um Geduld und Realismus, was die VWL ist und kann, und was sie nicht ist und nicht leisten kann. Und es geht darum, nicht aus vielleicht verständlicher Frustration Quacksalbern mit einfachen Antworten zu folgen.


©KOF ETH Zürich, 10. Jan. 2012

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 17 Kommentare.
  • FDP-Grundstzprogramm

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    ZWei Fragen zum FDP-Grundsatzprogramm: Ist es wirklich so ordoliberal, dass entsprechende Professoren es herunterbeten würden? Und würden diese Professoren wirklich alle Punkte daraus gutheißen?

    Oh, doch noch eine dritte: Als ich noch studierte, meinte ich auch Professoren identifiziert zu haben, die immer wieder das SPD-Grundsatzprogramm rezitierten. Könnte es sein, dass ich und der Autor des obigen Beitrags damit vielleicht mehr oder weniger offen unsere jeweiligen politischen Abneigungen kundgetan haben? ;-)

  • @Rayson

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    Rayson schrieb: "Könnte es sein, dass ich und der Autor des obigen Beitrags damit vielleicht mehr oder weniger offen unsere jeweiligen politischen Abneigungen kundgetan haben?"
    Ich glaube eher, dass Sie und der Autor verschiedenen Altersgruppen angehören. In den Neunzigern waren die Ordoliberalen und Monetaristen froh, dass die letzten Keynesianer und Reformmarxisten aus den Sechzigern emeritiert wurden. Jetzt sind die Ordoliberalen selbst größtenteils Pensionäre - von den Freiburgern und Bernd Noll in Pforzheim mal abgesehen.

  • Offener Brief an Rüdiger Bachmann

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    Sehr geehrter Herr Prof. Bachmann,

    mit großem Interesse haben wir Ihren Artikel auf SPIEGEL ONLINE vom 5.1.2012 [und auch auf der Ökonomenstimme vom 10.1.2012, Anm. der Redaktion] gelesen. Als Studierende der Volkswirtschaftslehre können wir einige Ihrer Ausführungen allerdings nicht unkommentiert lassen.

    Wir empfinden es als beleidigend, dass Sie gegen Menschen polemisieren, die außerhalb ihres Studiums aus Interesse an der Volkswirtschaftslehre eigene Ringvorlesungen organisieren, um ihr Wissen zu vertiefen. Studentisches Engagement sollte gefördert und nicht diffamiert werden. Dieses Engagement einzig mit dem „Leiden“ am VWL-Studium und mangelndem Verständnis zu erklären, greift unserer Meinung nach zu kurz. Für uns ist ein mündiger Studierender, der sich selbstständig über den Vorlesungsstoff hinaus weiterbildet, vielmehr ein Ideal, das es zu unterstützen gilt. Was erwarten Sie stattdessen von einem motivierten Studierenden?

    Sie schreiben, dass die Volkswirtschaftslehre „eine Sozialwissenschaft der besonderen Art“ sei, in der es „weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr“ gibt und damit haben sie zweifelsohne recht. Doch gerade eine Sozialwissenschaft, egal welcher Art, lebt von methodischen Auseinandersetzungen, da diese eine Triebfeder des wissenschaftlichen Fortschritts sind und erst einen Diskurs um die besten Lösungen zulassen. Als quantitativ ausgebildete Ökonomen sprechen wir zwar Ihre Sprache, sind aber der Meinung, dass das Vokabular der heutigen VWL zu begrenzt ist. Wir haben das Gefühl, dass wir uns in einer in sich konsistenten Modellwelt bewegen, die sich aber zu sehr von der gesellschaftlichen Realität entfernt hat. Gerade weil wir als Ökonomen nicht den Anspruch haben dürfen, über eine allerklärende Weltformel zu verfügen, wünschen wir uns mehr methodische Pluralität, um vielfältigere Antwortmöglichkeiten auf komplexe Probleme zu finden. Ihre überhebliche Reaktion scheint uns bezeichnend für fehlende Bereitschaft zur Selbstkritik, die sich unter anderem auch im fehlenden Diskurs in der Lehre widerspiegelt. Der heutige Lehrplan sieht eine kritische Auseinandersetzung mit den vermittelten Inhalten nicht vor. Dieser Alleinerklärungsanspruch ist aber in unseren Augen gerade das Problem in der heutigen Forschung und Lehre. Schon die Grundstudiumsveranstaltungen fußen auf einer monopolistisch verengten Sichtweise auf die Herangehensweise der Volkswirtschaftslehre. Die geringe Bedeutung von Seminaren und Hausarbeiten führt dazu, dass mathematisches und axiomatisches Handwerkszeug gelernt, aber kaum angewendet und praktisch nicht hinterfragt wird. Wenn die VWL eine Sozialwissenschaft ist, warum wird Sie dann nicht wie eine solche gelehrt?

    Es erwartet niemand, dass einem Erstsemester die Krise in all ihren Facetten erklärt wird – geschweige denn, dass die Ökonomik Patentrezepte aus der Tasche zaubert. Von einer akademischen Disziplin sollte man aber erwarten können, dass sie ihre Methoden normativ und wissenschaftstheoretisch einbettet. Sie diffamieren andere Perspektiven, indem Sie deren Positionen herabsetzen und eindimensionalisieren („"Die Finanzkapitalisten sind böse" (die postautistische Perspektive); "Die Menschen sind alle dumm und irrational" (die psychologische Kritik an der Ökonomik)“). Auf akademischen Titeln beruhende Autoritätsargumente alleine überzeugen in der wissenschaftlichen Diskussion jedoch wenig. Mit dieser Form der Auseinandersetzung erwecken Sie den Eindruck, sich nie mit anderen Perspektiven beschäftigt zu haben. Stellen Sie sich so den akademischen Dialog vor?

    Eine Kritik, die von einer Vielzahl von Studierenden, wenn auch nicht vollständig ausgereift, und vermehrt auch von akademischen Vertretern des Fachs geäußert wird, verdient eine sachgerechte Debatte. Oder um es mit den Worten des amerikanischen Ökonomen Hyman P. Minsky zu sagen: „There is no way one generation of economists can render their successors obsolete.“

    Mit freundlichen Grüßen
    Zwölf Studierende der Volkswirtschaftslehre an der Universität Tübingen

    • AW:Offener Brief an Rüdiger Bachmann

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      Kleiner Auszug aus meinem Blog unter http://wirtschaftsphilosoph.wordpress.com/2012/01/15/zur-okonomischen-lehre/

      „Studentisches Engagement sollte gefördert und nicht diffamiert werden. [...] Für uns ist ein mündiger Studierender, der sich selbstständig über den Vorlesungsstoff hinaus weiterbildet, vielmehr ein Ideal, das es zu unterstützen gilt.“ Dem stimme ich vollständig zu. Allerdings will Herr Bachmann wohl davor warnen, sich bei den falschen Leuten schlecht zu informieren. Das ist grundsätzlich ein guter Rat, auch wenn wohl kein Konsens darüber besteht, vor wem da eigentlich gewarnt werden soll. Ich wäre jedenfalls viel offener als er, was die Methoden und Inhalte angeht. Trotzdem gibt es Grenzen. Über Ökonomie wird viel Unsinn erzählt und auch ein sinnvoller Zugang zu wirtschaftlichen Fragen durch eine andere Disziplin, z. B. Psychologie oder Soziologie, sollte nicht mit VWL verwechselt werden.

      Jedenfalls biete ich an, die wirtschaftsphilosophische Perspektive und damit die Grundlagen des Faches und wesentliche Ansätze desselben hier zu diskutieren. Warum sollte sich das nicht sogar in die Lehre einbauen lassen? Eigenes aktives Bloggen kann auch helfen, den Stoff besser zu durchdringen. Bei aufgeschlossenen Dozenten oder gar Fakultäten könnte sich damit sogar ein Schein erwerben lassen. Natürlich können dadurch nicht das ganze akademische Studium und dessen Mühen ersetzt werden, doch als Ergänzung und zum aktiven statt nur passiven Lernen halte ich es für sehr sinnvoll.

  • Antwort

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    Es gibt hinreichend methodische Qualität. Die heutige Volkswirtschaftslehre ist die vielleicht toleranteste Wissenschaft überhaupt. Alles, wirklich alles was Qualität hat kann gut veröffentlicht werden und man kann damit eine wissenschaftliche Karriere machen und diese Erkenntnisse schließlich in die Lehre einfließen lassen. Die meisten vorgetragenen Argumente gegen moderne wissenschaftliche Forschung in den Wirtschaftswissenschaften sind schlicht faktisch falsch. Aber wer gegen ein Wachstumsmodell argumentiert, weil es keine Finanzkrisen erklärt, der hat den Zweck dieses Modelles nicht erkannt, evtl ein Defizit in der Lehre.

    Es gibt allerdings einige Argumente gegen die Lehre in Deutschland, die man ernst nehmen sollte. Man wird mit den sehr kleinen deutschen Departments allerdings nie wirkliche Breite in die Lehre bekommen, dessen muss man sich klar sein. Ich verstehe auch nicht, was ein Drittsemesterstudent groß zu einer Diskussion beitragen kann, der hat noch nicht einmal 1 Promille der wichtigen Beiträge zu irgendeiner Debatte studiert und dies ist nun einmal die Voraussetzung zu einer gehaltvollen Diskussion.

    Ich verstehe etwas die Frustration der Studenten (die es unter Physik/Informatik- und vielen anderen Studenten übrigens auch gibt), die am Anfang Methoden lernen, deren Anwendung auf wirtschaftliche Probleme normalerweise frühestens in der Masterphase des Studium stattfinden kann. Für dieses Problem sehe ich aber keine Lösung, ohne ein solides Verständnis der Methoden wird man immer nur triviale Argumente machen können, solche Argumente sind in Deutschland aber leider sehr beliebt. Ich empfehle den Studenten statt Ringvorlesungen zu organisieren oder irgendwelche Arbeitskreise zu gründen sich lieber in die wissenschaftlichen Seminare zu setzen, da sieht man wirtschaftswissenschaftliche Forschung in action und Kritik ist dort ausdrücklich erwünscht!!

    Hier mal ein Link zu den Tübinger Seminarreihen: http://www.wiwi.uni-tuebingen.de/forschung0/research-seminars.html

    • AW: Qualität

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      "Die heutige Volkswirtschaftslehre ist die vielleicht toleranteste Wissenschaft überhaupt." Nein, Philosophie, Mathematik, Soziologie, viele Disziplinen sind viel toleranter und pluralistischer.

      "Alles, wirklich alles[,] was Qualität hat[,] kann gut veröffentlicht werden". Nein, die Intoleranz liegt im eingeschränkten Qualitätsbegriff, der weder hinreichend noch notwendig für echte Qualität im wissenschaftlichen Sinne ist, sondern auf bestimmte mathematische und statistische Verfahren abstellt. Bei deren Anwendung kann man den größten Unsinn behaupten, was Sie vielleicht mit Toleranz verwechseln, ohne sie zählen Argumente für Fachvertreter wie Sie nichts, selbst wenn sie wahr, relevant, kreativ und alles andere als trivial sein sollten.

  • Das Ergebnis zählt

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    Letztendlich zählt nur das Ergebnis: Wer, wenn nicht die Volkswirtschaftsprofessoren, sollten die Kompetenz besitzen, um endlich mal Lösungen für die existentiellen Probleme unserer Gesellschaft (www.bandbreitenmodell.de/handlungsdruck) zu finden? Ergebnis von Heerscharen von VWL-Professoren. Null. Stattdessen kapitulieren sie vor den BWL-Professoren (www.bandbreitenmodell.de/vision) und begnügen sich mit Erklärungsversuchen, warum die Regierungen dieser Welt scheitern.

    Warum nicht mal bandbreitenmodell.de/vision durchdenken? Warum nicht endlich mal selbstkritisch sein? Warum nicht endlich AUFWACHEN?

  • Toleranz

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    Mit Toleranz habe ich eigentlich die Zeit zur Durchdringung von Forschung und Lehre gemeint, die neue Forschungsarbeit braucht. In den Wirtschaftswissenschaften ist es absolut gängig, dass ein Papier, das heute von einem Doktoranden in Deutschland geschrieben wird, nächstes Jahr in Harvard oder Stanford auf dem Lehrplan steht. Das dürfte in wenigen anderen Wissenschaftsdisziplinen der Fall sein.
    Außerdem zeichnen wir uns dadurch aus, dass wir bereit sind viele andere Wissenschaftsdisziplinen wie Mathematik, Physik, Soziologie, Psychologie, Rechtswissenschaften uvm in zu integrieren. Ich bezweifle, dass es eine andere Wissenschaft gibt, die auch nur annähernd so ein melting pot ist wie die Wirtschaftswissenschaften.
    Der dritte Punkt ist der, dass bei uns wenig Autorität aus dem Titel erwächst. Ein guter Doktorand ist einem schlechten Professor oft überlegen und dies ist auch schnell für jeden erkennbar und bekommt entsprechend mehr Gehör.
    Wer nichts drauf hat, wird ignoriert, egal was vor seinem Namen steht.

    Und zur angesprochenen Verengung auf bestimmte Methoden ist zu sagen: das sind die gleichen Methoden, die Biologen, Psychologen, Politologen, Soziologen, Rechtswissenschaftler, Mathematiker und viele andere in ihrer wissenschaftlichen Arbeit auch verwenden. Man kann jetzt kritisieren, dass das wirtschaftswissenschaftliche Studium zu wissenschaftlich geworden ist, und sich das Lernen der Methoden erst im Master/PhD Studium wirklich im Verständnis ökonomischer Zusammenhänge niederschlägt. Das ist vielleicht etwas dran, aber das ist allemal die bessere Alternative zum Herunterbeten von Parteiprogrammen früherer Jahre wie von Rüdiger Bachmann oben beschrieben.

    • AW: Toleranz

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      Glückwunsch! Offensichtlich haben Sie ganz andere und vor allem bessere Erfahrungen gemacht als ich. Könnte es sein, dass Sie gar nicht an einer deutschen Universität arbeiten? Ein Papier, an dem ein deutscher Doktorand heute schreibt, ist nächstes Jahr noch gar nicht veröffentlicht und schon gar nicht auf dem Lehrplan einer amerikanischen Spitzenuniversität. Bestenfalls wird es dort bei einem Forschungsseminar vorgetragen. Hierzulande sind Titel und Hierarchien durchaus noch wichtig. Doktoranden sollten ihre Professoren besser nicht ignorieren, wenn sie promoviert werden wollen. Deutsche Juristen verwenden schießlich ganz andere Methoden als Ökonomen. Auch hier scheinen Sie sich eher an amerikanischen Beispielen zu orientieren.

      Meine Kritik ist sicher nicht, dass das wirtschaftswissenschaftliche Studium zu wissenschaftlich geworden wäre. Es gab und gibt durchaus Verbesserungen, doch es ist längst nicht alles Gold, was glänzt. In meinem Blog beschreibe ich unter http://wirtschaftsphilosoph.wordpress.com/2012/01/16/wissenschaftliche-qualitat/ den Fall, dass Beiträge von mir nur deshalb abgelehnt wurden, weil mit deutschen statt US-amerikanischen Daten gearbeitet wurde. Wie passt das zu Ihrer These, VWL wäre so tolerant und alles mit hinreichender Qualität könne gut veröffentlicht werden?

  • Antwort

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    Ein Papier, das diese Jahr geschrieben wird kann sehr wohl nächstes Jahr veröffentlicht sein, aber genauso kann ein Working Paper auf dem Lehrplan stehen, das ist gängig. Im besagten Falle hat es sich wirklich um eine Vorlesung im PhD Program gehandelt, aber mit etwas Recherche findet man sicherlich auch Beispiele aus dem Bachelor/Master Bereich.
    Und ich habe natürlich nicht geschrieben, dass man seinen Advisor ignorieren soll, aber wenn es zum Beispiel um die Aufmerksamkeit geht, die einer wissenschaftlichen Arbeit zu Teil wird, dann spielt es eine geringe Rolle, was der Autor für einen Titel hat.
    Juristen, die nach internationalen Maßstäben forschen, tun dies häufig mit ähnlichen Methoden wie Ökonomen (empirische Methoden, Spieltheorie), in den USA wechseln VWL-Doktoranden auch häufig an Jura-Fakultäten und Juristen publizieren in VWL und Finance Magazinen.
    Was an deutschen Jura-Fakultäten gemacht wird entzieht sich aber meiner Kenntnis.

    Ich kann die Qualität ihres Artikels nicht beurteilen und möglicherweise werden Artikel mit US Daten bedauerlicherweise bevorzugt.

    Es gibt aber genügend Beispiele von Artikel, die in den besten Magazinen publiziert wurden und keine US Daten verwenden:

    http://econ-www.mit.edu/files/7070
    http://pages.stern.nyu.edu/~sternfin/pschnabl/
    http://pages.stern.nyu.edu/~pschnabl/public_html/jf_schnabl_Paper_2011.pdf

    • AW: Antwort

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      Hoffentlich kann ich die Qualität meiner Artikel beurteilen, doch auf jeden Fall bin ich da nicht unparteiisch. Mein Punkt war nur, dass die Ablehnungen mit einem nicht die Qualität betreffenden Argument begründet wurden. Damit wollte ich nicht implizieren, dass das immer ein Ablehnungsgrund ist, es gibt nur einen Bias (Ihr letztes verlinktes Paper enthält übrigens Angaben zu US-Banken und ist deshalb kein geeignetes Gegenbeispiel) und es ist nicht der einzige. Im jüngsten Economist (siehe http://www.economist.com/node/21542745 ) steht z. B.:
      "Economics has internalised the views of rich patrons, according to Luigi Zingales of the University of Chicago. His scathing analysis of journal publications revealed that papers providing justification for high executive pay were 55% more likely to be published than those opposed, and were more heavily cited by others."
      Sehr schön und zum ursprünglichen Thema hier passend finde ich den nachfolgenden Absatz:
      "Technology, at least, is helping to keep the profession more honest. Bloggers, well-represented even among a record estimated attendance of around 11,500 delegates, provide a source of public oversight and a way to popularise neglected ideas. In a session on the increasing importance of the medium, Alex Tabarrok of George Mason University hailed blogging as “the return of political economy”, a reference to the 19th century when economics was more conversational and relevant."

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  • Flucht in die Komplexität

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    Die Ökonomik ist eine Sozialwissenschaft, sicher, aber was folgt daraus? Unbestritten zunächst, dass ihr Erkenntnisobjekt die soziale Wirklichkeit ist. Aber sie unterscheidet sich eben fundamental von den anderen Sozialwissenschaften, weil ihr Erkenntnisobjekt Grundlage der materiellen Existenzsicherung der Menschen ist. Wenn Brecht zu recht sagt "Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral", dann ist es das "Pech" der Ökonomik, ein todernstes Thema behandeln zu müssen.
    Da hilft die Flucht in die Komplexität auch nichts, wdenn jeder Bürger kann ohne ökonomische Vorkenntnisse erkennen, dass er/sie durch hohe Arbeitslosigkeit, ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie Umweltbeschädigungen gefährdet ist.
    Eine Ökonomik, die wissenschaftlich ernst genommen werden will, kann und darf die Beantwortung gesellschafts- und umweltökonomischer Fragen nicht mit der verbreiteten Begründung von sich weisen, dafür seien andere Disziplinen oder die "Politik" zuständig. Weil viele Ökonomen ihre Forschung aber gerne von diesen Fragen abstrahieren, ist der Mainstream bis heute nicht in der sozialen Wirklichkeit angekommen und tut sich schwer, die wirtschaftlichen Voraussetzungen für gesellschaftliche Wohlfahrt als sein wissenschaftliches Forschungsgebiet zu begreifen.
    Der Gemeinplatz "Aufgabe der Wirtschaft ist es, für ein besseres Leben zu sorgen" lässt sich schwer widerlegen. Und so kann es nur Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft sein, dafür die theoretischen Grundlagen zu schaffen und der Wirtschaftspolitik hartnäckig und selbstbewusst anzudienen.
    Aus Sicht der Bürger, die nicht nur indirekt die "Kunden" der Ökonomik sind, sondern diese auch größtenteils über ihrer Steuerzahlungen finanzieren, ist das anzustrebende Optimum an Wohlfahrt von schlichter Natur: hoher Beschäftigungsstand, also hohe primäre Einkommenverteilung, leistungsgerechte Gleichverteilung von Einkommen und Vermögen, und schließlich eine dauerhaft intakte Natur, also eine nachhhaltige Allokation natürlicher Ressourcen. Kurz gesagt, wissenschaftliche Antworten müssen her für dauerhafte soziale und ökologische Erträge statt steigender Kosten.

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    Arbeitslosigkeit, Einkommens- und Vermögensverteilung und Umweltökonomik sind aktuell wichtige Themen in Forschung und Lehre, keine Sorge (wer behaupted denn das Gegenteil ?). Ein Blick in die einschlägigen Forschungsdatenbanken (ssrn.com, google scholar) oder in Lehrpläne wird das bestätigen. Allerdings können die kleinen deutschen VWL-Abteilungen nicht alle relevanten Themen der modernen VWL abdecken, deswegen gibt es auch nicht zu jedem Thema an jeder Uni Vorlesungen.

  • Nutzlos

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    Nein, Herr Bachmann, die VWL ist keine " marktradikale, hyperrationalistische Religion wäre", sie ist auch nicht das Gegenteil. Die VWL ist - jedenfalls der Teilbereicht, den der Laie mit VWL bezeichnet, nämlich die Makroökonomie - komplett nutzlos. Das ist das Problem.

    Die Makroökonomie der letzten 30 Jahre abstrahiert von Finanzmärkten, Informationsasymmetrien und sämtlichen anderen interessanten Wirkungsmechanismen. Für die moderne Makroökonomie ist alles ein exogener Schock in Kombination mit ein bisschen Preissstarrheit. Punkt. Mehr ist da nicht.

    Kein Wunder, dass sie zur Verteidigung der VWL die Mikroökonomie auspacken mussten.

  • Nachdenklich

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    "In ihr gibt es weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr,..."

    ...und das ist sehr schade, denn es bedeutet, dass sich die Ökonomenzunft nicht mehr selbst hinterfragt.

    Die Mainstream-Ökonomie hat sich irgendwann einmal auf eine Reihe von Postulaten geeinigt, auf deren Basis Sie nun versucht die Welt zu beschreiben. Da man aber bei entsprechender Anpassung dieser Grundaussagen so ziemlich jedes Phänomen passgenau beschreiben kann ist das ganze im Endeffekt nur ein Zirkelschluss. Es sagt nichts über "Richtigkeit" der zugrundeliegenden Annahmen aus. Die Modelle sind auch nicht wirklich falsifizierbar, weil der Modellbauer immer für sich in Anspruch nehmen kann, dass die Modellparameter so gewählt sind, dass sie nur zur Beschreibung eines ganz bestimmten Problems dienen. Eine systematische Überprüfung von Modellen etwa auf ihre Prognosefähigkeit hin findet nicht statt.

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Autor

Rüdiger Bachmann

Rüdiger Bachmann

Schlagworte

Heterodoxien, Krise, Situation-VWL

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