Die Gefahr des Zuviel

Warum strikte Austeritätspolitik in Mitgliedsländern einer Währungsunion schwere Rezessionen verursachen kann

5529 mal gelesen

Rainer Maurer, 11. Jan. 2012
Die Gefahr des Zuviel 4.00 5 24

In dem kürzlich auf Ökonomenstimme erschienenen Artikel "Kann ein Staat sich kaputt sparen?" kommt Daniel Gros zu der Schlussfolgerung "dass man schwer behaupten kann, die Perpheriestaaten der Eurozone sollten Defizitabbauversuche einstellen, da die Ergebnisse sich erst langfristig zeigen werden". Diese Schlussfolgerung stützt sich auf einen einfachen aber sehr nützlichen formalen Rahmen, der hilft die verschiedenen Einflussfaktoren von staatlichen Sparprogrammen auf die Schuldenstandsquote des Staates zu erfassen und quantitativ abzuschätzen. Allerdings hat sich in Gros' Berechnung seiner "Langzeitanalyse" ein Fehler eingeschlichen, der zu einer Unterschätzung des Risikos eines "Kaputtsparens" führt. Ich werde dies im Folgenden zunächst erläutern und dann einige empirische Gründe dafür nennen, dass der von Gros diskutierte "Fiskalmultiplikator" bei Mitgliedsländern einer Währungsunion mit überschuldetem Privatsektor größer sein kann, als er es in den von Gros angeführten emprischen Untersuchungen ist.

Der Einfluss eines Rückgangs Defizitquote auf die Schuldenstandsquote

Die Überlegungen von Daniel Gros beruhen auf der definitorischen Beziehung des Schuldenstandes eines Staates zwischen zwei Perioden t und t-1. Danach entspricht der Schuldenstand der Periode t, Bt, dem Defizit des Staates der Periode t, Deft, plus dem Schuldenstand des Staates der Vorperiode t-1, Bt-1:

Dividiert man diese Gleichung durch das BIP der Periode t, Yt, und leitet die resultierende Gleichung nach der Defizitquote von Periode t ab (≡ dem Defizit von Periode t dividiert durch das BIP der Periode t ≡ Deft / Yt = deft), so erhält man folgende Gleichung (Hier findet sich eine Dokumentation der Rechenschritte[ a ]):

dabei ist bt = Bt / Yt die Schuldenstandsquote des Staates und (1+gt) = Yt / Yt-1 die Wachstumsrate des BIPs. Gros vereinfacht diese Formel, indem er den Wachstumfaktor (1+gt)2 = 1 setzt. Das ergibt dann folgende Bedingung für einen Rückgang der Schuldenstandsquote bt bei einer Reduzierung der Defizitquote deft:

Diese Bedingung zeigt deutlich, dass ein Anstieg der Schuldenstandsquote bei einer Reduzierung der Defizitquote immer dann wahrscheinlich ist, wenn ein Land bereits eine Schuldenstandsquote über 100% hat, bt-1 > 1, und der Fiskalmultiplikator ∂gt / ∂deft nahe genug an 1 reicht. Schuldenstandsquoten über 100% weisen derzeit (Ende 2011) die Eurokrisenländer Griechenland (163%), Irland (108%), Portugal (102%) und Italien (120%) auf. Unter der Gros'schen Vereinfachung (1+gt)2 = 1 genügt bei diesen Ländern also bereits ein Fiskalmultiplikator von 1, um zu einem Anstieg der Schuldenstandquote bei einem Rückgang der Defizitquote zu führen, ∂bt / ∂deft < 0. Gros verweist darauf, dass "In den meisten neo-keynesianischen Modellen [...] die "Multiplikatoren" jedoch meist wesentlich tiefer, meist unter 1 [sind]". Gros vernachlässigt bei dieser Einschätzung jedoch die besonderen empirischen Rahmenbedingungen der Eurokrisenländer, auf die ich weiter unten noch eingehen werde.

Diese "Kurzfristanalyse" wird von Daniel Gros jedoch um eine "Langfristanalyse" ergänzt, in der er zu dem Ergebnis kommt, dass die Wahrscheinlichkeit einer selbstzerstörerischen Wirkung von Haushaltsanpassungen abnimmt. Bei dieser Langzeitanalyse berechnet Gros die Ableitung der Schuldensstandsquote nach der Defizitquote über einen Zeitraum von zwei Perioden. Die Ausganggleichung lautet nun also:

Gros leitet daraus unter der Annahme, dass der Effekt der Reduzierung der Defizitquote auf das Wachstum dauerhaft ist, ∂gt/∂deft =∂gt+1/∂deft+1, und dass die Defizitquote dauerhaft auf dem niedrigeren Niveau verharrt, deft, = deft+1, sowie der Vereinfachung (1+gt) = (1+gt+1) = 1, folgende Ableitung der Schuldensstandsquote nach der Defizitquote her (vgl. hier das Original von Gros in dem das Wort "multiplier" für ∂gt/∂deft steht):

Gros schließt aus dieser Formel, "dass die Erfüllung der Bedingungen für eine selbstzerstörerische Wirkung von Haushaltsanpassungen nun immer unwahrscheinlicher wird, da das Produkt aus Multiplikator und ursprünglicher Schuldenquote nun über 2 liegen muss". Hier kommt nun allerdings der eingangs schon erwähnte Fehler ins Spiel, der vermutlich deshalb resultiert, weil Gros die Vereinfachung (1+gt) = (1+gt+1) = 1 bereits vor Bildung der Ableitung eingesetzt hat. Wie hier in der Dokumentation der Rechenschritte[ a ] gezeigt, lautet die korrekte Ableitung der Schuldensstandsquote nach der Defizitquote unter den von Daniel Gros gemachten Annahmen:

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Ableitung der Schuldensstandsquote nach der Defizitquote positiv ist, bzw. das

dürfte in dieser "Langfristanalyse" nicht größer sein als in der "Kurzfristanalyse". Entscheidend ist, dass vor der Schuldenstandsquote bt-1 in der korrekten Formel der Faktor 2 steht. Dieser macht es bei einer Schuldensstandsquote größer 100%, bt-1>1, nicht wahrscheinlicher als in der "Kurzfristanalyse", dass die Ableitung der Schuldensstandsquote nach der Defizitquote positiv ist.

Wie in der Dokumentation der Rechenschritte[ a ] gezeigt, ändert sich dies auch nicht, wenn die Ableitung der Schuldensstandsquote nach der Defizitquote über einen Zeitraum von drei Perioden berechnet wird. In diesem Fall lautet die Bedingung für eine positive Schuldenstandsquote unter den obigen Annahmen:

Ein Vergleich der Ableitungen über ein, zwei und drei Perioden, lässt das Bildungsgesetz beim Hinzufügen einer weiteren Periode erkennen. Es ist demnach nicht davon auszugehen, dass die Zahl der Perioden - ohne weitere Annahmen - einen Einfluss auf die empirische Wahrscheinlichkeit hat, dass die Ableitung der Schuldensstandsquote nach der Defizitquote positiv ist. Damit die Wahrscheinlichkeit, dass die Ableitung der Schuldensstandsquote nach der Defizitquote positiv ist, mit der Analysefrist steigt, braucht man zusätzliche Gründe, warum die Annahme ∂gt/∂deft = ∂gt+1/∂deft+1= ∂gt+2/∂deft+2 durch ∂gt/∂deft > ∂gt+1/∂deft+1 > ∂gt+2/∂deft+2 und die Annahme (1+gt)=(1+gt+1)=(1+gt+2) durch (1+gt) < (1+gt+1) < (1+gt+2) ersetzt werden kann. Im folgenden Abschnitt möchte ich zeigen, dass solche Gründe für Mitgliedsländer einer Währungsunion mit einem überschuldetem Privatsektor aber nicht sehr plausibel sind.

Ein Blick auf die Entwicklung der Sektorsalden der Eurokrisenländer

Nach der Definition des Bruttonationalproduktes (BNP) gilt stets folgende Gleichung[ b ]:

Hier steht Yt nun für das BNP, d.h. dem BIP plus dem Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen mit dem Ausland, Tt für die Nettosteuerlast des privaten Sektors, Ct für den Konsum der Haushalte, It für die Bruttoinvestitionen der Unternehmen, Deft für das Budgetdefizit des Staates und EXt - IMt für die Leistungsbilanz. Die Ersparnis der Haushalte entspricht definitionsgemäß SPt = Yt -Tt - Ct, die Ersparnis der Unternehmen SCt = -It, die Ersparnis des Staates SGt = -Deft und die Ersparnis des Auslands SFt = - (EXt - IMt). Setzt man diese Definitionen ein, kann die Gleichung wie folgt umgeschrieben werden:

Die Summe der Ersparnisse aller Sektoren eines Landes muss also aus definitorischen Gründen stets gleich Null sein. Das bedeutet, dass nicht alle Sektoren gleichzeitig eine positive Ersparnis bilden können. Wenn ein Sektor eine positive Ersparnis bildet, muss mindestens ein anderer Sektor eine negative Ersparnis bilden. Wenn z.B. alle inländischen Sektoren zusammen eine positive Ersparnis bilden, SPt + SCt + SGt > 0, dann muss der Auslandssektor sich beim Inland verschulden, SFt = - (EXt - IMt) < 0, d.h. es muss ein Leistungsbilanzüberschuss des Landes resultieren, (EXt - IMt) > 0. Die Schaubilder in Abbildung 1 zeigen die Entwicklung der sektoralen Esparnisbildung in Prozent des BIPs der Eurokrisenländer und Deutschlands (rechte Skala) im Vergleich zum jährlichen Wachstum des realen BIPs (linke Skala). Dabei wurde der Haushaltssektor und der Unternehmenssektor zum "Privaten Sektor" zusammengefasst. Die Daten stammen von der Ameco-Datenbank[ c ] der Eu-Kommission (Zuordnung der oben verwendeten Symbole zu den Ameco-Bezeichnungen: SGt ≡ UBLG, SPt + SCt ≡ UBLH + UBLC, SFt ≡ - UBLA). Addiert man die Werte der drei Linien an einem bestimmten Zeitpunkt zusammen, resultiert definitionsgemäß stets Null.

Bei allen Ländern hat sich der konjunkturelle Einbruch 2008 - 2009 ähnlich auf die sektorale Ersparnisbildung ausgewirkt: Die private Sparquote (grüne Linie) stieg im Konjunktureinbruch, d.h. Konsum und Investitionen sanken stärker als das BIP, während der Staat in allen Ländern seine Defizitquote (rote Linie) ausweitete. Empirische Beobachtungen können oft mit gegensätzlichen Kausalitätsbeziehungen erklärt werden. Hart gesottene Anti-Fiskalisten könnten hier zweifelsohne argumentieren, dass der Anstieg der staatlichen Defizitquote den privaten Konsum und die privaten Investitionen verdrängt hat und auf diese Weise den konjunkturellen Einbruch 2008-2009 verursacht hat. Zieht man jedoch weitere empirische Beobachtungen hinzu, so ist die umgekehrte Kausalität natürlich plausibler: Durch den von der amerikanischen Immobilienkrise verursachten Bankrott von Lehman-Brothers Inc. kam es auch im europäischen Bankensektor zu einer Kreditklemme, die sich (neben der von der weltweiten Krise ausgehenden allgemeinen Verunsicherung) in den meisten Ländern in niedrigeren privaten Konsum- und Investitionsausgaben niedergeschlagen hat. Kurzfristig passte sich dann die Produktion an die niedrigere private Nachfrage an, so dass das BIP einbrach. Da die Staaten in solch einer Situation aufgrund der "automatisch wirkenden Stabilisatoren" (Arbeitslosenhilfe und Sozialtransfers) tendenziell steigende Ausgaben haben, kommt es dann zu einem Anstieg der Defizitquote des Staates (fallender Nenner & steigender Zähler). Staatliche Konjunkturprogramme, die im Gefolge der Krise zur Kompensation des privaten Nachfrageausfalls, aufgelegt wurden, sowie auch die von einigen Ländern aufgelegten Rettungsprogramme zur Stützung angeschlagener Banken, verstärkten den Anstieg der Quote noch.

Abbildung 1 - Sektorale Ersparnisbildung und BIP-Wachstum ausgewählter Euroländer

[ d ][ e ]

[ f ][ g ]

[ h ][ i ]

- zum Vergrößern Schaubilder klicken -

Wie die Schaubilder zeigen, war der Anstieg der Ersparnis des privaten Sektors in den Eurokrisenländern (mit Ausnahme von Italien) deutlich stärker als in Deutschland. Dies dürfte darauf zurückzuführen sein, dass sich der private Sektor dieser Länder seit Beginn der Europäischen Währungsunion (EWU) stark verschuldet hat. Wie an dieser Stelle erläutert[ j ], kann dies mit einen Konstruktionsfehler der EWU (Angleichung der Nominalzinsen bei Fortbestand von Inflationsdifferenzen führt zu divergierenden Realzinsen) erklärt werden. Aufgrund dieser Überschuldung des Privatsektors muss nun aber damit gerechnet werden, dass der private Sektor der Krisenländer auch in den nächsten Jahren noch konsolidieren wird und damit nur wenig zum Nachfragewachstum beitragen kann.

Auf den ersten Blick wäre der "Königsweg" aus der aktuellen Krise deshalb eine Steigerung der inländischen Produktion der Krisenländer durch eine Ankurbelung des Exportes zur Aktivierung der Leistungsbilanz. Auf diese Weise könnten die Krisenländer nicht nur die Rezession überwinden, sondern auch die Überschuldung des privaten Sektors abbauen. Um die Güter und Dienstleistungen aber für den Export attraktiv zu machen, müssten die Güterpreise aus Sicht des Auslandes sinken. Bei Ländern mit eigener Währung würde dies bei rückläufiger Inlandsnachfrage über eine Abwertung des Wechselkurses erfolgen. Bei Mitgliedsländern einer Währungsunion ist dieser Weg aber verstellt. Stattdessen müssen die realen Wechselkurse, die Produktionskosten, dieser Länder stärker sinken als in den Gläubigerländern. Dies funktioniert aber nur, wenn die Gläubigerländer nicht die gleiche Art von Lohnpolitik praktizieren und ihren realen Wechselkurs aufwerten lassen. In jedem Fall braucht eine reale Abwertung mehr Zeit als eine Abwertung des nominalen Wechselkurses bei Ländern mit eigener Währung.

Kurzfristig kann es unter diesen Bedingungen deshalb zu einer Aktivierung der Leistungsbilanz, die zum Ausgleich der Sektorsalden notwendig ist, nur kommen, wenn die inländische Produktion und damit die inländischen Einkommen weiter sinken, so dass die inländische Importnachfrage noch stärker fällt. In einer solchen fragilen Konjunkturlage ist es ziemlich wahrscheinlich, dass eine Reduzierung der staatlichen Defizitquote zu einem Fiskalmultiplikator ∂gt/∂deft führt, der deutlich größer ist als in den von Daniel Gros zitieren empirischen Untersuchungen. Man kann deshalb die Gros'sche Einschätzung, dass die "Defizitabbauversuche" der Eurokrisenländer bereits kurzfristig erfolgreich sein werden, mit guten Gründen bezweifeln.

©KOF ETH Zürich, 11. Jan. 2012

 
Die Gefahr des Zuviel 4.00 5 24

Kommentare

Dieser Artikel hat noch keine Kommentare.
Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.

Autor

Rainer Maurer

Rainer Maurer

Schlagworte

Kaputtsparen, Schuldenkrise, Sparen

Weitersagen

Ähnliche Artikel