Bei den "Leistungsbilanzungleichgewichten" der vergangenen Dekade im Euroraum handelte es sich nur teilweise um Ungleichgewichte im Sinne exzessiver Überschüsse oder Defizite. Wo solche Ungleichgewichte bestanden, haben sie sich zuletzt zurückgebildet — und zwar teilweise stärker als uns lieb sein kann. Institutionelle Reformen mit dem Ziel, Leistungsbilanzsaldi direkt zu steuern, sind unnötig. Korrekturen des Markt- und Politikversagens auf den Finanzmärkten hingegen tun not.
Leistungsbilanzüberschüsse oder -defizite eines Landes spiegeln sich im Auf- oder Abbau von Auslandsvermögen. In einer entwickelten Volkswirtschaft mit alternder Bevölkerung wie der Deutschlands stellen Leistungsbilanzüberschüsse ein natürliches und sinnvolles Ergebnis marktwirtschaftlicher Anpassungsprozesse dar. Ebenso sinnvoll sind Leistungsbilanzdefizite in Ländern mit relativ hohen Wachstumsaussichten, wie sie sich beispielsweise in Griechenland nach Umsetzung der geplanten Strukturreformen einstellen könnten.
Exzessive Leistungsbilanzsaldi können infolge verzerrter Preise und Anreizstrukturen im Außenhandel oder im grenzüberschreitenden Finanzierungsgeschäft resultieren. Bei Exporten und Importen sind solche Verzerrungen innerhalb der EU kaum vorhanden, selbst wenn Nettoexporte vereinzelt merkantilistisch verbrämt werden. Auf den Finanzmärkten hingegen bestanden derartige Verzerrungen – sei es, weil Kapitalexporteure die gebotene Vorsicht vermissen ließen, oder weil die europäische Politik der Erwartung Vorschub leistete, dass Finanzierungsprobleme im Ernstfall sozialisiert würden. Dies schlug sich in den Kapitalverkehrsbilanzen einzelner Länder in exzessiven Kapitalimporten nieder.
Im Zuge der Finanzmarktkrise haben die Konditionen für grenzüberschreitende Finanzierungen deutlich korrigiert. Private Finanzierungsquellen sind versiegt und ohne zwischenstaatliche Finanzierungshilfen wären die Empfängerländer angesichts negativ gestimmter Märkte heftigsten kurzfristigen Anpassungsprozessen ausgesetzt. Die Korrektur überhöhter Kapitalimporte und entsprechend überhöhter Leistungsbilanzdefizite ist somit im Gange und möglicherweise sogar über das Ziel hinausgeschossen.
Die Entwicklungen der vergangenen Jahre haben Markt- und Politikversagen größeren Ausmaßes im Bereich der Finanzmärkte offenbart. Dasselbe Markt- und Politikversagen stand auch am Ursprung exzessiver Kapitalimporte und Leistungsbilanzdefizite. Reformen setzen daher sinnvollerweise hier — bei Finanzmarktaktivitäten und -akteuren — an. Dabei können Leistungsbilanzsaldi, die eine Vielzahl struktureller und konjunktureller Faktoren widerspiegeln, Hinweise auf tiefer liegende Probleme liefern. Als wirtschaftspolitische Zielgröße eignen sie sich nicht.
Dieser Beitrag ist im Original am 11. Dezember 2011 auf der Seite Plenum der Ökonomen[ a ] erschienen. Die weiteren Debattenbeiträge stammen von Clemens Fuest[ b ], Oliver Landmann[ c ] und Renate Ohr[ d ].
©KOF ETH Zürich, 12. Dez. 2011

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geschrieben von FFritzsche am 12. Dez. 2011, 16:58"In einer entwickelten Volkswirtschaft mit alternder Bevölkerung wie der Deutschlands stellen Leistungsbilanzüberschüsse ein natürliches und sinnvolles Ergebnis marktwirtschaftlicher Anpassungsprozesse dar."
Nur sieht die Altersstruktur in ganz Europa und großen Teilen Asiens nicht so unterschiedlich aus. Selbst wenn deutsche LB-Überschüsse also sinnvoll wären, dann wohl kaum gegenüber Italien oder Spanien. Mit der Argumentation bräuchten und viele andere diese Länder selbst LB-Überschüsse. Nebenbei bemerkt stellt sich dann jedoch die Frage gegenüber welchen Volkswirtschaften ganz Europa, Japan, China, Südkoreaihre LB-Überschüsse erwirtschaften sollen. Von einem natürlichen Ergebnis kann jedoch ohnehin nicht die Rede sein. Bis zur Einführung des Euro wiesen Spanien, Italien oder auch Deutschland noch ausgeglichene Leistungsbilanzen auf. Erst der Wegfall des Wechselkursmechanismus bei Lohnmoderation und Senkung der Lohnnebenkosten in Deutschland und anhaltend hohen Lohnabschlüssen im Süden führten dann zu diesen Ungleichgewichten. Dies ist bei Veränderung der Lohnstückkosten-Relationen auch wenig überraschend.
Sicherlich spiegeln Leistungsbilanzsalden „eine Vielzahl struktureller und konjunktureller Faktoren“ wider, aber das ist doch noch lange kein Argument, sie deswegen nicht als Zielgröße zu betrachten. BIP-Wachstum, Inflation und fast alle anderen ökonomischen Größen ergeben sich ebenfalls aus einer Vielzahl von Einzelfaktoren und individueller Entscheidungen. Eine Währungsunion mit wenig Arbeitsmobilität und geringen Transfers kann nicht dauerhaft funktionieren, wenn innerhalb der Währungsunion die Leistungsbilanzen stark auseinanderdriften. Es ist daher m.E. sogar nahezu unumgänglich, LB-Salden als Zielgröße aufzufassen. Dabei geht es auch keinesfalls wie gerne behauptet um Eingriffe in die Tarifautonomie. Mit der Mehrwertsteuererhöhung 2007 zugunsten einer Senkung des Beitragssatzes zur AL-Versicherung etwa hat die deutsche Regierung aktiv zu einer Ausweitung des LB-Überschusses durch Senkung der Lohnnebenkosten bei gleichzeitiger Dämpfung des Konsums beigetragen. Eine solche Maßnahme wäre in Südeuropa sinnvoll gewesen, nicht aber in Deutschland. Denkbar ist jedoch eine Vielzahl von Maßnahmen. Die spanische Regierung hätte z.B. die Grunderwerbsteuer erhöhen oder Zinsaufschläge auf Hypotheken einführen können, um den Bauboom zu drosseln. Und selbstverständlich hat der Staat Einfluß auf die Lohnabschlüsse – genau das war ein erklärtes Ziel der Hartz-Reformen, welches offenbar auch erreicht wurde.
anderer Beitrag zum Thema ist besser
geschrieben von FFritzsche am 12. Dez. 2011, 17:08Der Beitrag von Oliver Landmann ist dagegen m.E. sehr gut, es fehlen nur die konkreten Vorschläge, um es nach der aktuen Problemlösung erst gar nicht mehr so weit kommen zu lassen.
Eurosystem
geschrieben von Bernd_Klehn am 14. Dez. 2011, 12:46Sie haben den Unterschied zwischen dem Eurosystem und Keynes Bancor Plan für eine Währungsunion nicht verstanden. Das Eurosystem fördert und prolongiert Leistungsbilanzunterschiede, Keynes wollte sie dämpfen. Das Hauptprinzip des Eurosystems besteht darin, alle Länder liquide zu halten. Hierfür sind alleine aufbauend seit 2007 z.B. 495Mrd. Euro von der Bundesbank via Eurosystem zu jetzt 1% in die Eurokrisenländer exportiert worden. Siehe Target2. EZB-Staatsanleihenaufkäufe und Rettungsschirme kommen hinzu. Der Finanzmarkt wollte ab 2007, zwar sehr spät, die Leistungsbilanzunterschiede schnell zurückführen, das Eurosystem hat dieses nicht zugelassen. Deswegen jetzt die unlösbare Krise. Übrigens die Länder mit den prozentual weltweit höchsten Nettoauslandsschulden sind: Portugal, Irland, Spanien, Griechenland.
Bei eigener Währung oder gemäß Bancor Plan hätten diese Defizite nicht auflaufen können, dieses ist die Tragik des Eurosystems, welches sich so selber und Länder gefährdet.
Wenn Sie sich wirklich näher mit dem Thema befassen wollen empfehle ich:
Leistungsbilanzungleichgewichte in der
Europäischen Währungsunion
Von Jan Behringer
www.boeckler.de/pdf/v_2011_10_27_behringer.pdf