Bedroht der demographische Wandel das Produktivitätswachstum?

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Dirk Niepelt, 16. Nov. 2011
Bedroht der demographische Wandel das Produktivitätswachstum? 3.25 5 8

Die demographische Alterung der Bevölkerung wird in zahlreichen Volkswirtschaften mit Sorge betrachtet. Befürchtet wird insbesondere, dass ein steigender Anteil älterer Menschen zu höheren steuerlichen Belastungen führt und öffentliche Investitionen in Infrastruktur oder Bildung durch grosszügige Renten- und Gesundheitsleistungen verdrängt werden. Da sich sowohl eine höhere Steuerbelastung als auch eine Verdrängung öffentlicher Investitionen negativ auf die Kapitalbildung und das Produktivitätswachstum auswirken können, wird gefordert, im Gegenzug staatliche Massnahmen zur Stützung des Wachstums zu ergreifen. So zielen beispielsweise Initiativen wie die „Europa 2020“ Agenda der Europäischen Union auf derartige Massnahmen ab.[ 1 ]

Die Antwort der Statistik

Wie berechtigt sind die genannten Befürchtungen und wie erfolgversprechend die geforderten Gegenmassnahmen? Eine Antwort auf die erste Frage ergibt sich bereits aus der Statistik. Obwohl in den entwickelten Volkswirtschaften seit längerem die Fertilität fällt und die Lebenserwartung steigt, finden sich keine überzeugenden Hinweise darauf, dass dieser Prozess einen Rückgang des Pro-Kopf-Wachstums verursacht hat. Auch hinsichtlich der Entwicklung der Staatshaushalte lassen sich die Befürchtungen nur teilweise empirisch untermauern. So illustriert Abbildung 1, dass Rentenzahlungen relativ zum Bruttoinlandprodukt in der Tat gestiegen sind. Gleichzeitig ist aber aus Abbildung 2 ersichtlich, dass sich bei den öffentlichen Investitionen relativ zum Bruttoinlandprodukt kein klarer Trend abzeichnet.

Abbildung 1: Öffentliche Ausgaben für Renten, relativ zum Bruttoinlandprodukt

Abbildung 2: Öffentliche Ausgaben für Bildung und Infrastrukturinvestitionen, relativ zum Bruttoinlandprodukt


Schwieriger zu beantworten ist die zweite Frage nach den Wechselwirkungen zwischen demographischem Wandel, staatlicher Wirtschaftspolitik und gesamtwirtschaftlichem Wachstum. Hierzu bedarf es eines Modellrahmens, der sowohl ökonomische als auch politische Auswirkungen der Alterung erfasst. Ein solcher Rahmen modelliert die wirtschaftlich relevanten Entscheide von Haushalten verschiedener Altersgruppen sowie ihr Wahlverhalten. Er trägt der Tatsache Rechnung, dass die Menge an produzierten Gütern und Dienstleistungen positiv von Arbeitseinsatz, Kapitalintensität und Produktivität abhängt. Und er berücksichtigt, dass öffentliche Investitionen die zukünftige Produktivität steigern, indem sie beispielsweise das Humankapital erhöhen oder die Infrastruktur verbessern (siehe Gonzales-Eiras und Niepelt, 2011).

Innerhalb dieses Modellrahmens kann zwischen direkten und indirekten Effekten unterschieden werden. Direkte Effekte ergeben sich unabhängig von Änderungen der Wirtschaftspolitik. Sie resultieren, da tiefere Fertilität und höhere Lebenserwartung Veränderungen auf den Faktor- und Gütermärkten hervorrufen, sich in Lohn- und Preisänderungen niederschlagen und somit Konsum-, Arbeitsangebots- und Sparentscheide beeinflussen. Indirekte Effekte hingegen ergeben sich aufgrund von Anpassungen des wirtschaftspolitischen Instrumentariums, insbesondere des Rentenalters sowie der Anteile der Staatsausgaben für Rentenleistungen und öffentliche Investitionen. Diese Anpassungen schlagen sich ebenfalls in veränderten Haushaltsentscheiden und makroökonomischen Aggregaten nieder.

Bei den direkten Effekten zeigen sich im Modell sowohl positive als auch negative Auswirkungen der Alterung auf das Pro-Kopf-Wachstum. Positiv fällt ins Gewicht, dass bei tieferem Bevölkerungswachstum eine gegebene Investitionsrate zu einem rascheren Anstieg der Kapitalintensität in der Produktion führt. (Im Modell wird eine geschlossene Volkswirtschaft unterstellt beziehungsweise es wird angenommen, dass sowohl das In- als auch das Ausland dem demographischen Wandel unterworfen sind.) Negativ wirkt sich aus, dass der steigende Anteil älterer Menschen die durchschnittliche Sparquote senkt und damit die Kapitalakkumulation verlangsamt. Auch die Sparquote und das Arbeitsangebot jüngerer Arbeitskräfte verändern sich infolge der demographischen Veränderungen.

Im wirtschaftspolitischen Bereich schlägt sich der demographische Wandel in lauteren Forderungen nach Transfers von jüngeren zu älteren Wählern nieder. Gleichzeitig führt die steigende Lebenserwartung aber auch dazu, dass sich jüngere Wähler verstärkt für öffentliche Investitionen stark machen, da sie über einen längeren Zeitraum hinweg von den Früchten dieser Investitionen profitieren können. Schliesslich steigt infolge der Alterung auch der Druck, das Rentenalter zu erhöhen, um den Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge abzufedern.

Das Modell prognostiziert, dass sich die politischen Parteien aus wahltaktischen Überlegungen mit Programmen positionieren, die auf die Wünsche aller Wählergruppen Rücksicht nehmen. In der Konsequenz schlägt sich dieser Interessenausgleich zwischen älteren und jüngeren Wählern im demokratischen Prozess in einer graduellen Anpassung der wirtschaftspolitischen Instrumente nieder, die die demographischen Veränderungen reflektiert. Obwohl sich der Anstieg des Anteils älterer Wähler in umfangreicheren Transfers widerspiegelt — die Modellresultate decken sich in dieser Beziehung mit den gängigen Erwartungen — kommt es zu keiner Reduktion der öffentlichen Investitionsquote. Ein Kürzen der öffentlichen Investitionsquote hätte schwerwiegende Konsequenzen für jüngere Wähler und ist daher politisch nicht durchsetzbar, selbst wenn sich ihr Anteil in der Wählerschaft vermindert.

Konkret resultiert in Simulationen für entwickelte OECD-Länder ein starker Anstieg der Sozialversicherungsbeitragssätze in den Jahren 1970 bis 2000, gefolgt von einem schwächeren Anstieg bis ins Jahr 2080. Der Anteil öffentlicher Investitionen an der gesamtwirtschaftlichen Produktion stagniert praktisch. (Diese Vorhersagen decken sich zu Beginn des Prognosezeitraums mit dem Bild, das Abbildungen 1 und 2 zeichnen.) Das Rentenalter im Modell steigt in den Jahren 2000 bis 2080 um ungefähr 6 Jahre, während die Lebenserwartung einer 65-jährigen Person im selben Zeitraum um über 8 Jahre zunimmt.

Negative Wachstumseffekte

Die indirekten Wachstumseffekte, die aufgrund dieser wirtschaftspolitischen Veränderungen resultieren, sind in der Summe negativ. Höhere öffentliche Investitionen begünstigen zwar das Produktivitätswachstum. Gleichzeitig reduzieren aber höhere Steuern zur Finanzierung von Rentenleistungen und öffentlichen Investitionen die verfügbaren Haushaltseinkommen und somit die Mittel, die für Ersparnis zur Verfügung stehen. Da grosszügigere Rentenleistungen sowie das aufgrund des höheren Rentenalters gestiegene Arbeitseinkommen im Alter den Anreiz zum Sparen verringern, verlangsamt sich die Kapitalakkumulation. Schliesslich wirkt das höhere Rentenalter auch insofern negativ auf das Wachstum, als es zu einem höheren Arbeitsangebot führt und damit Druck auf die Löhne und somit die Ersparnisse der jüngeren Arbeitnehmer ausübt.

Abbildung 3 veranschaulicht die vom Modell prognostizierten direkten und indirekten Wachstumseffekte des demographischen Wandels. Der erste Balken („basis“) stellt das langfristige jährliche reale Pro-Kopf-Wachstum in einem entwickelten OECD-Land um das Jahr 2000 dar. Die drei anderen Balken zeigen die prognostizierten Wachstumsraten nach Abschluss der demographischen Veränderungen. Dabei werden drei Szenarien unterschieden, die sich hinsichtlich des Ausmasses wirtschaftspolitischer Anpassungen voneinander unterscheiden. Der zweite Balken („direct“) zeigt die Wachstumsrate, die sich ergäbe, wenn das Rentenalter und die Struktur der Staatsausgaben unverändert blieben und somit keine indirekten Wachstumseffekte anfielen. Dagegen stellt der dritte Balken („total flex“) die prognostizierte Wachstumsrate dar, die Anpassungen aller wirtschaftspolitischen Instrumente und somit direkte und indirekte Wachstumseffekte berücksichtigt. Der letzte Balken („total fixed“) schliesslich zeigt die Wachstumsrate, die resultierte, falls das Rentenalter auf dem Stand des Jahres 2000 fixiert bliebe und lediglich die Staatsausgaben angepasst würden.

Abbildung 3: Wachstumseffekte des demographischen Wandels

Abbildung 3 verdeutlicht, dass die direkten Wachstumseffekte im Modell positiv sind (rund 57 Basispunkte). Im Gegensatz dazu sind die indirekten Effekte, die sich aufgrund politisch motivierter Veränderungen des Rentenalters und der Struktur der Staatsausgaben ergeben, negativ (rund 10 Basispunkte). Würde das Rentenalter fixiert und blieben wirtschaftspolitische Anpassungen somit auf den Staatshaushalt beschränkt, so fielen diese negativen indirekten Effekte wesentlich stärker aus (rund 37 anstatt 10 Basispunkte).

Dieser letzte Punkt ist aus zwei Gründen bedeutsam. Zum einen verdeutlicht er die Wichtigkeit des Zusammenwirkens verschiedener wirtschaftspolitischer Instrumente: Selbst wenn ein Anstieg des Rentenalters aufgrund der erläuterten Zusammenhänge in Isolation wachstumshemmend wirkt, kann er die Wachstumsaussichten durchaus verbessern. Der Grund hierfür liegt darin, dass eine Fixierung des Rentenalters wesentlich kräftigere Anpassungen der Staatsausgaben zur Folge hätte. Insbesondere käme es bei einer Fixierung des Rentenalters zu einem deutlich stärkeren Anstieg der Ausgaben für Rentenleistungen und infolge dessen aus Kostengründen zu einer Kürzung wachstumsfördernder öffentlicher Investitionen. Im Endeffekt hätte dies tiefere Wachstumsraten als bei einem flexiblen und höheren Rentenalter zur Folge. Zum anderen zeigt die Prognose unter der Annahme eines fixierten Rentenalters, dass das Modell durchaus wesentliche Faktoren abbildet, die gängigen Befürchtungen bezüglich der Wachstumswirkungen demographischer Alterung entsprechen. Gemäss den Modellvorhersagen wirken sich diese Faktoren allerdings nicht allzu nachteilig aus, solange das Rentenalter nicht fixiert ist.

Zusammenwirken ist entscheidend

Zusammenfassend lassen sich somit drei Schlussfolgerungen ziehen. Erstens ist es fraglich, ob die direkten Effekte des demographischen Wandels auf das Pro-Kopf-Wachstum negativ sind. Im beschriebenen Modell sind sie positiv. Zweitens ist es keineswegs selbstverständlich, dass die indirekten, wirtschaftspolitisch induzierten Effekte positiv sind. Im beschriebenen Modell ist dies nicht der Fall. Drittens zeigt sich schliesslich, dass das Ausmass der Wachstumseffekte stark vom Zusammenwirken der verschiedenen wirtschaftspolitischen Instrumente abhängt. So wirkt sich ein Anstieg des Rentenalters im Modell isoliert betrachtet negativ auf das Wachstum aus, im Zusammenspiel mit anderen wirtschaftspolitischen Instrumenten jedoch wachstumsfördernd.

Literatur

Gonzalez-Eiras, M. and D. Niepelt (2011), “Ageing, Government Budgets, Retirement, and Growth”, European Economic Review, forthcoming.

Datenquellen

OECD (2008a): Economic Outlook.

OECD (2008b): Education at a Glance.

OECD (2009): Society at a Glance.

Tanzi, V. und L. Schuknecht (2000): Public Spending in the 20th Century: A Global Perspective, Cambridge University Press.


  • 1  Dieser Beitrag erscheint gleichzeitig in der Neuen Zürcher Zeitung.

©KOF ETH Zürich, 16. Nov. 2011

 
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Dirk Niepelt

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Schlagworte

Alterung, Demographie, Produktivität

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