Von den Werkbänken in die Hörsäle

Chinesische Hochschulbildung: zentraler Wettbewerbsfaktor im Wandel

2846 mal gelesen

Frank Bickenbach und Wan-Hsin Liu, 10. Okt. 2011
Von den Werkbänken in die Hörsäle 3.00 5 5

Die reichliche Verfügbarkeit niedrig entlohnter Arbeitskräfte war jahrzehntelang der zentrale Faktor für Chinas beeindruckenden wirtschaftlichen Aufstieg. Und trotz zunehmender Knappheit billiger Arbeitskräfte und steigender Löhne in vielen chinesischen Regionen sowie einer wachsenden Konkurrenz durch andere Niedriglohnländer werden Chinas Arbeitskräfte auch weiterhin eine entscheidende Rolle für den wirtschaftlichen Erfolg des Landes spielen.

Allerdings wird sich Chinas Wirtschaftserfolg in Zukunft wohl immer weniger auf die Produktion und den Export traditioneller, technologisch einfacher und arbeitintensiver Produkte stützen. Stattdessen werden politisch stark geförderte heimische Innovationsaktivitäten und die Fertigung technologieintensiver Produkte und höherwertiger Dienstleistungen zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Voraussetzung hierfür ist ein Wandel in der Struktur der verfügbaren Arbeitskräfte hin zu einem deutlichen Anstieg der Zahl Hochqualifizierter. Dieser Wandel wird durch die Reform des chinesischen Hochschulsystems, das vor allem seit Ende der neunziger Jahre massiv ausgebaut wird, ermöglicht und schreitet derzeit mit hohem Tempo voran – mit erheblichen Konsequenzen sowohl für China selbst als auch für die Weltwirtschaft.

Von der Elite- zur Massenausbildung

Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas begann mit der Reform- und Öffnungspolitik im Jahre 1978. Diese ermöglichte es ausländischen Unternehmen, Direktinvestitionen in China zu tätigen und die reichlich vorhandenen gering qualifizierten Arbeitskräfte für die Produktion technologisch einfacher aber arbeitsintensiver Güter für den Weltmarkt zu niedrigen Löhnen zu beschäftigen. Trotz der zentralen Rolle billiger, gering qualifizierter Arbeitskräfte für die wirtschaftliche Entwicklung wurde die Bedeutung eines funktionierenden Hochschulsystems für die langfristige Entwicklung Chinas bereits zu Beginn der Wirtschaftsreformen erkannt. Dies zeigt sich insbesondere daran, dass der normale Hochschulbetrieb, nach zehn Jahren Stillstand während der Kulturrevolution, bereits 1978 wieder aufgenommen wurde und die Zahl der Studienplätze seitdem massiv ausgeweitet wurde.

Von der beginnenden Normalisierung des Hochschulbetriebs im Jahr 1978 bis zum Jahr 1998 sind sowohl die Zahl der Hochschulen als auch die der Studenten kontinuierlich, aber zunächst noch vergleichsweise langsam, gestiegen. Die Zahl der Hochschulen hat sich von knapp 600 im Jahr 1978 bis auf mehr als 1.000 im Jahr 1998 erhöht. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der neu immatrikulierten Studenten mit einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von etwa fünf Prozent von 0,4 Millionen im Jahr 1978 auf 1,08 Millionen im Jahr 1998 gestiegen.

Nach 1998 hat sich dieses Wachstum noch erheblich beschleunigt und das Hochschulsystem hat sich endgültig von einem System, das sich auf die Ausbildung einer kleinen Elite fokussierte, zu einem System der Massenausbildung gewandelt. Allein im Jahr 1999 ist die Zahl der neu immatrikulierten Studenten gegenüber dem Vorjahr um mehr als 43 Prozent auf 1,55 Millionen gestiegen. Danach betrug die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate nahezu 20 Prozent.

Als Ergebnis dieser starken Expansion waren 2008 insgesamt 20,21 Millionen Studenten an den nun mehr als 2000 chinesischen Hochschulen eingeschrieben – verglichen mit nur 3,41 Millionen zehn Jahre zuvor. Damit hatte die Zahl der Studenten in China die Zahl der Studenten in den USA (18,25 Millionen) und in der Europäischen Union (19,04 Millionen) (Eurostat, 2011) bereits 2008 überholt.

Und das dynamische Wachstum geht weiter. So entsprach die Zahl der neu immatrikulierten Studenten in China im Jahr 2009 etwa der Summe der neu immatrikulierten Studenten in den USA, der EU und Japan (Deutsche Bank Research, 2011). Dabei ist der Anteil der Studenten in den natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächern mit 42 Prozent aller Neuimmatrikulierten (NBSC, 2010) deutlich höher als in den westlichen Industrieländern. Insgesamt macht dies deutlich, dass das Humankapital Chinas auch weiterhin mit einer deutlich höheren Rate wachsen wird als die der drei traditionellen Innovationsregionen.

Abnehmende interregionale Ungleichheit beim Hochschulzugang

Anders als zu Beginn der Reform- und Öffnungspolitik vor drei Jahrzehnten, als die Politik die wirtschaftliche Entwicklung an der Ostküste gegenüber anderen Regionen eindeutig bevorzugte, strebt die chinesische Wirtschaftspolitik seit einigen Jahren eine Verringerung der regionalen Entwicklungsunterschiede an. Entsprechend blieb die massive Expansion des Hochschulsystems seit Ende der 1990er Jahre nicht auf die Provinzen an der Ostküste beschränkt.

Auf der Grundlage von Daten für alle 31 chinesischen Provinzen für die Jahre 1997 bis 2008 zeigen Bickenbach und Liu (2011), dass die starke Expansion des Hochschulsystems vielmehr zu einer deutlichen Angleichung der Chancen Jugendlicher aus den verschiedenen Provinzen, einen Studienplatz zu erlangen, geführt hat. Die Zahl der Studienplätze pro Kopf ist in den ärmeren (i.d.R. westlichen und zentralchinesischen) Regionen deutlich stärker gestiegen als in den reicheren Provinzen. Im Ergebnis ist das Verhältnis in der Zahl der Studienplätze pro Kopf zwischen reichen und armen Regionen von 1,73:1 im Jahr 1997 auf 1,25:1 im Jahr 2008 zurückgegangen.

Zentrale Förderprogramme für Spitzenuniversitäten

Nun darf man Quantität nicht mit Qualität gleichsetzen. Sowohl die stark unterschiedlichen Möglichkeiten der regionalen Regierungen (und der lokalen Unternehmen) zur Finanzierung der regionalen Hochschulen beizutragen als auch die unterschiedlichen Traditionen und Erfahrungen der Hochschulen haben zur Folge, dass sich der Ressourceneinsatz pro Student erheblich zwischen Hochschulen und Regionen unterscheidet. Diese Ungleichheit wird durch die von der zentralen Regierung betriebenen Programme zur Förderung von Spitzenuniversitäten, etwa das „211 Projekt“ und das „985 Projekt“, noch weiter verschärft.

Ziel des „211 Projekts“ ist es aus den heute mehr als 2000 Hochschulen etwa 100 Hochschulen als Schwerpunktuniversitäten des 21. Jahrhunderts auszuwählen und mit erheblichen zusätzlichen finanziellen Mitteln zu fördern. Die Fördermittel des „985 Projekts“, das darauf abzielt, einige Hochschulen insbesondere in der Forschung zu „erstrangigen Hochschulen mit Weltniveau“ auszubauen, sind sogar noch stärker auf wenige (zunächst 9, heute 39) Spitzenuniversitäten konzentriert. Die durch diese beiden Projekte geförderten Spitzenuniversitäten sind regional stark konzentriert. Allein in Beijing und Shanghai konzentrieren sich mehr als 30 Prozent der geförderten Hochschulen.

Die beträchtlichen Unterschiede in der Ressourcenausstattung und in der Qualität der Hochschulen haben zur Folge, dass sich auch die Qualifikationen der Absolventen verschiedener Hochschulen stark voneinander unterscheiden. Dies mindert die Relevanz des Hochschulabschlusses als Qualitätssignal für Unternehmen, die nach hoch qualifizierten Arbeitskräften in China suchen und führt tendenziell dazu, dass viele Unternehmen trotz der Kostenvorteile zögern, chinesischen Hochschulabsolventen anspruchsvolle Aktivitäten mit höherer Wertschöpfung zuzutrauen.

Chancen und Herausforderungen für China und die Welt

Die rasant gestiegene Zahl der Hochschulabsolventen ist eine entscheidende Voraussetzung für die von der chinesischen Regierung angestrebte wissens- und innovationsorientierte Entwicklung der chinesischen Wirtschaft. Der verbesserte Hochschulzugang in den ärmeren Provinzen eröffnet dabei zugleich die Chance auf eine gleichmäßigere regionale Wirtschaftsentwicklung. Gegenwärtig bereitet die große und weiter stark steigende Absolventenzahl aber durchaus auch Probleme.

So steigt die Nachfrage nach Hochschulabsolventen in vielen Bereichen offensichtlich (noch) nicht im selben Tempo wie das Angebot. So hat ein großer Teil der Hochschulabsolventen in China derzeit erhebliche Probleme eine (adäquate) Arbeitsstelle zu finden und ist nach dem Studienabschluss teilweise längere Zeit arbeitslos (CRN, 2009). Ob sich die Arbeitsmarktchancen der Hochschulabsolventen verbessern werden, wird (gerade im Hinblick auf die Beschäftigung bei internationalen Unternehmen) unter anderem davon abhängen, ob es der Hochschulpolitik gelingt, adäquate Mindeststandards für Hochschulabschlüsse zu definieren, diese durchzusetzen und ein transparentes sowie zuverlässiges Bewertungssystem für die Qualität der unterschiedlichen Hochschulen zu etablieren.

Aus globaler Sicht erhöht die massive Expansion der Zahl chinesischer Hochschulabsolventen das Angebot an hochqualifizierten Arbeitskräften auf dem Weltmarkt erheblich. Dies erweitert die Möglichkeiten internationaler Unternehmen zur regionalen Optimierung ihrer Produktionsprozesse und wird die Dynamik der internationalen Arbeitsteilung weiter beschleunigen.

Die zu erwartende Verlagerung weiterer Produktionsaktivitäten nach China wird den Druck auf den Arbeitsmärkten und die Notwendigkeit zu einem weiteren Strukturwandel in denjenigen Ländern erhöhen, in denen die nach China ausgelagerten höherwertigen Produktionsaktivitäten bisher angesiedelt sind. Diesen Strukturwandel vorteilhaft zu gestalten, wird erhebliche Anstrengungen, etwa in Richtung verstärkter Bildungsinvestitionen, sowohl seitens der Politik als auch seitens der betroffenen Arbeitnehmer erfordern.

Literatur:

Bickenbach, Frank, und Wan-Hsin Liu (2011). Regional Inequality of Higher Education in China and the Role of Unequal Economic Development. Kiel Working Paper No. 1692. Institut für Weltwirtschaft: Kiel.

CRN (China Review News) (2009). Kein Einfaches Leben für die Hochschulabsolventen (Daxuesheng “Yizu” huo de bu yi). Hongkong.

Deutsche Bank Research (2011). International Division of Labour in R&D. Research Follows Production. Economics 82. Deutsche Bank Research: Frankfurt am Main.

Eurostat (2011). Studentenzahl im Tertiärbereich. Luxemburg.

NBSC (National Bureau of Statistics of China) (2010). China Statistical Yearbook 2010. China Statistics Press: Beijing.

©KOF ETH Zürich, 10. Okt. 2011

 
Von den Werkbänken in die Hörsäle 3.00 5 5

Kommentare

Dieser Artikel hat noch keine Kommentare.
Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.

Autoren

Frank Bickenbach

Frank Bickenbach

Wan-Hsin Liu

Wan-Hsin Liu

Schlagworte

China, Hochschulreform, Humankapital, regionale-Entwicklung

Weitersagen

Ähnliche Artikel