Nun weiss es nicht nur die NZZ am Sonntag, sondern auch Der Spiegel: „Aktienhändler riskieren mehr als Psychopathen“, genauso wie Der Standard. Um zu diesem Ergebnis zu kommen, „hat die Universität St. Gallen Aktienhändler und Psychopathen verglichen.“[ 1 ] Und gemäss dieser „Studie der Universität St. Gallen agieren Händler deutlich rücksichtsloser als Psychopathen.“[ 2 ] Wenige Tage nachdem bekannt wurde, dass ein Wertpapierhändler der UBS in London 2.3 Milliarden U.S. Dollar in den Sand gesetzt hat, passt eine solche Meldung gut in die Medienlandschaft und wird verständlicherweise auch von seriösen Medien dankbar aufgenommen.
Doch was sind die Fakten, die zu diesen Meldungen geführt haben, und lassen sie diese Interpretation zu? Zunächst handelt es sich nicht um eine Studie der Universität St. Gallen, sondern um eine Projektarbeit, die im Rahmen eines berufsbegleitenden Weiterbildungslehrgangs (Executive MBA) an der Executive School of Management, Technology and Law der Universität St. Gallen erstellt wurde.[ 3 ] Autoren sind Dr. Dr. Thomas Noll, Chef des Vollzugs der Justizvollzugsanstalt Pöschwies im Kanton Zürich, sowie Pascal Scherrer, Publizistischer Leiter bei Schweizer Radio DRS – DRS 3.
Das Design des Experiments
Die beiden Autoren haben mit 28 Wertpapierhändlern ein Experiment wiederholt, welches A. Mokros et al. (2008) an der Universität Regensburg mit 24 Psychopathen und 24 „Männern aus der allgemeinen Bevölkerung“ (S. 408) durchgeführt hatten. Die Probanden spielten ein iteratives Gefangenendilemma-Spiel über 40 Runden gegen einen Computer, der die (den Probanden unbekannte) Strategie des Tit-for-Two-Tats verfolgte, d.h. der Computer begann mit Kooperation, schaltete auf Defektion, wenn der ,Gegner‘ zweimal defektiert hatte, kooperierte aber wieder, wenn der Gegner wieder kooperiert hatte.
Das Ganze wurde in eine Geschichte der Wasserknappheit eingebettet. In einem Dorf ist Wasser knapp und muss rationiert werden. Im Prinzip stehen pro Person 5 Liter Wasser pro Tag zur Verfügung. Die Bewohner des Dorfes werden in Zweiergruppen eingeteilt. Kommen beide Personen einer Gruppe zusammen zur Stelle der Wasserverteilung, d.h. kooperieren sie, bekommt jeder 5 Liter. Kommt einer alleine und behauptet er, das Wasser für den zweiten mit abzuholen, bekommt er 8 Liter. Er kann jedoch den anderen betrügen und das ganze Wasser für sich behalten. In der Spielanlage wird unterstellt, dass er dies tut, d.h. dass er defektiert. Versuchen beide zu defektieren, bekommen beide jeweils nur einen Liter Wasser.
Die Ergebnisse
Wer immer kooperierte, erhielt in den 40 Runden genau 200 Liter Wasser. Die Trader kamen auf 202 Liter, die Psychopathen auf 204 Liter. Die drei Ergebnisse unterscheiden sich statistisch nicht.[ 4 ] Dies überrascht nicht, da es dann, wenn man die Strategie des ,Gegners‘ nicht kennt, schwierig sein dürfte, diese zu durchschauen und damit ein erheblich höheres Ergebnis zu erzielen. Dies gilt auch dann, wenn dieses Spiel über 40 Runden gespielt wird.[ 5 ]
Andererseits haben die Wertpapierhändler bei durchschnittlich 12.3 Zügen signifikant häufiger defektiert als die ,normalen Menschen‘, bei denen im Durchschnitt nur jeder fünfte einmal defektiert hat, aber auch als die Psychopathen, die im Durschnitt bei 4.4 Zügen defektierten. Diese Unterschiede sind statistisch signifikant, und sie haben dazu geführt, dass der fiktive Gegenspieler bei den Psychopathen weniger Wasser erhielt als bei den normalen Menschen und bei den Tradern noch weniger als bei den Psychopathen.
Die Interpretation der Ergebnisse
Problematisch sind nicht diese Ergebnisse – sie sind sogar interessant, wohl aber deren Interpretation. So ist schon das experimentelle Design zu hinterfragen. Die erzählte Geschichte von der Wasserrationierung ist zumindest merkwürdig, wenn nicht gar unlogisch. Glaubt man sie, dann kommen die beiden Personen entweder gemeinsam oder hintereinander zum Ort der Wasserverteilung. Kommen sie gemeinsam, dann kooperieren sie per Definition. Kommt aber einer allein, ist er der erste und behauptet er, auch für den zweiten das Wasser mitzunehmen, d.h. defektiert er, dann erhält er die acht Liter und geht.
Der Fall, dass beide defektieren und deshalb jeweils nur einen Liter erhalten, kann eigentlich gar nicht auftreten, es sei denn, der zweite trifft bereits dann ein, wenn der erste das Wasser noch abfüllt. Dann kann dem Zweiten aber nicht nachgewiesen werden, dass er defektieren wollte. Intelligenten Menschen eine in sich kaum konsistente Geschichte zu erzählen und zu erwarten, dass sie diese auch ernst nehmen, ist zumindest nicht unproblematisch. Die Tatsache, dass das Design im Computer insofern korrekt dargestellt wurde, als der Computer wusste, was beide vorhatten, ändert daran nichts; schliesslich verfügt jener Mensch, der in der Realität für die Wasserverteilung zuständig ist, nicht über diese Information.
Von vornherein aber war klar, dass es sich – Rahmengeschichte hin oder her – um ein Spiel gegen den Computer und nicht um eines gegen andere Menschen handelt. Ziel war vermutlich bei allen Spielern, einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen. Dies ist nur möglich, wenn man nicht permanent kooperiert.[ 6 ]
Dass Wertpapierhändler eher als ,normale Menschen‘ und auch eher als Psychopathen versuchen werden, durch gezieltes (nicht regelmässiges) Abwechseln von Kooperation und Detektion die Strategie des Computers herauszufinden und so einen möglichst hohen Gewinn zu erzielen, ist zu erwarten. Daher ist das häufigere Defektieren auch nicht überraschend; überraschend wäre vielmehr, wenn das Experiment das gegenteilige Ergebnis erbracht hätte.
Dies gilt auch deshalb, weil es sich hier nicht nur um ein Spiel gegen den Computer, sondern auch um eines um Punkte und nicht um Geld handelt. Aus der experimentellen Wirtschaftsforschung wissen wir seit geraumer Zeit, dass es einen erheblichen Unterschied machen kann, ob es für die Probanden nur um Punkte (und damit eigentlich um nichts) oder ob es um Geld geht. Daher werden insbesondere auch in Gefangenendilemma- und Öffentliches Gut-Spielen die Probanden typischerweise entsprechend ihrem Erfolg entlohnt. Der Anreiz, möglichst viele Punkte in einem Spiel herauszuholen, kann echte, materielle Anreize nur bedingt ersetzen.
Eine Erhöhung der eigenen Punktzahl ist in diesem Spiel jedoch nur dadurch möglich, dass man gezielt defektiert. Zwangsläufig ist damit das Ergebnis des Computers auch schlechter als dann, wenn man häufiger kooperiert. Daraus abzuleiten, dass es den Wertpapierhändlern ausschliesslich oder zumindest vorwiegend darum gegangen sei, den Gegenspieler zu schädigen, ist freilich unzulässig. Hierzu hätte man ein Experimentdesign wählen müssen, in welchem die Wertpapierhändler sich dann, wenn sie den Abstand zwischen sich und einem realen Gegenspieler zu maximieren suchen, selbst schädigen und sich dessen auch bewusst sind.
Solche Designs gibt es: Die Spieler können andere schädigen; ihnen entstehen dadurch jedoch Kosten. Dienen diese Schädigungen nicht der ,Bestrafung‘ des anderen Spielers, weil dieser sich nicht an (implizit) vorgegebene Normen gehalten hat,[ 7 ] sondern ausschliesslich dazu, den relativen Abstand zum Gegenspieler zu vergrössern, könnte man auf destruktives Verhalten schliessen. Aus den Ergebnissen des hier durchgeführten Experiments ist dies jedoch nicht möglich. Hier werden Schlussfolgerungen gezogen, welche durch die Ergebnisse des Experiments nicht gedeckt sind.
Abschliessende Bemerkungen
Dies schliesst nicht aus, dass Wertpapierhändler eine etwas andere Persönlichkeitsstruktur aufweisen als die Durchschnittsbevölkerung, und dass sie im Durchschnitt vermutlich auch risikofreudiger sind als jene. Vermutlich erwartet man dies auch von ihnen. Es geht hier nicht darum, Wertpapierhändler irgendwie in Schutz zu nehmen, sondern schlicht darum, welche Schlussfolgerungen aus einem psychologischen Experiment gezogen werden können.[ 8 ]
In der ökonomischen Fachliteratur wird seit längerem diskutiert und mit Experimenten untersucht, ob Wirtschaftswissenschaftler signifikant weniger kooperieren als der Durchschnitt der Bevölkerung.[ 9 ] Da es hierzu einige Evidenz gibt, stellt sich die Frage, woher dies kommt: Ist es ein Ergebnis der Selektion oder eine Folge der ökonomischen Ausbildung? Schliesslich sollten Ökonomen die Struktur des Gefangenendilemmas besser kennen als andere, und sie gehen daher möglicherweise auch weniger naiv an solche Aufgabenstellungen heran. Daraus jedoch auf negative Charaktereigenschaften zu schliessen, ist zumindest grob fahrlässig.
Ohne eine derartige – durch die Ergebnisse nicht gedeckte – Interpretation hätte diese Studie in der Öffentlichkeit freilich nicht jene Aufmerksamkeit erhalten, die ihr in den letzten Wochen – leider auch in der seriösen Presse – zuteil geworden ist.
Literatur
R. BOYD und J.P. LORBERBAUM (1987), No Pure Strategy Is Evolutionary Stable in the repeated Prisoner's Dilemma, Nature 327, S. 58f.
G. KIRCHGÄSSNER (2005), (Why) Are Economists Different?, European Journal of Political Economy 21, S. 543 – 562.
MOKROS A., B. MENNER, H. EISENBARTH, G.W. ALPERS, K.W. LANGE und M. OSTERHEIDER (2008), Diminished Cooperativeness of Psychopaths in a Prisoner’s Dilemma Game Yields Higher Re¬wards, Journal of Abnormal Psychology 117, S. 406 – 413.
NOLL, T., und P. SCHERRER (2011), Professionelle Trader in einer Gefangenendilemma Situation, Projektarbeit zur Erlangung des Titels Executive MBA HSG, St. Gallen, Juni.
QUERVAIN, D. J.-F. DE, U. FISCHBACHER, V. TREYER, M. SCHELLHAMMER, U. SCHNYDER, A. BUCK und E. FEHR (2004), The Neural Basis of Altruistic Punishment, Science 305, S. 1254 – 1258.
- 1 Aktienhändler riskieren mehr als Psychopathen, Spiegel online vom 25. September 2011, http://www. spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,788232,00.html; Broker rücksichtsloser als Psychopathen, derStandard.at vom 26. September 2011, http://derstandard.at/1317018464723/Studie-Broker-ruecksichtsloser-als-Psychopathen?seite=3.
- 2 M. STÄDELI, Destruktive Dynamik im Handelsraum, NZZ am Sonntag Nr. 39 vom 25. September 2011
- 3 Nachträglich liest man auch in NZZ online hin, dass es sich um eine Studie an der Universität St. Gallen handelt. Siehe http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/destruktive_dynamik_im_handelsraum_1.12641170.html.
- 4 Siehe T. NOLL und P. SCHERRER (2011).
- 5 Das maximal erzielbare Ergebnis beträgt bei 40 Runden 263 Liter. Dies ist jedoch nur dann zu schaffen, wenn man die Strategie des Gegners im Voraus kennt, d.h. wenn man weiss, dass dieser Tit-for-Two-Tats spielt und dies auch nicht ändern wird, egal wie man sich verhält.
- 6 Siehe hierzu auch R. BOYD und J.P. LORBERBAUM (1987), welche die Möglichkeit evolutionär stabiler reiner Strategien in solchen Spielen verneinen.
- 7 Wie D.J.-F. DE QUERVAIN et al. (2004), gezeigt haben, ist die Bereitschaft zu solcher „altruistischer Bestrafung“ in einer Gesellschaft dafür wichtig, dass soziale Normen Bestand haben.
- 8 Damit soll auch nicht in Abrede gestellt werden, dass sie, wie in der besagten Studie angesprochen wird, Mitverantwortung für die Finanz- und Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre tragen, auch wenn die Wertpapierhändler sicher nicht die einzigen Schuldigen sind.
- 9 Siehe hierzu z.B. G. KIRCHGÄSSNER (2005).
©KOF ETH Zürich, 28. Okt. 2011
