Die moderne Glücksforschung kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Religiöse Menschen sind glücklicher. Unter denjenigen, die sich als "sehr glücklich" bezeichnen, besuchen zum Beispiel in den Vereinigten Staaten 48% einmal wöchentlich einen Gottesdienst; hingegen sind nur 26% derjenigen, die nie in eine Kirche gehen, ebenso glücklich (Pew Forum on Religion and Public Life 2007). Ein ähnliches Ergebnis zeigt sich, wenn die multivariat geschätzten Glücksfunktionen betrachtet werden. Gottesglaube ist in allen Ländern mit Lebenszufriedenheit hoch positiv korreliert, auch wenn viele andere Einflüsse berücksichtigt werden (z.B. Frey und Stutzer 2002, Dolan et al 2008, Frey 2010). Da alle Menschen glücklich sein wollen, könnte daraus geschlossen werden, dass die Menschen in Scharen in die Kirchen strömen.
Weit verbreitete Religiosität
Die meisten Menschen sind in der Tat religiös. Schätzungen zufolge betrachten weltweit fast 70% der Menschen, d.h. mehr als viereinhalb Milliarden Personen, "Religion als einen wichtigen Teil ihres täglichen Lebens" (vgl. hier und im folgenden Diener, Tay und Myers 2011). Allerdings gibt es beachtliche Unterschiede zwischen Ländern. In einigen Ländern mit einem wirtschaftlich hohen Entwicklungsgrad - wie etwa den skandinavischen Ländern - sehen weniger als 30% der Einwohner Religion als einen wichtigen Bestandteil ihres täglichen Lebens an. In den deutschsprachigen Ländern empfindet ein wesentlich höherer Anteil der Bevölkerung Religion für sich selbst als wichtig: In Oesterreich 53%, in der Schweiz 43% und in Deutschland immerhin noch 41%. In den Vereinigten Staaten sind es sogar 66%.
In Entwicklungsländern sieht das Bild völlig anders aus. Beispielsweise in Ägypten, Bangladesch oder Sri Lanka gehört Religion für 99% der Menschen zum täglichen Leben, in Indonesien, Laos oder im Senegal sind es 98%, in Saudi Arabien 96%.
Im Zeitablauf hat die Bedeutung der organisierten Religion in den reichen Ländern allerdings deutlich abgenommen. Sie hat insbesondere im Norden Europas einen tiefen Stand erreicht; zum Beispiel geben in Schweden und Dänemark nur 16 beziehungsweise 19% der Befragten an, dass Religion ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist. Die meisten Menschen sind atheistisch oder zumindest nicht religiös. Gleichzeitig sind dies die Länder mit der höchsten gemessenen Lebenszufriedenheit.
Religiös aus Versicherungsmotiv heraus
Daraus lässt sich schließen, dass die wirtschaftlichen Bedingungen für die Religiosität offensichtlich eine wichtige Rolle spielen. Personen, die in Ländern mit schwierigen Lebensbedingungen leben, also ein tiefes Pro-Kopf-Einkommen und eine geringe Lebenszufriedenheit aufweisen, sind viel eher religiös. Religion kann als eine Art von "Versicherung" betrachtet werden. Der Glaube hilft den Menschen zumindest teilweise, die schwierigen Lebensbedingungen abzuschwächen und zu ertragen. Religionen bieten unterstützende und integrative Institutionen an, die den Menschen helfen, negative Ereignisse besser zu bewältigen. Wichtig ist, dass in den Kirchen und anderen religiösen Einrichtungen soziale Kontakte entstehen. Aus der Glücksforschung ist bekannt, dass Interaktionen mit anderen Menschen für das subjektive Wohlbefinden äusserst wichtig sind. Diener und seinen Mitautoren (2011) zufolge gelten diese Ergebnisse für alle grossen Weltreligionen, also für Christen, Buddhisten, Hindus und Muslime.
Bisher wurden Argumente angeführt, wonach unsichere geschäftliche und wirtschaftliche Bedingungen die Menschen bewegen, religiöser zu sein, was wiederum ihre Lebenszufriedenheit erhöht. Die umgekehrte Kausalrichtung ist allerdings auch denkbar. Religiöse Menschen sind weniger am Materiellen interessiert und sind deshalb auch weniger wohlhabend. Eine Untersuchung von Headey und Mitarbeitern (2010) mit Daten des Deutschen Sozio-oekonomischen Panels deutet darauf hin, dass eine relevante Kausalrichtung von Religiosität zur Lebenszufriedenheit führt. Individuen, die sich im Laufe der Zeit vermehrt der Religion zuwenden, werden mit ihrem Leben (ceteris paribus) zufriedener, während diejenigen, die sich von der Religion abwenden, an Lebensqualität einbüssen. Diese Gedankengänge könnten auch auf ganze Länder als Untersuchungseinheit übertragen werden. In Ländern, in denen die Religiosität abnimmt, sinkt die durchschnittliche Lebensqualität, sofern alle anderen Faktoren konstant gehalten werden.
Der komparative Vorteil der Kirchen
Welche Schlüsse lassen sich aus diesen Ergebnissen ziehen? Kirchen gewinnen Mitglieder, wenn die wirtschaftlichen, politischen und anderen gesellschaftlichen Bedingungen ungewiss sind und die Menschen wegen ihrer Instabilität stark belasten. Umgekehrt verlieren sie Gläubige in stabilen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umständen. Ihr komparativer Vorteil liegt somit bei der Unterstützung in Zeiten der Unsicherheit, eine Funktion, die weder Wirtschaft noch Staat erfüllen. Dazu gehören vor allem die psychischen Belastungen, unter denen heutzutage viele Menschen leiden. Richard Layard, englischer Glücksforscher und Mitglied des englischen Oberhauses, vertritt in seinem Buch "Die glückliche Gesellschaft" dezidiert die Auffassung, dass eines der wesentlichen Probleme unserer Zeit darin besteht, dass sich viele Personen in Wirtschaft und Gesellschaft nicht mehr zurechtfinden. In dieser Hinsicht können Kirchen eine wichtige Aufgabe wahrnehmen.
Literatur
Diener, Ed, Louis Tay und David G. Myers (2011). The Religion Paradox: If Religion Makes People Happy, Why Are So Many Dropping Out? Journal of Personality and Social Pysychology, erscheint demnächst.
Dolan, Paul, Tessa Peasgood and Mathew White (2008). Do we really know what makes us happy? A review of the economic literature on the factors associated with subjective well-being. Journal of Economc Psychology 29: 94-122.
Frey, Bruno S. (2010). Happiness. A Revolution in Economics. Cambridge, Mass. und London: MIT Press.
Frey, Bruno S. und Alois Stutzer (2002). Happiness and Economics. Princeton: Princeton University Press.
Headey, Bruce, Jürgen Schupp, Ingrid Tucci und Gerd Wagner (2010). Authentic happiness theory supported by impact of religion on life satisfaction: A longitudinal analysis with data for Germany. Journal of Positive Psychology 5: 73-82.
Layard, Richard (2005). Die glückliche Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Campus.
©KOF ETH Zürich, 20. Sep. 2011
