Vom Drachen gefressen

Der globale Expansionsdrang chinesischer Unternehmen und die Antwort des Westens

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Dirk Christian Dohse, 31. Aug. 2011
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Sie heißen Huawei, Wanxiang oder Sinochem. Im Westen sind sie häufig nur Insidern bekannt, doch dies dürfte sich bald ändern, denn diese Unternehmen haben eine Mission: Auf ihrem chinesischen Heimatmarkt zu beträchtlicher Größe herangereift, haben sie sich aufgemacht, die Weltmärkte zu erobern. Die Boston Consulting Group zählt sie zur Gruppe der 100 „New Gobal Challengers“, künftiger Wirtschaftsriesen aus Schwellenländern, die das Potenzial haben, in ihrer Branche international eine herausragende Rolle zu spielen. Ihr von der chinesischen Regierung tatkräftig unterstützter Expansionsdrang fordert heraus: Nicht nur die etablierte Konkurrenz, sondern auch die Politik in den westlichen Industrieländern.

Chinesische Investoren auf dem Vormarsch

Aus weltwirtschaftlicher Sicht erscheint eine stärkere Einbindung von Unternehmen aus Schwellenländern in die internationale Arbeitsteilung und eine stärkere Teilhabe dieser Länder an der Produktion und Verteilung des Weltsozialprodukts durchaus wünschenswert. So weist die UNCTAD in ihrem World Investment Report 2006 explizit auf mögliche Effizienz- und Beschäftigungsgewinne durch verbesserte internationale Wissens- und Technologieflüsse und eine Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung hin (UNCTAD 2006). Dennoch gibt es Vorbehalte, insbesondere gegenüber den rasant zunehmenden Auslandsinvestitionen chinesischer Unternehmen. Durch die Öffnung nach Westen und den Exportboom der letzten Jahre hat China gigantische Kapitalzuflüsse erfahren. Einen Teil dieses Kapitals haben chinesische Unternehmen dazu genutzt, strategisch bedeutsame Unternehmen im Ausland aufzukaufen. Zu den prominentesten Unternehmen im Westen, die „vom Drachen gefressen“ wurden, gehören IBM Personal Computer (Übernahme durch Lenovo 2004) und der schwedische Autobauer Volvo, der 2010 durch Geely Zhejiang übernommen wurde.

Verunsicherung im Westen

Aber nicht nur Chinas gewaltige finanzielle Potenz und das Tempo der globalen Expansion chinesischer Unternehmen sorgen im Westen für Verunsicherung. Problematisch erscheint vor allem, dass Staatsunternehmen beim „Going Global“ eine entscheidende Rolle spielen, und dass auch solche Investoren, die nicht offiziell als Staatskonzerne ausgewiesen sind, einer massiven Einflussnahme der Staats- und Parteiführung ausgesetzt sind. So berichten westliche Beobachter, dass in vielen chinesischen Unternehmen neben der offiziellen Hierarchie eine Spiegelhierarchie aus Parteikadern besteht, die bei Investitionsentscheidungen von strategischer Bedeutung das letzte Wort hat. Dies nährt Befürchtungen, dass es bei der globalen Expansion chinesischer Unternehmen um weit mehr gehen könnte als um ökonomische Interessen im engeren Sinne: “What if Chinese state-owned companies run their acquisitions for politics, not profit?”, fragte unlängst der Economist (siehe Economist 2010[ a ]). Die Politik in Europa und in den USA wird nicht umhin kommen, Antworten zu finden.

Wie soll der Westen reagieren?

Eine mögliche Antwort besteht darin, die Übernahme heimischer Unternehmen durch chinesische Konzerne zu behindern bzw. im Extremfall ganz zu untersagen. Diese insbesondere von den USA praktizierte Politik mag im Bereich der Energieversorgung und der natürlichen Ressourcen eine gewisse Berechtigung haben; im Industrie- und Dienstleistungsbereich hingegen lässt sie sich nur schwer rechtfertigen. Zudem ziehen protektionistische Maßnahmen Retorsionsmaßnahmen nach sich und können für ein exportorientiertes Land wie Deutschland extrem kostspielig sein (vgl. dazu etwa den Beitrag von Görg und Krieger-Boden 2011).

Eine zweite Möglichkeit besteht darin, eine vollständige Laissez Faire-Haltung einzunehmen und die politische Dimension des Problems zu ignorieren. Dafür könnte die Erwartung sprechen, dass die stärkere Einbindung in die internationalen Märkte das chinesische System des Staatskapitalismus über kurz oder lang kollabieren lässt und die Transformation Chinas hin zu Demokratie und Marktwirtschaft beschleunigt. Ob diese Annahme realistisch ist, lässt sich derzeit nur schwer beurteilen. Klar ist hingegen, dass funktionierende Märkte Wettbewerb benötigen. Wo der Wettbewerb ausgeschaltet ist, sind Großinvestoren in der Lage, sowohl Marktmacht als auch politische Macht auszuüben, wie die Aktivitäten chinesischer Staatskonzerne in Afrika zeigen.

Institutionen anpassen und Wettbewerb schützen

Nach der hier vertretenen Auffassung liegt die Lösung daher weder in der systematischen Behinderung von Übernahmen noch in einer vollständigen – letztendlich naiven – Laissez Faire-Haltung. Vielmehr besteht die dringende Notwendigkeit, die ökonomischen Institutionen des Kapitalismus an die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Die globale Expansion chinesischer Staatsunternehmen ist so lange hinzunehmen, wie die Funktionsfähigkeit des Wettbewerbs nicht beeinträchtigt wird und ökonomische Macht nicht in politische Macht übergeht. Es kommt also vor allem darauf an, den Wettbewerb selbst zu schützen und das Entstehen marktbeherrschender Stellungen zu verhindern.

Nationale Alleingänge reichen nicht

Nationale Politiken reichen dafür immer weniger aus. Zwar vermag nationale Wettbewerbspolitik einen gewissen Mindestschutz des Wettbewerbs auch auf internationalen Märkten zu gewährleisten. Sie ist jedoch mit erheblichen Ineffizienzen und internationalen Konfliktpotenzialen behaftet, zumal wenn sie sich Unternehmen gegenüber sieht, die auf einer Vielzahl unterschiedlicher nationaler Märkte aktiv sind. Daher ist die Schaffung eines verbindlichen, international abgestimmten Regelwerks für grenzüberschreitende M&A-Transaktionen und die Entwicklung einer kohärenten internationalen Wettbewerbspolitik unabdingbar.

Möglichkeiten internationaler Kooperation

Wie lassen sich diese Ziele erreichen? Auf freiwillige Kooperation, Entwicklung von „Best Practices“ und Konvergenz von Regeln setzt das International Competition Network (ICN), ein informeller Zusammenschluss von nationalen und internationalen Wettbewerbsbehörden. Die Freiwilligkeit erhöht die Akzeptanz und fördert die Teilnahme von Akteuren aus unterschiedlichen Ländern, ist aber zugleich auch die große Schwäche des ICN, da sie zu Lasten der Durchsetzbarkeit international gültiger Regelungen geht (vgl. etwa Budzinski 2009). Daher wird man auf Dauer nicht darum herum kommen, eine formale internationale Organisation, die verpflichtende Regeln für alle Mitgliedsländer erlässt und durchsetzt, als Träger einer internationalen Wettbewerbsordnung zu etablieren. Alle Versuche, die Welthandelsorganisation WTO als eine solche Organisation zu etablieren, sind bisher gescheitert. Angesichts des wachsenden Problemdrucks sollte hier dringend ein neuer Anlauf genommen werden, denn: Eine globale Wettbewerbsaufsicht ist heute genauso notwendig wie eine globale Finanzaufsicht.

Literatur

Budzinski, O., 2009, An International Multilevel Competition Policy System, International Economics and Economic Policy 6: 367–389.

Economist, 2010, Chinese Acquisitions: China Buys up the World, The Economist, Nov. 11[ a ].

Görg, H. and Krieger-Boden, C., 2011, Protektionismus schädigt Protektionisten, Ökonomenstimme, 30. Juni 2011.

UNCTAD, 2006, World Investment Report 2006: FDI from Developing and Transition Economies: Implications for Development, United Nations, New York.

©KOF ETH Zürich, 31. Aug. 2011

 
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Dirk Christian Dohse

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Schlagworte

China, Expansion, Protektionismus, Staatskapitalismus, Übernahmen

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