Fragen zur Einkommensverteilung in einer Gesellschaft gehören zu den oft und kontrovers geführten Debatten in der Politik. Auf der einen Seite stehen jene, die die Einkommensspreizung als grundsätzlich positiv bewerten: In einer durchlässigen Gesellschaft werden die Erfolgreichen und Tüchtigen mit höheren Einkommen entlöhnt und bilden damit einen Ansporn für andere, es ihnen gleichzutun. Diese Anreizfunktion ist zentral für das Funktionieren einer marktwirtschaftlichen Ordnung. Anderseits sieht mancher Kritiker in der Einkommensungleichheit den Zusammenhalt einer Gesellschaft gefährdet: Die segmentierte Gesellschaft erschwert das Schmieden von politischen Kompromissen und bildet so den Keim gesellschaftlicher Spannungen.[ 1 ]
Schweiz: Einkommen relativ gleich verteilt – Vermögen nicht
Kaum jemand würde daher bestreiten, dass es eine Frage des Masses und der Relationen sei, wie viel Ungleichheit oder Gleichheit eine Gesellschaft erträgt. Zur Messung der Ungleichheit in einer Gesellschaft verwenden Ökonomen in der Regel den Gini-Koeffizienten. Die entsprechende Lorenzkurve gibt Auskunft über die beobachtete Ungleichverteilung von Einkommen oder Vermögen. Die Schweiz weist anhand dieses Verteilungsmasses im OECD-Vergleich eine eher gleichmässige Verteilung der Einkommen auf – im Gegensatz zu den Vermögen.
Das Gini-Verteilungsmass sagt allerdings wenig zur Frage der Einkommenskonzentration. Auf die Frage, welcher Anteil am Gesamteinkommen der Privathaushalte in einem Land bei-spielsweise auf das reichste Dezil (10%) oder Perzentil (1%) fällt, gibt der Gini-Koeffizient keine Auskunft. Vor über 100 Jahren befasste sich der Lausanner Ökonom Vilfredo Pareto mit dieser Frage – bald darauf gingen aber seine Arbeiten in Vergessenheit.
Eine Renaissance erlebte die empirische Forschung zur Einkommenskonzentration mit der Möglichkeit, amtliche Einkommensteuerstatistiken elektronisch auszuwerten. Heute existieren 22 Länderanalysen zur Frage der Entwicklung der Einkommenskonzentration über das 20. Jahrhundert (vgl. Atkinson, Piketty und Saez, 2011).
Seit den 1980er Jahren hohe und höchste Einkommen mit grossen Zuwächsen
Daten zur Erhebung der Einkommensteuer existieren in einigen Ländern seit deren Einführung um die Jahrhundertwende des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Rohdaten zeigen in der Regel keine Individualeinkommen, sondern die Zahl der Steuerpflichtigen und deren kumuliertes Einkommen für die einzelnen Einkommensklassen – meistens in unregelmässigen Intervallen. Die entsprechenden Einkommensanteile erhält man durch die (Pareto-) Interpolation zwischen den Einkommensklassen. Um von den Rohdaten auf die gesamte Einkommensverteilung zu schliessen, werden die Einkommensteuerzahler in Relation zur Gesamtbevölkerung und deren Einkommen in Relation zum Gesamteinkommen gesetzt. Damit können die interessierenden Anteile der obersten Einkommen berechnet werden.
Betrachtet man angelsächsische Länder wie die USA, Grossbritannien oder Kanada, dann zeigt sich für die Entwicklung der obersten 1% der Einkommensbezieher über das 20. Jahrhundert ein U-förmiger Verlauf (siehe Abbildung 1). Die entsprechenden Länder kannten eine hohe Einkommenskonzentration zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Bis Ende der 1970er Jahre nahm die Einkommenskonzentration stark ab, während ab den 1980er Jahren und insbesondere ab den 1990er Jahren die Einkommenszuwächse der hohen und höchsten Einkommen weit stärker ausfielen. Interessant ist, dass dies auch für Schweden und Norwegen beobachtet werden kann, die traditionell als eher egalitäre Gesellschaften gelten. Die Spannweite der Einkommensanteile, die sich auf die obersten 1% der Einkommensbezieher konzentrieren, umfasst in den letzten Jahren etwa 8-18%. Für andere Einkommensanteile der obersten Einkommen sieht der Verlauf sehr ähnlich aus. Wie Studien zeigen, entfallen auf die obersten 10% der Einkommensbezieher etwa 28-46% allen Einkommens.
Interessant ist der Vergleich mit Deutschland, Frankreich und den Niederlanden. Diese Länder offenbaren zwar ebenfalls ein Absinken der hohen und höchsten Einkommensanteile am Gesamteinkommen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern erholten sich die Spitzeneinkommen in den letzten Jahren aber weiter weniger, so dass von einer relativ stabilen Entwicklung der Einkommenskonzentration seit dem letzten Viertel des 20. Jahrhunderts gesprochen werden kann.
Gründe der unterschiedlichen Entwicklung
Was sind die Gründe für diese unterschiedliche Entwicklung im internationalen Vergleich? Es ist nahe liegend anzunehmen, dass die Einkommenskonzentration wesentlich durch die Steuerpolitik beeinflusst wird. Tatsächlich zeigen empirische Studien, dass sowohl die generelle Staatsaktivität als auch die Grenzsteuersätze für die hohen Einkommen wichtige Bestimmungsgrössen der Entwicklung der Einkommenskonzentration darstellen. Konkret dämpft eine Ausdehnung der Staatsausgaben die Einkommensanteile der oberen Mittelschicht (untersten 9% der obersten 10% der Einkommensbezieher), während aber die Anteile für die obersten 1% der Einkommensbezieher unbeeinflusst bleiben. Hohe Spitzensteuersätze reduzieren dagegen sowohl die Einkommenskonzentration bei den obersten 1% der Einkommensbezieher als auch bei der oberen Mittelschicht (vgl. Roine, Vlachos und Waldenström, 2009).
Interessant ist weiter, dass am generellen Wirtschaftswachstum die obersten Einkommen überproportional partizipieren. Dies gilt insbesondere auch für die Entwicklung des Finanzmarkts, der eine signifikante Hebelwirkung für die oberen Einkommen entfaltet. Einen entgegengesetzten Einfluss üben Bankenkrisen aus.
Abbildung 1: Entwicklung der Einkommensanteile der obersten 1% der Einkommensbezieher über das 20. Jahrhundert
Quelle: Aaberge und Atkinson (2010), Atkinson (2007), Dell (2007), Piketty (2001), Landais (2007), Piketty und Saez (2007), Saez und Veall (2007), Salverda und Atkinson (2007), Roine und Waldenström (2010).
Stabile oberste Einkommen in der Schweiz
Wie sieht die Entwicklung der hohen Einkommen in der Schweiz aus? Abbildung 2 macht deutlich, dass die Einkommenskonzentration in der Schweiz von 1917 bis heute erstaunlich konstant verlief. Der Sprung in der Einkommenskonzentration von 1917 bis 1928 im Vergleich zu 1933 ist darauf zurückzuführen, dass vor 1933 nur der Erwerb ohne Kapitaleinkünfte der Steuer unterlag. Weder wird ein deutlicher Einbruch der Einkommenskonzentration während und nach den Kriegsjahren ersichtlich, noch ist ein starkes Anschwellen der Einkommenskonzentration im 20. Jahrhundert zu beobachten. Dies gilt für die obersten 10% der Einkommensbezieher als auch für die obersten 5%, 1% oder 0,5%. Entscheidend für diese konstante Entwicklung dürfte nicht zuletzt die politische und wirtschaftliche Stabilität in der Schweiz sein.
Betrachtet man den Verlauf der Einkommenskonzentration der obersten Mittelklasse (untersten 4% der obersten 5%), ist die Stabilität besonders stark ausgeprägt. Damit unterscheidet sich die Schweiz relativ stark von den angelsächsischen Ländern, aber auch zu Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden. Die Einkommenszuwächse verteilen sich in der Schweiz relativ gleichmässig und kommen auch in den letzten Jahren nicht nur den obersten Einkommen zu Gute.
Abbildung 2: Entwicklung der Einkommensanteile der Top Einkommensbezieher über das 20. Jahrhundert in der Schweiz
Quelle: Schaltegger und Gorgas (2011).
Unterschiedliche Entwicklung in den Kantonen
Die Schweiz ist ein föderalistisches Land – entsprechend könnte sich die Einkommenskon-zentration innerhalb der Schweiz auf Ebene der Kantone stark unterscheiden. Dies umso mehr, wenn man bedenkt, dass die Steuerbelastung unter den Kantonen variiert. Betrachtet man Abbildung 3 wird offenkundig, dass zwischen den Kantonen im Niveau als auch in der Entwicklung der obersten Einkommen tatsächlich Unterschiede bestehen.
Was sich im Ländervergleich zeigt, wird auch unter den Schweizer Kantonen sichtbar. Einen ausgeprägt U-förmigen Verlauf der Einkommenskonzentration erlebten die eher ländlich geprägten Kantone der Zentralschweiz Schwyz, Zug oder Nidwalden. Heute wie bereits in den 1930er Jahren fallen auf die obersten 5% der Einkommensbezieher in diesen Kantonen etwa 30% allen persönlichen Einkommens. In den 1970er Jahren waren es etwa 20%. Eine eher konstante Entwicklung vollzog sich im bevölkerungsreichsten Kanton Zürich mit einer Einkommenskonzentration von etwa 22% für die obersten 5% der Einkommensbezieher. Dagegen ist der Kanton Bern ein Beispiel dafür, wie die Einkommenskonzentration über die letzten 90 Jahre abnahm. Bis in die 1970er Jahre pendelte die Konzentration der obersten 5% der Einkommensbezieher um 20% am Gesamteinkommen. Danach reduzierte sich der Wert auf knapp 17%. Letztlich zeichnet sich der Kanton Genf durch eine stetige Zunahme der Einkommenskonzentration über das 20. Jahrhundert von etwa 18% auf knapp unter 25% allen persönlichen Einkommens aus.
Abbildung 3: Entwicklung der Einkommensanteile der obersten 5% der Einkommens-bezieher über das 20. Jahrhundert in ausgewählten Kantonen
Quelle: Schaltegger und Gorgas (2011).
Die Rolle der Kapitaleinkommen
Wie setzen sich die Einkommen zusammen und auf welche Einkommensbestanteile sind die teilweise starken Zuwächse der Einkommenskonzentration bei den Top-Einkommen im internationalen Vergleich zurückzuführen? Untersuchungen zu dieser Frage unterscheiden in der Regel zwischen Lohneinkommen, Geschäftseinkommen und Vermögenseinkommen. Lohneinkommen stellen im obersten Dezil (10%) der Einkommensverteilung die wichtigste Komponente dar. Jedoch nehmen mit steigendem Einkommen erwartungsgemäss das Einkommen aus Geschäftstätigkeit und das Vermögenseinkommen im Vergleich zum Lohneinkommen überproportional zu.
Interessant ist dabei, dass die Lohnanteile aber auch im obersten Einkommenssegment über das letzte Jahrhundert stärker zulegten als die Vermögenserträge. Für die USA zeigt sich beispielsweise, dass die Zuwächse der sehr hohen Einkommen (obersten 0,1% der Einkommensbezieher) während der letzten Dekade insbesondere die Löhne und die Kapitalgewinne betreffen, während die Kapitaleinkommen (Zinsen, Dividenden, Lizenzen etc.) und die Geschäftseinkommen stagnierten.
Stabilität durch fein austarierten Föderalismus
Die Analyse der langfristigen Entwicklung der Einkommenskonzentration im internationalen Vergleich bestätigt den Einfluss der hohen wirtschaftlichen und politischen Stabilität der Schweiz. Im Unterschied insbesondere zu den angelsächsischen Ländern, kommen die Einkommenszuwächse in der Schweiz nicht immer stärker den obersten Einkommen zu Gute. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte das fein austarierte föderale System in der Schweiz sein, das einerseits hohe fiskalpolitische Autonomie bei den Kantonen mit einigen zentralstaatlichen Mechanismen der Umverteilung wie dem Finanzausgleich, der stark progressiven direkten Bundessteuer oder der AHV verbindet.
Literatur
Aaberge, R. und Atkinson, A. B. 2010. Top Incomes in Norway. In Atkinson, A. B. and Piketty, T. Top Incomes: A Global Perspective, Oxford University Press, chapter 9; series updated by the same authors.
Atkinson, A. B., Piketty, T. und Saez, E. 2011. Top Incomes in the Long Run of History, Journal of Economic Literature, 49(1): 3-71.
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Roine, J. und Waldenström, D. 2010. Top Incomes in Sweden over the Twentieth Century. In Atkinson, A. B. and Piketty, T. Top Incomes: A Global Perspective, Oxford University Press, chapter 7; series updated by the same authors.
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Schaltegger Ch. A. und Gorgas Ch. 2011. The Evolution of Income Concentration in the Swiss Federalism over the Twentieth Century, CREMA Working Paper Series 2011-06, Center for Research in Economics, Management and the Arts (CREMA).
©KOF ETH Zürich, 9. Aug. 2011
