Demokratie und wirtschaftliche Ungleichheit

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Florian Jung und Uwe Sunde, 5. Aug. 2011
Demokratie und wirtschaftliche Ungleichheit 3.36 5 14

Angesichts der jüngsten Entwicklungen in der arabischen Welt, aber auch im historischen Kontext, stellt sich die Frage, welche Faktoren das Entstehen von Demokratien ermöglichen. Warum konnte sich beispielsweise in Deutschland erst nach dem Zweiten Weltkrieg und nicht schon bei der Reichsgründung 1871 oder nach dem Ersten Weltkrieg eine stabile Demokratie entwickeln? Benötigt die Entstehung einer stabilen Demokratie etwa einen bestimmten wirtschaftlichen Entwicklungsstand oder ausgeglichene wirtschaftliche Verhältnisse? Neue theoretische Befunde deuten darauf hin, dass sowohl die Entstehung als auch der Bestand einer Demokratie entscheidend von der wirtschaftlichen Ungleichheit abhängen. Unabhängig vom jeweiligen Entwicklungsstand scheint es Verteilungen von wirtschaftlichen Ressourcen zu geben, bei denen sich Demokratie als stabiles Gleichgewicht zwischen den Bevölkerungsgruppen einstellt. Umgekehrt gibt es Verteilungen, bei denen dies nicht der Fall ist - dies wiederum unabhängig vom jeweiligen Entwicklungsstand.

Einkommen oder Ungleichheit?

Die Frage nach den Gründen, weshalb manche Länder seit langem über demokratische Institutionen verfügen, während die Chancen für Demokratie in anderen Ländern als eher gering erscheinen, ist derzeit im Fokus der öffentlichen Diskussion. Dabei wird Demokratie oft mit wirtschaftlichem Wohlstand gleichgesetzt oder auf eine verbesserte wirtschaftliche Lage zurückgeführt. Spätestens seit einem berühmten Aufsatz von Lipset aus dem Jahre 1959 gilt ein gewisses Niveau wirtschaftlicher Entwicklung als unabdingbare Voraussetzung für die Begründung einer stabilen Demokratie. Diese sogenannte Modernisierungs-Hypothese (oder Lipset-Hypothese) wird meist auf die Rolle eines ausreichend hohen Pro-Kopf-Einkommens reduziert.

Ein Blick auf die jüngere deutsche Geschichte

Selbst ein Blick in die jüngere Geschichte, etwa Deutschlands, wirft zunächst mehr Fragen in diesem Zusammenhang auf, als Antworten zu geben. Sowohl bei der Gründung des Deutschen Reiches 1871 als auch nach den beiden Weltkriegen stand Deutschland an entscheidenden Wendepunkten, an denen sich das politische System neu herausbilden musste. An jedem dieser Wendepunkte hatte das vorher gültige System faktisch aufgehört zu existieren und das Land hatte sich im Vergleich zur vorherigen Ordnung in seiner politischen, demographischen und territorialen Struktur dramatisch verändert. Wie kam es also dazu, dass sich erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine stabile Demokratie herausbildete und nicht schon bei der Reichsgründung 1871 oder zumindest nach dem Ersten Weltkrieg? Welche Bedingungen waren nach 1945 erfüllt, die 1871 oder 1918/19 nicht erfüllt waren?

Abbildung 1 zeigt das Niveau des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens für den Zeitraum 1871-1949 (in 1990 Geary-Khamis Dollar). Die Einkommensunterschiede zwischen den drei Wendepunkten 1871, 1918/19 und 1945 sind verhältnismässig gering, insbesondere aufgrund der kriegsbedingten Einkommensverluste. Dies wirft Zweifel an der Gültigkeit der (eng ausgelegten) Lipset-Hypothese für den Kontext der deutschen Geschichte auf. Entgegen dieser strikten Interpretation hatte Lipset selbst jedoch ein breiter gefasstes Entwicklungskonzept im Sinn. Statt dem Einkommensniveau an sich ging es ihm vielmehr um den allgemeinen Entwicklungsstand eines Landes, repräsentiert etwa durch die Anzahl der Ärzte oder Telefone per Einwohner, das allgemeine Ausbildungsniveau der Bürger innerhalb einer Gesellschaft und die Gleichheit der wirtschaftlichen Verhältnisse. Der faktische Modernisierungsgrad einer Gesellschaft war für ihn ausschlaggebend für die Demokratisierung des politischen Systems und nicht ein reiner, beispielsweise durch die Erschließung natürlicher Ressourcen getriebener Einkommensschub.

Abbildung 1: BIP pro Kopf in Deutschland 1871-1949

Endogene Demokratisierung

In der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur ist die Lipset-Hypothese gegenwärtig ziemlich umstritten. Auf der empirischen Seite scheint die Lipset-Hypothese nach aktuellem Stand widerlegt, da sich nach dem Ausblenden länderspezifischer Effekte, interpretierbar als historisch bedingte institutionelle Charakteristika, kein Zusammenhang zwischen Einkommen und Demokratie mehr feststellen lässt (siehe Acemoglu et al., 2008, 2009). Umstritten bleibt jedoch dabei, was sich konkret hinter den länderspezifischen Effekten verbirgt und ob diese nicht eher das langfristige Entwicklungsniveau eines Landes reflektieren (siehe Gundlach und Paldam, 2009).

In der theoretischen Literatur gibt es mittlerweile zahlreiche Theorien zu der Frage, weshalb vormalige Eliten ihre politische Dominanz verlieren und demokratische Strukturen zulassen. Zu den ersten Erklärungsmodellen dieser Art zählt die Theorie, dass Eliten mangels der Fähigkeit zu glaubwürdiger Selbstbeschränkung hinsichtlich der Ausübung ihrer faktisch vorhandenen politischen Macht dazu gezwungen waren, weitere Bevölkerungsschichten in politische Entscheidungsprozesse einzubinden, da sie sonst gewaltsamen Umstürzen zum Opfer gefallen wären (siehe Acemoglu und Robinson, 2001, 2006). Diese Sichtweise stellt wirtschaftliche Ungleichheit in den Fokus. Andere Theorien erklären die Demokratisierung mit wirtschaftlichem Fortschritt, der eine Veränderung der Institutionen ermöglicht oder sogar erforderlich macht (siehe z.B. Lizzeri und Persico, 2004). In praktisch all diesen Theorien wird Demokratie jedoch als absorbierender Zustand angenommen, in dem politische Verträge eingegangen werden können und Selbstbindung der politisch Mächtigen ohne weiteres möglich ist. Dies ist unproblematisch, sofern man nur am Übergang zur Demokratie, nicht aber an der Frage der Stabilität interessiert ist. Darüber hinaus konzentrieren sich die bisherigen Theorien entweder auf den Entwicklungsstand im Sinne des Einkommensniveaus oder auf die Ungleichheit des Einkommens als zentrale Determinanten des demokratischen Übergangs.

Entwicklung und Ungleichheit: Ein alternativer Ansatz

Vor diesem Hintergrund entwickeln wir in einem aktuellen Artikel (Jung und Sunde, 2011) eine Theorie, in der Demokratie das Ergebnis eines Verteilungskonfliktes innerhalb einer Gesellschaft ist, die sich aus drei verschiedenen Einkommensgruppen zusammensetzt (wobei das Modell grundsätzlich auf n Gruppen erweitert werden kann). Dieser Verteilungskonflikt findet in einem Umfeld statt, in dem keine bindenden Zusagen oder Verträge zwischen den Gesellschaftsgruppen über künftige Politik, insbesondere Umverteilung, möglich ist. Demokratie ist ein Gleichgewicht innerhalb der Bevölkerung, in dem die Mehrheit der Bevölkerung (bzw. alle Bevölkerungsgruppen) eine stabile Koalition eingehen und ihre Verteilungskonflikte in Übereinkunft miteinander lösen. Der Hauptbeitrag ist die Berücksichtigung der unterschiedlichen Implikationen von Entwicklungsniveau und Ungleichheit für die Entstehung und Stabilität dieser Art von Demokratie vor dem Hintergrund einer komplexen Gesellschaftsstruktur.

Das Hauptresultat der Studie ist eine Charakterisierung der Bedingungen, unter denen Demokratien als Gleichgewicht entstehen. Dabei scheint die Gleichheit der wirtschaftlichen Verhältnisse eine zentrale Rolle zu spielen. So zeigen die Ergebnisse, dass es für jeden Entwicklungsstand einer Volkswirtschaft eine Verteilung der wirtschaftlichen Ressourcen (oder des wirtschaftlichen Wohlstandes) gibt, sodass sich Demokratie quasi als Gesellschaftsvertrag im Gleichgewicht ergibt. Umgekehrt ist es jedoch so, dass es Verteilungen der wirtschaftlichen Verhältnisse gibt, die Demokratie als Gleichgewicht nicht zulassen, unabhängig davon, wie entwickelt die Volkswirtschaft ist. Des Weiteren zeigt das Modell, dass Veränderungen in der wirtschaftlichen Ungleichheit, etwa durch technologischen oder demographischen Wandel, die Stabilität der Demokratie beeinflussen und sogar zum Kollaps des demokratischen Gleichgewichts führen können.

Die Analyse des Modells erlaubt auch Rückschlüsse auf die Frage, warum in Deutschland erst nach 1945 eine stabile Demokratie möglich wurde. So waren im Deutschen Reich nach seiner Gründung die wirtschaftlichen Verhältnisse durch grosse Ungleichheit gekennzeichnet, hauptsächlich infolge der Wirtschaftsstruktur, die noch zum grossen Teil landwirtschaftlich geprägt war. Dies führte dazu, dass das Reich eher als Ständestaat konzipiert war. Zwar veränderte die fortschreitende Industrialisierung bis zum Ersten Weltkrieg die Verhältnisse, doch waren diese Veränderungen offensichtlich nicht ausreichend drastisch, um das Gleichgewicht einer de facto Oligarchie zu modifizieren. Die Verluste des Ersten Weltkrieges veränderten die politische Landschaft und es entwickelte sich die labile Demokratie der Weimarer Republik, die jedoch wirkungsvoll von verschiedenen Interessensgruppen bekämpft wurde, darunter hauptsächlich den Konservativen, die die vormalige Elite repräsentierten, aber auch einigen Industriellen und Arbeitern. Diese Konstellation führte letztlich zur Entmachtung des Parlaments und der Machtergreifung durch Hitler, der seine Autokratie schnell durch rigoroses Durchgreifen festigte.

Erst die Niederlage im Zweiten Weltkrieg und der Kollaps des Nazi-Regimes eröffneten die Möglichkeit für einen Neuanfang in einem Deutschland, das sich von Grund auf vom Deutschland der Jahre 1871 oder 1918 unterschied. Die Folgen des Krieges und des Holocausts hatten die demographische Struktur verändert. Die früheren Junker-Eliten waren durch die Gebietsverluste sowie die Nazi-Diktatur erheblich geschwächt bzw. verschwunden. Wirtschaftlich war nicht nur das Einkommen drastisch auf ein Niveau unter dem von 1914 gefallen (siehe Abbildung 1), sondern auch die Ungleichheit der wirtschaftlichen Verhältnisse, reflektiert etwa in der Einkommensungleichheit, war niedriger als an den beiden früheren Wendepunkten der jüngeren deutschen Geschichte 1871 und 1919. Dies zeigt der vergleichsweise hohe Pareto-Koeffizient in Abbildung 2. Im Licht der theoretischen Vorhersagen drängt sich demnach der Schluss auf, dass die kriegsbedingten Veränderungen in den geographischen, demographischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in Deutschland letztlich die Bildung einer stabilen Demokratie ermöglichten, obwohl das Einkommensniveau gegenüber den vorherigen Wendepunkten praktisch nicht gestiegen war.

Abbildung 2: Einkommensverteilung in Deutschland

Zusammenfassend erscheinen sowohl Entwicklung als auch Ungleichheit kritisch für die Entstehung und Stabilität von Demokratien zu sein. Dabei ist das Zusammenspiel der beiden Dimensionen entscheidend, insbesondere vor dem Hintergrund, dass wirtschaftliche Entwicklung fast immer die Verteilung der Einkommen und Vermögen in der Bevölkerung beeinflusst. Dies hat zur Folge, dass wirtschaftliche Weiterentwicklung nicht automatisch Demokratien schafft oder stabilisiert. Geht sie einher mit einer steigenden Ungleichheit in der Bevölkerung, ist vermutlich sogar das Gegenteil der Fall.

Literatur

Acemoglu, D., S. Johnson, J. Robinson und P. Yared (2008): "Income and Democracy", American Economic Review 98(3), 808-842.

Acemoglu, D., S. Johnson, J. Robinson und P. Yared (2009): "Reevaluating the Modernization Hypothesis", Journal of Monetary Economics 56, 1043-1058.

Gundlach, E., und M. Paldam (2009): "A Farewell to Critical Junctures: Sorting Out Long-run Causality of Income and Democracy", European Journal of Political Economy 25(3), 340-354.

Jung, F., und U. Sunde (2011): "Inequality, Development, and the Stability of Democracy -- Lipset and Three Critical Junctures in German History", CEPR Working Paper 8406.

Lipset, S.M. (1959): "Some Social Requisites of Democracy: Economic Development and Political Legitimacy", American Political Science Review 53(1), 69-105.

Lizzeri, A., und N. Persico (2004): "Why Did the Elites Extend the Suffrage? Democracy and the Scope of Government, With an Application to Britain's Age of Reform", Quarterly Journal of Economics 119(2), 707-765.

©KOF ETH Zürich, 5. Aug. 2011

 
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Demokratie, Ungleichheit, Wirtschaftliche-Entwicklung

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