Protektionismus schädigt Protektionisten

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Holger Görg und Christiane Krieger-Boden, 30. Juni 2011
Protektionismus schädigt Protektionisten 3.20 5 10

Die internationalen Handelsbeziehungen sind seit dem Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008 schwer getroffen worden. Sowohl die Güterströme als auch die Kapitalströme sind 2009 dramatisch eingebrochen: Die Güterströme sanken von 33 Billionen US$ im Jahr 2008 um mehr als ein Fünftel auf 25 Billionen US$ im Jahr 2009. Auch die weltweiten Direktinvestitionen, die im Jahr 2007 gerade auf ein Allzeit-Hoch von 2,1 Billionen US$ geklettert waren, fielen auf 1,8 Billionen US$ im Jahr 2008 und weiter auf 1,1 Billionen US$ im Jahr 2009. Die Ströme der Direktinvestitionen sind damit bereits eher eingebrochen und sogar noch tiefer gefallen als die Güterströme, auf nur noch die Hälfte ihres Wertes vom Jahr 2007.

Abbildung 1: Welthandelsvolumen und weltweite Direktinvestitionen

<p>Quelle:  WTO, Trade statistics; UNCTAD, World Investment Report.</p>

Quelle: WTO, Trade statistics; UNCTAD, World Investment Report.

Steiler Anstieg der protektionistischen Maßnahmen nach der Finanzkrise

In Reaktion auf diese Entwicklung ließen sich viele Regierungen darauf ein, neue Handelsbeschränkungen einzuführen, was seit 2008 von der Initiative Global Trade Aler[ a ]t aufmerksam beobachtet und dokumentiert wird. In der Folge ist die Zahl solcher Maßnahmen stark angestiegen, besonders im Jahr 2009. In den Jahren 2010 und 2011, als die Weltwirtschaft sich wieder erholte, ging auch die Zahl der neu eingeführten Protektionsmaßnahmen wieder zurück. Das gilt insbesondere für klar diskriminierende Maßnahmen, während nicht-diskriminierende Maßnahmen, die eher zur Liberalisierung des Handels beitragen, zugenommen haben.

Abbildung 2: Neue protektionistische Maßnahmen per Vierteljahr

<p>Quelle: Global Trade Alert, Statistics; GTA Reports 1-8. &ndash;
Eigene Berechnungen.</p>

Quelle: Global Trade Alert, Statistics; GTA Reports 1-8. – Eigene Berechnungen.

Die Webseite des Global Trade Alert hatte bis zum 18. Mai 2011 1610 Protektionsmaßnahmen registriert, die seit November 2008 ergriffen worden waren. Für etwa 40 Prozent aller Länder weltweit wurden Protektionsmaßnahmen der einen oder anderen Form in der GTA-Datenbank erfasst. Die Mehrzahl der ergriffenen Maßnahmen waren Handelsbeschränkungen im engeren Sinne (Tabelle 1). Nur knapp 7 Prozent der Maßnahmen bezog sich dagegen direkt auf Direktinvestitionen, indem sie Investitionen (einschließlich Vorschriften, heimische Zulieferer zu bevorzugen) oder geistige Eigentumsrechte betrafen.

Tabelle 1: Anteil der Maßnahmen nach Typ

<p>Quelle: Global Trade Alert</p>

Quelle: Global Trade Alert

Hochentwickelte Länder ganz vorne

Meistens waren es gerade die großen und hochentwickelten Länder, die zu protektionistischen Maßnahme griffen: Überblicksstatistiken zeigen, dass ein durchschnittliches protektionistisches Land (d.h., ein Land, das seit November 2008 protektionistische Maßnahmen ergriffen hat) ein um das 30-fache höheres BIP hatte als ein durchschnittliches nicht-protektionistisches Land (d.h., ein Land, das seit November 2008 keine solchen Maßnahmen ergriffen hat; Tabelle 2; einen Überblick, welches Land zu welcher Gruppe gehört, gibt Abbildung A1).

Tabelle 2: Das BIP in protektionistischen und nicht-protektionistischen Ländern

<p>Quelle: Eigene Berechnungen auf der Basis von Daten von GTA, WDI und UNCTAD.</p>

Quelle: Eigene Berechnungen auf der Basis von Daten von GTA, WDI und UNCTAD.

Tatsächlich haben die G20-Länder den Löwenanteil aller protektionistischen Maßnahmen zu verantworten (Evenett 2011). So hat zum Beispiel die amerikanische Regierung eine explizite “Buy-American”-Politik verfolgt, indem sie entsprechende Vorgaben für öffentliche Aufträge im Dezember 2009 ausdehnte, oder indem sie den Bezug von ausländischen Vorleistungen, seien es Güter oder Dienstleistungen, im Dezember 2010 mit einer neuen Steuer von 2 Prozent belegte (während im Juni 2010 Buy-American-Vorgaben im Fall von Beschaffungsaufträgen für die Verteidigung bereits wieder gemildert worden waren). Außerdem leitete die amerikanische Regierung im Jahr 2009 eine ganze Reihe von Verfahren wegen Dumpingverdachts ein, vor allem gegen bestimmte Produkte aus Ländern wie China, Mexiko und Indien.

Ähnlich leitete auch die Europäische Union Ende 2009 / Anfang 2010 Antidumping-Verfahren ein und belegte mehrere Importgüter aus Indien, China und Brasilien mit besonderen Abgaben. Daneben erweiterte die deutsche Regierung unter anderem eine Innovationshilfe zugunsten des heimischen Schiffbaus. Sowohl die deutsche als auch die französische Regierung legten in den Jahren 2009 bzw. 2008 eine Abwrackprämie für Autos auf, die sich allerdings bemerkenswerter Weise nicht gegen den Kauf von ausländischen Autos richteten. Ansonsten führte auch die französische Regierung eine große Anzahl von protektionistischen Maßnahmen ein, wie zum Beispiel gerade kürzlich (Februar bis April 2011) einige befristete Maßnahmen zur Zinssubventionierung und Exportförderung.

Neben diesen und anderen G20-Ländern gehörten allerdings auch einige der aufstrebenden Länder wie Venezuela, Vietnam oder Nigeria zu jenen mit der am stärksten ausgeprägten Protektionsneigung. Im Gegensatz dazu zählt zu den nicht-protektionistischen Ländern zum einen eine Gruppe extrem kleiner aber hochentwickelter Länder (wie Hongkong und Liechtenstein) und zum anderen eine Gruppe sehr entlegener und rückständiger Länder.

Was Direktinvestitionen anlangt, hatte ein durchschnittliches protektionistisches Land weit höhere Zu- und Abflüsse als ein durchschnittliches nicht-protektionistisches Land; dennoch waren die ersteren Länder gemessen an ihrem BIP erheblich weniger offen für Direktinvestitionen als die letzteren –  das galt bereits vor der Krise und erst recht danach (Tabelle 3). Denn während der Krise erlebten die protektionistischen Länder einen scharfen Einbruch sowohl der Zu- wie der Abflüsse an Direktinvestitionen, während Länder, die auf solche Protektionsmaßnahmen verzichteten, immer noch erhebliche Zuwächse an Direktinvestitionen realisieren konnten.

Tabelle 3: Ausländische Direktinvestitionen in protektionistischen und nicht-protektionistischen Ländern

<p>Quelle: Eigene Berechnungen auf der Basis von Daten von GTA, WDI und UNCTAD.</p>

Quelle: Eigene Berechnungen auf der Basis von Daten von GTA, WDI und UNCTAD.

Beziehung zwischen Protektionismus und Direktinvestitionen

So drängt sich bereits auf den ersten Blick der Eindruck eines negativen Zusammenhangs zwischen der Einführung von protektionistischen Maßnahmen und der Entwicklung der Direktinvestitionen auf. Natürlich könnte es sich um eine Schein-Beziehung handeln, die in Wirklichkeit von anderen Besonderheiten der einen und der anderen Ländergruppe geprägt wird. Man kann gut argumentieren, dass ein Großteil des Rückganges an Direktinvestitionen auf ungünstige Veränderungen der ökonomischen Basisdaten zurückzuführen ist, die die grenzüberschreitenden Investitionsaktivitäten gehemmt haben. So ist die Konsumentennachfrage in vielen Ländern stark zurückgegangen und die BIP-Wachstumsraten sind gesunken. Außerdem dürfte die allgemeine ökonomische Verunsicherung im Angesicht der Krise die internationalen Ströme von Direktinvestitionen gedämpft haben.

Theoretische Überlegungen stützen allerdings den Eindruck eines Zusammenhangs zwischen Handelsbeschränkungen und ausländischen Direktinvestitionen, wenn auch mit Ambivalenz über die Richtung des Zusammenhangs. Eine These besagt, dass Handelsbeschränkungen Direktinvestitionen begünstigen, insbesondere horizontale Direktinvestitionen. Multinationale Unternehmen könnten bestrebt sein, sich Märkte zu erschließen, die durch hohe Handelsschranken abgeschottet sind, indem sie dort Tochterunternehmen errichten. Dies würde die Ströme von Direktinvestitionen erhöhen.

Im Gegensatz dazu steht eine andere These, wonach Handelsbeschränkungen Direktinvestitionen vermindern würden, insbesondere vertikale Direktinvestitionen. Zum einen könnten multinationale Unternehmen wenig geneigt sein, Unternehmensteile innerhalb der Wertschöpfungskette ins Ausland auszulagern sofern Importe und Exporte von intermediären Produkten durch hohe Handelsbarrieren behindert werden.  Zum anderen könnten Handelsbeschränkungen ausländische Investoren entmutigen, heimische Unternehmen zu übernehmen, was ja eine andere Form von Direktinvestitionen ist (Norbäck und Persson, 2004). Ganz allgemein könnten Handelsbeschränkungen Misstrauen bei möglichen ausländischen Investoren wecken, ob sie künftig auf die Offenheit des Landes – nicht nur in Bezug auf den Handel – setzen können.

Empirische Untersuchungen stützen ebenfalls den Eindruck, dass es eine Beziehung zwischen Handelsbeschränkungen und Direktinvestitionen gibt, und bestätigen außerdem das negative Vorzeichen. So untersuchen Görg und Labonte (2011) empirisch die kurzfristigen Effekte der während der Krise getroffenen protektionistischen Maßnahmen auf die bilateralen Investitionsaktivitäten. In der Arbeit werden Daten des Global Trade Alert verwendet und mit den bilateralen DI-Strömen zwischen OECD-Ländern und weiteren Partnerländern in den Jahren 2006 bis 2009 kombiniert. Dazu schätzen die Autoren ein Gravitationsmodell der bilateralen DI-Ströme in Abhängigkeit von der Größe und dem Wohlstand der beiden beteiligten Länder sowie von dem Ausmaß möglicher Barrieren für Direktinvestitionen. Hinsichtlich der Barrieren wird angenommen, dass sie einerseits aus der (geographischen) Entfernung zwischen den beiden Ländern und andererseits aus den beobachteten protektionistischen Maßnahmen bestehen.

Indem zwischen protektionistischen Ländern, die seit 2008 überhaupt protektionistische Maßnahmen eingeführt haben, und nicht-protektionistischen Ländern, die davon ganz abgesehen haben, unterschieden wird (durch eine Dummy-Variable), und indem weitere Kontrollvariablen (Country-Pair Fixed-Effects und Time Fixed-Effects) berücksichtigt werden, werden in dem Schätzmodell die nicht-protektionistischen Länder sozusagen als Kontrollgruppe den protektionistischen Ländern gegenübergestellt. Dieses Schätzmodell ermöglicht es dann, die Effekte der Protektionsmaßnahmen auf die DI-Ströme in einem Difference-in-Differences-Ansatz zu identifizieren.

Je mehr Protektionismus desto weniger Direktinvestitionen

Das Ergebnis dieser Analyse ist eindeutig: Ein Land, das neue Protektionsmaßnahmen einführt, läuft Gefahr, dafür geringere Zuflüsse an Direktinvestitionen hinnehmen zu müssen. Die Punktschätzungen aus verschiedenen Varianten des Schätzmodells legen nahe, dass die Einführung einer solchen Maßnahme mit einer Einbuße von 40 – 80 Prozent der DI-Zuflüsse einhergehen kann. Dagegen haben Protektionsmaßnahmen offenbar keinen Einfluss auf die eigenen Direktinvestitionsaktivitäten eines Landes im Ausland. Der negative Effekt auf DI-Zuflüsse scheint im Übrigen nicht so sehr auf Maßnahmen zurückzuführen sein, die sich direkt auf Investitionen beziehen, sondern eher auf Maßnahmen, die auf den Schutz geistigen Eigentums oder auf Handelsbeschränkungen im engeren Sinne abstellen.

Fazit

Zusammengefasst lässt sich schlussfolgern:

  • Maßnahmen, die von Regierungen ergriffen werden, um ihre eigene Ökonomie zu schützen, können nach hinten losgehen: Sie können den höchst erwünschten Zufluss von Investitionskapital aus dem Ausland vermindern, während sie den vielleicht weniger erwünschten Abfluss von Investitionskapital ins Ausland kaum bremsen.
  • Der Grund dafür ist vermutlich, dass protektionistische Maßnahmen den notwendigen Austausch von Gütern und Dienstleistungen entlang der Wertschöpfungskette – und damit die Bildung von multinationalen Unternehmen – behindern. Außerdem vermitteln solche Maßnahmen ausländischen Investoren ganz generell ein Gefühl von Unsicherheit und Misstrauen hinsichtlich der Zukunftsaussichten eines derart protektionistischen Landes.
  • Viele der stark protektionistischen Länder gehören zu den armen und ärmsten Ländern der Erde; durch Protektionismus versuchen sie vielleicht eine Strategie der Importsubstitution und Exportförderung zu verfolgen. Der Schaden, den sie dadurch ihrer eigenen Wirtschaft, ihrer Leistungsfähigkeit und Wachstumsaussichten zufügen, könnte jedoch besonders schwerwiegend sein, weil Direktinvestitionen erfahrungsgemäß gerade in diesen Ländern einen besonders günstigen Effekt auf Wirtschaftswachstum, Unternehmensproduktivität und Beschäftigung haben.

Literatur

Evenett, S.J., 2011, Tensions contained – for now: The 8th GTA Report, Global Trade Alert and CEPR

Görg, H., and P. Labonte (2011), Trade protection during the crisis: Does it deter foreign direct investment? Kiel Working Paper No. 1687, March 2011.

Markusen, J.R., 2002, Multinational firms and the theory of international trade, MIT Press

Norbäck, P.J. and L. Persson, 2004, Privatization and foreign competition, Journal of International Economics, 62, 409-416

UNCTAD, 2010, World Investment Report 2010: Investing in a Low Carbon Economy, United Nations, New York.


©KOF ETH Zürich, 30. Jun. 2011

 
Protektionismus schädigt Protektionisten 3.20 5 10

Kommentare

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    Zu Ihrem Fazit sollte zunächst angemerkt werden, dass nicht alle ausländischen Direktinvestitionen erwünscht sind. Aus der Asienkrise haben wir gelernt, dass hier klar zwischen kurzfristigem und langfristigem Kapital unterschieden werden muss. So behaupteten sich Chinas protektionistische Eingriffe gegenüber kurzfristigem Kapital als Impfstoff gegen die asiatische Grippe. Anhand des Beispiels Asien zeigt sich auch, dass die Krise gerade durch die Liberalisierung des Kapitals ausgelöst worden ist.
    Was ein Freihandel zwischen wirtschaftlich ungleichen Ländern bewirkt, kann am Besten mit einer Anaylse der Auswirkungen des NAFTA auf die mexikanische Wirtschaft veranschaulicht werden. Dazu gibt es Literatur wie Sand am Meer, weshalb ich nur die enorme Abhängigkeit von den USA, die Konzentration der mexikanischen Wirtschaftstätigkeit auf die Maquiladoras und die schlechte Lage der Bauern, die nun Drogen anbauen müssen, nennen möchte.
    Außerdem hat die Antidumpingpolitik meines Erachtens in erster Linie Nachteile für die betroffenen Länder und weniger für die heimische Wirtschaft. Sie schreiben auch, dass viele Länder, die protektionistische Politik betreiben, zu den Ärmsten der Welt gehören. Diese These ist sehr zweifelhaft, da insbesondere die westlichen Länder mit Antidumpingpolitik und Subventionen der heimischen Agrarwirtschaft arbeiten, während der großteil Mittel- und Südamerikas und Afrikas vom IWF zur Öffnung der Märkte gezwungen wurden.

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Schlagworte

Direktinvestitionen, Handel, Protektionismus

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