Die Lohnungleichheit ist in vielen industrialisierten Ländern während der letzten Jahrzehnte merklich angestiegen (Machin und van Reenen, 2007). Gleichzeitig ist die Tarifbindung in vielen dieser Länder stark zurückgegangen (OECD, 2004), so dass sich ein Zusammenhang dieser beiden Phänomene zumindest vermuten lässt. Ein anderer Erklärungsfaktor für den Anstieg der Lohnungleichheit könnte ein qualifikationsverzerrter technischer Fortschritt (Skill-Biased Technological Change, kurz SBTC) sein. In der ursprünglichen Form geht diese Hypothese davon aus, dass sich dadurch die Arbeitsnachfrage nach hochqualifizierten Arbeitnehmern relativ zu der Arbeitsnachfrage nach niedrigqualifizierten Arbeitnehmern gleichförmig über die gesamte Lohnverteilung hinweg erhöht. Weiterhin wird angenommen, dass diese steigende relative Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften höher ausfällt als der parallel verlaufende Anstieg des Angebots an höherqualifizierten Arbeitskräften.
Autor et al. (2003) zeigen auf, wie neue Technologien die Tätigkeiten der Arbeitskräfte verändern und somit den Arbeitsmarkt beeinflussen. Dieser sogenannte tätigkeitsbasierte Ansatz legt dar, wie die veränderte Technologie zu einer Substitution von Routine-Tätigkeiten durch Computer und Maschinen führt. Im Ergebnis führt dies zu einer Polarisierung der Beschäftigung, wie sie seit den 1990er Jahren in den USA, Großbritannien und Deutschland beobachtet wird (Goos und Manning, 2007; Autor et al., 2008; Spitz-Oener, 2006; Dustmann et al., 2009). Darunter wird ein U-förmiger Verlauf des Beschäftigungswachstums über die Lohnverteilung verstanden, und zwar dahin gehend, dass sowohl die Beschäftigung von Hochqualifizierten als auch die Beschäftigung von Niedrigqualifizierten relativ zu der Beschäftigung von Personen mit mittlerem Qualifikationsniveau ansteigt. Potentiell kann diese Entwicklung zu einer U-förmigen Lohnentwicklung über die Lohnverteilung führen, bei der sowohl die Löhne der Niedrigqualifizierten als auch die der Hochqualifizierten relativ zu den Löhnen von Personen mit mittlerem Qualifikationsniveau ansteigen, wie dies Autor und Dorn (2009) zeigen. Die Polarisierung von Löhnen konnte allerdings bisher nur für die USA nachgewiesen werden.
Zielsetzung dieser Beitrages ist eine zusammenfassende Diskussion der Entwicklung der Lohnungleichheit in Deutschland auf Basis der Ergebnisse der Studien, an denen die Autoren beteiligt sind (Antonczyk et al., 2009, 2010a,b, 2011; Antonczyk, 2011), und weiterer einschlägiger Studien. Insbesondere wird hierbei der Rückgang der Tarifbindung als mögliche institutionelle Ursache für die Entwicklungen des Arbeitsmarkts in Betracht gezogen. Gleichzeitig greift der Beitrag die Polarisierungshypothese auf. Wir diskutieren wirtschaftspolitisch relevante Aspekte der empirischen Ergebnisse. Einschränkend sei angemerkt, dass wir uns auf Westdeutschland beschränken, da die Entwicklung in Ostdeutschland bis in die 2000er Jahre stark durch die Transformation nach der Wiedervereinigung beeinflusst war. Westdeutschland (oder die alten Bundesländer) ist gemeint, wenn im Folgenden von Deutschland gesprochen wird.
Die Lohnungleichheit ist in Deutschland stark angestiegen
Es ergeben sich folgende zentrale empirische Befunde für Deutschland: Die Lohnungleichheit ist während der letzten 25 Jahre stark angestiegen (Kohn, 2006; Gernandt und Pfeiffer, 2007; Dustmann et al., 2009; Antonczyk et al., 2009). Im Vergleich zum starken Anstieg über die gesamte Lohnverteilung in den USA und Großbritannien seit Anfang der 1980er Jahre beschränkte sich der Anstieg in Deutschland jedoch während der 1980er Jahre auf den oberen Bereich der Lohnverteilung (Fitzenberger, 1999). Erst Mitte der 1990er Jahre begann die Lohnungleichheit auch im unteren Bereich der Lohnverteilung anzusteigen und der Anstieg hat sich nach 2000 weiter fortgesetzt. Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der realen Tageslöhne am 20%-Quantil, am Median und am 80%-Quantil. Da das Lohnwachstum über den gesamten Zeitraum am 80%-Quantil stärker war als am Median und am Median stärker als am 20%-Quantil war, nahm die Lohnungleichheit im Zeitverlauf zu.
Deutliche Polarisierung der Beschäftigung – keine Polarisierung der Löhne
Spätestens seit den 1990er Jahren ist eine deutliche Polarisierung der Beschäftigung festzustellen und der Rückgang des Beschäftigungsanteils von Niedrigqualifizierten setzt sich seitdem nicht mehr fort (Spitz-Oener, 2006; Dustmann et al., 2009; Antonczyk et al., 2010a). Die Routinisierungshypothese liefert hierfür eine plausible Erklärung. Demgegenüber findet sich jedoch kein Trend hin zu einer Polarisierung der Löhne im unteren Bereich der Lohnverteilung (Antonczyk et al., 2009, 2010b,a). Im Gegenteil: Seit Mitte der 1990er Jahre erlebt Deutschland einen starken Anstieg der Lohnungleichheit im unteren Bereich der Lohnverteilung und das starke Anwachsen des Niedriglohnsektors. Dies bedeutet insbesondere, dass der Anstieg der Arbeitsnachfrage für einfache Nichtroutinetätigkeiten bisher nicht mit Lohngewinnen im Niedriglohnbereich einhergegangen ist.
Abbildung 1: Unbedingtes kumuliertes Lohnwachstum an verschiedenen Quantilen 1979 bis 2004 in Deutschland (in Logarithmendifferenzen)

Quelle: Antonczyk et al. (2010a), auf Basis der IAB-Beschäftigtenstichprobe, deflationiert mit dem Konsumentenpreisindex.
Die Gewerkschaftsmitgliedschaft und die Tarifbindung gehen deutlich zurück
Die Mitgliedschaft in Gewerkschaften geht seit den 1980er Jahren kontinuierlich zurück, wobei sich diese Entwicklung seit den 1990er Jahren noch beschleunigt hat (Fitzenberger et al., 2011; Schnabel, 2005). 2005 liegt der Organisationsgrad bei etwa 20% der Beschäftigten. Zeitverzögert ist ein starker Rückgang der Tarifbindung zu beobachten. Auf Basis der Verdienststrukturerhebungen des Statistischen Bundesamtes ergibt sich im privaten Sektor zwischen 2001 and 2006 ein Rückgang der Tarifbindung von 16,5 Prozentpunkten (PP) für Männer und von 19,1 PP für Frauen (Antonczyk et al., 2010b). Dieser Rückgang lässt sich nur zu einem kleinen Teil aus Veränderungen in Strukturmerkmalen der Firmen erklären (Antonczyk et al., 2011). Es ist insbesondere nicht der Fall, dass die Tarifbindung zurückgeht, weil Wirtschaftszweige mit hoher Tarifbindung relativ zu Wirtschaftszweigen mit niedriger Tarifbindung schrumpfen. Vielmehr geht die Tarifbindung in nahezu allen Wirtschaftszweigen zurück.
Der Rückgang der Tarifbindung kann die zunehmende Lohnungleichheit nur zu einem kleinen Teil erklären
Auf den ersten Blick passt der Rückgang der Tarifbindung bezüglich der zeitlichen Abfolge sehr gut als Erklärung des Anstiegs der Lohnungleichheit. Inzwischen liegt zudem erstmalig für Deutschland kausale Evidenz dafür vor, dass die Tarifbindung die Lohnungleichheit reduziert (Antonczyk, 2011). Gleichwohl zeigen unsere Ergebnisse, dass der Rückgang der Tarifbindung nur zu einem kleinen Teil den Anstieg der Lohnungleichheit erklären kann (Antonczyk et al., 2010b). Als bedeutender Erklärungsfaktor für den Anstieg der Lohnungleichheit können die Veränderungen der Lohnunterschiede zwischen und innerhalb der Wirtschaftszweige identifiziert werden. Diese zunehmende Lohnflexibilisierung erfolgt sowohl im tarifgebundenen wie auch im nicht tarifgebundenen Bereich. Diese Beobachtung passt zu dem zunehmenden Einsatz von flexibleren Entlohnungsformen auf Firmenebene, bspw. in Form von variablen Vergütungssystemen.
Fazit
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die deutsche Lohnstruktur während der letzten 15 Jahre drastischen Veränderungen unterworfen war, welche teilweise im Zusammenhang mit dem Rückgang der Tarifbindung stehen. Allerdings stellen Lohndifferentiale innerhalb und zwischen verschiedenen Sektoren den wichtigsten Erklärungsfaktor für die zunehmende Lohnungleichheit dar. Die zunehmende Lohnflexibilität innerhalb der Industriezweige kann möglicherweise durch die zunehmende Anwendung von flexiblen Entlohnungsformen erklärt werden. Der Anstieg der Lohnungleichheit hat vermutlich die vergleichsweise gute Beschäftigungsentwicklung seit 2005 unterstützt. Das Anwachsen des Niedriglohnsektors und der Rückgang der Tarifbindung sind Auslöser der seit einigen Jahren gestellten politischen Forderungen zur Einführung von Mindestlöhnen. Gleichwohl lässt sich aus unseren Ergebnissen keine Forderung nach einer Einführung von Mindestlöhnen ableiten. Ohne Zweifel stellt jedoch der Anstieg der Lohnungleichheit eine zentrale wirtschafts- und sozialpolitische Herausforderung dar.
Literatur
Antonczyk, D. (2011). Using Social Norms to Estimate the Effect of Collective Bargaining on the Wage Structure. Working Paper, Albert-Ludwigs-University Freiburg.
Antonczyk, D., DeLeire, T. und Fitzenberger, B. (2010a). Polarization and Rising Wage Inequality: Comparing the U.S. and Germany. IZA Discussion Paper, 4842.
Antonczyk, D., Fitzenberger, B. und Sommerfeld, K. (2010b). Rising Wage Inequality, the Decline of Collective Bargaining, and the Gender Wage Gap. Labour Economics, 17(5):835–847.
Antonczyk, D., Fitzenberger, B. und Sommerfeld, K. (2011). Anstieg der Lohnungleichheit, Rückgang der Tarifbindung und Polarisierung. Zeitschrift für ArbeitsmarktForschung, (Im Erscheinen).
Antonczyk, D., Fitzenberger, F. und Leuschner, U. (2009). Can a Task-Based Approach Explain the Recent Changes in the German Wage Structure? Journal of Economics and Statistics, 229(2+3):214–238.
Autor, D. und Dorn, D. (2009). Inequality and Specialization: The Growth of Low-Skill Service Jobs in the United States. IZA Discussion Paper, 4290.
Autor, D., Katz, L. und Kearney, M. (2008). Trends in U.S. Wage Inequality: Revising the Revisionists. Review of Economics and Statistics, 90(2):300–323.
Autor, D., Levy, F. und Murnane, R. (2003). The Skill Content of Recent Technological Change: An Empirical Exploration. The Quarterly Journal of Economics, 118(4):1279–1333.
Dustmann, C., Ludsteck, J. und Schönberg, U. (2009). Revisiting the German Wage Structure. The Quarterly Journal of Economics, 124(2):843–881.
Fitzenberger, B. (1999). Wages and Employment Across Skill Groups: An Analysis for West Germany. Physica/Springer, Heidelberg.
Fitzenberger, B., Kohn, K. undWang, Q. (2011). The Erosion of Union Membership in Germany: Determinants, Densities, Decompositions. Journal of Population Economics, 24(1):141–165.
Gernandt, J. und Pfeiffer, F. (2007). Rising Wage Inequality in Germany. Journal of Economics and Statistics, 227:358–380.
Goos, M. und Manning, A. (2007). Lousy and Lovely Jobs: The Rising Polarization of Work in Britain. Review of Economics and Statistics, 89:118–133.
Kohn, K. (2006). Rising Wage Dispersion, After All! The German Wage Structure at the Turn of the Century. ZEW Discussion Paper, 06–031.
Machin, S. und van Reenen, J. (2007). Changes in Wage Inequality. Centre for Economic Performance, London School of Economics, (Special Paper No. 18). OECD (2004). OECD Employment Outlook, Chapter 3, Wage –Setting Institutions and Outcomes. Organisation for Economic Co-operation and Development, Paris.
Schnabel, C. (2005). Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände: Organisationsgrade, Tarifbindung und Einflüsse auf Löhne und Beschäftigung. Zeitschrift für ArbeitsmarktForschung, 2 und 3:181 –196.
Spitz-Oener, A. (2006). Technical Change, Job Tasks, and Rising Educational Demands: Looking Outside the Wage Structure. Journal of Labor Economics, 24(2):235–270.
©KOF ETH Zürich, 3. Jun. 2011
