Sind umweltbewusste Personen Protektionisten?

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Thomas Bernauer, 18. April 2011
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Internationale Handelsfragen werden seit rund 20 Jahren zunehmend mit Umweltfragen in Zusammenhang gebracht. Umweltschützer weisen auf schädliche ökologische Nebenwirkungen des internationalen Handels hin, beispielsweise auf direkte Schäden durch mehr Gütertransport oder indirekte Schäden durch Verlagerung umweltschädlicher Produktionstätigkeiten in weniger regulierte Länder (pollution havens). Zudem standen in mehreren prominenten Handelskonflikten im Rahmen der WTO und der EU Freihandels- und Umweltanliegen einander diametral gegenüber.

Komplizierte Wechselwirkungen

Die politikwissenschaftliche und ökonomische Literatur zu diesen Fragen zeigt, dass zwischen Handel und Umweltschutz komplizierte Wechselwirkungen existieren, deren Netto-Effekte meist nicht klar in eine Richtung tendieren. Beispielsweise bleibt umstritten, ob aussenwirtschaftliche Öffnung zu mehr oder weniger Umweltschutz führt, vor allem wenn die Analyse nicht auf den Territorialstaat beschränkt bleibt, sondern auch Umweltschäden einbezieht, die ein bestimmtes Land weltweit verursacht.

PolitikerInnen scheinen Umweltanliegen in der Handelspolitik durchaus zu berücksichtigen. So sind Abklärungen zu Umweltkonsequenzen im Rahmen der Aushandlung bilateraler oder multilateraler Freihandelsabkommen in vielen Ländern mittlerweile üblich; und viele internationale Abkommen dieser Art beinhalten sogar spezifische Umweltklauseln.

Lehnen grüne Wähler den Freihandel ab oder befürworten sie ihn?

Erstaunlicherweise ist bisher aber noch niemand der Frage nachgegangen, ob sich die auf der Makro-Ebene beobachtbare Verbindung von Umwelt und Freihandel auch auf der Individual-Ebene, also der Ebene der Wählerschaft, identifizieren lässt. Dahinter steht die Frage, ob die zunehmende Verbindung der beiden Politikbereiche den Präferenzen des “Medianwählers” entspricht oder eher auf den überproportionalen Einfluss (grüner) Interessengruppen zurückzuführen ist.

In einem zusammen mit Michael Bechtel und Reto Meyer verfassten Beitrag[ 1 ] habe ich diese Frage untersucht. Leider gab es bisher keine Umfragen, die innerhalb der gleichen Datenerhebung brauchbare Informationen sowohl zu Umwelteinstellungen als auch zu Einstellungen bezüglich Aussenwirtschaft liefern. Glücklicherweise konnte ich einige Fragen zum Aussenhandel und zur wirtschaftlichen Globalisierung in einen von meinem ETH-Kollegen Andreas Diekmann durchgeführten nationalen Umweltsurvey in der Schweiz hinzufügen. Damit lässt sich nun der mögliche Zusammenhang zwischen Umwelteinstellungen und aussenwirtschaftlichen Präferenzen erstmals untersuchen.

Ergebnisse

Die folgende Grafik fasst die wichtigsten Ergebnisse zusammen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass Individuen mit stärkerem Umweltbewusstsein eine kritischere Haltung gegenüber der wirtschaftlichen Globalisierung insgesamt an den Tag legen und eher protektionistische Massnahmen befürworten. Vereinfacht formuliert: Wenn sich das Umweltbewusstsein einer Person von einer Standardabweichung unterhalb auf eine Standardabweichung oberhalb des Mittelwertes erhöht – dies entspricht ungefähr einer 35%igen Zunahme der Stärke der Umweltpräferenz innerhalb der tatsächlich beobachteten Werte auf dieser Variable – steigt die Wahrscheinlichkeit einer protektionistischen Einstellung um durchschnittlich rund 10%. Angesichts der Tatsache, dass aussenwirtschaftliche Präferenzen von diversen Faktoren beeinflusst werden, ist dieser Zusammenhang beachtlich. Er liegt ungefähr in der Grössenordnung des Effekts von Faktoren, die traditionellerweise von der Aussenhandelstheorie in den Vordergrund gestellt werden (v.a. die wirtschaftlichen Umverteilungseffekte von Freihandel). Die Grafik zeigt, dass der Zusammenhang auch bei unterschiedlichen Formulierungen der Protektionismus-Frage in die gleiche Richtung tendiert und statistisch weitgehend signifikant ist.

Quelle: Bechtel, Bernauer, Meyer 2010.


Die Grafik liefert auch Informationen dazu, ob der Zusammenhang zwischen Umweltbewusstsein und aussenwirtschaftlichen Präferenzen konditional ist; insbesondere ob er von der politisch-ideologischen Orientierung von Individuen (hier auf dem links-rechts Spektrum gemessen) abhängt. Diese Frage ist deshalb interessant, weil im Gegensatz zur landläufigen Meinung politisch rechte Personen nicht unbedingt weniger “grün” sein müssen. So existieren in der Schweiz und auch in anderen Ländern grüne Strömungen auch im bürgerlichen und bis weit ins rechts-konservative Lager hinein. Die Grafik deutet darauf hin, dass rechts-grüne Personen tendenziell eher auf klassischen Industrieprotektionismus (Schutz von Arbeitsplätzen) ansprechen und links-grüne Personen tendenziell eher auf Protektionismus, der auf Produkte bezogen ist. Wenn man bedenkt, dass die Globalisierungsverlierer in den vergangenen Jahren mehrheitlich von linken in rechtspopulistische Parteien abgewandert sind (v.a. zur Schweizerischen Volkspartei, SVP; Deutschland ist diesbezüglich in Europa eine Ausnahme) und auf der politisch linken Seite viel Wert auf Fair Trade, Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards auch im Ausland, gentech-freie Produkte usw. gelegt wird, sind diese Resultate durchaus plausibel.

Insgesamt zeigt die Studie, dass die auf der Makro-Ebene beobachtbare Verbindung von Umweltschutz und Aussenwirtschaft auch auf der Mikro-Ebene existiert. Umweltbewusstere Individuen sind tendenziell protektionistischer. Politiker scheinen somit weitgehend den Präferenzen der Wählerschaft, und nicht primär dem Druck von Umweltaktivisten zu folgen, wenn sie Umweltanliegen im Rahmen der Aussenwirtschaftspolitik berücksichtigen.


  • 1  Bechtel, Michael M., Bernauer, Thomas and Meyer, Reto, The Green Side of Protectionism: How Environmental Attitudes Shape Different Facets of Trade Policy Preferences (December 2, 2010). Available at SSRN: http://ssrn.com/abstract=1718959

©KOF ETH Zürich, 18. Apr. 2011

 
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Thomas Bernauer

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Schlagworte

aussenwirtschaftliche-Präferenzen, Individualdaten, Internationaler-Handel, Protektionismus, Umwelt, Umweltbewusstsein

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