Outsourcing verringert nicht die Beschäftigungssicherheit

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Ronald Bachmann und Sebastian Braun, 4. März 2011
Outsourcing verringert nicht die Beschäftigungssicherheit 3.56 5 9

Der steigende Wettbewerbsdruck aus Niedriglohnländern wird von Arbeitnehmern, Gewerkschaftlern und Politikern in Industrienationen mit Sorge betrachtet. Sie fürchten insbesondere, dass heimische Arbeitsplätze durch die zunehmende Verlagerung von Teilen des Produktionsprozesses ins Ausland („internationales Outsourcing“) verloren gehen und die Beschäftigungsstabilität sinkt. Für Deutschland werden diese Befürchtungen von uns jedoch in einer aktuellen Studie empirisch widerlegt: Weder im verarbeitenden Gewerbe noch im Dienstleistungssektor wirkt sich internationales Outsourcing negativ auf die Beschäftigungsstabilität aus. Im Dienstleistungsbereich geht Outsourcing sogar mit einer höheren Stabilität der Beschäftigungsverhältnisse einher.

Internationales Outsourcing in Deutschland

Beim „internationalen Outsourcing“ handelt es sich um die Auslagerung von Teilen der Wertschöpfungskette ins Ausland. Die verlagerten Prozesse werden entweder von einem Tochterunternehmen der auslagernden Firma oder von einem unabhängigen Unternehmen im Ausland getätigt. Die betroffenen Produkte oder Dienstleistungen werden dann aus dem Ausland nach Deutschland importiert und gehen dort als Zwischenprodukte in den Produktionsprozess ein.

Outsourcing spielt im verarbeitenden Gewerbe seit längerer Zeit eine wichtige Rolle. Prominente Beispiele hierfür sind in der Automobilindustrie zu finden, wo mittlerweile viele Fahrzeugkomponenten von Zulieferern aus dem Ausland bezogen werden und dann in die (End-)Fertigung in Deutschland eingehen. Ein neueres Phänomen ist das Outsourcing im Dienstleistungsbereich, das vor allem durch die Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) erleichtert wird. Das Internet sowie Tele- oder Videokonferenzen ermöglichen hierbei die Koordinierung von Tätigkeiten an verschiedenen Enden der Welt und die elektronische Übermittlung der Ergebnisse in Sekundenbruchteilen. So werden Softwarecodes in Indien geschrieben und dann per E-Mail nach Deutschland geschickt.

Grafik 1 zeigt die Entwicklung von internationalem Outsourcing für den Zeitraum 1991-2000, auf den sich unsere Studie bezieht. Das Maß für die Intensität des Outsourcing ist dabei definiert als Anteil der aus dem gleichen Sektor importierten Vorleistungen am Produktionswert. Die Datengrundlage besteht aus Input-Output-Tabellen des Statistischen Bundesamtes. Es zeigt sich, dass Outsourcing im Beobachtungszeitraum sowohl im verarbeitenden Gewerbe als auch im Dienstleistungsbereich deutlich angestiegen ist. Im verarbeitenden Gewerbe betrug das Wachstum knapp 46%, im Dienstleistungsbereich sogar 180%, wobei hier der Ausgangswert allerdings auch deutlich geringer war.

Grafik 1: Internationales Outsourcing in Deutschland, 1991 - 2000

Outsourcing gefährdet allgemeine Arbeitsplatzstabilität nicht

Zunehmendes Outsourcing könnte negative Folgen für die Arbeitsplatzstabilität in Deutschland haben, da durch die Verlagerung von Produktionsprozessen ins Ausland die Nachfrage nach Arbeitnehmern im Inland sinkt. Doch Outsourcing reduziert andererseits auch die Kosten von Unternehmen und erhöht deren Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität. Höhere Produktivität und steigende Wettbewerbsfähigkeit könnten wiederum die Arbeitsnachfrage ankurbeln und die Beschäftigungsstabilität erhöhen. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass zumindest im Dienstleistungsbereich die positiven Arbeitsmarkteffekte von Outsourcing überwiegen.

Um eine empirische Aussage zu Einfluss von Outsourcing auf die Beschäftigungsstabilität zu ermitteln, haben wir Beschäftigungsstabilität als die Summe von drei Wahrscheinlichkeiten für drei spezifische Veränderungen der Beschäftigungssituation interpretiert: Direkte Wechsel von einem Job zu einem anderen (ob freiwillig oder erzwungen), den Verlust des bisherigen Arbeitsplatzes und anschließende Arbeitslosigkeit (also ein Übergang von einem Beschäftigungsverhältnis in die Arbeitslosigkeit) sowie dem Ausscheiden aus dem Arbeitsmarkt (Übergang von einem Beschäftigungsverhältnis in die Nichtpartizipation). Erhöht sich durch Outsourcing die Wahrscheinlichkeit für einen dieser drei Übergänge, dann kann dies als Reduzierung der Beschäftigungsstabilität interpretiert werden. Für diesen Teil der Untersuchung haben wir zusätzlich zu den oben genannten Input-Output-Daten des Statistischen Bundesamtes auch Mikrodaten zur Erwerbsbiographie von Arbeitnehmern genutzt, die vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zur Verfügung gestellt werden.

Die Studie zeigt für das verarbeitende Gewerbe, dass bei Betrachtung aller Arbeitnehmer Outsourcing keine negativen Effekte auf die Arbeitsplatzstabilität hat. Wir stellen im Gegenteil sogar einen schwach positiven Effekt fest. Im Dienstleistungsbereich zeigen sich hingegen deutlich positive Effekte auf die Arbeitsplatzstabilität. Outsourcing hat dabei ganz unterschiedliche Auswirkungen auf die drei betrachteten spezifischen Veränderungen der Beschäftigungssituation. So nehmen im verarbeitenden Gewerbe die direkten Job-zu-Job-Übergänge und die Übergänge in die Arbeitslosigkeit bei steigendem Outsourcing ab. Allerdings scheiden auch mehr Personen komplett aus dem Arbeitsmarkt aus. Im Dienstleistungsbereich hingegen ist der beobachtete Anstieg der Beschäftigungsstabilität vollständig darauf zurückzuführen, dass direkte Job-zu-Job-Übergänge bei steigendem Outsourcing zurückgehen. Anders als im verarbeitenden Gewerbe führt Outsourcing im Dienstleistungsbereich nicht dazu, dass mehr Personen arbeitslos werden oder den Arbeitsmarkt verlassen.

Die bisher dargestellten Ergebnisse beziehen sich auf eine Gesamtbetrachtung aller Arbeitnehmer. Differenziert man nach individuellen Charakteristika der Arbeitnehmer, dann zeigt sich, dass internationales Outsourcing in den betrachteten Wirtschaftszweigen je nach Alter und Qualifikationsniveau eines Arbeitnehmers ganz unterschiedliche Auswirkungen haben kann. So profitieren im Dienstleistungssektor insbesondere hochqualifizierte Arbeitnehmer von internationalem Outsourcing. Für diese Arbeitnehmer reduziert sich bei steigender Intensität des Outsourcing sowohl das Risiko der Arbeitslosigkeit als auch die Wahrscheinlichkeit, den Arbeitsmarkt ganz zu verlassen. Dagegen verzeichnen ältere Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe ein höheres Risiko, aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden, wenn die Intensität des Outsourcing steigt.

Die differenzierten Ergebnisse unserer Studie resultieren aus dem Umstand, dass Outsourcing zwei gegenläufige Effekte auf die Arbeitsnachfrage von Firmen hat: Einerseits fragen inländische Firmen, die bestehende Produktionsprozesse ins Ausland verlagern, zunächst weniger inländische Arbeitskräfte nach. Andererseits ermöglicht Outsourcing eine intensivere internationale Arbeitsteilung und kann somit die Produktivität von Unternehmen erhöhen. Ein Beispiel hierfür wäre eine Automobilfirma, die durch den Einkauf von Zwischenprodukten im Ausland ihre Kosten senkt und damit ihre Wettbewerbsposition stärkt. Höhere Wettbewerbsfähigkeit erhöht wiederum auch die heimische Arbeitsnachfrage und führt damit zu weniger Arbeitsplatzverlusten und zu einer höheren Beschäftigungsstabilität. Insgesamt scheint der positive Effekt zu überwiegen. Insbesondere im Dienstleistungsbereich führt Outsourcing insgesamt zu einer höheren Beschäftigungsstabilität.

Fazit

Unsere Untersuchung zeigt für den Beobachtungszeitraum 1991-2000, dass Outsourcing in Deutschland weder im verarbeitenden Gewerbe noch im Dienstleistungsbereich die Beschäftigungssicherheit verringert hat. Im Dienstleistungsbereich hat Outsourcing die Beschäftigungssicherheit sogar erhöht. Die Studie trägt somit zur wachsenden empirischen Evidenz bei, dass internationales Outsourcing keine bedeutenden negativen Effekte auf die Beschäftigungssicherheit hat (vgl. z.B. Munch 2010, für Dänemark). Allerdings variieren die Effekte von Outsourcing je nach Alter und Qualifikationsniveau der betroffenen Arbeitnehmer, für bestimmte Gruppen von Arbeitnehmern können sie durchaus negativ sein (vgl. hierzu auch Geishecker 2008). Trotzdem sind im Lichte unserer Ergebnisse die in der öffentlichen Debatte immer wieder geäußerten Befürchtungen nicht gerechtfertigt, denen zufolge Outsourcing massenhaft heimische Arbeitsplätze vernichte und die Beschäftigungsstabilität signifikant verringere.

Literatur

Bachmann, R. und S. Braun (2011), The impact of international outsourcing on labour market dynamics in Germany. Scottish Journal of Political Economy 58(1): 1-28.

Geishecker, I. (2008). The impact of international outsourcing on individual employment security: a micro-level analysis. Labour Economics, 15(3): 291–314.

Munch, J. R. (2010). Whose job goes abroad? International outsourcing and individual job separations. Scandinavian Journal of Economics, 112(2): 339–60.

©KOF ETH Zürich, 4. Mär. 2011

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • The winner takes it all. The loser standing small

    [ ]

    Das sind so die zwei Sätze, welche mich am meisten interessierten bzw. meine Befürchtung bestätigen:

    "Allerdings scheiden auch mehr Personen komplett aus dem Arbeitsmarkt aus."

    und

    "Dagegen verzeichnen ältere Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe ein höheres Risiko, aus dem Arbeitsmarkt auszuscheiden, wenn die Intensität des Outsourcing steigt."

    Gut, wenn sich für die Mehrheit der Arbeitnehmer die "Beschäftigungssicherheit" erhöht. Aber eben: Was sollen wir mit der Minderheit machen? Mit den Verlierern des Outsourcings? Irgendwie unbefriedigend, wenn diese Minderheit von den Transferleistungen der Mehrheit lebt.

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Sebastian Braun

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Schlagworte

Arbeitslosigkeit, Arbeitsplatzstabilität, Beschäftigungssicherheit, Outsourcing

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