Leistungsbilanzdefizite, Leistungsbilanzüberschüsse, Ungleichgewichte und ökonomische Krise

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Roland Aeppli, 15. März 2011
Leistungsbilanzdefizite, Leistungsbilanzüberschüsse, Ungleichgewichte und ökonomische Krise 3.15 5 13

«Auch Überschüsse sind Ungleichgewichte, «Re-balancing» durch ausgeglichenere Aussenhandelsbilanzen, Marktkommentatoren sehen zunehmend auch hohe Handelsüberschüsse – und nicht nur die Defizite – als Quelle von unerwünschter Instabilität an.»[ 1 ]

Die hier wiedergebenden Zitate illustrieren die momentan in der veröffentlichten Meinung vorherrschende Argumentation zur Problematik von Leistungsbilanzüberschüssen bzw. -defiziten und den derzeit weltweiten wirtschaftlichen Problemen auf zutreffende Weise. Mit beinahe gebetsmühlenhafter Gleichmässigkeit werden sie in den Medien verbreitet; und die Frage nach deren Stichhaltigkeit geht leicht vergessen.[ 2 ]

Sind Zahlungsbilanzdefizite bzw. –überschüsse wirklich unerwünscht?

Grundsätzlich sind es zwei fundamentale Einwendungen, die Zweifel aufkommen lassen an der Richtigkeit der oben zitierten Argumentation: Die Gleichsetzung eines Zahlungsbilanzdefizits bzw. -überschusses mit einem ökonomischen Ungleichgewicht, und – damit teilweise zusammenhängend – die Vorstellung, dass anhaltende Zahlungsbilanzdefizite bzw. -überschüsse unerwünscht seien und zu wirtschaftlichen Problemen führen würden.

Die Vorstellung, dass Leistungsbilanzdefizite bzw. -überschüsse ökonomische Ungleichgewichte darstellen würden, ist nicht neu. Sie hat aber seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise eine eigentliche Renaissance erlebt. Hinter diesem Konzept steckt die Idee, dass Leistungsbilanzdefizite bzw. -überschüsse über kurz oder lang zu Anpassungsreaktionen führen würden (wie beispielsweise Finanzmarktkrisen), die unerwünscht seien (Neudeutsch: zu Verwerfungen). Aber ist diese Argumentation stichhaltig?

Um Missverständnissen vorzubeugen, muss vorerst betont werden, dass es in dieser Frage selbstredend nicht um das Problem geht, ob ein Leistungsbilanzdefizit bzw. -überschuss als Ungleichgewicht bezeichnet werden darf. Nach der gängigen – allerdings nicht unbestrittenen – Mainstream Methodologie der zeitgenössischen Wirtschaftswissenschaften können Definitionen nicht «richtig» oder «falsch» sein. Der an sie gestellte Anspruch ist bescheidener: Definitionen sollen zweckmässig sein, und ob sie diese Anforderungen erfüllen, bemisst sich nach den konkret gegebenen Umständen.

Ungleichgewichtig = nicht nachhaltig?

Im Zusammenhang mit der obigen Verwendung des Ungleichgewichtsbegriffs kommt allerdings eine weitere entscheidende Idee hinzu. Mit dem Begriff des Ungleichgewichts untrennbar verbunden ist nämlich die Vorstellung, dass eine ungleichgewichtige Situation nicht nachhaltig sei und deshalb automatisch Korrekturmechanismen auslöse. Es ist diese Idee, die einer näheren Prüfung nicht standhält.

Bekanntlich gibt es in den Wirtschaftswissenschaften eine Vielzahl von Gleichgewichtsbegriffen. Gleichgewicht auf einem einzelnen Markt herrscht, wenn Angebot und Nachfrage übereinstimmen; in der allgemeinen Gleichgewichtstheorie wird ein allgemeines Gleichgewicht definiert als Preisvektor, der sicherstellt, dass alle Märkte gleichzeitig geräumt werden usw. Zentral für all diese Gleichgewichtsbegriffe ist die Vorstellung, dass die Wirtschaftssubjekte je ihre individuellen Pläne realisieren können. Man könnte also sagen: ein Gleichgewichtszustand ist eine Situation, die die gleichzeitige und reziproke Kompatibilität aller ökonomischen Pläne sicherstellt.

Und hier liegt nun die zentrale Verbindung zur Bezeichnung von Leistungsbilanzüberschüssen bzw. -defiziten als Ungleichgewichte. Bei einer beliebigen Teilbilanz der Zahlungsbilanz handelt es sich um eine mehr oder weniger willkürlich festgesetzte buchhalterische Grösse. Mit ökonomischer Theorie hat diese wenig – und mit ökonomischen Plänen überhaupt nichts zu tun. Ob ein Überschuss bzw. Defizit einer Teilbilanz der Zahlungsbilanz mit einer allgemeinen und reziproken Kompatibilität der Pläne der Wirtschaftssubjekte verbunden ist oder nicht, kann nicht beurteilt werden. Das Bestehen eines Überschusses oder Defizits per se gibt dafür nicht den geringsten Anhaltspunkt. Aus diesem Grunde ist auch die Schlussfolgerung, aus einem solchen Überschusses oder Defizits würden sich (unerwünschte) Konsequenzen auf anderen Märkten ergeben, weder theoretisch noch empirisch gerechtfertigt. Daher gilt: Axel Weber, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank, betont daher zu Recht: «(…..) Unterschiede in den Leistungsbilanzen – der Ausdruck „Ungleichgewicht“ ist hier eigentlich irreführend – erhöhen den Wohlstand, weil sie erlauben, den inländischen Verbrauch zeitlich von der inländischen Erzeugung zu entkoppeln»[ 3 ] .

Schliesslich soll noch auf einen weiteren – letztlich nicht weniger relevanten – Einwand hingewiesen werden. Adam Smith hat in seinem epochalen Werk «An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations» auf den Wohlstandsgewinn der Arbeitsteilung hingewiesen. David Ricardo hat mit seiner Theorie der komparativen Kosten die Theorie von Smith ergänzt indem er zeigte, unter welchen Voraussetzungen der Handel mit fremden Ländern dem Inland Vorteile bringt. Es versteht sich von selbst, dass das Ausnützen der komparativen Kostenvorteile im Allgemeinen nicht immer mit ausgeglichenen Teilbilanzen der Zahlungsbilanz verbunden sein wird. Es erstaunt denn auch nicht, dass kein ernst zu nehmender Wirtschaftswissenschafter in der Schweiz je vorgeschlagen hat, die Leistungsbilanz der einzelnen Kantone müsse ausgeglichen sein.

Fazit:

Solange eine Situation mit einem Leistungsbilanzdefizit gleichgewichtig ist, kann sie also weder als unerwünscht betrachtet werden, noch ist zu erwarten, dass sie durch ökonomische Stabilitätsmechanismen automatisch zum Verschwinden gebracht wird. Ob dies auf lange Frist so bleiben wird, kann allerdings nicht ohne weiteres gefolgert werden. Ein lang andauerndes Zahlungsbilanzdefizit eines Landes ist definitionsgemäss mit einer zunehmenden Verschuldung dieses Landes gegenüber der übrigen Welt verbunden. Damit kann  nicht ausgeschlossen werden, dass bei den Kreditgebern irgendwann Zweifel auftauchen an der Bonität des Defizitlandes. Ist dies der Fall, so ist die Situation aber nicht mehr gleichgewichtig, weil die Wirtschaftssubjekte zumindest davon ausgehen, das Ihre Erwartungen in Zukunft nicht mehr erfüllt werden. Ab diesem Moment kann ein Leistungsbilanzdefizit zu einem Problem werden. Ob und wie es gelöst wird bzw. gelöst werden kann, hängt von den konkreten Umständen ab.


  • 1  Neue Zürcher Zeitung, 27. Dezember 2010. Noch deutlicher kommt die in diesem Abschnitt geäusserte Auffassung im Artikel «G-20-Forum setzt globale Agenda» (NZZ vom 21. Februar 2011) zum Ausdruck.
  • 2  Dieser Beitrag spiegelt nicht die Meinung der KOF wider.
  • 3  Globale Ungleichgewichte: Herausforderung für die Wirtschaftspolitik. Rede beim Schweizer Institut für Auslandsforschung in Zürich, Mittwoch, 23 Februar 2011.

©KOF ETH Zürich, 15. Mär. 2011

 
Leistungsbilanzdefizite, Leistungsbilanzüberschüsse, Ungleichgewichte und ökonomische Krise 3.15 5 13

Kommentare

Dieser Artikel hat 2 Kommentare.
  • Oh je...

    [ ]

    Ein Leistungsbilanzdefizit ist gleichbedeutend mit einer entsprechenden Erhöhung der Verbindlichkeiten gegenüber dem Ausland. Diese Verbindlichkeiten müssen auch in Zukunft bedient werden, doch kein Gläubiger wird einen dauerhaft (in Relation zum BIP) steigenden Schuldenstand als nachhaltig betrachten. Selbstverständlich führt ein dauerhaftes, hohes Leistungsbilanzdefizit so über kurz oder lang zu Problemen. Üblicherweise würde solch ein Ungleichgewicht jedoch durch eine Wechselkursänderung begrenzt, was innerhalb der Eurozone per definitionem nicht möglich ist und auf globaler Ebene von China und anderen asiatischen Notenbanken durch Wechselkursmanipulation verhindert wird. Wenn nicht einmal diese Zusammenhänge erkannt werden, ist es jedoch kein Wunder, dass deutschsprachige Unternehmen weder die Krise haben kommen sehen noch international Beachtung finden.

    Der Verweis auf die schweizerischen Kantone (oder deutsche Bundesländer) ist einfach nur lächerlich: Innerhalb der Sprachgrenzen gibt es eine wesentlich höhere Arbeitsmobilität und innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen gibt es erhebliche direkte (Länderfinanzausgleich u.a.) und indirekte (reiche Regionen zahlen tendenziell mehr Steuern, ärmere erhalten tendenziell mehr staatliche Leistungen) Transfers. Hier findet also ggf. eine dauerhafte Finanzierung des Defizits statt. Zu welchen Verwerfungen dies jedoch auch innerhalb der Staaten führen kann, ist derzeit gut in Belgien zu beobachten und auch die deutsche Diskussion um den Aufbau-Ost, Soli etc. sollte bekannt sein.

  • Ungleiches

    [ ]

    Jede Bilanz ist nichts anderes als eine Zusammenstellung von Ergebnissen zu einem Zeitpunkt bzw. zu einem vergangenen Zeitraum. Sie kann ausgeglichen sein (kein Saldo) oder positive bzw. negative Restgrößen ausweisen (unausgeglichen). Mit irgendeinem Gleichgewicht hat das überhaupt nichts zu.

    Die Begriffe 'Gleichgewicht' und 'Ausgeglichenheit' beziehen sich auf unterschiedliche Merkmale. Ein nacktes Ergebnis einer Bilanz sagt nichts darüber aus, welches die Gründe für das Ergebnis sind oder welche Wirkungsketten dazu geführt haben.

    Ein Gleichgewicht beschreibt einen Zustand, der von sich aus ohne eine Einwirkung nicht zu einer Änderung tendiert. Verfeinert lassen sich hier noch Beschreibungen wie 'labil' oder 'stabil' einführen.

    Ob und wie sich ein Gleichgewichtszustand ändern wird, läßt sich anhand der Bilanz nicht sagen; dazu muß man die einwirkenden Größen betrachten.

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Autor

Roland Aeppli

Roland Aeppli

Schlagworte

Gleichgewicht, Selbstregulierungsmehnanismus, Zahlungsbilanzdefizite, Zahlungsbilanzüberschüsse, ökonomisches

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