Obwohl das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland in der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise stärker gesunken ist als in vielen anderen OECD-Ländern, ging der deutsche Arbeitsmarkt erstaunlich robust durch die Krise. In der Literatur wurde bereits darauf hingewiesen, dass die deutschen Firmen in hohem Maß Arbeitskräfte gehortet haben (z.B. Möller 2010). Um die Arbeitsmarktentwicklung besser zu verstehen, vergleichen wir die beiden stärksten Rezessionen seit dem Zweiten Weltkrieg, die Rezession im Jahr 1974 in Folge des Ölpreisschocks und die große Rezession (2008/2009) mit dem einhergehenden „deutschen Arbeitsmarktwunder“. Trotz eines ähnlich starken Einbruchs des Bruttoinlandsproduktes hätte die Entwicklung am Arbeitsmarkt in den zwei Episoden nicht unterschiedlicher sein können. In der Rezession von 1974 ist die Arbeitslosigkeit deutlich gestiegen und blieb auf hohem Niveau. Die Rezession von 2008 hingegen hat sich kaum auf die Arbeitslosigkeit ausgewirkt. Dies ist überraschend, da die Kurzarbeit 1974 ähnlich stark genutzt wurde und der Fachkräftemangel damals sicherlich ähnlich stark war wie heute. Der wesentliche Unterschied der zwei Phasen besteht in der Lohnentwicklung vor den Krisen (steigende Lohnstückkosten vor der Ölpreiskrise und sinkende Lohnstückkosten vor der großen Rezession). Wir argumentieren, dass die vorhergehende Lohnmoderation eine Voraussetzung des deutschen Arbeitsmarktwunders war.
Grafik 1: Bruttoinlandsprodukt und Arbeitszeit pro Erwerbstätigen
Anmerkungen: Quartalsdaten, der Hochpunkt des BIP (t = 0) ist das erste Quartal 1974 und das erste Quartal 2008, obere Diagramme: in t=0 wurde die Reihen auf eins normiert, untere Diagramme: Log-Abweichungen vom HP-Trend (lambda=1600), Quelle: Statistisches Bundesamt und IAB, eigene Berechnungen.
Produktivität ist Unterschied zwischen 1974 und 2008
Auf den ersten Blick ähneln sich die Rezessionen 1974 und 2008 stark. (siehe dazu Grafik 1: Die oberen Diagramme zeigen das Bruttoinlandsprodukt und die Arbeitsstunden pro Erwerbstätigen, die unteren Diagramme die Log-Abweichung vom HP-Trend mit einem Glättungsparameter von 1600). Das Bruttoinlandsprodukt, Y, und die Arbeitszeit pro Erwerbstätigen, h/E, wurden in beiden Rezessionen ähnlich stark reduziert. Die Entwicklung der Erwerbstätigen, E, unterscheidet sich hingegen deutlich (Grafik 2). Während die Beschäftigung in der Rezession von 1974 deutlich sank, blieb sie 2008 nahezu unverändert. Das heißt, die unterschiedliche Entwicklung der Beschäftigung kann nicht durch unterschiedlich starke Anpassung der Arbeitszeit erklärt werden. Wie sich aus Identitäten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ergibt (nämlich Y = (Y/h)*(h/E)*E) bleibt nur eine Größe, die sich anders entwickelt hat: Die Produktivität pro Arbeitsstunde, Y/h. Sie stieg im Jahr 1974, während sie 2008 um 4 Prozent gefallen ist.
Grafik 2: Erwerbstätige und Produktivität pro Arbeitsstunde
Kurzarbeit hat den Einbruch am Arbeitsmarkt zwar in beiden Rezessionen gedämpft (siehe dazu Faia, Lechthaler und Merkl 2010, die in einer Modellsimulation zeigen, wie Kurzarbeit die Beschäftigung in einer Rezession stabilisieren kann), sie kann aber nicht erklären, warum der Arbeitsmarkt 2008 robuster durch die Rezession kam als 1974. Denn Kurzarbeit wurde in beiden Rezessionen ähnlich stark eingesetzt (der maximale Anteil der Kurzarbeiter an den Beschäftigten betrug 3,6 Prozent im Jahr 1974 und 3,8 Prozent im Jahr 2008). Auch der Mangel an Fachkräften kann das außergewöhnliche Horten von Arbeitskräften nicht erklären. Im Vorfeld der 1974er Rezession herrschte mit einer Arbeitslosenquote von 1 Prozent Vollbeschäftigung und Arbeitskräfte waren damals knapper als sie dies vor 2008 waren.
Grafik 3: Reale Lohnstückkosten
Gesunkene Lohnstückosten als Schlüssel
Grafik 3 illustriert, warum die Arbeitsmarktentwicklung in den Rezessionen von 1974 und 2008 so unterschiedlich war. Die Lohnstückkosten sind in den Jahren vor dem Ölpreisschock angestiegen. In den Jahren vor der Finanzkrise hingegen sind die Lohnstückkosten gefallen. Seit 2003 blieb die Lohnentwicklung unter dem beschäftigungsneutralen Verteilungsspielraum (siehe dazu Gartner und Klinger 2010). Warum hatte das eine Bedeutung für die jüngste Krise? Lohnmoderation kann als ein positiver permanenter Angebotsschock interpretiert werden. Und in einer Ökonomie mit verzögerten Anpassungsprozessen dauert es mehrere Jahre, bis aggregierte Schocks ihre Wirkung voll entfalten (z.B. durch Einstellungs- und Entlassungskosten oder Kapitalakkumulation). In den vergangenen Jahren hat sich daher die Beschäftigung zu einem neuen höherem Gleichgewichtsniveau bewegt, eine Entwicklung, die von der großen Rezession unterbrochen wurde. Oder einfacher ausgedrückt: Da die Lohnkosten für die Firmen in den vergangenen Jahren gefallen sind, konnten sie es sich leisten, ihre Arbeitskräfte für eine Zeit (in der Erwartung, dass der Einbruch temporär ist) weniger produktiv einzusetzen und ihre Arbeitskräfte zu halten (für theoretische und empirische Analysen zu diesem Thema siehe Boysen-Hogrefe et al. 2010 und Boysen-Hogrefe und Groll 2010).
Das deutsche Arbeitsmarktwunder ist natürlich zum Teil auf den glücklichen zeitlichen Ablauf zurückzuführen, dass die Arbeitsmarktreformen, die ein höheres permanentes Beschäftigungsniveau (mit)verursachten, rechtzeitig vor der großen Rezession stattfanden. Deswegen ist es auch nur bedingt übertragbar, da viele andere OECD-Länder vor der Rezession wesentlich niedrigere Arbeitslosenraten hatten als Deutschland und Arbeitsmarktreformen nicht im selben Ausmaß notwendig waren. Auch für Deutschland wird sich die glückliche Konstellation von 2008 kaum wiederholen. Der Arbeitsmarkt wird daher durch die nächste größere Rezession nicht unbedingt so robust kommen wie durch die jüngste Krise. Folglich bleibt es ein spannendes Forschungsthema, welchen Beitrag Arbeitsmarktinstitutionen (z.B. Kurzarbeit) oder makroökonomische Politiken (z.B. geld- und fiskalpolitische Regeln) leisten können um die Makroökonomie zu stabilisieren.
Literatur:
Boysen-Hogrefe, J, D Groll, W Lechthaler, C Merkl (2010): The Role of Labour Market Institutions in the Great Recession. Applied Economics Quarterly, 61, S. 65-88.
Boysen-Hogrefe, J and D Groll (2010), The German Labour Market Miracle. National Institute Economic Review, 214:R38-R50.
Faia E., W. Lechthaler and C. Merkl (2010) Fiscal Multipliers and the Labour Market in the Open Economy. IZA Discussion Paper No. 4849.
Gartner, H. and S. Klinger (2010): Verbesserte Institutionen für den Arbeitsmarkt in der Wirtschaftskrise. Wirtschaftsdienst, Jg. 90, H. 11, S. 728-734.
Möller, J. (2010) Germany's job miracle in the world recession – Shock-absorbing institutions in the manufacturing sector. Applied Economics Quarterly, 61, S. 9-27.
©KOF ETH Zürich, 21. Mär. 2011

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Sie müssen sich anmelden um Kommentare zu schreiben.Was für ein Unsinn
geschrieben von Thomas am 21. Mär. 2011, 14:26Die tollen Arbeitsmarktreformen haben also zu mehr Beschäftigung (seltsamerweise nicht zu mehr Arbeitsvolumen) geführt, weshalb auch der massiv negative Nachfrageschock 2008/09 keine Wirkung hatte? Dann hätten wir ohne Nachfrageschock nun wohl 0 Arbeitslose. Das ergibt hinten und vorne keinen Sinn.
Selbst wenn die höhere Flexibilität im Durchschnitt zu mehr Beschäftigung führen würde - was sich anhand der Zahlen nicht nachweisen lässt - hätte der negative Schock c.p. zu mehr Arbeitslosen führen müssen als zuvor. Offenbar liegen die Ursachen ganz woanders. Aber wenn man Propaganda betreiben möchte, kommt es auf die Realität nicht an.
Replik auf den Unsinn
geschrieben von ChristianMerkl am 22. Mär. 2011, 10:55„Die tollen Arbeitsmarktreformen haben also zu mehr Beschäftigung (seltsamerweise nicht zu mehr Arbeitsvolumen) geführt, weshalb auch der massiv negative Nachfrageschock 2008/09 keine Wirkung hatte?“
1. Es lässt sich in einem simulierten dynamischen neukeynesianischen Modell mit europäischen Arbeitsmarktinstitutionen wie Einstellungs- und Entlassungskosten und kollektiven Verhandlungen zeigen (für das Modell siehe Lechthaler, Merkl, Snower, 2010, JEDC), dass eine Reform der Arbeitslosenunterstützung genau diesen Effekt haben (für die konkrete Simulation einer Rezession und einer Lohmoderation siehe Boysen-Hogrefe et al., 2010, AEQ). Im Übrigen: Das Nobelpreismodell von Mortensen und Pissarides (siehe z.B. Pissarides, 2000, Kapitel 9) würde genau denselben Effekt generieren. Und dies ist das etablierteste Modell der makroökonomischen Arbeitsmarktforschung.
2. Zum Arbeitsvolumen: Die Anzahl der gearbeiteten Stunden ist vor der Krise in der Tat gestiegen. Einfach h/E*E nehmen (siehe Grafiken 1 und 2 in unserem Beitrag).
3. Zu „tolle Arbeitsmarktreformen“: Unser Analyse ist rein positiv, d.h. wir nehmen keine Stellung, ob die Arbeitsmarktreformen toll sind oder nicht. Wir illustrieren, dass durch die Lohnmoderation die stabile Beschäftigung erklärt werden kann. Aus unserer Sicht findet dieser Punkt in der öffentlichen Debatte bisher zu wenig Aufmerksamkeit (und wie am Beitrag von Herrn Thomas zu sehen ist findet er bei manchen deutlichen Widerspruch). Zur normativen Dimension: Natürlich impliziert eine Reform des Arbeitslosenunterstützungssystems potentiell einen Zielkonflikt zwischen Ungleichheit und Beschäftigung. Aber der ist nicht Thema unseres Beitrags.
„Aber wenn man Propaganda betreiben möchte, kommt es auf die Realität nicht an.“
Selbst wenn man den Konsensmodellen der VWL nicht vertraut, sondern theoriefrei reale Daten betrachtet: „Cross-Country“-Regressionen sprechen genau dieselbe Sprache. Die Länder, die vor der Krise geringere Lohnsteigerungen aufwiesen, hatten in der 2008/09er Krise geringere Arbeitsplatzverluste (siehe dazu Abbildung 10 in Boysen-Hogrefe et al., 2010, und Boysen-Hogrefe und Groll, 2010, für umfassende ökonometrische Analysen).
Also...
geschrieben von Thomas am 22. Mär. 2011, 14:14Zunächst einmal lag das Arbeitsvolumen 2009 (für 2010 liegen m.W. noch keine Zahlen vor) ebenso wie 2006/07 niedriger als vor den Reformen (Zahlen vom BMAS, Statistisches Jahrbuch). Es mag ja also sein, dass im Modell eine höhere Beschäftigung herauskam, in der Realität ist das Arbeitsvolumen aber nicht gestiegen – ok, minimal 2008, allerdings auf den Stand den wir 2000 schon einmal hatten. Das ist aber auch gar nicht der Punkt. Selbst wenn das Arbeitsvolumen durch die Reformen gestiegen wäre, ist es unlogisch, mit diesem Anstieg zu erklären, wieso es aufgrund des Nachfrageschocks nicht gefallen ist. Das sind zwei verschiedene Sachen, Ihre Argumentation ist hier einfach nicht schlüssig. Wieso fällt eine Variable nicht, nur weil sie zuvor gestiegen ist?
„Die Länder, die vor der Krise geringere Lohnsteigerungen aufwiesen, hatten in der 2008/09er Krise geringere Arbeitsplatzverluste“
Ja, das ist richtig, kein Widerspruch. Aber: Die Länder mit starken Lohnsteigerungen konnten nun nicht mehr wie früher abwerten, d.h. sie haben über viele Jahre an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Dies wurde zunächst vom Realzinseffekt verdeckt. Der stetig wachsende Unterschied zu den stagnierenden Lohnstückkosten in Deutschland wurde aber schlicht irgendwann zu groß, denn dieser Verlust an Wettbewerbsfähigkeit ging ja auch einher mit einer steigenden Auslandsverschuldung. Ohne die per definitionem fixen Wechselkurse innerhalb der Eurozone und die einheitliche Geldpolitik der EZB sähe die Situation also durchaus anders aus. Spanien und Irland etwa, also die Länder mit dem stärksten Anstieg der Arbeitslosigkeit, haben Immobilienpreisblasen aufgebaut, die sich durch Gemeinschaftswährung und einheitliche Geldpolitik erklären lassen. Mit Platzen der Blase erleben diese Länder natürlich einen massiven Beschäftigungsabbau. Dieser ist aber nicht (nur) die Folge der zu starken Lohnsteigerungen. Hier wird von einer Korrelation auf eine Kausalität geschlossen. Ferner ist es ja keineswegs so, dass Deutschland eine besonders tolle Wachstumshistorie vorweisen kann. Trotz des mäßigen Rückgangs in Deutschland während der Krise, ist die Performance hinsichtlich BIP und Beschäftigung seit Euroeinführung mehr als mässig. Sich nun zwei Jahre rauszugreifen und zu sagen, die anderen stehen schlecht da, wir sind gut, ist m.E. wenig aussagekräftig.
Darüber hinaus muss hier berücksichtigt werden, dass umgekehrt auch die deutsche Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit und die damit verbundenen Exportüberschüsse nur im Rahmen eines Festkursregimes möglich waren. Auf Dauer ist dies aber natürlich nicht tragfähig, wenn ein (oder wenige) Länder Leistungsbilanzüberschüsse auf Kosten der anderen erzielen.
„Wir illustrieren, dass durch die Lohnmoderation die stabile Beschäftigung erklärt werden kann. Aus unserer Sicht findet dieser Punkt in der öffentlichen Debatte bisher zu wenig Aufmerksamkeit.“
Wie bitte? Dieser Punkt wird doch laufen von den Instituten erwähnt. Aufmerksamkeit verdient m.E. eher der Punkt, dass das Arbeitsvolumen vom Tief 2006 bis zum aktuellen Rand 2009 um ganze 2,1% gestiegen ist – soviel wie zwischen 1997 und 2000 auch und weit weniger als in früheren Aufschwungphasen.
Ferner ist der – Ihrer Ansicht nach offenbar immer gültige – Zusammenhang zwischen Reallohnsteigerung und Beschäftigung keineswegs so unumstritten wie Sie es hier darstellen.
„Natürlich impliziert eine Reform des Arbeitslosenunterstützungssystems potentiell einen Zielkonflikt zwischen Ungleichheit und Beschäftigung.“
Auch das ist nicht unbedingt eine logische Argumentation: Sollte die Reform der Arbeitslosenunterstützung zu mehr Beschäftigung führen, würde die Ungleichheit ja nicht per se steigen – es sei denn die Arbeitseinkommen bei den dann neu geschaffenen Stellen (und bei bereits vorhandenen!) würde unter das Niveau der früheren Arbeitslosenunterstützung fallen.
Vielen Dank für Ihre Antwort.
noch als Ergänzung:
geschrieben von Thomas am 25. Mär. 2011, 14:05"Another 10 percent may be explained by wage moderation."
www.brookings.edu/~/media/Files/Programs/ES/BPEA/2011_spring_bpea_papers/2011_spring_bpea_conference_burda.pdf
What Explains the German Labor Market Miracle in the Great Recession?
Michael C. Burda
Jennifer Hunt
Humboldt University Berlin and CEPR McGill University and NBER
March 6, 2010