Unbegründete Angst vor ausländischen Unternehmensübernahmen

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Holger Görg und Christiane Krieger-Boden, 27. Jan. 2011
Unbegründete Angst vor ausländischen Unternehmensübernahmen 3.46 5 13

Die jüngste Übernahmeschlacht um den Hochtief-Baukonzern wird in der Öffentlichkeit mit Argwohn beobachtet. Wie in früheren Fällen, beispielsweise dem Kampf um Vodafone und Mannesmann, befürchtet man gerade bei der Übernahme durch einen ausländischen Investor eine Zerschlagung und Ausweidung des Übernahmekandidaten und eine Verlagerung oder Vernichtung von Arbeitsplätzen in Deutschland. Zwei wirtschaftstheoretische Argumente könnten für eine solche Entwicklung sprechen (vgl. z.B. Klodt und Christensen 2007): Um komparative Vorteile zu nutzen, könnten Arbeitsplätze für Geringqualifizierte innerhalb eines vergrößerten internationalen Konzerns aus dem Hochlohnland Deutschland in Länder mit geringerem Lohnniveau verlagert werden. Und um Skalenvorteile zu nutzen, könnten alle Headquarter-Aktivitäten im Land des neuen Eigners zentralisiert werden, es könnten also gerade attraktive Unternehmensteile wie Planungs- und Forschungsabteilungen mit ihren gutbezahlten Jobs für Hochqualifizierte aus Deutschland abgezogen werden. Dadurch könnte sich die inländische Produktivität vermindern.

Tatsächlich lieferte Vodafone ein dramatisches Beispiel für Firmenzerschlagung und -ausweidung – wobei beides übrigens nicht nur bei Unternehmensübernahmen durch ausländische Kapitaleigner vorkommt. Was die Arbeitsplätze anbelangt, finden wissenschaftliche Untersuchungen allerdings regelmäßig keine Evidenz für Nettoverluste durch ausländische Direktinvestitionen und Unternehmensübernahmen, so auch jüngst Arndt und Mattes (2010), Bandick und Görg (2010) und Bandick und Karpaty (2010).

Das Beispiel Schweden

Eine neue Studie von Bandick et al. (2010) hat darüber hinaus gezeigt, dass auch ein Verlust hochqualifizierter Arbeitsplätze eher unwahrscheinlich ist. Auf der Basis neuerer theoretischer Modelle von Nocke und Yeaple (2008) und Bertrand et al. (2009) untersuchen Bandick et al. (2010) am Beispiel von Schweden empirisch, was mit den Headquarter-Aktivitäten eines Übernahmekandidaten, insbesondere mit seinen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, nach einer ausländischen Übernahme geschieht. Auch in Schweden war das ein wichtiges Thema, weil eine Reihe bekannter schwedischer multinationaler Konzerne in jüngerer Zeit von ausländischen Eignern übernommen wurde, beispielsweise Volvo, Saab, Asea und Astra. Und der Anteil von multinationalen Unternehmen mit ausländischen Eignern seit Anfang der 90er Jahre von weniger als 20% auf nahezu 50% der Gesamtbeschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe gestiegen ist.

Eine Verlagerung der humankapitalintensiven Headquarter-Aktivitäten in die Länder der neuen Eigner, beispielsweise in die USA oder in die Schweiz, wäre nicht nur von akademischem Interesse, sondern würde erhebliche wirtschaftspolitische Implikationen nach sich ziehen. Denn die multinationalen Konzerne Schwedens weisen eine markant höhere Forschungsintensität auf als rein nationale Unternehmen (gemessen als Quote der F&E-Ausgaben im Verhältnis zum Umsatz), gleichgültig allerdings, ob sie in inländischem oder ausländischem Besitz sind.

<p><em>Quelle: eigene Berechnungen basierend auf Bandick et al. (2010)</em></p>

Quelle: eigene Berechnungen basierend auf Bandick et al. (2010)

Auswirkungen von Übernahmen auf die Forschungsabteilungen

Die Frage ist also: Werden Forschungsabteilungen nach einer ausländischen Unternehmensübernahme ausgelagert oder bleiben sie im Gegenteil im Inland und werden womöglich sogar noch verstärkt? Und unterscheiden sich diese Wirkungen danach, ob der Übernahmekandidat ein rein inländisches Unternehmen oder bereits ein multinationaler Konzern ist – gibt es also einen besonderen Effekt der multinationalen Unternehmen? Um diese Fragestellung zu untersuchen, verwenden Bandick et al. (2010) einen Propensity-Score-Matching-Ansatz, den sie mit einer Difference-in-Differences-Analyse kombinieren. Kurz gesagt, bedeutet diese empirische Strategie, dass der Beobachtungsgruppe von übernommenen Firmen eine Kontrollgruppe von Firmen gegenübergestellt wird, die ihnen in den ökonomischen Basisparametern sehr ähnlich sind, die aber ihrerseits nicht übernommen wurden. Für diese zwei Gruppen, der Beobachtungsgruppe und der Kontrollgruppe, wird dann untersucht, wie sich ihr Wachstum der F&E Intensitäten vor und nach dem Übernahmeereignis verändert hat.

Angst vor Verlagerung unbegründet

Die Schätzergebnisse legen nahe, dass die Forschungsintensität schwedischer Firmen durch eine ausländische Übernahme nicht zurückgegangen ist. Im Gegenteil, Punkt-Schätzungen auf der Basis der bevorzugten ökonometrischen Spezifizierung deuten darauf hin, dass die Forschungsintensität sogar um 3 bis 10 Prozent angestiegen ist. Diese Effekte sind zwar besonders ausgeprägt für den  Fall einer ausländischen Übernahme eines rein nationalen Unternehmens, aber selbst bei der ausländischen Übernahme eines schwedischen multinationalen Konzerns ergibt sich stets ein positiver, kein negativer Effekt auf die Forschungsintensität. Befürchtungen, dass die Übernahme großer schwedischer Firmen durch ausländische Eigner zu einer massiven Auslagerung von Headquarter-Aktivitäten und insbesondere von Forschungsaktivitäten führen würde, erscheinen nach diesen Ergebnissen also unbegründet.

Und Deutschland?

Diese Ergebnisse sind auch für Deutschland von großer Bedeutung. Zwar ist die „Deutschland AG“ mit ihren charakteristischen inländischen Überkreuzverflechtungen bei weitem noch nicht so weit auf dem Rückzug, wie oft vermutet wird. Dennoch nimmt der Anteil ausländischer Beteiligungen auch an deutschen Unternehmen allmählich zu.

<p><em>Quelle: eigene Berechnungen basierend auf Daten der Deutschen Bundesbank</em></p>

Quelle: eigene Berechnungen basierend auf Daten der Deutschen Bundesbank

Die Schlussfolgerung von Bandick et al (2010), dass solche ausländischen Erwerbungen sogar vorteilhafte Wirkungen für die heimischen Forschungsaktivitäten haben können, wird für Deutschland durch eine Studie von Arndt und Mattes (2010) gestützt. Sie finden mit einem ähnlichen Ansatz, dass bei ausländischen Übernahmen deutscher Unternehmen die Zahl der Arbeitsplätze nahezu unverändert bleibt, die Arbeitsproduktivität und die Produktivität über alle Faktoren aber leicht ansteigt. Es gibt also keinen Anlass zu Besorgnis und keine Notwendigkeit, über einschneidende politische Maßnahmen zur restriktiveren Regulierung von Fusionen und Übernahmen nachzudenken. Ganz im Gegenteil: ausländische Übernahmen können ein Vehikel sein, neues Wissen zu generieren und den Stand technologischen Wissens im Inland voranzutreiben.

Literatur

Arndt, C., and A. Mattes (2010), Cross-Border Mergers and Acquisitions of Multinational Firms. New Firm-Level Evidence, IAW Discussion Papers 62, Tübingen.

Bandick, R. and H. Görg (2010), Foreign acquisition, plant survival and employment growth, Canadian Journal of Economics, 43, 547-573.

Bandick, R., H. Görg and P. Karpaty (2010), Foreign acquisitions, domestic multinationals, and R&D, CEPR Discussion Paper 8081, London.

Bandick, R. and P. Karpaty (2010), Employment effects of foreign acquisitions, International Review of Economics and Finance, forthcoming.

Bertrand, O., K-N. Hakkala, P-J. Norbäck and L. Persson (2008), Should countries block foreign takeovers of R&D champions and promote greenfield entry? WP 772, IFN Stockholm.

Klodt, H., and B. Christensen (2007), Home Market Effects of Foreign Direct Investment: The Case of Germany, Aussenwirtschaft, 62(1), 63-76.

Nocke, V. and S.R. Yeaple (2008), An assignment theory of foreign direct investment, Review of Economic Studies, 75(2), 529-557.

©KOF ETH Zürich, 27. Jan. 2011

 
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Schlagworte

Difference-in-Differences-Analyse, Fusion, Verlagerung, Übernahme

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