Gibt es einen Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit, gesellschaftlicher Fairneß und Glück?

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Christian BjørnskovAxel DreherJustina A. V. Fischer und Jan Schnellenbach, 17. Dez. 2010
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit, gesellschaftlicher Fairneß und Glück? 3.05 5 21

Auf diese Frage gibt es viele denkbare Antworten. Ein der traditionellen Wohlfahrtsökonomik verpflichteter Ökonom würde auf den üblicherweise postulierten sinkenden Grenznutzen des Einkommens hinweisen und darauf, daß aus diesem Grund alleine eine Umverteilung von Reich an Arm die durchschnittliche (gesellschaftliche) Wohlfahrt erhöhen müsse. Ein versicherungsökonomisch versierter Ökonom würde darauf hinweisen, daß die Ankündigung von Einkommensumverteilung ex ante Unsicherheit reduziert und damit die erwartete Wohlfahrt aller risikoaverser Individuen erhöhen wird – und die meisten Menschen sind risikoavers, vor allem wenn es sich um grössere Geldbeträge handelt. Ein eher an langfristiger Wachstumsdynamik interessierter Ökonom könnte jedoch entgegnen, daß ein hohes Maß an Umverteilung die Neigung zu unternehmerischem Handeln reduzieren könnte, was zu langsamerem Wachstum und geringerer gesellschaftlicher Wohlfahrt führen müßte.

Auch die Fairneß des Einkommensentstehungsprozesses dürfte eine Rolle spielen. Wer ein als fair wahrgenommenes Spiel verliert, ärgert sich beispielsweise häufig weniger stark als jemand, der sich betrogen fühlt. Und noch mehr: Sollte man ex ante Fairneß erwarten in dem Sinne, daß es einen direkten und relativ sicheren Zusammenhang zwischen der eigenen Arbeitsleistung und dem eigenen Einkommen gibt, so wird man mehr investieren als in Situationen, in denen das ökonomische Resultat mit der eigenen Anstrengung nur lose verbunden ist. Bereits der Philosoph John Rawls (1971) and der Harvard-Ökonom Alberto Alesina (Alesina et al., 2004) haben auf die wichtige Rolle der Prozessfairness (soziale Durchlässigkeit) für die gesellschaftliche Akzeptanz von Einkommensungleichheit hingewiesen.

In unserem Papier von 2010 (Cesifo working paper 3216) untersuchen wir genau diese Zusammenhänge: Sind Individuen, die ihre Gesellschaft eher für fair und sozial durchlässig halten glücklicher als solche, die diese Wahrnehmung nicht teilen? Sind folglich auch Individuen, die ihre Gesellschaft für weniger fair halten eher geneigt, ein größeres Ausmaß an Umverteilung von Einkommen zu fordern? Und schließlich: Welchen Effekt hat das Zusammenspiel von tatsächlicher Einkommensungleichheit und Fairnesswahrnehmung auf die individuelle Wohlfahrt? Und wie wirkt sich die Diskrepanz zwischen tatsächlicher Fairness und wahrgenommener Fairness auf das Verhältnis zwischen der Ungleichheit und der Wohlfahrt aus? Diese letzte Frage untersuchen wir, indem wir zwei verschiedene Ländertypen unterscheiden: Solche mit hoher tatsächlicher sozialer Durchlässigkeit, und solche in denen dieses Merkmal nur gering ausgeprägt ist.

Empirische Vorgehensweise und zentrale Resultate

Um die Fairneßwahrnehmungen und die individuelle Wohlfahrt zu messen, nutzen wir Mikrodaten aus der dritten und vierten Welle des World Values Survey (WVS), die zwischen 1994 und 2001 erhoben wurden. Als Maß für die tatsächliche Einkommensungleichheit nutzen wir von den Vereinten Nationen bereitgestellte Gini-Koeffizienten, die den Abstand der tatsächlichen Einkommensverteilung zu der als ideal angenommenen Gleichverteilung widerspiegeln. Die individuelle Wohlfahrt bzw. den Lebensnutzen einer Person bilden wir mit Hilfe der ‚Lebenszufriedenheit’ ab, die die Zufriedenheit des Befragten mit seinem Leben insgesamt misst. Als ökonometrisches Grundmodell verwenden wir einen robusten Schätzansatz von Bjørnskov, Dreher und Fischer (2008), mit dem wir den Einfluß zahlreicher individueller Charakteristika auf die individuelle Lebenszufriedenheit schätzen. Zu diesem Grundmodell fügen wir die uns hier speziell interessierenden erklärenden Bestimmungsfaktoren hinzu.

Das erste wichtige Resultat unserer Schätzungen ist, daß Individuen mit hohen Fairneßwahrnehmungen tatsächlich im Durchschnitt eine höhere Lebenszufriedenheit berichten. Um ein robustes Resultat zu erhalten überprüfen wir dies für vier verschiedene Fragen des WVS, die jeweils einen anderen Aspekt gesellschaftlicher Fairneß abfragen. Dazu gehört etwa die Frage, ob harte Arbeit in der langen Frist normalerweise von Erfolg gekrönt sein wird, oder auch die Frage, ob man glaubt, daß arme Mitbürger aus eigener Anstrengung ihre Situation verbessern könnten. Diejenigen, die ihre Gesellschaft für eher unfairer halten, sind im Durchschnitt auch weniger glücklich.

Auch im Hinblick auf die Forderung nach Einkommensumverteilung erhalten wir robuste Resultate. Diese Forderung wird erhoben, indem Individuen gefragt werden, ob sie eine Reduzierung von Einkommensungleichheit befürworten sowie ob sie glauben, daß die Grundbedürfnisse staatlich abgesichert werden sollten. Es stellt sich heraus, daß Individuen, die eine höhere soziale Durchlässigkeit in ihrer Gesellschaft vermuten, mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit eine Umverteilung von Einkommen fordern. Damit korrespondiert – wie erwartet – ein weiteres Ergebnis: Personen, die der Notwendigkeit zur Reduzierung von Einkommensungleichheit zustimmen, sind weniger zufrieden.

Der Schwerpunkt unserer Analyse liegt auf dem Einfluß der tatsächlichen Ungleichheit im Zusammenspiel mit der Fairnesswahrnehmung auf die berichtete Lebenszufriedenheit. Unser Modell lässt den Schluss zu, dass sich dieser Zusammenhang stark unterscheidet, je nachdem ob ein befragtes Individuum in einem sozial durchlässigen Land lebt, oder nicht, und inwieweit die Vorstellungen dieses Individuums über die Durchlässigkeit von der tatsächlichen abweichen. Während die erwartete Durchlässigkeit die individuellen Investitionen und Anstrengungen bestimmt, determiniert die tatsächliche Durchlässigkeit ihren ökonomischen Erfolg. Dies ist in der Tatsache begründet, daß in weniger fairen Gesellschaften der Zusammenhang zwischen individueller Anstrengung und individuellem Einkommen loser ist und zufällige Einflüsse ein stärkeres Gewicht erhalten. Daraus wiederum folgt auch eine stärkere politische Unsicherheit: Ex ante angekündigte Steuer- und Transfersätze müssen ex post häufiger korrigiert werden, was wiederum verhindert, daß sich Steuerzahler individuell, ihren Erwartungen gemäß ex ante effizient an die tatsächliche Finanzpolitik anpassen.

Auf der empirischen Seite haben wir hier das Problem, daß es keine klaren, unumstrittenen Indikatoren für die tatsächliche soziale Durchlässigkeit einer Gesellschaft gibt. Wir bedienen uns daher einer ganzen Reihe unterschiedlicher Indikatoren, um faire und unfaire Länder zu unterscheiden. So bilden wir beispielsweise Stichprobem unterteilt nach Ländern mit ausgeprägten und wenig ausgeprägten Bürgerrechten, oder nach ausgeprägten und wenig ausgeprägten wirtschaftlichen Freiheiten, oder nach solchen mit höherer oder niedrigerer Bildungsmobilität zwischen den Generationen.

Unsere empirische Analyse zeigt, daß in wenig fairen Ländern der positive Einfluss der Fairnesswahrnehmung auf die individuelle Wohlfahrt mit zunehmender tatsächlicher Ungleichheit kleiner wird: Je größer die Einkommensungleichheit, desto geringer wird der Glücksvorsprung der Individuen mit hoher Fairneßperzeption gegenüber den Individuen mit geringer Fairneßwahrnehmung. Schließlich beobachten wir aber, daß dieser negative Interaktionseffekt in tatsächlich fairen Gesellschaften kleiner wird oder ganz verschwindet. Anders formuliert: In tatsächlich fairen Gesellschaften, in denen für die meisten Individuen die erwartete soziale Durchlässigkeit dem tatsächlich vorhandenem Niveau entspricht, ist der Glücksvorsprung der Individuen mit hoher Fairneßperzeption stabil, auch wenn die Einkommensungleichheit zunimmt.

Fazit

Unsere Resultate zeigen, daß man Argumenten für Einkommensumverteilung, die mit der Möglichkeit einer wohlfahrtserhöhenden Umverteilung argumentieren, in der Praxis mit Skepsis begegnen muß. Dafür spricht die Tatsache, daß der Glücksvorsprung der Individuen, die ihre Gesellschaft für fair halten, in tatsächlich fairen Ländern nicht oder nur sehr wenig mit der tatsächlichen Einkommensungleichheit schrumpft. Eine paretoverbessernde Einkommensumverteilung, die niemanden schlechter stellt, aber einige sogar besser, kann etwa mit der Existenz von Ungleichheitsaversion oder Armutsexternalitäten begründet werden. Eine solche Begründung würde aber voraussetzen, daß eine wachsende Ungleichheit einen robusten negativen Effekt auf diesen Glücksvorsprung hat – was unsere empirische Analyse nicht bestätigt.

Soweit sich Politikempfehlungen ableiten lassen, sprechen unsere Ergebnisse daher auch klar für einen ordnungspolitischen Ansatz: An die Stelle einer Fokussierung auf die Korrektur der Markteinkommen durch redistributive Massnahmen sollte eine Politik treten, die soziale Durchlässigkeit schafft und die prozedurale Fairness in den Märkten (Arbeit, Bildung, etc.) erhöht.

Literatur:

Alesina, Alberto & Di Tella, Rafael & MacCulloch, Robert, 2004. "Inequality and happiness: are Europeans and Americans different?," Journal of Public Economics 88, 2009-2042

Christian Bjørnskov & Axel Dreher & Justina A.V. Fischer & Jan Schnellenbach, 2010. "Inequality and Happiness: When Perceived Social Mobility and Economic Reality do not Match," CESifo Working Paper Series 3216, CESifo Group Munich.

Christian Bjørnskov & Axel Dreher & Justina Fischer, 2008. "Cross-country determinants of life satisfaction: exploring different determinants across groups in society," Social Choice and Welfare 30, 119-173.

John Rawls (1971). A Theory of Justice.

©KOF ETH Zürich, 17. Dez. 2010

 
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit, gesellschaftlicher Fairneß und Glück? 3.05 5 21

Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Faire Gesellschaften

    [ ]

    Welche Gesellschaften gelten denn gemäß Ihrer Analyse als tatsächlich fair und welche nicht?

    Denn der von Ihnen gezogene Schluß, dass Umverteilung kein erhöhtes Glück bringt - als wäre dies das einzie Kriterium - gilt ja offenbar nur in Gesellschaften, die tatsächlich fair sind.

    Zumindest aus dem hier darestellten Text, scheint mit der Zusammenhang doch sehr schwammig und die die daraus gezogenen Schlüsse gewagt.

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Schlagworte

Einkommensverteilung, Fairness, Gerechtigkeit, Glück, Politische-Ideologie, subjektives-Wohlbefinden, Umverteilung, Ungleichheit, World-Values-Survey, Zufriedenheit

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