Bessere Bildung = weniger Terrorismus?

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Sarah BrockhoffTim Krieger und Daniel Meierrieks, 22. Dez. 2010
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Warum verführt der Terrorismus junge Menschen? Er vereinfacht die Dinge. Der Fanatiker hat keine Fragen, nur Antworten. Bildung ist daher der Weg, um den Terrorismus zu besiegen.

Elie Wiesel, Friedensnobelpreisträger 1986

Wir in der Studienstiftung sehen nicht ohne Besorgnis, dass die Begabtesten, Sensibelsten und Kritischsten es sind, die sich nicht mit den Verhältnissen abfinden wollen und die auf Abwege kommen.

Professor Ernst Heinitz, Vertrauensdozent der Studienstiftung des Deutschen Volkes über deren Stipendiatinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin

Spätestens seit den Terroranschlägen des 11. September steht der Krieg gegen den Terrorismus sowohl in der öffentlichen als auch politischen Diskussion weit oben auf der Agenda. Die Paketbomben in der Luftfracht und die aktuellen Terrorwarnungen für Deutschland zeigen, dass auch im Herbst 2010 noch keine Beruhigung der Lage eingetreten ist. So wichtig dabei zeitnahe und direkte Antiterrormaßnahmen bei akuten Bedrohungen sind, so sehr muss gleichzeitig auch Ursachenforschung betrieben werden. Welche tieferen Gründe gibt es, dass Menschen sich dem Terrorismus mit all seinen dramatischen Folgen (auch für den Terroristen selbst) verschreiben? Gelingt es, die Ursachen des Terrorismus zu identifizieren und zu eliminieren, dann besteht die Chance auf eine friedlichere Zukunft.

Die Frage nach den Ursachen des Terrorismus spielt auch im akademischen Diskurs eine wichtige Rolle, jedoch gibt es keinen Konsens darüber, welche Faktoren als besonders relevant anzusehen sind (vgl. Krieger und Meierrieks, 2010, für einen Überblick). Dagegen scheint die öffentliche (oder veröffentlichte) Meinung recht klare Vorstellungen darüber zu haben, warum Menschen zu Terroristen werden. Besonders häufig wird argumentiert, dass geringe Bildung eine zentrale Ursache für den Terrorismus sei. Ist das Bildungsniveau eines Menschen niedrig, so sind seine Chancen auf ökonomische wie gesellschaftliche Teilhabe gering. Löst diese „Benachteiligung“ dann eine hinreichend starke Frustration aus, so kann sich die Person dem Terrorismus zuwenden. Gerne wird diese Argumentationslinie auch im Zusammenhang mit „Homegrown“-Terrorismus verwendet und vermutet, dass schlecht ausgebildete und frustrierte Personen mit Migrationshintergrund potenzielle Terroristen seien.

Terrorist und klug

Doch die Plausibilität dieser Vermutung wird in Frage gestellt, wenn man den Bildungshintergrund von Terroristen berücksichtigt. Nicht nur die RAF hatte viele gut ausgebildete Mitglieder, auch in islamistischen Terrorgruppen lassen sich ähnliche Muster beobachten. Neben den Führern dieser Terrorgruppen und -netzwerke – so stammt etwa Osama Bin-Laden aus einer reichen Unternehmerfamilie und hat studiert – lässt sich auch bei den „ausführenden“ Attentätern ein hoher Bildungsstand erkennen, wie u.a. Studien aus Israel über dortige Selbstmordattentäter zeigen und die letzten Attentatsversuchen in den USA belegen. So waren z.B. auch Mohammed Atta und andere Beteiligte an den Attentaten des 11. September Studenten an der TU Hamburg-Harburg; der Attentäter von Stockholm hatte einen Abschluss der University of Bedfordshire.

In der wissenschaftlichen Analyse der Entstehungsgründe von Terrorismus wird argumentiert, dass Terroristen sich in dem Sinne rational verhalten, dass sie die direkten und Opportunitätskosten auf der einen Seite und die Nutzen ihres terroristischen Handelns auf der anderen Seite abwägen. Direkte Kosten entstehen z.B. bei der Durchführung eines Attentats, Nutzen durch die Erreichung der Ziele (z.B. Störung des öffentlichen und freiheitlichen Lebens und des westlichen Lebensstils). Für die Frage nach dem Einfluss der Bildung sind insbesondere Opportunitätskostenbetrachtungen von Interesse. Die Opportunitätskosten des Terrorismus steigen durch Bildung, da ein hohes Bildungsniveau in der Regel mit einem höheren Einkommen einhergeht, wobei der Verzicht auf dieses Einkommen die Opportunitätskosten ausmacht. Zugleich wird argumentiert, dass eine höhere Bildung auch die Einstellung zur Gewalt ändert – sie wird eher als inakzeptables Mittel zur Durchsetzung von Interessen erkannt. Schließlich werden möglicherweise auch noch die (geringen) Erfolgsaussichten des Terrorismus realistischer eingeschätzt. Folgt man dieser Argumentationslinie, dann sind Antiterrorstrategien, die auf eine Verbesserung des Bildungsniveaus in den typischen Herkunftsländern von Terroristen setzen, eine erfolgversprechende Strategie.

Eine pessimistischere Sichtweise nimmt dagegen an, dass Bildung terroristische Aktivität sogar anstachelt. Auf der „Nachfrageseite“ haben Terrororganisationen ein großes Interesse an gut gebildeten Mitgliedern, denn es hat sich gezeigt, dass dies die Erfolgswahrscheinlichkeit bei Attentaten erhöht. Verkehrsflugzeuge in Hochhäuser zu steuern, lässt sich nur mit gut ausgebildeten Attentätern bewerkstelligen. Auf der „Angebotsseite“ sind besser Gebildete stärker an politischen und sozioökonomischen Fragestellungen interessiert, womit eine höhere Wahrscheinlichkeit besteht, politisch aktiv zu werden, u.U. auch in Form von Terrorismus.

Der Einfluss des politischen und sozioökonomischen Umfelds

Wägt man die Argumente gegeneinander ab, so sollte sich eine der beiden Sichtweisen durchsetzen können. Jedoch ist die empirische Literatur vollkommen unentschieden und zahlreiche Studien zeigen sogar, dass Bildung gar keinen signifikanten Einfluss auf die terroristische Aktivität haben. Aktuelle Untersuchungen (Brockhoff et al., 2010) zeigen jedoch, dass die Zusammenhänge zwischen Bildung und Terrorismus komplexer sind, als oben angedeutet. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei offenbar die politischen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen, unter denen Bildung und Terrorismus interagieren. Erfahren gut gebildete junge Menschen schlechte politische und sozioökonomische Bedingungen in ihrem Land, dann wird es wahrscheinlicher, dass Terrorismus von diesen Menschen bzw. ihrem Land ausgeht.

Der Hintergrund für diesen Befund ist, dass bessere Bildung die Menschen schneller verstehen lässt, wie schlecht die politischen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen in ihrem Heimatland sind. Dadurch steigt insbesondere in Ländern mit solchen Bedingungen die terroristische Aktivität als Ausdruck der Unzufriedenheit. Hierbei ist es nicht entscheidend, ob die Gebildeten selbst ökonomische Beschränkungen erfahren. Es ist durchaus möglich, dass sie sich als „revolutionäre Avantgarde“ verstehen, die für ärmere, weniger gebildete Bevölkerungsgruppen aktiv wird. Andererseits kann es durchaus sein, dass die Unzufriedenheit einen persönlichen oder gar egoistischen Hintergrund hat, etwa wenn qualifizierte junge Menschen keinen Arbeitsplatz finden, weil ihnen „Insider“ vorgezogen werden, oder wenn etwa eine korrupte Regierung Renten vergibt, die jeweiligen Personen jedoch nicht zum Zuge kommen. Ein Beispiel, an dem sich die problematischen Rahmenbedingungen verdeutlichen lassen, ist Palästina, wo die wirtschaftliche Aktivität durch den Konflikt mit Israel eingeschränkt ist, es hohe Jugendarbeitslosigkeit und nicht unerhebliche Korruption innerhalb der politischen Klasse gibt. Gleichzeitig gibt es eine relativ gut ausgebildete Schicht junger Menschen, die in ihren Möglichkeiten durch ebendiese Rahmenbedingungen sehr zurückgesetzt ist. Angrist (1995) sieht hierin den zentralen Erklärungsgrund für die erste Intifada; auch ein Einfluss auf den Umfang terroristischer Aktivität lässt sich hierdurch vermuten.

Ungüngstige Verhältnisse + hoher Bildungsstand = mehr Terror

Empirisch lassen sich die Zusammenhänge zwischen Bildung und Terrorismus durch eine Berücksichtigung konditionaler Terme beobachten. Abbildung 1 gibt einen ersten groben Eindruck der länderspezifischen Interaktion der beiden Variablen unter Beachtung des Anteils junger Menschen („youth burden“) in der Bevölkerung (für ausführliche empirische Belege vgl. Brockhoff et al., 2010). Bildung wird hier gemessen durch den Anteil der Studierenden in der Bevölkerung („university enrollment“) und Terrorismus als die (logarithmierte) Anzahl der Terrorattacken („ln terrorist attacks“). Auffällig ist, dass die Terrorismus-Variable sowohl mit dem Anteil der Studierenden als auch mit dem Anteil junger Menschen steigt und dass die Steigerung besonders stark ist, wenn beide Einflüsse gleichzeitig eintreten. Mit anderen Worten: Wenn ungünstige Verhältnisse (Jugendarbeitslosigkeit, starke Konkurrenz um sozialen Aufstieg etc.) und ein hoher Bildungsstand interagieren, kommt es zu verstärkter terroristischer Aktivität. Ähnliche Zusammenhänge lassen sich auch zeigen, wenn statt des Anteils junger Menschen Korruption oder ethno-linguistische Spannungen im Land betrachtet werden.

Abbildung 1

Abbildung 2 deutet zudem an, dass der Zusammenhang zwischen Bildung (gemessen als Anteil aller Schüler und Studierenden in der Bevölkerung: „school enrollment”) und Terrorismus („terror attacks“) nichtlinear ist: Insbesondere Länder mit mittleren Bildungsniveaus (d.h. nur ein Teil der jungen Menschen genießt höhere Bildung) weisen hohe Terrorniveaus auf. Länder mit generell geringem Bildungsniveau sind dagegen weniger stark von Terrorismus betroffen. Hier sind z.B. Fragen der Subsistenz wichtiger als der Kampf um Freiheitsrechte. Länder mit hohem Bildungsniveau verfügen in der Regel auch über gute politische und soziökonomische Rahmenbedingungen, so dass hier der hohe Bildungsstand nicht in Terrorismus umschlägt.

Abbildung 2

Fazit

Insgesamt lässt sich damit festhalten, dass Forderungen nach einer besseren Bildung zur Bekämpfung von Terrorismus nur dann Sinn machen, wenn die sozioökonomischen und institutionellen Rahmenbedingungen eines Landes hinreichend gut sind. Sind sie es nicht, dann kann Bildung die Bereitschaft steigern, mit terroristischer Gewalt gegen ebendiese Rahmenbedingungen zu protestieren, was politische Instabilität befördert. Entwicklungspolitik muss daher, wenn sie die Bildung verbessern will (was z.B. durch die Millenniums-Ziele der Vereinten Nationen nahegelegt wird), diese Maßnahme in einen Prozess des „Nation Building“ einbetten, d.h. sie muss einen umfassenden Ansatz verfolgen, bei dem alle Rahmenbedingungen eines zu entwickelnden Landes erfasst und verbessert werden.

Literatur

Angrist, J.D. (1995). The Economic Returns to Schooling in the West Bank and Gaza Strip. American Economic Review 85, 1065-1087.

Brockhoff, S.; Krieger, T.; Meierrieks, D. (2010): Ties That Do Not Bind (Directly) – The Education-Terrorism Nexus Revisited. Center for International Economics Working Paper Nr. 2010-02, Universität Paderborn. Link: http://econpapers.repec.org/paper/pdnwpaper/26.htm[ a ].

Krieger, T.; Meierrieks, D. (2010): What Causes Terrorism? Public Choice (im Druck; DOI 10.1007/s11127-010-9601-1).

©KOF ETH Zürich, 22. Dez. 2010

 
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Bildung, Entwicklungsstrategien, Institutionen, NationBuilding, Terrorismus

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