„War for Talents“: Fluch oder Segen für Entwicklungsländer?

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Alexander HauptTim Krieger und Thomas Lange, 30. Sept. 2010
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Die steigende Zahl indischer Computerexperten in den USA und osteuropäischer Wirtschaftsmathematiker im Londoner Finanzzentrum spiegelt die zunehmende Mobilität hoch qualifizierter Arbeitskräfte wider. Gleichzeitig findet ein verschärfter internationaler Wettbewerb um diese Arbeitskräfte statt. Hoch qualifizierte Arbeitskräfte sind relativ gesehen die mobilsten unter den Erwerbstätigen. So halten sich beispielsweise mehr als 47% aller Ghanaer mit einer tertiären Ausbildung, sprich mit einem Hochschulabschluss, im Ausland auf, aber nur 1% ihrer gering qualifizierten Landsleute.

Die Verfügbarkeit hoch qualifizierter Arbeitskräfte ist unerlässlich für die Innovationstätigkeit und den Wohlstand in modernen Volkswirtschaften. In der traditionellen entwicklungsökonomischen Literatur wird deren Abwanderung, die unter dem Schlagwort „Brain Drain“ firmiert, daher als ein zentrales Problem ärmerer Staaten identifiziert: Brain Drain reduziere die Wachstumschancen dieser Länder, die zu allem Überfluss häufig auch noch die Ausbildung der Emigranten aus öffentlichen Mitteln finanziert haben.

Internationale Mobilität macht Bildung attraktiver

Diese pessimistische Sichtweise wird in neueren theoretischen und empirischen Beiträgen der entwicklungsökonomischen Literatur jedoch relativiert. Es zeigt sich, dass Länder mit hohen Abwanderungsquoten bei den Hochqualifizierten durchaus einen starken Aufbau des so genannten Humankapitals und ein starkes Wachstum aufweisen können. Die Erklärungsansätze hierfür unterscheiden sich im Detail, basieren jedoch im Kern auf einem einfachen Effekt. Offenere Grenzen schaffen besonders für hoch qualifizierte Arbeitskräfte aus den ärmeren Regionen der Welt die Möglichkeit, in Hochlohnländern ihre Fähigkeiten in bare Münze umwandeln zu können. Bereits das Vorhandensein der Abwanderungsoption bei entsprechenden Fähigkeiten macht Bildung attraktiver und erhöht die Bereitschaft, in die eigene Ausbildung und die der Kinder zu investieren.

Diese stärkeren privaten Anreize aufgrund der Emigrationsmöglichkeit sind vor allem in Ländern mit begrenzten und unsicheren Berufsperspektiven für Hochqualifizierte wichtig. Größere private Bildungsinvestitionen erhöhen folglich das Bildungsniveau pro Kopf in den Entwicklungsländern. Da in der Regel von den Bessergebildeten letztlich doch nicht alle auswandern – viele lernen die Liebe ihres Lebens im Heimatland kennen und gründen dort eine Familie, für einige ergeben sich außerdem auch dort attraktive Berufschancen – kann es zum so genannten „Brain Gain“ kommen. Ein Brain Gain im Sinne eines größeren gesamten Humankapitalbestands der Ökonomie resultiert für Entwicklungsländer jedoch nur, falls der Anstieg des Bildungsniveaus auf individueller Ebene den Verlust durch Emigration einiger Hochqualifizierter überkompensiert.

Von Hochqualifizierten zu Talenten

Heutzutage sind jedoch nicht nur die bereits sehr gut Ausgebildeten zunehmend international mobil, sondern auch die zukünftig Hochqualifizierten, d.h. die Studierenden. In der Hoffnung, langfristig qualifizierte Arbeitskräfte gewinnen zu können, öffnen viele Länder immer stärker ihre Hochschulen für Studierende aus dem Ausland. So ist seit dem Jahr 2000 die Zahl internationaler Studierender an Hochschulen weltweit um fast 60% auf rund 3 Millionen gestiegen. Hierbei stellen die USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich die Hauptzielländer und Korea, Japan, Frankreich und Deutschland die wichtigsten Sendeländer innerhalb der OECD dar. Daneben haben aber auch die Schwellenländer China und Indien mit rund 16% bzw. 6% einen besonders hohen Anteil unter den ausländischen Studierenden in den OECD-Ländern.

Diese ausländischen Studierenden können in der Tat eine wichtige Rolle bei der Rekrutierung hoch qualifizierter Arbeitskräfte spielen. In Australien, einem traditionellen Einwanderungsland, in dem 20% aller Studierenden aus dem Ausland kommen, sind beispielsweise 20% aller hoch qualifizierten ausländischen Erwerbstätigen ursprünglich zum Studium eingereist. Aber auch in alternden westlichen Industriegesellschaften, die traditionell eine restriktive Einwanderungspolitik betrieben haben, werden ausländische Studierende mittlerweile als attraktive Zielgruppe gesehen, um den eigenen Mangel an hoch qualifizierten Arbeitskräften zumindest abzumildern.

So erlaubt beispielsweise auch Deutschland inzwischen seinen Gaststudierenden bis zu einem Jahr nach Studienabschluss im Land zu bleiben, um einen Arbeitsplatz zu suchen. Und für viele Studierende aus den Entwicklungsländern ist es lukrativ, aus der temporären eine permanente Emigration werden zu lassen. So beabsichtigen beispielsweise mehr als 80% der chinesischen und indischen Ph.D.-Studierenden in den USA, nach der Promotion dort zu bleiben und zu arbeiten. Wiederum stellt sich die Frage, ob der resultierende Wettbewerb um Talente zu Lasten armer Herkunftsländer geht.

Brain Gain durch höhere öffentliche Bildungsinvestitionen in den Gastländern

„Nicht unbedingt“, lautet die Antwort, die wir in zwei aktuellen Arbeitspapieren geben. Das Argument lässt sich wiederum auf einen einfachen Mechanismus reduzieren. Eine höhere Verbleibsquote ausländischer Studierender in ihren Gastländern nach dem Studium bedeutet, dass der erwartete „öffentliche“ Nutzen aus der Ausbildung der ausländischen Studierenden im Gastland steigt. Dieser öffentliche Nutzen kann sich unter anderem in verbesserten Wachstumspotenzialen der inländischen Wirtschaft und der Stabilisierung bestehender Sozialsysteme widerspiegeln. Je mehr ausländische Studierende nun nach erfolgreicher Ausbildung der inländischen Wirtschaft als qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, umso mehr lohnt es sich aus Sicht des Gastlandes, in die Ausbildungsqualität dieser Absolventen zu investieren. Dies kann in verschiedener Form erfolgen. Beispielweise fördert der DAAD Studienprogramme, die besonders auf die Bedürfnisse ausländischer Studierender zugeschnitten sind. An vielen britischen Universitäten finden wir spezielle Tutorienprogramme für ausländische Studierende. Schließlich kann auch der verschärfte Wettbewerb um talentierte Studierende zu einer erhöhten allgemeinen Studienqualität führen.

Entscheidend ist, dass die verbesserten Bedingungen nicht nur den ausländischen Studierenden, die nach ihrem Abschluss im Gastland bleiben, zugutekommen, sondern auch jenen, die wieder in ihre Heimat zurückkehren. Aus Sicht des Entwicklungslandes ergibt sich somit eine Qualitäts-Quantitäts-Abwägung. Einerseits stellt eine höhere Verbleibsquote im Industrieland für das ärmere Land einen quantitativen Brain Drain dar, da weniger junge talentierte Menschen nach dem Studium in das Land zurückkehren. Andererseits geht eine höhere Verbleibsquote mit einer höheren Ausbildungsqualität bei den – weniger gewordenen – Rückkehrern einher, da das Industrieland größere Anreize hat, in die Ausbildung der ausländischen Studierenden zu investieren.

Solange die Verbleibsquote keine dramatisch hohen Werte erreicht, kann der Qualitätseffekt in der Tat dominieren. Dann ist eine höhere Verbleibsquote durchaus im Interesse der Entwicklungsländer, obwohl sie dadurch zusätzliche Talente an die Industrienationen verlieren. Die Aussichten der Entwicklungsländer verbessern sich weiter, wenn der Wettbewerb um Talente zwischen den Industrienationen die Studienbedingungen für ausländische Studierende sowohl qualitativ als auch finanziell noch attraktiver werden lässt.

Entscheidend für den vorgestellten Mechanismus ist, dass es den Gastländern tatsächlich gelingt, in nennenswertem Umfang längerfristig ausländische Studierende an das Gastland zu binden. Dann sind auch die Anreize vorhanden, aus öffentlichen Mitteln in die Ausbildungsqualität ausländischer Studierender zu investieren, wodurch schliesslich auch die Entwicklungsländer profitieren.

Literatur

Haupt, A.; Krieger, T.; Lange, T. (2010): A Note on Brain Drain and Brain Gain: Permanent Migration and Education Policy. CESifo Working Paper Nr. 3154, München. URL: http://www.cesifo-group.de/pls/guestci/download/CESifo%20Working%20Papers%202010/CESifo%20Working%20Papers%20August%202010/cesifo1_wp3154.pdf[ a ]

Haupt, A.; Krieger, T.; Lange, T. (2010): Competition for the International Pool of Talents: Education Policy and Student Mobility. CCES Discussion Paper Nr. 31, Hitotsubashi University. URL: http://hermes-ir.lib.hit-u.ac.jp/rs/bitstream/10086/18490/1/070ccesDP_31.pdf. [ b ]

©KOF ETH Zürich, 30. Sep. 2010

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat einen Kommentar.
  • Aussenwissenschaftspolitik

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    Die deutsche Bundesregierung hat - entgegen aller Integrationsängste und weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit - bereits 2009 die Brain Drain/Gain-Problematik aufgegriffen. Stichwort ist "Aussenwissenschaftspolitik".
    Hier der Link: http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/KulturDialog/Aussenwissenschaftsinitiative2009/UebersichtAWP.html
    Es bleibt abzuwarten ob sich dadurch wirklich ein brain gain für Deutschland einstellt, wie die Verfasser hoffen. Es wäre interessant, etwaige Effekte der Initiative in einigen Jahren auszuwerten. Bin gespannt auf das entsprechende Paper dazu.

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Alexander Haupt

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Tim Krieger

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Thomas Lange

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Schlagworte

Bildungspolitik, BrainGain, Rückwanderung, Systemwettbewerb

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