Statistik zwischen Klamauk und Analphabetismus

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Hans Wolfgang Brachinger, 20. Sept. 2010
Statistik zwischen Klamauk und Analphabetismus 4.44 5 121

Der Regierende Bürgermeister und Berliner SPD-Vorsitzende Klaus Wowereit streift vor der Sendung noch einmal durch seinen Kiez, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Die präsentiert sich ihm so, wie man das bei einem Mitglied der politisch korrekten Klasse erwartet: Buntes Multi-Kulti-Treiben, frisches Gemüse beim türkischen Händler, lauter Beispiele gelungener Integration. In der Sendung am Sonntagabend präsentiert Anne Will dann mit einer jungen deutschen Autorin mit türkischen Wurzeln einen „wandelnden Gegenentwurf“ zu Sarrazins Thesen. Sie soll erklären, „was wirklich Sache ist“.[ 1 ]

Solches Verhalten ist Ausdruck der Schönfärberei, die viele Anti-Sarrazins in Politik und Medien verbindet. Daran hat man sich ja schon gewöhnt. Es ist aber noch viel mehr: Es ist Zeichen für den in Deutschland weit verbreiteten statistischen Analphabetismus, der hier nicht nur dümmliche Früchte trägt, sondern unerträglich wird. Die statistische Naivität eines Thilo Sarrazins paart sich mit der statistischen Ignoranz der Bescheidwisser in den Medien.

Selbstbewusst erklärt Sarrazin ganz am Anfang seines Buches: „Ich stütze mich in meinen Ausführungen auf empirische Erhebungen“. Grundlage von Sarrazins Ausführungen ist tatsächlich ein amtlicher Datensatz des Bundesamtes für Statistik, der so genannte Mikrozensus. Das ist einer der seriösesten und interessantesten Datensätze, den die deutsche amtliche Statistik zu bieten hat. Sarrazin hat diesen Datensatz nach Hinweisen darauf durchforstet, inwieweit sich die Migranten mit unterschiedlicher Herkunft im Hinblick auf ihre Integrationswilligkeit unterscheiden. Und da wird man leicht fündig: Bei den Personen ohne Migrationshintergrund haben 15 Prozent der Frauen Abitur und 15,2 Prozent sind ohne Schulabschluss. Unter den Frauen mit türkischem Migrationshintergrund haben nur 5,8 Prozent Abitur, aber 51,7 Prozent gehen ohne Schulabschluss durchs Leben. Solche Ergebnisse sind alarmierend.

Zu schwierig für Fernsehleute

Alle sagen jetzt, das wisse man doch schon lange. Dazu brauche man das Buch Sarrazins nicht. Richtig. Dazu bräuchte man Sarrazins Buch nicht. Die Fachserie 1 Reihe 2.2 „Bevölkerung und Erwerbstätigkeit – Bevölkerung mit Migrationshintergrund – Ergebnisse des Mikrozensus 2008“ ist bereits am 26. Januar 2010 publiziert worden. Erinnern Sie sich daran? Nein? Kein Wunder. Die Medien haben von dieser Publikation damals kaum Notiz genommen. Warum? Diese amtliche Publikation besteht aus gerade mal acht Seiten methodischer Bemerkungen und Erläuterungen zu den Tabellen. Dann folgen 282 Seiten mit Tabellen. Ich kenne keinen Journalisten, der sich gerne die Mühe macht, eine solche Tabellensammlung zu studieren. Da haben wir das erste Problem: Das Bundesamt produziert wunderbare Daten, aber die Öffentlichkeit bekommt davon nichts mit, weil die Daten in einer Weise präsentiert werden, die Fernsehjournalisten oft für unleserlich halten, mindestens aber langweilig und abschreckend finden. Es bedarf offenbar der Provokationen eines Sarrazins und des von den Medien dankbar veranstalteten Klamauks, um auf seriöse amtliche Daten aufmerksam zu machen.

Das Bundesamt präsentierte seine Publikation mit dem Hinweis, dass sie „einen umfassenden Überblick [gibt] über die aktuelle Lage der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und ihrer Teilgruppen, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede untereinander und im Vergleich zur deutschen Bevölkerung mit Blick auf demographische und soziodemographische Merkmale, Lebensformen in Privathaushalten, Erwerbsbeteiligung, Bildung, Altersvorsorge, Angaben zu Gesundheit und räumlicher Verteilung“. Das Amt betont, dass „für eine vorausschauende und zielorientierte Migrations- und Integrationspolitik in Deutschland … valide und aktuelle Daten über Personen mit Migrationshintergrund eine notwendige Voraussetzung“ [sind]. Genau so ist es. Aber hier beginnt bereits das zweite Problem: Valide und aktuelle Daten sind für eine solide Migrations- und Integrationspolitik zwar notwendig. Sie sind aber mitnichten hinreichend für eine korrekte Analyse der Zusammenhänge. Die vielen Tabellen in der Publikation ‚Mikrozensus’ sind rein deskriptive, beschreibende Statistik, also Statistik der einfachsten Art. Sie stellen die vereinfachte Beschreibung eines Sachverhalts dar. Was Sarrazin macht, ist: Er zieht Schlussfolgerungen aus diesem einfachen deskriptiven Befund, er nutzt die deskriptiven Daten für aus den Daten nicht begründbare statistische Inferenzen.

Sinnlose Argumentation mit Einzelfälle

Das ist unzulässig. Für tiefer gehende statistische Analysen braucht man substanzwissenschaftlich wohlbegründete Hypothesen über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Ist der familiäre Hintergrund ausschlaggebend dafür, dass eine Frau ohne Schulabschluss bleibt und welche Merkmale sind für ihren familiären Hintergrund kennzeichnend? Dann braucht man Daten über diese Merkmale. Vor allem braucht man aber Methoden, mit denen Hypothesen über solche Zusammenhänge empirisch überprüft werden können. Zu prüfen ist, ob die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau keinen Schulabschluss hat, tatsächlich von den vermuteten Ursachen abhängt. An dieser methodischen Kompetenz mangelt es Herrn Sarrazin offenbar. Besässe er sie, hätte er dieses Buch so nie geschrieben.

Zu denken gibt allerdings: Sollte ein Buch, das diese Qualitäten besitzt, je geschrieben werden, dann wird es nie so gut verkauft werden wie Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Das ist das dritte Problem: Die breite Öffentlichkeit ist nicht an sorgfältigen statistischen Analysen und komplizierten Deutungsmustern interessiert. Sie will, dass man wie Sarrazin „direkt und schnörkellos“ argumentiert. Man will die Komplexität der Realität nicht wahrhaben. Eigentlich will man schon einfache Tabellen nicht sehen. Der Ober-Bescheidwisser Friedman spricht den Leuten aus der Seele, wenn er den Bericht Sarrazins über die Mikrozensusdaten als „unendliches Zahlengerüst, das in der Tat nicht besonders spannend ist“ bezeichnet. Solche Statistiken würden Menschen zu Zahlen reduzieren, das sei "menschenfeindlich und respektlos". Das geht soweit, dass sogar ein Laienstatistiker wie Sarrazin als Zahlenfreak diskreditiert wird und sich in der Presse höhnische Kommentare gefallen lassen muss, wenn er bei Beckmann über Fertilität und Nettoreproduktionsrate stolpert.

Besonders deutlich wird der statistische Analphabetismus aber dann, wenn in den Medien versucht wird, Sarrazins pseudowissenschaftliche Argumente mit Einzelfällen gelungener Integration zu entkräften und das politisch korrekte Publikum dazu klatscht. Sowohl bei Beckmann, als auch bei Plasberg und Anne Will liess man Beispiele gelungener Integration auftreten. Offenbar merkt man gar nicht, dass es keinen Sinn macht, in Rahmen der Diskussion eines Massenphänomens, nämlich der Frage der Integration von Migranten und deren Nachfahren, mit Einzelfällen zu argumentieren. Wie auch immer man „Integration“ statistisch erfasst, die Realität zeigt sich immer in einer Verteilung unterschiedlicher Integrationsgrade. Deshalb muss immer mit Durchschnittsaussagen argumentiert werden. Durchschnittsaussagen müssen mit anderen Durchschnittsaussagen verglichen werden. Und dann kommt es darauf an statistisch zu testen, ob es signifikante Unterschiede gibt. Dabei werden keineswegs Einzelfälle positiver Integration „herausgerechnet“, wie sich eine offenbar gut integrierte Dame bei Plasberg beschwerte. Es ist schön, dass es solche Fälle gibt. Sie werden mitnichten ausgeblendet, sie haben bei der Betrachtung eines Phänomens wie der Integration lediglich hinter die Durchschnittsaussagen zurückzutreten. Übrigens: Warum wird eigentlich kein Bespiel nicht gelungener Integration in die deutschen Fernsehstudios gezerrt?

Statistischer Analphabetismus verhindert einen sachgerechten Umgang mit den Ergebnissen des Mikrozensus 2008. Sie drohen zwischen Klamauk und Ignoranz unterzugehen. Die deutsche Integrationspolitik ist offenbar mangelhaft. Es mangelt aber auch an statistischer Kompetenz: Es mangelt an der Bereitschaft statistische Information zu lesen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Es mangelt an der Fähigkeit, statistische Information korrekt zu interpretieren. Und es mangelt an Verständnis dafür, was deskriptive Statistik zu leisten imstande ist und was nicht. Auch hier stellt sich für die deutsche Gesellschaft eine wichtige Bildungsaufgabe.


  • 1  Dieser Artikel ist am 10. September 2010 in einer gekürzten Version in der NZZ erschienen. Der hier vorliegende Text wurde am 21. September aufdatiert.

©KOF ETH Zürich, 20. Sep. 2010

 
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Hans Wolfgang Brachinger

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Schlagworte

Immigration, Integration, Mikrozensus, Schulbildung, Statistik

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