Automatische Stabilisatoren: Ein Vergleich Europa-USA

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Mathias DollsClemens Fuest und Andreas Peichl, 27. Juli 2010
Automatische Stabilisatoren: Ein Vergleich Europa-USA 4.16 5 19

Die automatischen Stabilisatoren des Steuer- und Transfersystems können in Wirtschaftskrisen einen wichtigen Beitrag zur Stützung der Konjunktur liefern. Ihre Wirkung besteht darin, dass die Steuereinnahmen sinken und die Sozialausgaben steigen. Sofern die Regierung nicht mit Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzungen reagiert, sondern ein erhöhtes Defizit, zumindest temporär, in Kauf nimmt, wird ein Teil der negativen Auswirkungen der Krise auf die verfügbaren Einkommen vom Staat absorbiert.[ 1 ]

Dieser Beitrag untersucht vor dem Hintergrund der jüngsten Weltwirtschaftskrise, welche Rolle die automatischen Stabilisatoren bei der Stützung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage spielen. Wir konzentrieren uns dabei auf einen Vergleich zwischen Europa und den USA. In welchem Umfang tragen die automatischen Stabilisatoren bei einem stilisierten Einkommens- oder Beschäftigungsschock zur Stabilisierung der verfügbaren Einkommen und der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage bei? Und welche Unterschiede bestehen zwischen Deutschland, 18 weiteren europäischen Ländern und den USA?

Wirkung der Stabilisatoren

Die gesamtwirtschaftliche Stabilisierungswirkung der automatischen Stabilisatoren hängt von zwei Faktoren ab. Zum einen wird durch das jeweilige Steuer- und Transfersystem bestimmt, wie sich ein Rückgang des Bruttoeinkommens auf das verfügbare Einkommen auswirkt. Beispielsweise führt bei einer proportionalen Einkommensteuer von 40 Prozent ein Einkommensrückgang von 100 Euro zu einem Rückgang des verfügbaren Einkommens um 60 Euro. Ein Anteil von 40 Euro des Schocks wird folglich von der Steuer absorbiert. Eine progressive Steuer hätte dagegen einen stärkeren stabilisierenden Effekt. Zum anderen ist die Verbindung zwischen aktuellem verfügbaren Einkommen und der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen von zentraler Bedeutung.

Falls die Haushalte den Einkommensschock als temporär betrachten, ihre Nachfrage sich nach dem Konzept des permanenten Einkommens verhält und keine Kreditbeschränkungen vorliegen, wird die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen unverändert bleiben. Die Konsequenz wäre, dass die automatischen Stabilisatoren keinen Einfluss auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage hätten. In mehreren Analysen ist jedoch gezeigt worden, dass ein Teil der Haushalte die Konsumausgaben an das jeweilige verfügbare Einkommen anpasst. In diesem Fall trägt die Stabilisierung des verfügbaren Einkommens durch die automatischen Stabilisatoren zur Stärkung der Konsumnachfrage bei und ist neben der aktiven Fiskalpolitik eine zweite Säule der fiskalischen Expansion.

Zur Berechnung der automatischen Stabilisatoren werden Mikrosimulationsmodelle verwendet, die für repräsentative Haushalts-Mikrodatensätze Steuern und Transfers berechnen, basierend auf der Rechtslage vor Beginn der Krise. Für die 19 europäischen Länder unserer Analyse verwenden wir das europäische Mikrosimulationsmodell EUROMOD und für die USA TAXSIM. Berücksichtigt werden die Einkommensteuer, von den Arbeitnehmern zu zahlende Sozialversicherungsbeiträge sowie Transfers wie z.B. Arbeitslosengeld. Als ein Maß für die automatischen Stabilisatoren wird ein Indikator berechnet (Einkommensstabilisierungskoeffizient), der die Schockabfederung durch die Steuer- und Transfersysteme ins Verhältnis zum gesamten Einkommensschock setzt.

Im einleitend genannten Beispiel würde der Einkommensstabilisierungskoeffizient 0.4 betragen, da 40 Prozent des Einkommensschocks vom Steuer- und Transfersystem absorbiert würden. Der Nachfragestabilisierungskoeffizient zeigt schließlich, in welcher Höhe die Konsumnachfrage der Haushalte stabilisiert wird.

Einkommensschock: Wirkung in den USA und Europa ähnlich

Wie unterscheiden sich die automatischen Stabilisatoren innerhalb Europas, und wie groß ist der Unterschied zwischen europäischen Ländern und den USA? Die 19 europäischen Länder, alle EU-Mitgliedstaaten, werden im Rahmen dieses Vergleichs als ein Land betrachtet (EU-Gruppe). Eine zweite Gruppe besteht aus Ländern aus dem Euro-Bereich (Euro-Länder). Grafik 1 fasst die Ergebnisse für die Einkommensstabilisierung für beide Szenarien zusammen. Es wird deutlich, dass die Stabilisierungswirkung beim Einkommensschock für die EU-Gruppe, die Euro-Länder und die USA nicht sehr weit auseinander liegen (38, 39 und 32 Prozent), wohingegen in Deutschland der Wert mit 48 Prozent deutlich höher ist. Dies kann durch die relativ hohe Progressivität der deutschen Einkommensteuer im internationalen Vergleich erklärt werden.

Grafik 1: Dekomposition des Einkommensstabilisierungskoeffizienten für beide Szenarien

<p><sup>Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf EUROMOD und TAXSIM</sup></p>

Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf EUROMOD und TAXSIM

Der relativ geringe Unterschied zwischen der EU-Gruppe und den USA ist überraschend, denn die automatischen Stabilisatoren in Europa werden oft als bedeutend höher eingeschätzt. Die Dekomposition zeigt, dass Steuern und Sozialversicherungsbeiträge die entscheidenden Faktoren des Einkommensstabilisierungskoeffizienten bei einem Einkommensschock sind. Transfers haben in diesem Szenario eine geringe Bedeutung.

Beschäftigungsschock: deutliche Unterschiede zwischen den USA und der EU

Beim Beschäftigungsschock wächst die Differenz zwischen der EU-Gruppe und den USA auf 14 Prozentpunkte. Die Werte des Einkommensstabilisierungskoeffizienten für die EU-Gruppe, Euro-Länder und die USA sind 48, 50 und 34 Prozent, in Deutschland liegt dieser Wert nun sogar bei 65 Prozent. Der nun deutliche Unterschied zwischen Europa und den USA kann zu einem großen Teil durch Transferzahlungen (insbesondere Lohnersatzleistungen wie z.B. das Arbeitslosengeld in Deutschland) erklärt werden. Die Dekompositionsanalyse zeigt, dass in der EU-Gruppe 19 Prozent (Euro-Länder 21 Prozent), in den USA dagegen lediglich 7 Prozent des Schocks durch Transfers abgefedert werden.

Welche Ergebnisse resultieren aus der Glättung des verfügbaren Einkommens in Bezug auf eine Stabilisierung des Haushaltskonsums? Grafik 2 zeigt die Unterschiede zwischen dem Einkommensstabilisierungs- und dem Nachfragestabilisierungskoeffizienten. Da eine Stabilisierung der Nachfrage nur bei kreditbeschränkten Haushalten erreicht werden kann, sind die Nachfragestabilisierungskoeffizienten geringer als diejenigen der Einkommensstabilisierung.

Eine Konsequenz daraus ist, dass in Ländern mit einem hohen Anteil kreditrationierter Haushalte eine hohe Nachfragestabilisierung möglich ist, während in sehr wohlhabenden Ländern – mit weniger kreditrationierten Haushalten – das Gegenteil der Fall ist. Beim Einkommensschock ist der Unterschied zwischen der EU-Gruppe und den USA gering (Nachfragestabilisierung von 26 vs. 19 Prozent, 24 Prozent für die Euro-Länder), vergrößert sich aber beträchtlich im Fall des Beschäftigungsschocks (35 vs. 19 Prozent, 34 Prozent für die Euro-Länder). Ähnlich wie bei der Einkommensstabilisierung ist die Differenz beim Beschäftigungsschock also größer.

Grafik 2: Einkommens- und Nachfragestabilisierungskoeffizienten

<p><sup>Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf EUROMOD und TAXSIM</sup></p>

Quelle: Eigene Berechnungen basierend auf EUROMOD und TAXSIM

Welche Resultate ergeben sich für den innereuropäischen Vergleich und wie stark sind die automatischen Stabilisatoren in Deutschland? Die Heterogenität innerhalb der EU ist beträchtlich. Sowohl beim Einkommens- als auch beim Beschäftigungsschock liegt Dänemark bei der Einkommensstabilisierung an der Spitze (56 und 71 Prozent). Deutschland liegt mit 48 und 65 Prozent bei beiden Szenarien deutlich über dem Durchschnitt der EU-Gruppe, während viele ost- und südeuropäische Länder sehr geringe Stabilisierungswerte aufweisen.

Bei der Nachfragestabilisierung tritt der bereits erwähnte Effekt auf, dass Haushalte in der Mehrzahl der osteuropäischen Länder über geringere Vermögenseinkünfte als in Westeuropa verfügen und ein größerer Anteil der Bevölkerung kreditbeschränkt ist. Das steigert die Wirkung der automatischen Stabilisatoren in diesen Ländern. Die Nachfragestabilisierung beim Einkommensschock ist am stärksten in Ungarn (46 Prozent) und liegt in Polen und Estland mit Werten von 30 und 25 Prozent über oder in der Nähe des Durchschnitts der EU-Gruppe (26 Prozent), obwohl die Einkommensstabilisierung in diesen beiden Ländern geringer als im Durchschnitt ist. Die automatische Stabilisierung der Nachfrage ist in Ländern mit relativ vermögenden Haushalten deutlich schwächer ausgeprägt, da Kreditbeschränkungen in diesen Ländern keine so große Rolle spielen. Zu dieser Gruppe von Ländern gehört auch Deutschland. Die Nachfragestabilisierung liegt hier in beiden Szenarien im Bereich des Durchschnitts der EU-Gruppe (25 und 38 Prozent), während die Werte des Einkommensstabilisierungskoeffizienten noch jeweils in die Spitzengruppe fielen.

Fazit: Art des Schocks entscheidend, grosse Heterogenität zwischen den Ländern

Ein zentrales Ergebnis der Analyse liegt darin, dass die Stärke der automatischen Stabilisatoren wesentlich von der Art des betrachteten Schocks abhängt. Im Fall eines Beschäftigungsschocks, der die privaten Haushalte asymmetrisch trifft, ist der Unterschied zwischen der EU und den USA deutlich höher als beim proportionalen Einkommensschock. Deutschland liegt in beiden Szenarien deutlich über dem EU-Durchschnitt.

Die Untersuchung dokumentiert ferner die große Heterogenität der automatischen Stabilisatoren innerhalb Europas. Interessanterweise sind vor allem ost- und südeuropäische Länder durch geringe automatische Stabilisatoren gekennzeichnet. Eine Erklärung für die niedrigen automatischen Stabilisatoren in diesen Ländern liegt darin, dass Länder mit geringeren Pro-Kopf-Einkünften tendenziell über kleinere Staatssektoren verfügen. Schwächere automatische Stabilisatoren sind demnach ein unbeabsichtigter Nebeneffekt einer geringeren Nachfrage nach Staatsaktivität einschließlich Umverteilung.


  • 1  Eine ausführlichere Version dieses Beitrags mit besonderem Fokus auf Deutschland ist unter dem Titel „Wie wirken die automatischen Stabilisatoren in der Wirtschaftskrise? Deutschland im Vergleich zu anderen EU-Staaten und den USA“ in den Perspektiven der Wirtschaftspolitik, 2010, 11 (2), 132-145, erschienen. Die aktuelle Version der kompletten Studie ist im Juni 2010 unter dem Titel „AUTOMATIC STABILISERS AND ECONOMIC CRISIS: US vs EUROPE“ als EUROMOD Working Paper No. EM2/10 erschienen. Eine weitere Version mit besonderm Fokus auf die Einkommensverteilung ist verfügbar als IZA Discussion Paper No. 4917 mit dem Titel "Automatic Stabilizers, Economic Crisis and Income Distribution in Europe".

©KOF ETH Zürich, 27. Jul. 2010

 
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AutomatischeStabilisatoren, Beschäftigungsschock, Einkommensschock, Krise, Schock

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