Politik und Kultur: Unterschiedliche Einstellungen bezüglich der Rolle der Frau in Ost und West

– selbst nach der Wiedervereinigung divergieren sie weiter

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Stefan Bauernschuster und Helmut Rainer, 28. Mai 2010
Politik und Kultur: Unterschiedliche Einstellungen bezüglich der Rolle der Frau in Ost und West 4.00 5 17

Einstellungen darüber, was die angemessene Rolle der Frau im Familien- und Berufsleben ist, beeinflussen individuelle Entscheidungen. So führt beispielsweise ein eher traditionelles Frauenbild einerseits zu einer geringeren Erwerbsbeteiligung von Frauen, und andererseits oft zu einer höheren Anzahl von Kindern pro Frau. Auch Lohnunterschiede zwischen Mann und Frau sind teils darauf zurückzuführen, wie Frauen selbst ihre Rolle am Arbeitsmarkt sehen.[ 1 ]

Während also Einigkeit besteht, dass kulturelle Einstellungen ökonomische Entscheidungen beeinflussen, ist weit weniger bekannt, wie solche Einstellungen entstehen und wie sie sich über die Zeit formen. Insbesondere liegen kaum empirisch fundierte Ergebnisse darüber vor, inwieweit die Politik das gesellschaftliche Frauenbild beeinflussen kann.

In demokratischen Gesellschaften werden Politiker als Vertreter des Volkes gewählt und vertreten somit tendenziell die Meinungen und Einstellungen der Mehrheit. Folglich ist eine enge Übereinstimmung zwischen Parteiprogramm und gesellschaftlichem Frauenbild nicht ursächlich auf den Einfluss der Politik auf das Frauenbild zurückzuführen. Vielmehr sollte die Kausalität in die andere Richtung gehen, nämlich dass das gesellschaftliche Frauenbild die Politik beeinflusst. Dies stellt die zentrale Problematik für den Empiriker dar, der an der Frage interessiert ist, ob und wie Politik selbst das gesellschaftliche Frauenbild beeinflussen kann. Die jüngere deutsche Geschichte, insbesondere die Trennung und Wiedervereinigung des Landes, liefert jedoch ein natürliches Experiment, mit dessen Hilfe man einen ursächlichen Effekt von Politik auf das Frauenbild messen kann.

Die deutsche Geschichte als natürliches Experiment

Nach langen Perioden von Unruhe und Veränderung kam es auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer breiten Annäherung und Vereinheitlichung. Diese Entwicklung fand ihren institutionellen Ausdruck in der Gründung des Deutschen Reiches im Jahr 1871. Nach dem 1.Weltkrieg wurde dieser Trend in der Weimarer Republik gefestigt, so dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das heutige Bundesgebiet als weitgehend einheitliches Land zu sehen ist.

Hinsichtlich der gesellschaftlichen Rolle der Frau zeigen Daten des Statistischen Reichsamts, dass sich die Beteiligung der Frauen auf dem Arbeitsmarkt im Jahr 1935 auf dem Gebiet der heutigen neuen Bundesländer kaum von der auf dem Gebiet der heutigen alten Bundesländer unterschied. Auch das Heirats- und Fertilitätsverhalten sowie die Arbeitsstunden und Arbeitslöhne von Frauen im Vergleich zu Männern waren zu dieser Zeit kaum unterschiedlich. Diese objektiv gemessenen Arbeitsmarkt- und Fertilitätsdaten des Statistischen Reichsamts legen nahe, dass Einstellungen zur Rolle der Frau in Familie und Beruf in beiden Regionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr ähnlich waren.

Im Zuge der Teilung Deutschlands wurde diese Einheit durchbrochen. In der sowjetischen Besatzungszone wurde das Recht auf Arbeit und auf gleiche Bezahlung für Frauen in der Verfassung verankert. Die Gleichstellung von Mann und Frau war schließlich eines der zentralen Elemente der sozialistischen Ideologie. Mittels speziell für Frauen aufgelegter Qualifizierungsprogramme, durch flächendeckende Bereitstellung von Kinderkrippenplätzen sowie bezahlten Mutterzeiten mit Garantie auf Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt wurde die Erwerbstätigkeit von Frauen weiter gefördert.

In Westdeutschland hingegen war die Vereinbarung von Familie und Beruf für Frauen nicht nur aufgrund eines Mangels an Kinderkrippenplätzen oft schwierig. Politisch wurde ein eher traditionelles Familienmodell gefördert, in dem der Mann für das finanzielle Auskommen der Familie sorgte, während sich die Frau vor allem um Kinder und Haushalt kümmerte oder bestenfalls nach langer Beschäftigungsunterbrechung in Teilzeitarbeit zurückkehrte. Mit der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990 wurde diese Teilung offiziell beendet. Ab nun standen Ost und West wieder unter einer einheitlichen bundesdeutschen Familienpolitik.

Unterschiede im Frauenbild zwischen Ost und West

Mit den Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) haben wir untersucht, wie sich die Einstellungen hinsichtlich der Rolle der Frau in Familie und Beruf in Ost- und Westdeutschland nach mehr als 40 Jahren Trennung unterscheiden. Die Ergebnisse multivariater Regressionen liefern ein eindeutiges Bild: Ältere Menschen pflegen ein eher traditionelles Frauenbild. Frauen haben eher egalitäre (oder moderne) Einstellungen als Männer. Ebenso gilt, dass mit dem Bildungsniveau modernere Frauenbilder zunehmen. Wie erwartet hegen Ostdeutsche ein bei weitem egalitäreres Frauenbild als Westdeutsche, und zwar quer über alle ostdeutschen Bundesländer. Dieser Ost-West-Unterschied in den Einstellungen besteht sowohl für Frauen als auch für Männer, wobei der Unterschied bei Männern noch ausgeprägter ist als bei Frauen.

Um ein Gefühl für die Höhe der Unterschiede zu bekommen: Die Wahrscheinlichkeit der Aussage zuzustimmen, dass es für ein Kind gut ist, wenn seine Mutter berufstätig ist und sich nicht nur auf den Haushalt konzentriert, ist für Ostdeutsche um 30 Prozentpunkte höher als für Westdeutsche. Diese Zahl ist statistisch hochsignifikant und beruht auf mehr als 19.000 Beobachtungen über 19 Jahre nach der Wiedervereinigung.

Haben sich die Einstellungen im Laufe der Jahre angepasst?

In einem nächsten Schritt haben wir untersucht, wie sich diese Einstellungsunterschiede über die Jahre nach der Wiedervereinigung verändert haben. Da man seit 1990 in einem Land unter bundeseinheitlicher (Familien-)Politik lebt, könnte man annehmen, dass sich dies in einer Konvergenz der Einstellungen niederschlägt. Überraschenderweise zeigen die Daten aber ein anderes Bild: Die Einstellungsunterschiede zwischen Ost und West sind fast 20 Jahre nach Wiedervereinigung größer als direkt nach der Wiedervereinigung im Jahr 1991. Auch wenn das Frauenbild der Westdeutschen über die Jahre egalitärer wurde, hat sich der Unterschied zwischen Ost und West erheblich vergrößert; teils ist er im Jahr 2004 auf mehr als 150% des Unterschieds im Jahr 1991 gewachsen. Diese Divergenz im Frauenbild erscheint umso erstaunlicher, als andere Studien zeigen, dass es durchaus eine Konvergenz zwischen Ost und West in einer ganzen Reihe von Werten und Einstellungen gibt.

Als mögliche Ursachen für diese Divergenz könnte man zuerst an die Verfügbarkeit von Kinderkrippenplätzen denken, da sich das Niveau der Krippenplatzverfügbarkeit in Ost und West nach wie vor massiv unterscheidet. Wenn wir jedoch die Dynamik in den letzten 20 Jahren betrachten, steht ein geringer Aufbau im Westen einem geringen Rückgang im Osten gegenüber. Es zeigt sich, dass diese leichte Konvergenz in der Verfügbarkeit von Kinderkrippenplätzen nicht geeignet ist, die Divergenz im Frauenbild zu erklären.

Weiter könnten Arbeitsmarktunterschiede für die Divergenz verantwortlich zeichnen. Theoretisch könnte der Anstieg der Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland durchaus zu einem noch moderneren Frauenbild geführt haben. Wenn ein Anstieg in der regionalen Arbeitslosigkeit die Wahrscheinlichkeit erhöht, arbeitslos zu werden, könnte es wichtig für eine Familie sein, dass neben dem Mann auch die Frau auf dem Arbeitsmarkt auftritt, um die mit einem Jobverlust verbundenen negativen Effekte für die Familie zu minimieren. Wenn die divergierende Arbeitslosigkeit aber eine Ursache für die wachsende Kluft in den Werten wäre, müsste die Werte-Divergenz vor allem durch Individuen im arbeitsfähigen Alter getrieben werden. Dies ist jedoch nicht der Fall. Vielmehr sind es die Älteren, die nicht nur die Niveau-Unterschiede in den Werten zwischen Ost und West treiben, sondern auch die Divergenz über die Jahre nach Wiedervereinigung.

Soziale Identität als Ursache der Unterschiede?

Als alternative Erklärung kommt letztlich noch das Konzept der sozialen Identität in Frage. ALLBUS Umfragen zufolge fühlten sich im Jahr 2008 mehr Ostdeutsche mit der ehemaligen DDR verbunden als noch im Jahr 1991. Dieses Ergebnis ist im Einklang mit der wachsenden Kluft im Frauenbild. Nach dem Zusammenbruch der DDR wurde das westdeutsche politökonomische System für die Neuen Länder übernommen, und Ost- und Westdeutschen wurden „blühende Landschaften“ versprochen. Schnell zeigte sich jedoch, dass sich der Prozess des Zusammenwachsens weitaus schwieriger gestaltete als anfangs vielleicht naiv vermutet.

Und auch wenn das sozialistische Regime als Regime der Unterdrückung demaskiert wurde, begann so mancher desillusionierte Ostdeutsche die wenigen Errungenschaften der DDR hochzuhalten, die allgemein als positiv erachtet wurden, darunter vor allem das gut ausgebaute Kinderkrippensystem und die Gleichstellung von Mann und Frau. Auch wenn wir letztlich keinen eindeutigen Beweis haben, ist zumindest auffällig, dass eine Divergenz der Werte genau in diesem Bereich der Einstellungen gegenüber Frau in Familie und Beruf gefunden wird, während wir in vielen anderen Bereichen eine Konvergenz sehen. Es könnte also durchaus sein, dass dies eine „identitätskonservierende“ Strategie abbildet, in der Ostdeutsche ganz gezielt die Werte hochhalten, die in ihrer sozialistischen Vergangenheit groß geschrieben wurden, vor allem dann, wenn sie im Zusammenhang mit den wenigen als positiv erachteten Errungenschaften des sozialistischen Regimes stehen.

Schlussgedanken

Politische Regimes können also Werte und Einstellungen beeinflussen, und zwar lange über ihre eigene Existenz hinaus. Historisch gewachsene Werte passen sich nicht automatisch im Zuge eines politischen Konvergenzprozesses an; bei manchen Werten können wir sogar eher eine gegenläufige Bewegung vermuten. Was sind die Implikationen dieser Erkenntnis für die Politik auf europäischer Ebene? Diese Frage erscheint interessant und könnte einen Ausgangspunkt für zukünftige Forschung im Grenzbereich zwischen Ökonomie, Soziologie, Politik und Psychologie darstellen.


  • 1  Eine ausführliche Diskussion der hier angesprochenen Probleme mit genauer Angabe der verschiedenen Quellen findet sich in Bauernschuster, Stefan and Helmut Rainer (2010): From Politics to the Family: How Sex-Role Attitudes Keep on Diverging in Reunified Germany, CESIFO WORKING PAPER NO. 2957, February 2010

©KOF ETH Zürich, 28. Mai. 2010

 
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Geschlechtereinstellungen, Regime

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