Trennbanken und Universalbanken in der Krise: Eine Bemerkung zu Obamas Vorschlägen

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Hans-Werner Sinn, 25. März 2010
Trennbanken und Universalbanken in der Krise: Eine Bemerkung zu Obamas Vorschlägen 2.87 5 15

Der Hurrikan der Finanzkrise ist überstanden, aber er hat eine Spur der Verwüstung in den USA zurückgelassen. Der amerikanische Staat hat zur Bankenrettung 1,3 Billionen Dollar und für Konjunkturprogramme 800 Milliarden Dollar bereitgestellt. Die private Immobilienfinanzierung ist vollständig zusammengebrochen. 95 Prozent der Kredite für Privatimmobilien flossen im Jahr 2009 durch die Hände staatlicher Institutionen. Mehr als 200 Banken gingen in der Krise pleite. Das Verhältnis der amerikanischen Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt wird sich in diesem Jahr der 100-Prozent-Marke nähern und diese Marke im nächsten Jahr wohl erreichen.[ 1 ]

Nach dem Abklingen des Sturms geht es jetzt an das Aufräumen der Scherben des zerbrochenen Finanzsystems. US-Präsident Barack Obama scheint nach anfänglichem Zögern zum Handeln entschlossen und stellt sich hinter die Vorschläge des ehemaligen Notenbankgouverneurs Paul Volcker.

Reaktivierung des Trennbankensystems?

Volcker schlägt vor, das amerikanische Trennbankensystem zu reaktivieren, das seinerzeit durch den Glass-Steagall Act geschaffen wurde. Mit dem Glass-Steagall Act war im Jahr 1933, kurz nach dem Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise, den Geschäftsbanken zum Schutze der Sparer verboten worden, sich im Investmentbanking zu betätigen. Die Banken durften die angesammelten Spargelder zwar noch an Haushalte, Firmen und andere Banken verleihen, aber sie durften keine Wertpapiere erwerben oder bei deren Austausch mitwirken. Der Aktienkauf war genauso verboten wie der Erwerb von verbrieften Finanzprodukten. Selbst der Erwerb von Unternehmensanleihen und privaten Schuldverschreibungen war auf ein Minimum beschränkt. Das Ziel des Gesetzes war es, die Sparer vor riskanten Finanzgeschäften zu schützen.

Als der Glass-Steagall Act 1999 aufgehoben wurde, haben sich einige Geschäftsbanken zaghaft im Investmentbanking versucht. Das nährte den Verdacht, dass hierin eine Ursache der Finanzkrise gelegen haben könnte. Davon kann aber nicht die Rede sein, denn faktisch war das Trennbankensystem bis zum Ausbruch der Finanzkrise ziemlich intakt. Eher hat dieses System selbst die Krise verstärkt.

Ohne Trennbankensystem resistentere Wirtschaft

Die Krise wurde bekanntlich dadurch ausgelöst, dass im Jahr 2008 Lehman Brothers wider Erwarten nicht vom Staat gerettet wurde. Das hat das gegenseitige Vertrauen der Banken erschüttert und den Interbankenmarkt zum Erliegen gebracht. Die Ersparnisse der Sparer konnten nicht mehr zu den Investoren geleitet werden, sondern stauten sich bei den Geschäftsbanken. Die Folge war der Absturz der Realwirtschaft. Hätten die USA kein Trennbankensystem gehabt, so wäre die Wirtschaft weniger anfällig gegenüber dem Zusammenbruch des Interbankenmarktes gewesen, denn die Geschäftsbanken hätten den Unternehmen zumindest einen Teil der eingesammelten Ersparnisse über Aktien- und Anleihenkäufe direkt zuleiten können.

Insofern fragt man sich, was Obama und Volcker motiviert hat. Die Antwort liegt in einem Ereignis, das am 22. September 2008 die gesamte Finanzwelt überrascht hatte: Die Umwandlung der Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley, die als einzige von den großen Investmentbanken die Krise überlebt hatten, in normale Geschäftsbanken. Hinter dieser Umwandlung stand der Wunsch der beiden Banken, in der Krise an das Geld der Notenbank zu gelangen und Schutz vom staatlichen Einlagensicherungsfonds zu erhalten. Der Staat hatte besondere Hilfen für die Investmentbanken eigentlich ausschließen wollen, aber die schlugen ihm ein Schnippchen, indem sie den eigenen Rechtsstatus kurzerhand veränderten. Jetzt geht es Obama darum, die Schlappe wettzumachen.

Mögliche Zerschlagung der europäischen Bankenwelt

Das ist verständlich, aber für Europa gefährlich, weil Europa ein Universalbankensystem hat. Sollte es Obama gelingen, das Trennbankensystem bei den G-20-Verhandlungen weltweit zu verankern, so würde das die Zerschlagung der europäischen Bankenwelt bedeuten – während sich die Auswirkungen der Reform für die USA in Grenzen hielten. Hoffentlich haben sich Obamas Berater nicht durch diese Aussicht beflügeln lassen.

Krisenprävention bietet die Rückkehr zum Trennbankensystem jedenfalls nicht. Es ist zwar richtig, dass eine verringerte Aussicht auf staatliche Hilfen den Investmentbanken Anlass bieten könnte, vorsichtiger zu wirtschaften. Dieser Pluspunkt wiegt den Nachteil einer erhöhten Krisenanfälligkeit durch die Trennung der Bankenfunktionen nicht auf. Im Übrigen ist zu bezweifeln, ob die Aussicht auf Staatshilfe wirklich sinkt. Retten muss der Staat die großen Investmentbanken auch dann, wenn sie keine Spargelder verwalten, denn niemand wird eine Wiederholung einer Pleite wie der von Lehman-Brothers akzeptieren.

Die Risikovorliebe der Banken, die zur Krise führte, rührt im Wesentlichen aus ihrer unzureichenden Eigenkapitaldecke her. Wer kaum Eigenkapital hat zockt, weil er Gewinne einstreichen und Verluste nur zu einem geringen Teil selber tragen muss, egal ob der Staat hilft oder nicht. Den Anreiz zum Zocken kann man nur unterbinden, indem man die Eigenkapitalanforderungen drastisch erhöht.

Die Europäer sollten den amerikanischen Vorschlägen beim nächsten G-20-Gipfel nicht folgen, sondern sich voll und ganz auf die Stärkung der Eigenkapitalbasis der Banken konzentrieren.


  • 1  Dieser Beitrag ist unter dem Titel „Keine gute Idee“ in der Wirtschaftswoche, Nr. 6, 8. Februar 2010, S. 38, erschienen; ebenso im Ifo Standpunkt 112, 9. Februar 2010

©KOF ETH Zürich, 25. Mär. 2010

 
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Kommentare

Dieser Artikel hat 3 Kommentare.
  • Zwei Anmerkungen

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    1.) Die Krise wurde mit Sicherheit nicht durch die Insolvenz von Lehman ausgelöst, eher andersherum. Auch ohne den Lehman hätten Banken harte Verluste des Eigenkapitals hinnehmen müssen und folglich die Kreditvergabe gekürzt. Lehman hat das vielleicht verstärkt, das muss noch erforscht werden, aber keineswegs ausgelöst.

    2.) Höhere Eigenkapitalanforderungen pro weighted asset sind voll grenzkostenwirksam und werden sich folglich auf die Preise der Kredite (die Zinssätze) durchschlagen, schließlich wird Eigenkapital von den Banken als sehr teuer angesehen. Wir würden also eine Verschiebung der Kreditangebotskurve erleben und viele Investitionsprojekte würden nicht mehr durchgeführt. Das muss jetzt nicht gleich heißen die Idee ist schlecht, aber dieser Kontrapunkt muss auf jeden Fall bedacht werden.
    Eine Konkretisierung des Vorschlags kommt von Oliver Hart und Luigi Zingales: zwingt die Banken Eigenkapital aufzunehmen, wenn ihr Ausfallrisiko (gemessen durch den CDS spread) ein bestimmtes Level übersteigt. Hat Charme und würde das Grenzkostenproblem wohl lindern (da nur dann mehr Eigenkapital aufgenommen werden muss, wenn es wirklich nötig ist), aber auch da gibt es Probleme, kann man auf den Homepages der Autoren nachlesen.

  • Sinn-Los

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    Lehman war nur ein Auslöser, nicht aber Ursache der Krise: der Aufbau riesiger Schuldpositionen, die Risikostreuung durch Verbriefung, die falschen Bewertungen, die Ungleichgewichte der Ökonomien, etc. etc. waren Auslöser.
    Investmentbanken hatten keine Eigenkapitalanforderungen, daher war auch die US-Regierung für die Umwandlung in Banken - das war keine Geheimaktion der Morgan Stanleys und Goldmanns.
    Ein striktes Trennbankensystem kann zwar selbst keine Krisen verhindern, aber zumindest die Sparer, die Banken und die Wirtschaft vor den Luftgeschäften der gesellschaftlich unnützen Trader schützen.

  • Weg mit den alten und überholten Denkmustern!

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    Es mag ja sein, dass die Pleite von Lehman Brothers die Krise nicht ausgelöst hat, allerdings hat sie die Krise nochmals deutlich verschärft. Mit der Pleite von Lehman Brothers begann ein ganz anderes Kapitel der Krise, nämlich das, der Trockenlegung des Interbankenmarktes.
    Aber darum geht es ja im Endeffekt gar nicht. Die Trennung der Banken in Investment- und Geschäftsbanken ist doch letzten Endes nur ein Schritt zurück in die Vergangenheit. Zurück zu einem System, welches störrisch und unflexibel war und aus guten Gründen wieder abgeschafft wurde. Zudem würde diese "Erneuerung" des Systems nicht dazu beitragen, zukünftige Bankenkrisen zu verhindern.
    Das gesamte Bankenrettungsprogramm von Präsident Obama ist nichts anderes als ein populistisches Trauerspiel! Kaum einer seiner Vorschläge wird hilfreich sein! Es geht nicht um die Begrenzung der Größe von Banken oder gar den Verbot des Eigenhandels von Banken und von Hedge-Fonds! Dies sind nicht die Ursachen der Krise. Es geht z.B. darum, dass der CDS- und der OTC-Markt transparenter und einsichtiger werden! Das klare Regeln und Normen geschaffen werden, so dass neue Krisen zumindest etwas absehbarer werden(!)..
    Doch solange sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Nationen nicht auf diese Notwendigkeiten verständigen, wird sich nichts ändern. Die selben, alten Probleme werden uns weiter verfolgen und unsere Gesellschaft und unser Wachstum in Zukunft lähmen. Nur weil die Weltpolitik zu träge und zu faul ist ein tragfähiges Konzept vorzulegen, welches auch wirklich hilft! Doch anstatt eine gewisse (Mit-)Schuld einzugestehen, schiebt man die Schuld von sich. Schuld für alles sind die unethisch handelnden Spekulanten! Schuld sind die gierigen Banker und Unternehmer! Solange die breite Masse diesen Parolen folgt und sie nicht hinterfragt, kann und wird sich nichts ändern - und es muss sich schleunigst etwas ändern!

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Autor

Hans-Werner Sinn

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Schlagworte

Finanzkrise, Obama, Trennbanken, Universalbanken, USA, Volcker

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