Kapitalismus: Finanzkrisen stärken, Wirtschaftskrisen schwächen ihn

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Jakob de HaanJan-Egbert Sturm und Eelco Zandberg, 23. März 2010
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Welchen Einfluss üben Finanz- und Wirtschaftskrisen auf den Grad der wirtschaftlichen Entscheidungsfreiheit («economic freedom») aus? Die skandinavische Bankenkrise der 1990er Jahre, aber auch Panelschätzungen mit Daten einer Vielzahl von Volkswirtschaften geben Hinweise: Im Nachgang zu einer Banken- bzw. Finanzkrise nimmt der Grad der Wirtschaftsfreiheit auf kürzere Frist ab, längerfristig aber eher zu. Demgegenüber führt eine Wirtschaftskrise, d.h. eine hohe «Produktionslücke», längerfristig zu einer Reduktion der wirtschaftlichen Entscheidungsfreiheit.[ 1 ]

Totgesagte leben länger

Der Kapitalismus scheint in einer seiner grössten Krisen seit vielen Jahrzehnten zu stecken. Die Kombination einer ausgeprägten Finanzkrise und einer tiefen Rezession löste Staatsinterventionen aus, welche das Gleichgewicht zwischen Markt und Staat massiv durcheinander brachten. In der Folge sahen verschiedene Beobachter bereits das «Ende des Kapitalismus» gekommen. Im Licht der historischen Erfahrung erscheint ein solches Urteil allerdings vorschnell; denn die kapitalistische Wirtschaftsordnung zeigte in der Vergangenheit eine fast unbegrenzte Fähigkeit, sich immer wieder «neu zu erfinden». Es kann nicht nur Zufall sein, dass alle wohlhabenden Länder dieser Welt im Grundsatz kapitalistisch sind, d.h. dass durchwegs das Privateigentum und die Allokation der Ressourcen durch den Markt eine zentrale Rolle spielen.

In der jüngsten Krise ergriffen die meisten Regierungen Massnahmen, welche die wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit einschränken. So wurde mit dem Versuch, die Finanzstabilität aufrechtzuerhalten, der Einfluss des Staates auf das Finanzmarktgeschehen direkt (teilweise oder vollständige Verstaatlichung von Banken) oder indirekt (Bürgschaften, Notkredite, usw.) verstärkt. Zudem ergriffen die meisten Industrie- und Schwellenländer expansive finanzpolitische Massnahmen, um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen. Die finanzpolitische Stimulierung wie auch die Unterstützung des Finanzsektors sind mit einer Erhöhung der staatlichen Ausgabenquote (Anteil der Staatsausgaben am BIP) verbunden, was zur Verminderung der Entscheidungsfreiheit der Wirtschaft, also der Rolle der Märkte, ebenfalls beiträgt.

Blick in die Vergangenheit und ökonometrische Analyse

Die Auswirkungen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise auf die wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit sind angesichts der vielen offenen Fragen hinsichtlich Marktregulierung, Rückführung der Haushaltsdefizite, usw. im gegenwärtigen Zeitpunkt schwer zu beurteilen. Um dennoch Antworten zu erhalten, lässt sich fragen, wie solche Krisen in der Vergangenheit die Wirtschaftsfreiheit beeinflussten. In der Nachkriegszeit gibt es für das gleichzeitige Eintreten einer Finanz- und einer realwirtschaftlichen Krise keinen Präzedenzfall. Zumindest lässt sich aber die Finanzkrise der frühen 1990er Jahre in Norwegen und Schweden als Fallbeispiel heranziehen. Die skandinavische Erfahrung eignet sich als Laborexperiment, um den Einfluss einer Finanzkrise auf den Grad der wirtschaftlichen Entscheidungsfreiheit abzuschätzen.

Die skandinavischen Regierungen griffen damals stark in den Marktprozess ein, um ihre Bankensysteme zu stützen. In Norwegen wurde sogar der grösste Teil der Banken (teil-)verstaatlicht. Im Laufe der Zeit nahm jedoch der Einfluss der Regierung auf den Finanzsektor wieder ab. Unsere Analyse deutet darauf hin, dass sich in den beiden skandinavischen Ländern im Zuge der Bankenkrise die Wirtschaftsfreiheit nur unwesentlich veränderte; wenn überhaupt, so nahm sie eher zu (siehe Tabelle ). Nur ein einziger Teilindikator deutet auf eine Verminderung der Entscheidungsfreiheit hin, nämlich die auf die Bankenkrise zurückzuführende Zunahme der staatlichen Subventionen und Transfers.

Neben der Untersuchung der skandinavischen Bankenkrise lassen sich auch ökonometrische Modellschätzungen verwenden, die auf einem grossen Länderpanel beruhen. Dabei wird das Vorliegen von Finanz- und Wirtschaftskrisen mit Dummy-Variablen erfasst (z.B. hohe Produktionslücke ja /nein als Indikator für eine realwirtschaftliche Krise). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine Bankenkrise den Grad der Wirtschaftsfreiheit kurzzeitig zwar reduziert, aber auf längere Frist zunehmen lässt. Dieses Resultat bestätigt mehr oder weniger die Ergebnisse der Fallstudie für die skandinavischen Länder. Im Weiteren zeigen die Schätzresultate, dass realwirtschaftliche Krisen – im Unterschied zu Finanzkrisen – insbesondere längerfristig die Wirtschaftsfreiheit einschränken (siehe Tabelle oben).

Kein Kapitalismus ohne Krisen

Gemäss Buiter (2007) sind Finanzkrisen dem Kapitalismus inhärent. Auch wenn sie sehr schmerzhaft sein können, wäre es ein Trugschluss daraus abzuleiten, derartige Krisen liessen sich durch eine bessere staatliche Regulierung völlig verhindern. Die Regulierung der Finanzmärkte ist schwierig, und es gibt gute Argumente dafür, dass bei der Entstehung und weiteren Entwicklung der gegenwärtigen Krise eine inadäquate Regulierung – in Kombination mit einer zu reichlichen Liquiditätsversorgung der Wirtschaft – eine Schlüsselrolle gespielt hat.

Aus einer solchen Diagnose darf jedoch nicht geschlussfolgert werden, dass der Staat im Falle einer systemischen Finanzkrise abseits stehen soll. Wie die Fallstudie für Norwegen und Schweden zeigt, gibt es durchaus effektive Massnahmen zur Stabilisierung eines dem Zusammenbruch nahen Bankensektors. Modellschätzungen mit Jahresdaten für die Periode 2000 bis 2006 deuten darauf hin, dass Bankenkrisen die wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit auf kurze Frist reduzieren. Wie die Fallstudie aber auch zeigt, hat die Bankenkrise der frühen 1990er Jahre die beiden Länder nicht davon abgehalten, ihre marktorientierten Reformen weiterzuführen. Ausserdem zeigen Regressionsanalysen mit 5-Jahresdaten, die damit auf einer längerfristigen Optik basieren, dass in Ländern, die in einer Bankenkrise steckten, die wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit in der nachfolgenden 5-Jahresperiode wieder zunahm.

Weniger Unterschiede zwischen langer und kurzer Frist stellen wir bei den Auswirkungen von realwirtschaftlichen Krisen auf die wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit fest. So nimmt als Folge einer ausgeprägten Unterauslastung der Produktionskapazitäten die Wirtschaftsfreiheit längerfristig erheblich ab, wobei aber auch die kurzfristigen Effekte für einige Dimensionen der wirtschaftlichen Entscheidungsfreiheit negativ sind.

Einzigartigkeit der jetzigen Krise

Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise ist hinsichtlich Art und Ausmass für die Nachkriegszeit einzigartig. Wir schliessen daraus, dass die präsentierten empirischen Ergebnisse, die auf Daten für «verhältnismässig isolierte Krisen» beruhen, den Einfluss der jüngsten Finanz- und Weltwirtschaftskrise eventuell nicht völlig erfassen können. Da der Abschwung in den meisten Ländern synchron verlaufen ist und die Produktionskapazitäten z.Zt. überall sehr schlecht ausgelastet sind, wird es im Vergleich zu früheren Rezessionen viel schwieriger sein, aus der Krise herauszufinden.

Vor diesem Hintergrund vermuten wir, dass unsere Ergebnisse die tatsächlichen Auswirkungen der gegenwärtigen Krise auf die wirtschaftliche Entscheidungsfreiheit unterschätzen. Jedenfalls hat die Krise der 1930er-Jahre, die in ihrem Ausmass mit der aktuellen am ehesten vergleichbar ist, die Wirtschaftsfreiheit erheblich vermindert.

Literatur

Buiter, W. (2007): Lessons from the 2007 Financial Crisis, CEPR Discussion Paper, No. 6596, Center for Economic Policy Research, London.


  • 1  De Haan, J., J.-E. Sturm and E. Zandberg (2009): The Impact of Financial and Economic Crises on Economic Freedom, in: Economic Freedom of the World: 2009 Annual Report, Fraser Institute, Ch. 2, pp. 25–36.

©KOF ETH Zürich, 23. Mär. 2010

 
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Bankenkrise, Finanzkrise, Kapitalismus, Krise, Wirtschaftsfreiheit

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